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Medienmacher Benko, Ibiza und der 170-Millionen-Deal

Der Immobilien-Magnat wickelte den Funke-Deal zur Übernahme von Österreichs mit Abstand größter Tageszeitung im Oktober 2018 ab. Schon damals sicherte er sich die Option auf den gesamten Anteil der Deutschen. Davor hatte ein Mann Interesse an der Krone bekundet, der für Viktor Orban den ungarischen Medienmarkt bereinigte: der FPÖ-nahe Investor Heinrich Pecina.

08.08.2019

Über den Einstieg von René Benko bei der Kronen Zeitung und den Deal mit der deutschen Funke-Gruppe, seit 1998 Hälfte-Eigentümer des von Hans Dichand 1959 gegründeten Massenblatts, ist bislang Folgendes medial bekannt: Am 12. November 2018 verkündet René Benkos Signa Holding die Übernahme von 49 Prozent der Anteile an der Österreich-Holding der deutschen Funke Gruppe. Durchgerechnet besitzt der Immobilienentwickler aus Tirol damit 24,5 Prozent der Anteile an Österreichs mit Abstand reichweitenstärkster Tageszeitung, die täglich nach wie vor mehr als zwei Millionen Leser erreicht. Und nebenbei 24,22 am Kurier, der mehrheitlich von Raiffeisen kontrolliert wird.

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Selbst Medieninsider sollten von dem „Megadeal“ vollkommen überrascht werden: Von „Immobilienkaiser“ ist die Rede, vom „Profi Benko“, vom „gekrönten Benko“, von „zumindest 100 Millionen Euro aufwärts Kaufpreis“, von einem gut „zehn Zentimeter dicken Vertrag“ – und von harten Sanierungsmaßnahmen, auf die sich die Redakteurinnen und Redakteure von Krone und Kurier künftig einzustellen hätten. René Benko selbst, der seit Jahren keine Organfunktion in seiner Gruppe, die aus einem Geflecht aus mehreren hundert Gesellschaften01 weltweit besteht, mehr innehat, lässt am 12. November 2018 per Aussendung u.a. verlauten:

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„Die Digitalisierung löst die Grenzen zwischen traditionellen Geschäftsmodellen auf. Handel, Information und Unterhaltung, aber auch das Wohnen und die moderne Welt der Arbeit – diese Bereiche lassen sich schon heute nicht mehr trennen. (…) Wir investieren deshalb strategisch in Geschäftsmodelle, die breite Konsumentenschichten mit außergewöhnlichen Produkten und Leistungen überzeugen und ihre zukünftigen Bedürfnisse in der analogen wie der digitalen Welt ganzheitlich abbilden. Die Transformation starker Marken spielt da eine ganz wesentliche Rolle.“

Kurz: Der Gründer der mittlerweile zum Mischkonzern angewachsenen Signa-Gruppe freue sich „auf die Zusammenarbeit mit der Funke-Mediengruppe, mit der Familie Dichand und mit der Raiffeisengruppe“.

Rund 170 Millionen für Funkes Anteile

Tatsächlich hat René Benkos Signa Holding die Übernahme der Österreich-Holding der Funkes, in der die Anteile an Krone und Kurier geparkt sind, bereits im Oktober 2018 unter Dach und Fach gebracht. Tatsächlich hat der Vertrag, der Österreichs Medienmarkt neu ordnen könnte, laut Addendum-Recherchen rund 60 Seiten. Tatsächlich bezahlt Benkos Signa Holding 82,75 Millionen Euro (die sich auf bis zu 90 Millionen erhöhen können) – für 49,5 Prozent an der Funke Ausland Holding, in der die Anteile der Deutschen an Krone und Kurier gebündelt sind. Auf die verbleibenden 50,5-Prozent hat Signa sich bereits eine Option gesichert: dieses Anteilspaket kann für weitere 80 Millionen Euro erworben werden.  Die Bekanntgabe des Deals platzte ausgerechnet in die staatstragenden Feierlichkeiten zu „100 Jahre Republik Österreich“ im November. Ob das beabsichtigt war, bleibt – vorläufig – ein Benko-Funke-Geheimnis. Benko und Funke ließen mehrere Anfragen zu diesem Sachverhalt unbeantwortet.

