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Blut-Monopol: „Polizei gibt’s auch nur eine“
29. Juni 2020 Blutspenden Lesezeit 8 min
Rot-Kreuz-Geschäftsführer Gerry Foitik verteidigt den Alleinstellungsanspruch seiner Organisation bei der Blutversorgung. Mit einem EU-rechtswidrigen, von ÖVP-Klubchef und Ex-Rot-Kreuz-Mitarbeiter August Wöginger eingebrachten Schutzgesetz habe seine Organisation nichts zu tun. „Es ist naiv zu glauben, dass wir dort anrufen.“
Dieser Artikel gehört zum Projekt Blutspenden und ist Teil 5 einer 6-teiligen Recherche.
Bild: Georg Hochmuth | APA

Das Rote Kreuz hat keinen formalen Auftrag, die Republik mit Blut zu versorgen. Dennoch stellt Ihre Organisation 94 Prozent der Blutkonserven bereit. Warum?

Das geht auf die 1950er Jahre zurück, als Blutspenden gewissermaßen erfunden wurden. Freiwilligkeit spielte dabei eine große Rolle. Und Freiwilligkeit steckt tief in unserer DNA. Dieses Potenzial haben wir mobilisiert.

Der Rechnungshof kritisiert, dass es keine Verträge zwischen dem Roten Kreuz und seinen Kunden gibt.

Für jede Lieferung gibt es einen mündlichen oder schriftlichen Vertrag. Schließlich gibt es dafür immer eine Rechnung. Was es nicht gibt, sind Rahmenverträge. Die Landeskliniken in Niederösterreich zum Beispiel haben keinen Vertrag mit uns, in dem steht, dass sie jedes Jahr 35.000 Blutkonserven bestellen. Das wäre auch ungünstig für den Spitalsbetreiber. Der müsste dann nämlich auch Produkte abnehmen, wenn er sie nicht braucht. Für die Gesamtversorgung ist es also günstiger, wenn es keine Rahmenverträge gibt. Wir haben uns selbst einen Vollversorgungsauftrag auferlegt.

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Blut ist eine wichtige Ressource. Normalerweise sichert man sich bei wichtigen Dingen ab. Unsere Recherche zeigt, dass das ausgerechnet beim Blut nicht der Fall ist. Ist das Vertrauen ins Rote Kreuz grenzenlos?

Das klingt jetzt vielleicht überheblich, aber: Jeder im Gesundheitssystem weiß, dass das Rote Kreuz kommt, wenn man es braucht. Das ist ein Naturgesetz. Deshalb braucht es keine Absicherung.

Vor knapp 20 Jahren bot ein großer Laborbetreiber an, Wiens Spitäler mit günstigeren Blutkonserven zu beliefern. Der damalige Rot-Kreuz-Generalsekretär Hans Polster soll darauf gedroht haben, Wien nicht mehr zu beliefern, sollte man dem Mitbewerber Marktanteile überlassen. Dafür haben wir Zeugen. Solche Drohungen entfalten nur Wirkung, wenn es keine Verträge gibt. 

Zu einer Besprechung aus dem Jahr 1998 sage ich nichts. Wir haben das Ziel, Menschen, die Blut brauchen, zu versorgen. Unabhängig davon, ob das in Wien, Zwettl oder Güssing ist. Das funktioniert nur, wenn verschiedene Blutspendedienste zusammenarbeiten. Wir müssen uns zum Beispiel mit der Blutbank St. Pölten/Mistelbach abstimmen, um die Versorgung im Osten Österreichs sicherzustellen. Würde jemand in das System eindringen, der sagt: ,Ich mache das ohne Abstimmung‘, dann wäre das Gesamtgefüge zerstört. Wir könnten dann den Vollversorgungsauftrag, den wir uns selbst gegeben haben, nicht mehr sicherstellen.

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Die Blutbank St. Pölten ist de facto die letzte eigenständige, vom Roten Kreuz unabhängige Blutbank in Österreich. Im Jahr produziert die Einrichtung 21.000 Blutkonserven, das Rote Kreuz bundesweit 329.000.

Der Wiener Gesundheitsverbund sah das einst anders und hat die Blutversorgung EU-weit ausgeschrieben. Neben dem Roten Kreuz gab es einen kostengünstigeren Mitbewerber. Ihre Organisation hat sich offensiv gegen den Konkurrenten gewehrt. Warum?

