Addendum
loading...
Bild: Marcel Kusch | dpa
Benkos Signa: Spurensuche im Schattenreich
3. April 2020 René Benko Lesezeit 6 min
Die von René Benko gegründete Signa-Gruppe hat massive Probleme in Deutschland: Die Handelssparte Galeria-Karstadt-Kaufhof begab sich unter ein Schutzschirmverfahren – ein gerichtlich bestellter Sachverwalter beaufsichtigt nun die Geschäftsführung. Was bedeutet das für Österreich? Und muss die Signa-Gruppe nun die bislang nicht öffentlich bekannten Investoren offenlegen?
Artikel anhören

René Benko weilt derzeit in seinem Chalet am Arlberg und kommuniziert nahezu rund um die Uhr. Die Corona-Krise hat ihn bei den Fusionsbestrebungen in seiner deutschen Handelssparte zu Frühlingsbeginn eiskalt erwischt. Die Schließung der Filialen von Galeria-Karstadt-Kaufhof beschert der Signa-Gruppe derzeit einen kolportierten Umsatzverlust von 80 Millionen Euro. Pro Woche. Zu Wochenbeginn, also Ende März, ist der Versuch vorläufig gescheitert, Galeria-Karstadt-Kaufhof mit einem Notkredit der deutschen Staatsbank KfW auszustatten – laut Wirtschaftswoche war es um eine Größenordnung von 500 Millionen Euro gegangen; ausgerechnet die Banken, die lediglich 10 Prozent des Risikos übernehmen hätten sollen, wollten das Risiko laut dem Wirtschaftsmagazin nicht mittragen.

Kommentare
Kommentieren

Nicht mehr allein im Haus

Der Plan B der Signa-Handelssparte rund um die traditionsreichen Handelshäuser sieht so aus: Galeria-Karstadt-Kaufhof schlüpft unter ein Schutzschirmverfahren. Das bedeutet, kurz gefasst: Das Management darf, mit Unterstützung eines honorigen deutschen Sanierungsexperten, weiter die Geschäfte führen, ein gerichtlich bestellter Sachverwalter übernimmt jedoch die Aufsicht über die Rettungsmaßnahmen. Eine Notmaßnahme, die dem Management der Signa-Gruppe in Österreich samt Gründer Benko nicht gefallen dürfte.

Kommentare
Kommentieren

Hohe Beraterhonorare

Sanierungsexperten, noch dazu vom Gericht bestellte, neigen dazu, in so einem Verfahren alles zu hinterfragen und vieles zu durchleuchten. Sie richten den Scheinwerfer auch auf jene Ecken des Geschäfts, die bislang eher im Schatten lagen. Möglicherweise auch auf Beraterprovisionen: Addendum-Recherchen ergaben, dass in den Jahren 2015 und 2016 ein zweistelliger Millionenbetrag von der Signa Retail GmbH, in der die Handelsaktivitäten der Signa-Gruppe gebündelt werden, in Richtung René Benko und einer Signa MA Beratung GmbH floss. Diese Signa MA Beratung GmbH sollte später in der Signa Retail GmbH aufgehen. Waren diese Zahlungen mit allen Gesellschaftern der Signa Retail abgestimmt? Die Signa ließ eine Anfrage dazu trotz mehrmaliger Bitte um Stellungnahme unbeantwortet.

Kommentare
Kommentieren

Die Signa Retail gehört mehrheitlich der Signa Holding, Co-Gesellschafter war u.a. die Lauda Privatstiftung.