An dieser Stelle lohnt ein Blick zurück, auf das zerrüttete Verhältnis zwischen den einstigen Fifty-Fifty-Partnern Funke und Dichand. Funke stößt sich an den vielen Sonderrechten, die Krone-Gründer Hans Dichand, Vater des heutigen Herausgebers und Chefredakteurs Christoph Dichand, vor knapp mehr als 30 Jahren zugesichert worden waren, darunter ein jährlich garantierter Vorabgewinn in Höhe von gut sieben Millionen Euro sowie die Bestellung von Schlüsselpositionen in der Redaktionsgesellschaft. Seit Jahren werden deshalb Schweizer Schiedsgerichte bemüht, weshalb es auch kein Geheimnis war, dass sich der Funke-Konzern mit seinem Hälfte-Anteil an der ungeliebten Österreich-Tochter auf Brautschau befand. Was jedoch verwundert, ist der Umstand, dass der Medienkonzern mit Sitz in Essen auch mit Christoph Dichand noch bis in den Herbst 2018 hinein ebenfalls die Übernahme von Krone-Anteilen verhandelte. Die Familie Dichand besitzt laut den ursprünglichen Verträgen ein Vorkaufsrecht auf die Funke-Anteile.

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Fortwährende Eskalation

Mitte März 2019 eskalierte der Streit zwischen Funke und den Dichands endgültig: Die deutschen Mitgesellschafter verlangten wegen angeblich ungerechtfertigter Spesenaberechnungen die Absetzung von Krone-Chef Christoph Dichand. Die Vorwürfe wurden via Österreich publik, Österreich und Signa werden vom gleichen Wiener Anwalt vertreten.

Anfang April gab René Benko der Presse eines seiner seltenen Interviews. Darin bestätigte er die Absicht, den kompletten Funke-Anteil an der Krone zu übernehmen. Und stellte Bedingungen: Der Vorabgewinn der Dichands solle neu verhandelt, das Medienunternehmen im Sinne einer österreichischen Lösung partnerschaftlich geführt werden; aber: Christoph Dichand möge Herausgeber bleiben. Das habe er, Benko, dem Krone-Chef sogar schriftlich mitgeteilt.

Seit Bekanntwerden des Ibiza-Videos, in dem die langjährigen FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus eher unfreiwillig in die Hauptrollen schlüpften, wurden mehrere Gerichtstermine der Streitparteien vertagt. Die Krone schreibt die „Unabhängigkeit“ in größeren Lettern auf das Logo, der von Strache gelobte Ex-Chef der Online-Ausgabe hat mit Ende Juli seinen Job quittiert. Die Redaktion ist alarmiert, vor allem vor feindlichen Übernahmeplänen von Finanzinvestoren.

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„Und der Nächste, der auf alle Fälle kommt, ist der Benko“

Strache hatte im Ibiza-Video, deren wesentliche Inhalte Süddeutsche Zeitung und Spiegel im Mai zeitgleich veröffentlichten, gegenüber der vermeintlichen russischen Oligarchen-Nichte auch über die vorgeblichen Vorteile einer Medienlandschaft à la Ungarn unter Viktor Orban fabuliert. Was die Krone zusätzlich sensibilisiert haben muss, ist Heinz-Christian Straches gleichsam hellseherisches Talent, das er bereits im Juli 2017 auf der Finca offenbarte. Damals deutet er laut Video an, was 2018 tatsächlich Realität werden sollte: „Und der Nächste, der auf alle Fälle kommt, ist der Benko, der will nämlich sowieso die ,Krone‘ haben.“ Untermauert wurde diese Prognose mit der Erzählung Straches, er habe den Signa-Gründer erst unlängst auf seiner Yacht besucht: „Der Benko ist gerade da auf der Insel, ich war bei ihm am Schiff.“

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Addendum hatte diese Aussage des ehemaligen FPÖ-Chefs bereits im Mai zum Anlass genommen, bei René Benko und seiner Signa-Gruppe nachzufragen, wie es um den Wahrheitsgehalt von Straches Aussage aus dem Sommer 2017 stünde.

