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Schließt sich die Lohnschere in Europa?
5. November 2018 Arbeitsmigration Lesezeit 7 min
Es war eine der großen Hoffnungen der Osterweiterung: Mittelfristig werden sich die Löhne in den neuen EU-Staaten an das Niveau des Westens angleichen. Die Erwartungen haben sich freilich nicht erfüllt, Lohnniveaus und Lebensstandards liegen immer noch weit auseinander.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Arbeitsmigration und ist Teil 2 einer 5-teiligen Recherche.
Bild: Lilly Panholzer | Addendum

Seit der Aufnahme der neuen EU-Staaten im Jahr 2004 und der folgenden Öffnung des Arbeitsmarkts hat sich einiges bewegt. Zum Beispiel ist der Anteil an ausländischen Beschäftigten in Österreich durch die Zuwanderung aus Osteuropa auf etwa 20 Prozent gestiegen.

Die Arbeitskräfteentsendungen nach Österreich allein haben sich seit 2010 mehr als verdoppelt . Das konfrontiert beide Seiten mit neuen Problemen. Die Gewerkschaften in den alten EU-Ländern befürchten Lohndumping und die Untergrabung sozialer Standards.

Die östlichen Nachbarn kämpften hingegen mit einem Mangel an Arbeitskräften. Der simple Grund in beiden Fällen: die massiven Lohnunterschiede, die zum einen die Verbesserung des Lebensstandards durch Zuzug ermöglichen, zum anderen Dienstleistungen bei Unternehmen im Osten verbilligen. Mittelfristig sollten sich diese sowohl in absoluten Größen als auch im Verhältnis zur Kaufkraft der Länder angleichen, und sich die Lohnschere sollte sich schließen. So weit die Theorie.

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Steiles Lohngefälle

Vier Euro und zehn Cent brutto – so viel verdient ein Arbeitnehmer in Bulgarien durchschnittlich in der Stunde. Zum Vergleich: In Österreich liegt dieser Wert laut Arbeitskostenstatistik der Statistikbehörde Eurostat bei 25 Euro pro Stunde.

Obwohl Bulgarien das Schlusslicht innerhalb der EU bildet, sieht es in den unmittelbaren Nachbarstaaten Österreichs nicht wesentlich besser aus: In Tschechien, der Slowakei und Ungarn kann etwa ein Arbeitnehmer in der Gastronomie seinen Bruttostundenverdienst durch einen Grenzübertritt theoretisch etwa verdreifachen. Im Gesundheitswesen und Sozialbereich reichen die durchschnittlichen Differenzen sogar bis an das Vierfache heran.

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Aufholjagd

Dabei zeigt sich, dass das nominale Lohnwachstum in den neuen EU-Ländern seit 2004 durchaus beachtlich war. Je geringer die durchschnittlichen Löhne im Jahr 2004, desto stärker war das Lohnwachstum bis ins Jahr 2017.

Lässt man die verschiedenen Preisniveaus und die Inflation wieder unberücksichtigt, so haben sich die Löhne in den damals ärmsten Staaten Bulgarien, Rumänien und Lettland mehr als verdreifacht. Im selben Zeitraum realisierten die alten 15 EU-Staaten Lohnsteigerungen um rund 30 Prozent.

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Berücksichtigt man die unterschiedlichen Preisniveaus innerhalb der Staaten, zeigt sich bereits ein abgeschwächtes Bild. Die höhere Inflation in den neuen 13 EU-Staaten hat einen Teil der Lohngewinne aufgefressen. Die Lebensstandards haben sich dadurch wesentlich weniger erhöht, als es die nominalen Lohnanstiege suggerieren würden. Zwei weitere Fakten trüben das Bild der Lohnanstiege in den osteuropäischen Staaten: Zum einen hat das Lohnwachstum in den letzten Jahren stark nachgelassen, zum anderen bewegt sich deren absolute Höhe sowohl nominal als auch real noch weit unter jenen im Westen.

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Noch ein weiter Weg

Denn ein Blick auf die genaue Entwicklung der Löhne zeigt: Der größte Teil des Lohnwachstums ist auf die Periode zwischen 2004 und 2008 zurückzuführen. Bemessen an den Verdiensten im Westen steigerten sie sich in diesem Zeitraum von unter 20 auf etwa 28 Prozent. In den folgenden neun Jahren stagnierte das Niveau relativ zum Westen dagegen tendenziell.

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Bei der realen Kaufkraft in Osteuropa ist in den vergangenen zehn Jahren in Relation zu den alten Mitgliedern gar kein Fortschritt zu beobachten. Knapp weniger als die Hälfte ist dort eine Stunde geleistete Arbeit im Schnitt wert. So lagen 2008 die realen Bruttostundenlöhne bei 48,5 Prozent der westeuropäischen Löhne – das entspricht exakt dem Wert von 2018.

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Schließt sich die Lohnschere?

Das heißt nicht, dass die realen Bruttostundenlöhne in den neuen EU-Staaten nicht gestiegen wären – aber in Relation zu den alten EU-Staaten hat sich die Lohnschere nicht geschlossen. Die Arbeitnehmer können sich damit nur halb so viele Güter und Dienstleistungen leisten wie in den alten Ländern. Hier zeigt sich ein weiteres Problem: dass die Nominallöhne sich schneller angleichen als die Reallöhne, könnte den Aufholprozess der osteuropäischen Mitglieder vorzeitig bremsen. Die steigenden Nominallöhne könnten den Standort in den neuen EU-Ländern unattraktiver machen und eine Verlagerung der Produktionsstätten noch weiter nach Osten – etwa in die Ukraine – bewirken.

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Und dann stiegen die Löhne nicht mehr

Für eine pessimistische Sicht spricht auch ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Die Wiedervereinigung Deutschlands. Dabei bot das historische Ereignis theoretisch den perfekten Rahmen für eine rasche Angleichung. Die annähernd gleichen institutionellen Rahmenbedingungen, Sprache, Kultur und die hohe Mobilität der Arbeitskräfte sollten für wenig Hürden sorgen. Doch heute herrscht angesichts der Zahlen Ernüchterung.

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Zwar konnte Ostdeutschland die Unterschiede in den Löhnen schon in den ersten Jahren der Wiedervereinigung halbieren, ab Mitte der 1990er Jahre fiel der Aufholprozess aber in eine scheinbar endlose Stagnation. Etwa dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung verdient man in Ostdeutschland noch immer um mehr als 20 Prozent weniger als im Westen. Seit zwanzig Jahren erfolgt eine Annäherung bestenfalls schleichend: Würde man die relativ konstante Annäherung in Prozentpunkten seit 1996 in die Zukunft fortschreiben, so würden die Lohnunterschiede in etwa erst im Jahr 2089 verschwinden. Rechtzeitig zum runden Jubiläum.

So könnte das Schicksal Ostdeutschlands das zukünftige der neuen EU-Länder werden: ein anfangs schnelles Lohnwachstum, das ins Stocken gerät, und Lohnunterschiede, die sich jahrzehntelang verfestigen. Die Entschleunigung der letzten Jahre deutet jedenfalls darauf hin: In den vergangenen zehn Jahren konnten die neuen EU-Länder im Lebensstandard nicht an Boden gewinnen. 

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