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Überlaufen und unterfinanziert

Österreichs Notaufnahmen sind überlaufen. Patienten müssen mit langen Wartezeiten und überlasteten Ärzten rechnen. Dieser Patientenandrang verteilt sich im Land allerdings unterschiedlich. Gemeinsam ist allen Regionen, dass ambulante Behandlungen zu finanziellen Verlusten für Krankenhausbetreiber führen.

30.06.2018
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In Österreichs Notaufnahmen wurden im Jahr 2016 8.551.135 Patienten behandelt. Durchschnittlich gesehen war also beinahe jeder Österreicher einmal für eine Untersuchung im Krankenhaus. Das beinhaltet Notaufnahmen und Ambulanzen, denn egal ob mit Bauchschmerzen oder nach einer leichten Augenverletzung, Patienten werden oft in den dafür zuständigen Fachambulanzen behandelt. Sobald die Fachambulanzen im Krankenhaus schließen – meist zwischen zwölf und 16 Uhr –, landen alle Patienten in einer Allgemeinambulanz, der Notaufnahme, und warten wie beim Hausarzt gemeinsam auf ihre Behandlung. Mit dem Unterschied, dass in Ambulanzen nicht die einzelne Versicherung für die Behandlung bezahlt, sondern Krankenhäuser damit finanzielle Verluste einstecken müssen.

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Diese 8,6 Millionen Patienten verteilen sich unterschiedlich über das Land. In den bevölkerungsstarken Bundesländern gibt es mehr Patienten als in bevölkerungsschwachen. Gemeinsam haben aber alle, dass es 2016 mehr Patienten gab als 2013.

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Mehr Bevölkerung, mehr Patienten

Dass die Bundesländer mit den meisten Einwohnern auch die meisten Patienten haben, ist also nicht verwunderlich. Aber auch die Häufigkeit der Ambulanz-/Notaufnahmenbesuche pro Einwohner ist in diesen Bundesländern am höchsten. Gegenüber 1.977.108 Patienten stehen beispielsweise in Wien 3.999.429 Krankenhausbesuche. Im Durchschnitt war also jeder der knapp zwei Millionen Patienten zweimal im Krankenhaus, auch im Bundesländerschnitt pendelt sich diese Zahl bei rund zwei Besuchen pro Patient ein.

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Auch innerhalb der Bundesländer verteilen sich die Patienten unterschiedlich. In Ballungszentren gibt es mehr und größere Krankenhäuser und somit mehr Patienten. Viele Mediziner gehen davon aus, dass dies nicht nur auf die höheren Bevölkerungszahlen zurückzuführen ist, sondern auch auf die Verfügbarkeit. Gibt es eine Ambulanz, die offen hat und wo Patienten jederzeit eine adäquate Behandlung erwarten, nützen sie diese auch, anstatt die Behandlung von ihrem Hausarzt zu erhalten. Die Verfügbarkeit erhöht also den Bedarf, der Betrieb einer Notaufnahme mit Ambulanzen ist sozusagen auch ein Erzeuger von Patientenströmen.

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Ausnahme Tirol

Auffällig ist allerdings die hohe Zahl an Patienten in Tirol; auf 100 Einwohner kommen in Tirol 132 Patienten in Ambulanzen und Notaufnahmen. Da Krankenhäuser in Notfällen schließlich nicht nur für die Bewohner zur Verfügung stehen, ist davon auszugehen, dass diese Zahl in Tirol durch Touristen nach oben getrieben wird. Dafür spricht, dass die Krankenhäuser in Kufstein und Zams (also dem Einzugsgebiet der Arlbergregion) die meisten ambulanten Patienten in Tirol behandeln. Wie bei den absoluten Zahlen gibt es auch im Verhältnis zur Bevölkerung im Burgenland die wenigsten Patienten, dort gehen also nach jeglicher Rechenart weniger Menschen ins Krankenhaus als im Rest des Landes.

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Mehr Patienten, mehr unbezahlte Kosten

Problematisch an den steigenden Patientenzahlen ist allerdings die finanzielle Auswirkung auf Krankenhäuser. Denn entgegen der verbreiteten Annahme übernimmt eine Versicherung nicht einfach die Kosten, wenn ein Patient in einer Notaufnahme oder Ambulanz behandelt wird. Stattdessen teilen Länder und Versicherungen sich die Kosten04 und auch diese sind im Steigen begriffen.

