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Bild: Thomas Maurer | Addendum
Einwanderung: Was kommt?
30. Dezember 2017 Asyl Lesezeit 9 min
Immer wieder machen Zahlen die Runde, die eine gewaltige Zunahme der Weltbevölkerung und damit auch der Migration prognostizieren. Die einschlägigen Berichte großer internationaler Organisationen – UNO, Weltbank und Internationale Arbeitsorganisation – bestätigen dieses Bild: Das Thema Einwanderung wird Europa auf unabsehbare Zeit beschäftigen.

Mitte November 2017 äußerte sich der Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes Bruno Kahl zur aktuellen Bedrohungslage. Dabei sprach er auch von über einer Milliarde Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen könnten. Woher kommen diese Zahlen, wie sind sie zu verstehen? Mit wie vielen Menschen muss Europa in den nächsten Jahren tatsächlich rechnen?

Disclaimer: Asyl und Migration

Asyl und Migration sind zwar zwei unterschiedliche Phänomene, es gibt aber Überschneidungen. Asyl ist enger gefasst – Flüchtlinge suchen in anderen Ländern Schutz vor individueller Verfolgung in ihrer Heimat. Migration hingegen bedeutet einfach nur, dass sich jemand dauerhaft im Ausland niederlassen will. Im Regelfall ist damit der Wunsch nach einer Besserung der Lebensumstände verbunden, sei es aus Ablehnung des politischen Systems oder wegen mangelnder Bildungs- und Karriereperspektiven. Außerdem sind Geldtransfers von Migranten in die Heimat ein bedeutender Wirtschaftsfaktor (siehe dazu auch das Migration and Remittances Factbook der Weltbank).

Wer von seiner Firma ins Ausland entsendet wird oder sich als Hochqualifizierter von einem wohlhabenden Land in ein anderes begibt, gilt in diesem Sinn nicht als Migrant. Schlecht bis gar nicht Ausgebildete können wiederum nur schwer auf regulärem Weg in die EU oder in reichere Länder wie Australien, Kanada oder die USA einwandern. Dadurch entsteht der Anreiz, es über den Asylweg zu versuchen. Auch ohne Flüchtlingsstatus dürfen viele bleiben: Sofern aufgrund der Bedingungen im Heimatland ein ernsthaftes Risiko von Folter, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung vorliegt, dürfen Migranten nicht abgeschoben werden. Außerdem können Abschiebungen an fehlenden Abkommen mit den betroffenen Staaten oder Behördenkooperationen scheitern.

Die Datenlage

Eines vorweg: Vorhersagen zum Bevölkerungswachstum, zu Entwicklungen am Arbeitsmarkt und zum Migrationsdruck sind nie gesichert. Es sind Schätzungen, die auf gegenwärtigen Umständen basieren. Unvorhergesehene Ereignisse können die Lage komplett verändern, viele Prognosen erweisen sich im Nachhinein als falsch.

Es lassen sich aber Trends feststellen. Die Berichte großer internationaler Organisationen sind eindeutig und sprechen von einem weiter stark ansteigenden Bevölkerungswachstum. Außerdem scheint absehbar, dass vor allem jüngere Menschen aus ärmeren Regionen ins Ausland gehen wollen.

Das betrifft auch Europa und die EU: Für junge Menschen in afrikanischen und arabischen Ländern ist Europa wesentlich leichter erreichbar als die USA, Kanada oder Australien. Außerdem bestehen aufgrund des kolonialen Erbes oft kulturelle, aber auch sprachliche Nahebeziehungen zu Ländern wie Großbritannien und Frankreich. In vielen europäischen Ländern existiert zudem bereits eine Diaspora. Bestehende Migranten-Communities sind einer der Hauptgründe für weitere Migration.

Weltbevölkerung: 9,77 Milliarden Menschen bis 2050

Sind wir zu viele? Wie viele Menschen kann die Erde beherbergen und versorgen? Die Frage lässt sich naturgemäß nicht eindeutig beantworten. Warnungen in diese Richtung gibt es jedenfalls schon lange. Bereits 1972 warnte der Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums, der gleichnamige Bericht wurde 30 Millionen Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt. Warnungen vor den Folgen der Überbevölkerung sind bis heute nicht abgeklungen, entsprechende Studien sollen auch hochrangige Politiker wie Barack Obama beeinflusst haben.

