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Imageschaden: Banlieue des Mittelmeers

Vom Urlaubsparadies zum „Schandfleck Europas“ und zur „Hölle auf Erden“: Bei den griechischen Inseln Lesbos und Chios denken viele nicht mehr an Traumstrände, sondern an überladene Schlauchboote und überfüllte Flüchtlingslager. Die Tourismusindustrie leidet massiv unter diesem Image.

17.06.2018
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Im Morgenrot nähert sich die Fähre langsam der Insel. Die meisten Passagiere an Bord schlafen noch, nur eine Handvoll Menschen genießt das Einlaufen in den Hafen von Mytilini. Schon am Abend zuvor wurde unter den Urlaubern immer wieder die Frage gestellt, wie es wohl sein wird auf dieser Insel, die nun schon seit drei Jahren immer wieder in den Medien ist. Lesbos, eine Insel in der Ostägäis, seit Homers Ilias für mehrere Jahrhunderte nahezu vergessen. Ängstlich gespannt und mit Vorahnungen ausgestattet, begeben sich die meisten abenteuerlustigen Besucher auf eine Erkundungstour.

Der Gedankenaustausch einige Tage später, nachdem die Fähre wieder abgelegt hat, bestätigt die Ratlosigkeit. Die friedliche Stadt, das kulturelle Zentrum der Insel – alles war, wie es aus touristischer Sicht sein soll. Keine Flüchtlinge, die die Stadt belagern, keine schrecklichen oder chaotischen Zustände, nichts von dem, was durch die Medien vermittelt wird.

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Wo die Flüchtlingskrise beginnt

Den Berichterstattungen, insbesondere in den sozialen, aber auch in den klassischen Medien, war zu entnehmen, dass die Flüchtlingskrise für uns europäische Staatsbürger auf Lesbos und Chios beginnt. Bilder von überfüllten Lagern und von überladenen Schlauchbooten waren für mehrere Jahre aus den Medien nicht wegzudenken. Urlaub auf diesen Inseln will niemand mehr machen, obwohl der Tourismus in Griechenland seit der Finanzkrise 2008 geradezu boomt.

Von der Hauptstadt der Insel begeben wir uns in die 60 Kilometer entfernten Orte Petra und Molyvos im Norden der Insel. Auf den Stränden, die um diese Jahreszeit immer gut besucht waren, trifft man nur vereinzelt Touristen an. Es handelt sich zum Großteil um Pensionisten, Stammgäste aus Deutschland, Dänemark oder den Niederlanden, die seit Jahren die Insel als authentischen Geheimtipp – ohne luxuriöse Hotelanlagen – schätzen.

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Sonnenuntergang auf Lesbos
Blick von der Fähre in den Sonnenuntergang
Fernab von den Touristenstränden finden sich weniger erfreuliche Bilder: eine frische Grabstelle
Flüchtlingsfriedhof auf Lesbos
Geflüchtete mit negativem Asylbescheid werden von Frontex-Mitarbeitern in die Türkei gebracht.

Angeschwemmte Tote statt Urlaubern

Sie kennen die Bilder aus den Medien, und auch sie haben sich die Frage gestellt, ob sie von angeschwemmten Booten oder gar Toten überrascht werden, oder ob sie in eine Straßenschlacht zwischen Flüchtlingen und Polizei geraten könnten. Dennoch haben sie sich dafür entschieden, teils auch aus Solidarität mit den Hoteliers, ihren Urlaub auf Lesbos zu verbringen, und sind froh über diese Entscheidung. Mit den Hoteliers und Restaurantbesitzern haben sie Mitleid, denn deren finanzielle Einbußen müssen enorm sein.

Das bestätigt leider auch unsere Recherche. Viele Hoteliers auf Lesbos konnten dem wirtschaftlichen Druck nicht standhalten und haben ihren Betrieb eingestellt. Auch wenn die meisten von ihnen die erste Krisensaison 2015 noch irgendwie durchgestanden haben, zwei weitere Saisonen ohne Gäste waren für einige dann doch zu heftig. Der Einbruch der Buchungen betrug 2016 70 Prozent und 2017 immer noch ca. 50 Prozent. Die Nachfrage der großen Reiseveranstalter ist nahezu komplett eingebrochen. Einzig ein wichtiger Player hat den Unternehmern die Treue gehalten – Thomas Cook.

Das hatte jedoch seinen Preis. So mussten Hoteliers große Zugeständnisse machen und die Saison von 120 auf 90 Tage verkürzen. Auch wurden sie angehalten, ihre Durchschnittspreise um 10 Prozent zu senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Infolgedessen konnten viele Hotels ihre Betriebskosten kaum noch decken und ausstehende Kredite bei Banken nicht mehr bedienen. Zusätzliche Schulden wurden angehäuft. Werden Hoteliers und Gastronomen zum Sparen verpflichtet, bedeutet dies in erster Linie, dass kein neues Personal eingestellt wird. Die eigenen Familienmitglieder müssen die Betriebe am Leben erhalten.

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Hölle auf Erden im Urlaubsparadies

Dabei war die Situation speziell nach der internationalen Finanzkrise 2008 und der unsicheren Lage ab 2011 in anderen beliebten Reiseregionen des Mittelmeers eine gänzlich andere. Der griechische Inseltourismus boomte und verzeichnete jährliche Zuwächse. So blieb er weiterhin eine stabile und wichtige Einnahmequelle für Arbeitnehmer und Unternehmer des gebeutelten südeuropäischen Staats. In kürzester Zeit wurde aber aus den seligen Inselträumen der „Schandfleck Europas“ und die „Hölle auf Erden“, zumindest den Medien nach zu urteilen. Für Touristiker ein verheerendes Image.