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Dieser Kostenanstieg ist besonders für die Krankenanstaltenbetreiber problematisch. Denn in einem Großteil der Bundesländer wird eine Pauschale für ambulante Behandlungen ausgezahlt, die tatsächlich erbrachten Leistungen werden nicht honoriert. Diese Pauschale basiert allerdings nach wie vor auf den 1994 an die Krankenanstalten ausbezahlten Ambulanzgebühren und wird jährlich um einen vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger festgelegten Beitrag angepasst. Das bedeutet, dass beispielsweise in Vorarlberg im Jahr 2016 66.178.970 Euro für ambulante Behandlungen ausgegeben werden. Die Krankenanstalten erhielten allerdings nur 46.256.965,94 Euro als Kostenersatz, machten also zusammen ein Minus von gut 20 Millionen Euro. Damit ist Vorarlberg das Land mit dem geringsten Defizit, in Wien beträgt die Differenz zwischen Vergütungen und Endkosten über 470 Millionen Euro.

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Dieser Betrag wurde 1996 mit der Einführung der leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung (LKF-System) festgelegt.

Dieses Minus muss von den Krankenanstalten über Einnahmen aus dem stationären Bereich ausgeglichen werden, andernfalls zählt die Summe zum Betriebsabgang und trägt bei öffentlichen Krankenhäusern damit direkt zum Defizit der Landesbudgets bei. Da die Pauschale allerdings ohnehin nie ausreichte, wird sie beispielsweise im Burgenland nicht ausgezahlt. Dort spricht man freimütig davon, dass diese Kosten von stationären Patienten mitgetragen werden. Zwanzig Jahre nach der Einführung der leistungsorientierten Finanzierung wurde deshalb ein Zahlungskatalog für ambulante Leistungen entwickelt, ab 2019 werden in allen Bundesländern ambulante Behandlungen verpflichtend ebenso leistungsbezogen abgerechnet wie stationäre Therapien.

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Mit der leistungsorientierten Finanzierung (LKF) wurden für stationäre Behandlungen LKF-Punkte vergeben. Anhand dieser Punkte sollen Krankenhausleistungen wertbezogen vergütet werden, im ambulanten Bereich gibt es allerdings kaum bepunktete Leistungen.

Unklare Datenlage

Mithilfe dieses neuen Leistungskatalogs soll nicht nur die Finanzierung für ambulante Leistungen an die Ausgaben angepasst werden, sondern auch die Datenlage verbessert werden. Denn obwohl erhoben werden kann, wie viele Patienten in welchem Krankenhaus behandelt wurden und wie viel diese ambulanten Behandlungen pro Patient kosten (siehe Karte), ist nicht bekannt, warum das so ist. Die Erhebung dieser Daten war für Krankenhäuser bisher auch nicht unbedingt nötig, da diese Information keinerlei Auswirkung auf die Finanzierung hatte.

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In Zukunft soll allerdings auch bekannt sein, mit welchen Krankheiten Patienten Notaufnahmen besuchen, welche Untersuchungen und Therapien sie erhalten und somit, wie es zu den unterschiedlichen Kosten pro Patient kommt. Mit diesen Informationen könnten die bisherigen Wissenslücken gefüllt werden, sodass geplant werden kann, in welchen Situationen Patienten verbesserte Behandlungsbedingungen im niedergelassenen Bereich benötigen. 

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Vorarlberg, Tirol, Kärnten, Salzburg, Niederösterreich, Oberösterreich, Wien

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30.06.2018

Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch
Projektleitung

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Gabriel Hellmann
Team Experten

Gabriel Hellmann hat Rechtswissenschaften und die öffentliche Finanzkontrolle studiert. Er diente den Medien, den Kommunen, dem Staat und nun den Bürgern. Transparenz und Gerechtigkeit sind ihm große Anliegen, denen er sich akribisch verpflichtet fühlt.

Stefan Gavac
TV

Stefan Gavac, geboren 1978 in Wien, arbeitet seit über zehn Jahren als selbstständiger Redakteur in der österreichischen Fernsehlandschaft. Er gestaltete unter anderem Beiträge großer Unterhaltungssendungen und Dokus für den ORF und ServusTV sowie Reportagen für ATV.

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Folgende Artikel gehören zum Projekt 042 Ambulanzen

042_01 Gelesen

Im Kontext: Notfall Ambulanz – Wenn Patienten zum Problem werden

TV-Reportage
042_02 Gelesen

Zwischen Notfällen und Übergriffen: Alltag in der Ambulanz

042_03 Gelesen

Überlaufen und unterfinanziert

042_04 Gelesen

Kostet auch eine Spitalsambulanz Geld?

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