Aus genannten Gründen. Der Osten Österreichs braucht 150.000 Erytrozythenkonzentrate im Jahr. Angenommen, wir liefern nur 140.000. Das will niemand. Liefern wir aber 160.000, dann haben wir 10.000 Leute umsonst freiwillig zum Spenden gebeten. Das will auch niemand. Es ist schwierig, den Bedarf genau zu decken. Das ist ungefähr so, wie wenn man mit mehreren Bällen jongliert. Gibt jemand von außen einen Ball dazu, wird das System instabil.

Ihre Vorgänger haben aber anders argumentiert. Das Rote Kreuz hat im Verfahren sinngemäß gesagt: Wenn wir den Auftrag für die Blutversorgung Wiens nicht exklusiv bekommen, dann können wir andere humanitäre Dienstleistungen nicht mehr erbringen. Die Botschaft also war: Wir verdienen am Blut-Markt Geld, das wir woanders einsetzen. 

Das Hauptargument lautete: Wir sind für die Blutversorgung zuständig, und die wollen wir auch erfüllen.

Der heutige ÖVP-Klubobmann August Wöginger, der damals Angestellter des Roten Kreuzes war, hat zur gleichen Zeit ein Gesetz in den Nationalrat eingebracht, das später als EU-rechtswidrig aufgehoben wurde. Es verhinderte die Teilnahme Ihres Konkurrenten. Hat Ihre Organisation Wöginger damals gefragt, ob er dem Roten Kreuz ein Gesetz machen kann? 

Es ist naiv zu glauben, dass wir dort anrufen und sagen: „Wir hätten gerne ein Gesetz.“ Es geht darum zu klären, was für die Versorgung von Österreich wichtig und richtig ist. Es gibt kein einziges EU-Land, das Blutprodukte importiert. Denken Sie an die Corona-Krise. Wir haben dringend Schutzausrüstung gebraucht, die wir in Deutschland bestellt haben. Und im März bekamen wir die Produkte dann nicht, weil Deutschland gesagt hat, wir brauchen die Sachen selber. Stellen Sie sich vor, das Gleiche passiert mit Blut. Wir brauchen eine nationale Selbstversorgung.

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Das Rote Kreuz wehrte sich gegen den Mitbewerber, indem es vor den Vergabekontrollsenat (VKS) zog und gegen den Mitbewerber und die Ausschreibung selbst vorging. Die Richter wiesen die Einsprüche des Roten Kreuzes ab.

Man kann aber auch sagen: Mit zwei Lieferanten ist die Grundversorgung sicherer als mit nur einem.

Wir beweisen seit 70 Jahren, dass das nicht so ist.

Wien hat mit der Ausschreibung der Blutversorgung aber Liefergarantien verlangt. Aus Sicht der Versorgungssicherheit war das doch ein guter Weg.

Ich weiß nicht, wie Sie einkaufen. Ich gehe zu Hofer, habe dort aber keinen Rahmenvertrag über 120 Liter Milch oder oder 300 Kilogramm Äpfel im Jahr. Ich kaufe nur, wenn ich etwas brauche. So ähnlich funktionieren wir. Das Rote Kreuz ist der Supermarkt, in dem man alles und jederzeit bestellen kann und auch bekommt. Sie müssen nichts kaufen, was Sie nicht brauchen. Wir werden nach der Erfüllung einer Lieferverpflichtung für 50.000 Konserven bei Konserve 50.001 nicht sagen: „Tut uns leid, das ist zu viel, die anderen liefern wir nach Ungarn, Schweden oder Griechenland.“ Wir sorgen dafür, dass zu jeder Zeit die nötigen Produkte da sind. Zu Kosten, die vertretbar und im internationalen Vergleich moderat sind.

Denken wir Ihr Supermarkt-Wortspiel weiter. Ich kann nicht nur zu Hofer gehen, sondern auch zu Spar, Billa oder zum Bauern im Dorf. Bei Blut geht das nicht. Den Preis bestimmt das Rote Kreuz. Wir haben festgestellt, dass der Preis dafür seit 1990 deutlich stärker gestiegen ist als für vieles andere. Blut aus Ihrer Blutbank wurde seither um 192 Prozent teurer. Die Inflation betrug 81 Prozent. Für ein Spital erscheint es als Nachteil, wenn man nur von einem Anbieter kaufen kann.

Das ist kein Nachteil. Was Sie hier vergleichen, sind Kostenersätze, die auch Aufwand und technologischen Fortschritt beinhalten. 1990 war eine Blutkonserve ein anderes Produkt als heute. Angenommen, Sie kommen nach Hause und bemerken, dass eingebrochen wurde. Dann rufen Sie die Polizei. Von der gibt es auch nur eine. Das gleiche gilt in der Gesundheitsversorgung.