Die Beteiligung der Manager

Ein zweiter interessanter Aspekt, auf den der gerichtlich bestellte Sachverwalter und die Sanierungsexperten stoßen werden, betrifft die stillen Beteiligungen der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Manager. Addendum-Recherchen zufolge waren – Stand 2017 – an der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Mutter Signa Retail GmbH neben einer Michel Epsilon GmbH auch Galeria-Karstadt-Kaufhof-Chef Stephan Fanderl und Signa-Manager Wolfram Keil beteiligt. Und zwar über eine eher aufwendig gestaltete Treuhandkonstruktion; die Gesellschaften dahinter hießen Maru bzw. Elias Investments. Warum schienen Fanderl und Keil nicht öffentlich auf? Sind beide nach wie vor Teilhaber? Auch zu diesen Fragen wollte sich die Signa-Gruppe seit Tagen nicht äußern.

Kommentare
Kommentieren

Millionendividende: Von Luxemburg nach Liechtenstein

Wesentlicher Dreh- und Angelpunkt der Signa-Immobilienbeteiligungen ist das Großherzogtum Luxemburg . Dort sitzt unter anderem eine Gesellschaft namens Ingbe Beteiligung S.a.r.l., die der Ingbe Stiftung in Liechtenstein gehört. Diese wiederum wird der Familie Benko zugerechnet, sie wird von einem Signa-Sprecher als „Family Office“ bezeichnet. Interessant ist nun nicht nur, dass die Ingbe Beteiligung in Luxemburg wesentliche Anteile an Signa-Immobiliengesellschaften in Deutschland hielt (darunter die KaDeWe-Beteiligung), sondern auch hohe Dividenden an die Liechtensteiner Stiftung ausgeschüttet hat: 76 Millionen Euro im Jahr 2016, 60,74 Millionen im Jahr 2018.

Kommentare
Kommentieren

Wer finanzierte die Expansionspolitik?

Bis vor wenigen Wochen schien der Signa Gruppe, die René Benko seit jeher zu einem internationalen Mischkonzern ausbauen möchte, kein Deal zu groß, kein Business zu gewagt. Gerade im ersten Quartal sorgte die Gruppe des erfolgsverwöhnten Workaholics aus Tirol immer wieder für spektakuläre Aktivitäten: Im März des Vorjahres sicherte sich die Firmengruppe rund um René Benko gemeinsam mit einem Konsortium die Rechte am Chrysler Building in New York, Anfang Februar dieses Jahres entschloss sich Benkos Handelssparte gemeinsam mit dem thailändischen Investor Central Group zum erstmaligen Einstieg in den Schweizer Markt: Für 961 Millionen Euro konnten die Globus-Warenhäuser aus dem Fundus des Einzelhandelskonzerns Migros übernommen werden.

Auf dem Kapitalmarkt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist der Umstand, dass die Natixis Pfandbriefbank AG dem Immobilien-Flaggschiff der Signa-Gruppe, der Signa Prime Selection AG, im Herbst 2019 eine 3-Jahres-Finanzierung in Höhe von 754 Millionen Euro beschaffte. Mit dabei ist auch die Bank of China. Weniger bekannt sind Investoren, die sich hinter eher diskreten Firmenkonstruktionen verbergen, die schon angesichts ihrer gesellschaftsrechtlichen Stellung nicht unbedingt das höchste Maß an Transparenz erzeugen wollen. Und wieder kommen wir bei den Recherchen nach Luxemburg.

Seit Ende des Jahres 2019 müssen in Luxemburg wirtschaftlich Berechtigte in einem Register eingetragen werden. Und seit Jahren sind dort viele Gesellschaften der Signa-Gruppe domiziliert. Benkos Konzern nutzt diese dutzenden Gesellschaften offensichtlich für diverse Aktivitäten in Deutschland. Sie tragen Namen München, Bahnhofsplatz 7 Co-Invest S.a.r.l. oder Berlin, Ostbahnhof Co-Invest s.a.r.l. Bei der Berlin, Ostbahnhof Co-Invest-Gesellschaft sind – indirekt – auch wieder andere Signa-Investoren bzw. -Berater involviert, etwa Österreichs Altkanzler Alfred Gusenbauer.