Die Antwort eines von René Benko und Signa beauftragten Berliner Anwalts tags darauf:

„Bekanntermaßen hat Herr Strache selbst seine Aussagen in dem Video in Bezug auf unsere Mandantschaft als reine ‚Prahlerei‘ bezeichnet, sich hierfür entschuldigt und zugestanden, dass sie unwahr sind. Dem ist dem Grunde nach nichts hinzuzufügen.“

„Der Herr Strache ist einfach dort erschienen“

Diese Stellungnahme verwundert. Spätestens seit dem 28. Juli. An diesem Sonntag gab Benko-Co-Investor Hans-Peter Haselsteiner01 der Kronen Zeitung ein Interview, in dem er auch auf den Strache-Besuch auf Benkos Schiff angesprochen wurde.

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Haselsteiner: „Es hat mich überrascht, ja. Aber dann habe ich Renés Erklärung zur Kenntnis genommen.“

Frage: „Wie lautete die?“

Haselsteiner: „Der Herr Strache ist einfach dort erschienen, und über Bord schmeißen hat ihn René nicht gut können.“

Eine weitere Addendum-Anfrage dazu ließ Signa vorerst unbeantwortet.

Der „große“ Herr Pecina

Zurück zu Heinz-Christian Strache und seinen Vorstellungen der künftigen österreichischen Medienlandschaft.

Auf Ibiza wurde von Strache ein weiterer Investor mit Interesse an der Krone ins Spiel gebracht und der vorgeblichen Oligarchen-Tochter empfohlen:

„Wir haben da einen sehr, sehr engen freundschaftlichen Zugang mit unserem Pecina. Der Typ ist wirklich ein Großer.“

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Heinrich Pecina hat nicht nur Erfahrung mit Gerichtsprozessen in der Causa Hypo Alpe Adria – mit der nunmehr in Abwicklung befindlichen Bank machte er unter dem damaligen Vorstandschef Wolfgang Kulterer mit seiner Firma Vienna Capital Partners (VCP) ertragreiche Geschäfte bei Privatisierungen in Kroatien. Auch bei der Übernahme von Medienhäusern war und ist Pecina mit von der Partie. Vornehmlich in Süd- und in Osteuropa. Besonders in Ungarn. Zum dortigen Machthaber Viktor Orban hat Pecina seit dessen Aufstieg einen direkten Draht. Wie eng die Beziehung der beiden ist, zeigt sich bei regelmäßigen Treffen im Wiener Büro der VCP und auf seinem Gutshof in Maria Ellend.

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Treffen mit Strache und Orban

Auch im Sommer 2016 gab es ein Treffen am Pecina-Hof in Maria Ellend. Viktor Orban und sein Staatssekretär waren nicht die einzigen Gäste: Mit Johann Gudenus war auch ein enger Vertrauter Pecinas anwesend. Und Gudenus brachte seinen Freund, den damaligen FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache mit. Ein Treffen, das auch im Rahmen der Wahlkonfrontation zwischen Heinz-Christian Strache und Sebastian Kurz im Herbst 2017 zu einer bemerkenswerten Situation führen sollte.

Strache betonte, er sei mit Orban, dessen Partei mit der ÖVP im Europaparlament in einer Fraktion sitze, „in vielen Dingen einer Meinung“. Kurz unterstellte Strache, dieser würde ja nicht einmal einen Termin bei Ungarns Ministerpräsident bekommen können:

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Orban, Strache und Pecina sollen sich am Pecina-Anwesen mit Migrations- und Medienpolitik beschäftigt haben, die Kronen Zeitung selbst war damals noch kein Thema. Es gilt in Medienkreisen jedoch als gesichert, dass sich Heinrich Pecina ab 2017 ziemlich intensiv mit Österreichs größter Tageszeitung beschäftigt hat. Er begab sich für den Funke-Anteil auf Investorensuche. Und soll, wie Addendum-Recherchen ergaben, unter anderem beim parteiübergreifend einflussreichen Osthändler und Start-up-Financier Martin Schlaff auf wenig Interesse gestoßen sein. 

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Das Rechercheteam

Rainer Fleckl

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Sebastian Reinhart

Sebastian Reinhart hat Politikwissenschaft und Wirtschaftsrecht an der Universität Innsbruck studiert. Danach war er im Nationalrat als Referent für die Fachbereiche Finanzen, Budget, ESM und Europa verantwortlich. Seit dem Hypo-Untersuchungsausschuss sieht er Österreich mit anderen Augen.

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