Fest steht: Die Weltbevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten weiter stark wachsen. Derzeit liegt sie bei 7,55 Milliarden, 2030 werden 8,551 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, 9,772 Milliarden im Jahr 2050 und 11,184 Milliarden am Ende des Jahrhunderts; das liegt übrigens immer weniger an der Geburtenrate als vielmehr an der gestiegenen Lebenserwartung. Daher wird die Zahl älterer Menschen zunehmen, während der Anteil Jüngerer global gesehen zurückgeht. In Afrika und im arabischen Raum zeigt sich allerdings ein gegenteiliger Trend.

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die Vereinten Nationen, die International Labour Organization (ILO) und die Weltbank

Das Bevölkerungswachstum ist ungleich verteilt

Die Bevölkerung wächst daher nicht in allen Regionen gleich stark. In Subsahara-Afrika ist das Bevölkerungswachstum besonders hoch, die junge Bevölkerung wird dort bis 2030 um weitere 94 Millionen anwachsen. Allgemein entfällt mehr als die Hälfte des erwarteten Bevölkerungswachstums auf Afrika (1,3 Milliarden bis 2050), gefolgt von Asien (750 Millionen). Überhaupt verteilt sich die Hälfte der globalen Bevölkerungszunahme auf lediglich neun Länder: Indien, Nigeria, die Demokratische Republik Kongo, Pakistan, Äthiopien, Tansania, die USA (das einzige OECD-Land in dieser Liste), Uganda und Indonesien (die Reihung der Länder erfolgt nach Höhe ihres Bevölkerungswachstums). In sechs afrikanischen Ländern dürfte sich die Bevölkerung bis 2100 sogar verfünffachen: Angola, Burundi, Niger, Somalia, Tansania und Sambia. Umgekehrt wird die Bevölkerung  in zehn Ländern bis 2050 um über 15 Prozent schrumpfen. Sie liegen mit einer kleinen Ausnahme in Europa: Bulgarien, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Moldawien, Rumänien, Serbien, die Ukraine und die Jungferninseln.

Migration wird weiter zunehmen

Die in Summe meisten Migranten befinden sich mit Stand 2015 in den USA (46,1 Millionen), Deutschland (11,1 Millionen) und Russland (11 Millionen). Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung wiederum führen Katar (91 Prozent), die Vereinigten Arabischen Emirate (89 Prozent) und Kuwait (72 Prozent). Gerade in diesen Ländern leben Migranten oft unter menschenrechtswidrigen Bedingungen: Traurig-bekanntes Beispiel ist die systematische Ausbeutung von ausländischen Arbeitern in Katar seit der Vergabe der FIFA-WM 2022 (trotz massiver öffentlicher Kritik ist es zu keiner Verlegung der Weltmeisterschaft gekommen). Parallel zum Bevölkerungswachstum wird auch die Migration weiter zunehmen: Nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch im Verhältnis zur Bevölkerung.

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Wenn die Arbeitslosigkeitsrate unverändert bleibt, wird es im Jahr 2050 weltweit nahezu 900 Millionen Arbeitslose im erwerbsfähigen Alter geben.

Deutschland wird immer beliebter

Derzeit wollen Umfragen zufolge knapp 710 Millionen Menschen ihr Land dauerhaft verlassen. In Sierra Leone (62 Prozent), Haiti (56 Prozent), Albanien (56 Prozent), Liberia (54 Prozent), der Demokratischen Republik Kongo und der Dominikanischen Republik (beide 50 Prozent) liegt dieser Anteil sogar über bzw. bei der Hälfte der Bevölkerung. Die beliebtesten Zielländer sind die USA (21 Prozent der Migrationswilligen), Deutschland (6 Prozent), Kanada (5 Prozent), Großbritannien (5 Prozent) und Frankreich (5 Prozent). Vor allem Deutschland ist seit der Flüchtlings- und Migrationskrise seit 2015 immer beliebter geworden. Großbritannien wiederum hat seit dem Brexit an Attraktivität verloren.