Besonders drastisch verschlimmerte sich die Lage auf den Inseln mit dem EU-Türkei-Abkommen01 ab dem 18. März 2016. Griechenland wurde vom Transitland zum Aufenthaltsland, in den extra eingerichteten Registrierungs- und Identifizierungszentren (RIC) stauten sich die Massen, durch die eingeführte Inselsperre konnten die Flüchtlinge die Inseln nicht mehr verlassen. Schaut man sich die Lage vor Ort an, ist das Bild jedoch ein gänzlich anderes. Die Aufnahmelager und RICs machen nur einen Bruchteil der Inselfläche aus, als Tourist kommt man mit den Flüchtlingen nicht in Berührung, da sie sich gut versteckt im Landesinneren der Inseln aufhalten.

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Optimistisches Ministerium, leidtragende Gastronomen

Bei unseren Gesprächen mit dem griechischen Tourismusministerium stellen wir fest, dass dieses die Situation stark beschönigt. Verantwortliche weisen auf mehrere Unterstützungsprogramme hin, die den Binnenmarkt attraktiv gestalten und ankurbeln sollen. So wird staatlichen Angestellten die Möglichkeit gegeben, Gutscheine in den Inselhotels einzulösen oder vergünstigte Fährtarife auf die Inseln zu bekommen.

Das sind allerdings keine wohlhabenden Gäste, die einen Einfluss auf das Konsumverhalten hätten. In erster Linie sind es Gäste, die sich den Urlaub womöglich gar nicht hätten leisten können und deshalb auch in keinem lukrativen Maß konsumieren. Und auch, wenn das Tourismusministerium darauf hinweist, dass die Ankünfte und Slots für Charterflüge wieder denen von 2015 ähneln werden, bleibt der Jubel bei den Unternehmern gering. Zwar richtet das Ministerium den Blick auf die Flugankünfte, vernachlässigt aber die Tatsache, dass die Saison um ein Viertel gekürzt wurde und so der Konsum von Tourismusdienstleistungen und -produkten auch deutlich geringer ausfällt.

Da griechische Tragödien meistens mit einem zusätzlichen Schmankerl aufwarten, soll auch dieses hier nicht vorenthalten werden: Bedingt durch die Finanzkrise, wurde in Griechenland die Mehrwertsteuer von 17 Prozent auf 24 Prozent angehoben. Aufgrund der Flüchtlingskrise wurde diese Regelung für die betroffenen Inseln aufgeschoben, sollte im Dezember 2017 eingeführt werden und wurde nach massivem Druck erneut verschoben – auf Juli 2018. Die Verträge zwischen den Hoteliers und den Reiseveranstalter für die diesjährige Saison wurden klarerweise mit der alten Mehrwertsteuerregelung abgeschlossen. Kommt es nun zu einer Anhebung, sind die Gastronomen und die Hoteliers die Leidtragenden, da sie diese nicht automatisch auf die Kunden abwälzen können, aber die Differenz sowohl von den Reiseveranstaltern wie auch von den Lieferanten übernehmen müssten.

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Ein unbedachter Tweet von einem ,Game of Thrones‘-Star oder einer Promi-Bloggerin kann massive zerstörerische Folgen für Einheimische haben.

NGOs und Promis

Schlussendlich bleibt zu sagen, dass auch internationale Organisationen und NGOs einen gewichtigen Teil zur sich verschlimmernden touristischen Lage beigetragen haben. Da sich nach dem EU-Türkei-Abkommen01 die Lage in den Aufnahmecamps drastisch verschlechterte, haben die Organisationen diese Botschaft bewusst und ungeschönt in ihren Berichten an die Außenwelt weitergeleitet. Nicht um dem Tourismus zu schaden, sondern um auf die Lage der Flüchtlinge aufmerksam zu machen.

Die Medien, politische Aktivisten und so mancher Promi, die diese Berichterstattung für ihre ideologischen Zwecke aufgriffen, waren nicht präzise genug, um zwischen punktuellen Hotspots und den ganzen Inseln zu unterscheiden. Ein unbedachter Tweet von einem „Game of Thrones“-Star oder einer Promi-Bloggerin kann massive zerstörerische Folgen für Einheimische haben. Somit wurde den Inseln Lesbos, Chios und Samos ein derart negatives Image aufgedrückt, dass sie noch einige Jahre benötigen werden, um sich von diesem Schaden zu erholen. Dimitrios Drekolias vom Hotelverband findet hierzu drastische Worte: „Im Endeffekt haben sie aus uns die Banlieue des Mittelmeers gemacht.“ 

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17.06.2018

Das Rechercheteam

Georg Gassauer
Team Recherche

Georg Gassauer ist Gründer der Research Associates Potemkin & Harmattan und bereist im Zuge seiner Recherchen die Länder Libanon, Jordanien, Türkei, Griechenland, Italien, Australien und den Balkan. Das Unternehmen fokussiert primär auf politische und ethnographische Forschung, basierend auf Langzeitanalysen vor Ort. Zuvor absolvierte er die Diplomatische Akademie in Wien und schloss das Studium der Internationalen Beziehungen an der University of Exeter, England, ab. Danach arbeitete er bei der OSZE. Gassauer wuchs in Syrien, Algerien, Katar und Nigeria auf.

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