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In Belgien bestimmt nicht das Rote Kreuz, sondern die Behörde den Preis. Mit dem Ergebnis, dass Blutkonserven deutlich billiger sind als hier. Ist belgisches Blut qualitativ schlechter als österreichisches?

In Belgien gibt es ein Monopol bei Blutprodukten. Der Preis ist offensichtlich nicht davon abhängig, ob es einen oder mehrere Anbieter gibt. Man müsste sich genau ansehen, was denn in diesem Preis abgebildet ist. Bei uns stecken zu 100 Prozent Vollkosten drinnen. Wir könnten jetzt auch andere Länder aufzählen, die teurer sind. Im langjährigen Durchschnitt geht es sich für uns aus, dass unsere Kosten gedeckt sind.

Es bleibt kein Geld übrig? Im Kampf gegen den Markteintritt eines Mitbewerbers in Wien hat das Rote Kreuz anders argumentiert.

Die Kosten, die mit der Rekrutierung von Spendern, Verarbeitung und Lieferung anfallen, sind im langjährigen Schnitt gedeckt.

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124,12 statt 157,90 Euro

Ich verrate Ihnen ein Ergebnis unserer Recherchen. Einer Ihrer Mitbewerber, der Arbeiter-Samariter-Bund, plante vor wenigen Jahren, in den Markt einzutreten.

Ins Blutspendewesen?

Ja. Die Geschäftsleitung der Samariter will sich zwar nicht dazu äußern. Uns liegen aber die Pläne dafür vor. Die Idee der Arbeiter-Samariter war, mit den erwartbaren Gewinnen vom Blutmarkt das defizitäre Rettungswesen zu stützen. Deshalb sind wir etwas überrascht, dass Sie nun sagen, dass mit Blut eigentlich kein Geld zu verdienen sei.

Dieses Interview bekommt nun auch einen Mehrwert für mich als Interviewten. Das wusste ich bis gerade eben nicht. Warum ist der Samariterbund nicht in den Markt eingetreten?

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Er bekam von den Wiener Spitälern keine Unterstützung, weil man sich einen Konflikt mit Ihnen, also dem Roten Kreuz, ersparen wollte. Das geht aus den uns zugänglichen Quellen hervor. Offenbar erinnerte man sich an die Lieferstopp-Drohung Ihres Ex-Generalsekretärs Hans Polster.

Da sehen Sie einmal, welchen Wert man der Vollversorgung durch uns beimisst. Vor uns muss sich niemand fürchten.
Das Einzige, wovor man sich fürchten müsste, ist, dass die Vollversorgung mit Blutkonserven nicht mehr funktioniert. Wenn das der Grund war, dass man den Samariterbund nicht unterstützt hat, dann zeigt das ja nur, dass der gewählte Weg wahrscheinlich richtig war. Und dass die Vollversorgung, so wie sie jetzt ist, seit 70 Jahren super funktioniert und jede Änderung im System diese unsicherer machen würde.

Die Finanzierung der Rettung durch die Teilnahme am Blutmarkt funktioniert also nicht? Der Samariterbund gab 100.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie aus, wusste, dass es sich ab 30.000 verkauften Blutkonserven pro Jahr wirtschaftlich rechnet. Und das, obwohl man billiger anbieten musste als das Rote Kreuz. Sogar ein Grundstück hatte man schon in Aussicht. Und einen Webseiten-Entwurf mit dem Menüpunkt „Blutspendewesen“.

Wie gesagt, ich höre jetzt erstmals davon. Vielleicht haben sie beim Samariterbund einen Rechenfehler gemacht, denn es kann nicht sein, dass das für sie lukrativ gewesen wäre.
Den Rettungsdienst in den Bundesländern machen unsere Landesorganisationen. Die große Blutbank für Wien, Niederösterreich und das Burgenland betreibt das Österreichische Rote Kreuz. Wenn das mit der Querfinanzierung so wäre, dann müssten wir, das ÖRK, viel Geld an die Rot-Kreuz-Organisationen der Länder überweisen. Das tun wir aber nicht. Um die Kosten des Rettungsdienstes zu decken, setzen wir Spenden ein. 

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Kontakt

Verfügen Sie über Informationen, die zu mehr Transparenz am Markt für Blutprodukte in Österreich beitragen können?

Schreiben Sie uns an [email protected]! Ihre Nachricht wird vertraulich behandelt.

Offenlegung

Andreas Wetz ist förderndes Mitglied des Roten Kreuzes in seinem Wohnbezirk in Niederösterreich.

Matthias Balmetzhofer hat für die Recherche beim Roten Kreuz Blut gespendet und möchte das auch in Zukunft tun.

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