900 Millionen Arbeitslose bis 2050

Ein Hauptgrund für die Migrationsbereitschaft sind fehlende Perspektiven und die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Wenn die Arbeitslosigkeitsrate unverändert bleibt, wird es im Jahr 2050 weltweit nahezu 900 Millionen Arbeitslose im erwerbsfähigen Alter geben. Vor allem junge Menschen suchen nach Ausbildungsmöglichkeiten oder wollen sich ihrer im Ausland lebenden Familie anschließen. Weitere maßgebliche Faktoren sind die allgemeine Arbeitslosensrate, der Anteil von Menschen, die trotz Arbeitsstelle in Armut leben, chronische Instabilität der politischen Lage, bewaffnete Konflikte oder die Verfolgung von Minderheiten. Daher wollen 32,1 Prozent der Bevölkerung in Subsahara-Afrika das Land verlassen, dicht gefolgt von Lateinamerika, der Karibik und Nordafrika (30 und 27 Prozent).

Junge sind besonders migrationswillig

Junge Menschen emigrieren eher als ältere, rund 70 Prozent der weltweiten Migrationsbewegungen entfallen auf Menschen unter 30. Vor allem aufgrund der Bevölkerungsentwicklung in Afrika werden bis 2030 weitere 41,8 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren nach Arbeit suchen. Bis dahin werden 77 Prozent der Arbeitskräfte weltweit in diesem Alterssegment aus Afrika, Asien und dem Pazifikraum kommen.

Auch die Zahl beschäftigungsloser junger Menschen nimmt weiter zu, nächstes Jahr sind 71,1 Millionen Menschen beziehungsweise 13,1 Prozent aller jungen Menschen betroffen. Die Zahl ist in den arabischen Ländern und Nordafrika besonders hoch, dort sind 40 Prozent aller Arbeitslosen zwischen 15 und 24 Jahre alt. Im arabischen Raum ist die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen mit 30 Prozent am höchsten.

36 Prozent wollen gehen

Umfragen zufolge würden weltweit 36 Prozent der 15- bis 24-jährigen Menschen ihr Land verlassen, um im Ausland zu leben, drei Prozent mehr als noch 2009. Dabei sticht Subsahara-Afrika mit einem Wert von 44,3 heraus. Auch in Nordafrika, Lateinamerika und Osteuropa ist dieser Wert mit etwa 40 Prozent besonders hoch. Innerhalb Nordafrikas wollen in Tunesien die meisten jungen Menschen auswandern. Im arabischen Raum ist dieser Wert 2016 um neun Prozent gestiegen: 2009 lag er noch bei 22 Prozent, 2015 bei 28, mittlerweile beträgt er 31 Prozent.

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Die ILO verweist in ihrem jüngsten Bericht zur Situation junger Menschen am Arbeitsmarkt auf einen Bericht aus dem Vorjahr und auf eine Gallup-Umfrage, die sich jedoch beide nicht im Quellenverzeichnis finden. Ein anderer ILO-Bericht aus dem Jahr 2017 sowie die Gallup-Umfrage äußern sich nur zum allgemeinen Wunsch, in einem anderen zu Land zu leben, ohne auf junge Menschen gesondert einzugehen. Die dazugehörigen Quellenangaben wurden in der Endversion vergessen und werden nun nachgetragen. Die ILO hat uns die genauen Zahlen zukommen lassen.

Migration nach Europa nimmt zu

Migration wird Europa auf unabsehbare Zeit beschäftigen. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden sich viele Menschen auf den Weg machen. Wie die EU darauf reagieren wird, ist noch offen. Derzeit hält die EU offiziell am Recht auf Asyl fest, die Möglichkeiten zur anderweitigen Einwanderung sind beschränkt. Vorschläge zu einer Reform des Asylsystems gibt es zuhauf, sie scheitern jedoch an den unterschiedlichen Auffassungen der Mitgliedstaaten. Außerdem fehlt ein langfristiger Plan. Grundsätzlich sind sich alle einig, dass die Bedingungen in den Herkunftsländern verbessert werden müssen. Wie das funktionieren soll, bleibt jedoch unklar. Vorschläge und Forderungen wie jene nach einem „Marshallplan für Afrika“ gibt es bereits seit den 1970er Jahren. Dabei gilt es außerdem zu bedenken, dass – wie auch die genannten Berichte betonen – Wirtschaftswachstum beziehungsweise eine allgemeine Besserung der finanziellen Lage jedenfalls am Anfang zu mehr und nicht zu weniger Migration führen. 

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