Kommentare
Kommentieren

Bei einem genauen Blick in das Luxemburger Register ergab sich nun, dass René Benko laut diesem Register offenbar nicht als Begünstigter diverser von ihm gegründeter Familienstiftungen eingetragen ist. Und: Bei den beiden oben genannten Firmen, der Berlin Ostbahnhof bzw. der München Bahnhofsplatz, taucht eine bisher im Signa-Umfeld noch nicht in Erscheinung getretene Investorin auf, die laut Eintrag im Luxemburger Eigentümerregister allerdings „100 Prozent der Aktien“ besitzt: Julia Dora Koranyi-Arduini. Sie steht darüber hinaus auch im Register der wirtschaftlichen Eigentümer als Berechtigte der BER, Schicklerhaus Co-Invest S.à r.l. mit 100 Prozent der Aktien. Ebenso bei der München, Bahnhofplatz 7 Co-Invest S.a.r.l.

Kommentare
Kommentieren
Faksimile
Faksimile

Wer ist Julia Dora Koranyi-Arduini?

Addendum-Recherchen ergaben, dass es sich bei Koranyi-Arduini um eine knapp 70-jährige Dame handelt, die neben einer österreichisch-ungarischen Doppelstaatsbürgerschaft Wohnsitze in Brasilien und in der Schweiz unterhält. In der Schweiz hält sich Julia Dora Koranyi-Arduini in Wollerau auf, in direkter Nähe zum Zürichsee, es ist ein beschaulicher Ort, die Wohnanlage entspricht höchsten Sicherheitsstandards, die auch Reeder und Rohstoffhändler gerne in Anspruch nehmen. Alles sehr diskret, zurückgezogen und anonym. Addendum hatte Frau Koranyi-Arduini seit Anfang Februar mehrfach um eine Stellungnahme zu ihrem Engagement gebeten. Ein Rückmeldung blieb aus.

Kommentare
Kommentieren

Eine Anleihe, die nicht platziert wurde

Verhältnismäßig diskret ließ die Signa im zweiten Halbjahr 2019 Planungen zu einer Anleihe wieder abbrechen. Ursprünglich sollten über den Kapitalmarkt und mit Unterstützung der Credit Suisse 300 Millionen Euro eingesammelt werden, doch eine Roadshow führte nicht zum erhofften Erfolg. In dem 415-Seiten-Prospekt, das die Signa-Gruppe für die Schweizer Banker erstellte, legte Benkos Immobilienkonzern übrigens ein interessantes Detail zum Kika-Leiner-Flagshipstore in der Wiener Mariahilfer Straße offen. Das Gebäude, auf dessen Dach ein 1.000 Quadratmeter großer Garten einen Blick über Wien erlaubt, wurde in dem Anleiheprospekt – Stand 31. Dezember 2018 – als Projekt „KaDeWe Vienna“ mit 259 Millionen Euro beschrieben. René Benko hatte die Liegenschaft „Mariahilfer Straße 10 – 18“ rund um Weihnachten 2017 – mit tatkräftiger Unterstützung der Bundesregierung, die extra das Grundbuchamt aufsperren hatte lassen – um 60 Millionen Euro erworben. Ob diese Veränderung möglicherweise an einer veränderten Bilanzierungsmethodik liegt, lässt sich an dieser Stelle nicht feststellen. Die Signa wollte auch dazu keine Stellungnahme abgeben.

Kommentare
Kommentieren

Übrigens: Auch der Möbelkonzern Kika-Leiner, der seit Juni 2018 zum Signa-Reich gehört, hat rund 4.000 Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet. Rund 400 setzten in der Krise ein schönes Zeichen. Sie meldeten sich freiwillig, um in Supermärkten auszuhelfen. 

Kommentare
Kommentieren

Unsere Recherchen zu René Benkos Werdegang aus dem Frühjahr 2019 können Sie auch als Podcast hören:

Mehr zum Thema
loading...