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Wie durchlässig ist die Balkanroute?

Balkanroute ist in Österreich zum geflügelten Wort geworden. Die Schließung der Balkanroute, die er für sich reklamierte, war für den nunmehr jüngsten Altkanzler Sebastian Kurz ein wesentlicher Teil der Erfolgserzählung, mit der er zuerst der FPÖ das Monopol auf das Migrationsthema wegnahm und dann die Wahl im Herbst 2017 gewann. Die Frage, ob Sebastian Kurz tatsächlich die „Balkanroute geschlossen“ hat oder nicht, ist auch mit dem Wissen von 2019 nicht exakt zu beantworten.

Einen wesentlichen Beitrag zur Schließung der Grenzen auf der sogenannten Westbalkanroute leistete der Druck, den Kurz ausübte. Schon im Herbst 2015 hatte er sich als einer der wenigen Politiker in den Hauptzielländern des damaligen Flüchtlingsstroms – Österreich, Deutschland, Schweden – kritisch über die Politik der offenen Grenzen geäußert und damit Angela Merkels „Wir schaffen das“-Parole konterkariert.

Faktum ist aber auch, dass die schärferen Grenzkontrollen in Kombination mit dem EU-Türkei-Deal, den Angela Merkel ausgehandelt hatte, zu einer wesentlichen Reduktion der illegalen Grenzübertritte von sogenannten Transitmigranten führte.

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Die Attraktivität von Routen korreliert eng mit dem Verhalten der jeweiligen nationalen Politiker. Als die Mittelmeerroute nach Italien so gut wie stillgelegt wurde, verlagerte sich das Geschehen in das westliche Mittelmeer, die Migranten versuchten, nachdem sich der neue sozialdemokratische Ministerpräsident mit einer liberaleren Politik zu profilieren versucht hatte, über Spanien nach Frankreich zu gelangen. Auch diese Route wurde durch ein neues Abkommen mit Spanien unattraktiv, sodass sich das Geschehen derzeit wieder in die Ägäis und auf den Balkan verlagert: Sollte die Balkanroute jemals vollständig geschlossen gewesen sein – heute ist sie es nicht.

Politik, Kommunikation und wechselnde Geschäftsmodelle im Schlepperwesen, das zeigt sich an diesen Entwicklungen, sind die treibenden Faktoren des Migrationsgeschehens, an erster Stelle steht wohl die Kommunikation. Auch und vor allem bei dem Versuch, über die Ägäis und die griechischen Inseln über den Balkan – mit der neuen Drehscheibe in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina – in den Schengen-Raum zu gelangen. Migranten, Behörden, Politiker und die lokalen Bevölkerungen haben begonnen, diesen Versuch als Game zu bezeichnen, bei dem man ein Level nach dem anderen überwinden muss, um ans Ziel zu gelangen.

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Unser Rechercheteam hat diesen Weg, dieses Spiel, Level für Level nachvollzogen, vor allem in der neuen Drehscheibe Bosnien-Herzegowina vor Ort recherchiert, teils nicht offizielle Zahlen und Daten zu den anderen Levels ausgewertet und den Weg in einer auch optisch neuen und gut nachvollziehbaren Weise nachgezeichnet.

Ob man die Bezeichnung Game für zynisch oder verniedlichend oder übertrieben hält, hängt wohl vom jeweiligen Standpunkt ab. Dass auch die Migranten selbst den Begriff recht selbstverständlich verwenden, deutet jedenfalls auf etwas hin, das der Migrationsforscher Stephen Smith in seinem Buch „Nach Europa!“ als einen der unterschätzten Aspekte in der Migrationsthematik herausgestrichen hat: Migranten verstehen sich durchaus als aktive Akteure, die um Chancen und Risiken wissen, nüchterne Kalküle anstellen und nicht blind auf der Flucht vor was auch immer sind.

Aber machen Sie sich selbst ein Bild. 

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