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It’s about Information, stupid

Die Flüchtlingskrise hat viele Schwachstellen in Politik und Verwaltung offenbart. Einer der zentralen Gründe für das Behördenversagen in Griechenland, Italien, aber auch den übrigen europäischen Ländern und in der EU selbst wird allerdings übersehen: Informationsasymmetrie. Flüchtlinge und Behörden reden buchstäblich aneinander vorbei.

26.09.2017
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3 min26.09.2017

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten:

Hier lesen Sie, warum Migrationsbewegungen nicht so unberechenbar sind, wie oft dargestellt, und warum sich Migranten und Behörden in unterschiedlichen Realitäten bewegen.

Der folgende Text stellt so etwas wie den ersten Aufriss der wissenschaftlichen Studie dar, für die Georg Gassauer während des Sommers recherchiert hat.  

Eine Informationsasymmetrie liegt vor, wenn unterschiedliche Ebenen nicht wissen, was die jeweils andere tut. Der daraus folgende knowledge gap führt zu Entscheidungen, die mit der Realität wenig zu tun haben und sich folglich entweder gar nicht erst umsetzen lassen oder später schwerwiegende Auswirkungen haben.

Die europäische Flüchtlingspolitik geht oft an den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort vorbei. Viele Entscheidungen werden auf Grundlage von Fakten getroffen, die nur auf dem Papier existieren.

Umgekehrt bewegen sich Flüchtlinge und Migranten innerhalb ihrer eigenen Kommunikationskanäle. Die Behörden sind sich erst spät und teilweise noch immer nicht darüber klar geworden, dass sie hinterherhinken. Staaten und Kommunen wissen oft gar nicht, was innerhalb ihrer Gebiete passiert. Dementsprechend reagieren sie oft gar nicht; und wenn, dann mit fatalen Auswirkungen.

Spät wahrgenommen, langsam reagiert

In das Krisenmanagement von Regierungen und supranationalen Organisationen wird diese Informationsasymmetrie oft nicht miteinbezogen. Sie haben dieses Phänomen, wenn überhaupt, erst spät wahrgenommen und langsam reagiert. Ein Beispiel liefert die Art der Kommunikation zwischen Schleppern und Migranten und auch zwischen den sich in Transit befindenden Migranten.

Auf Facebook zum Beispiel wird für die Überfahrt nach Europa Werbung gemacht und die Zeit bis zum Aufgreifen durch die italienische Küstenwache angegeben, die einen dann weiter nach Europa bringt. In WhatsApp-Gruppen tauschen die Flüchtlinge sich über Preise, Asylverfahren, Fluchtrouten, neue Wege, offene Zäune, Kontrollen, Kameras oder Gefahren aller Art aus.

Facebook als Informationsquelle

So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, Fluchtbewegungen nur dann so unberechenbar wie oft dargestellt, wenn man nicht genau hinsieht. Einige NGOs haben viel früher auf die neuen Kommunikationskanäle reagiert. Eine NGO analysiert zum Beispiel mit 16 (!) Sprachteams unterschiedliche Gruppen-Chats auf Facebook. Nicht, um zu erfahren, wann und wo ein Boot ablegt (derartige Informationen finden sich nicht auf Facebook), aber um sich ein Bild von der Lage (vor allem in Libyen) zu machen: Wie viele Leute befinden sich wo (beispielsweise in Sabratha) und woher kommen sie ursprünglich? Das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen, EASO, hat hingegen eineinhalb Jahre gebraucht, bis Facebook-Gruppen systematisch analysiert wurden.

Die Migranten und die Schlepper, aber auch NGOs bewegen sich einfach mit einer anderen Geschwindigkeit. Daher braucht es neue Modelle und Analysen, die es erleichtern, diese Wissenslücken zu identifizieren. Solange das nicht oder nur unzureichend geschieht, werden Politik und Verwaltung stets hinterherhinken. 

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26.09.2017

Das Rechercheteam

Georg Gassauer
Freier Wissenschafter

Georg Gassauer ist Gründer der Research Associates Potemkin & Harmattan und bereist im Zuge seiner Recherchen die Länder Libanon, Jordanien, Türkei, Griechenland, Italien, Australien und den Balkan. Das Unternehmen fokussiert primär auf politische und ethnographische Forschung, basierend auf Langzeitanalysen vor Ort. Zuvor absolvierte er die Diplomatische Akademie in Wien und schloss das Studium der Internationalen Beziehungen an der University of Exeter, England, ab. Danach arbeitete er bei der OSZE. Gassauer wuchs in Syrien, Algerien, Katar und Nigeria auf.

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