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„Für Soldaten ist Heimat ein wichtiger Antrieb“

26.10.2019

Rund 1.000 Rekruten werden auf dem Wiener Heldenplatz auf die Republik vereidigt. In diesem Treue­gelöbnis versprechen die Soldaten, das Vaterland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Wir haben unter anderem darüber im Rahmen des „Heimat“-Schwerpunkts der aktuellen Addendum-Zeitung mit Brigadier Christian Habersatter gesprochen. Er kommandiert die EU-Militärmission in Mali. Habersatter ist überzeugt davon, dass der Bezug zur Heimat Soldaten von Söldnern unterscheidet. Und dass europäische Soldaten trotz unterschiedlicher Herkunft eine gemeinsame ideologische Heimat haben: Werte.

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Addendum: Herr Habersatter, warum wird man Soldat? 

Christian Habersatter: Wegen des Interesses an Technik und mit Menschen umzugehen. Und um Abenteuer und Herausforderungen zu bestehen. So war es zumindest bei mir. Aber auch nicht von Beginn an. Als Österreicher wird man zunächst zum Wehrdienst eingezogen. Erst während dieser Zeit hat sich bei mir das Interesse am Bundesheer so richtig entwickelt.

Welche Rolle spielt dabei der Heimatbegriff? Im Treue­gelöbnis versprechen Soldaten immerhin, das Vaterland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

Ich glaube, wenn man als Soldat das Treuegelöbnis spricht, dann wird einem erstmals richtig bewusst, was das bedeutet: nämlich die Waffe in die Hand zu nehmen, die Uniform zu tragen und so Verantwortung für die eigene Familie, die Gesellschaft und die Heimat zu übernehmen. Es ist eine gewisse Wertegemeinschaft, die uns Österreicher verbindet, und da spielt der Begriff Heimat eine wichtige Rolle.

Funktioniert Soldatentum ohne Heimat?

Es gibt Menschen, die ohne Heimat als sinnstiftenden Hintergrund kämpfen. Man nennt sie Söldner. Sie tun ihr Handwerk nur für Geld. Ich glaube, dass österreichische Soldaten nicht in diese Kategorie fallen. Für sie ist Heimat ein wichtiger Antrieb. Natürlich spielt auch die Lust am Abenteuer eine Rolle, oder der Wunsch mit Menschen zu arbeiten. Aber ich glaube, dass Heimat bei Soldaten vieles zusammenhält.

Aber für Sie ist die Heimat doch gerade weit weg. Es sind 4.500 Kilometer Luftlinie zwischen Österreich und Mali. Wie passt das zusammen?

Bis vor etwa 30 Jahren hatte Landesverteidigung eine andere Bedeutung. Damals gab es den ­Kalten Krieg, der Konflikt zwischen Ost und West prägte das Bedrohungsbild. Das hat sich stark gewandelt. Inzwischen reden wir von hybriden Konflikten, dem Klimawandel und davon, dass weltweit 60 Millionen Menschen unterwegs sind. Die Bedeutung des Begriffs der Bedrohung hat sich für unsere Gesellschaft ­verschoben.

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Was hat das mit Ihrem Einsatz in Mali zu tun?

Es ist eine Zone, die seit Jahrzehnten durch Konflikte geprägt ist. Die Bevölkerung wächst hier stark. In den nächsten 20 Jahren wird sie sich verdoppeln. Diese Menschen werden sich bewegen, und das hat dann auch Auswirkungen auf Österreich. Ich befürworte den Ansatz, Problemen dort entgegenzutreten, wo sie entstehen, und nicht darauf zu warten, bis sie auch an Österreichs Grenze auftauchen. Wenn wir, also ganz Europa, in der Sahelzone nichts tun, dann werden wir in den nächsten 20 Jahren unser Wunder erleben.

Wird Österreichs Sicherheit in Mali verteidigt? Der ehemalige, inzwischen verstorbene, deutsche Verteidigungsminister Peter Struck rechtfertigte den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr einst mit dem denkwürdigen Zitat, dass Deutschlands Freiheit auch am Hindukusch verteidigt werde.

Wir machen hier keinen Kampfeinsatz, sondern bilden malische Sicherheitskräfte, malisches Militär aus. Die Probleme hier sind vielfältig. Die Sahara wandert jährlich eineinhalb Kilometer ins Land, Menschen müssen deshalb umsiedeln. Dazu gibt es weitere problematische Einflüsse wie Drogen- und Waffenschmuggel sowie starke islamistische Kräfte, mit denen der Staat hier zurechtkommen muss. All das wirkt, das ist erwiesen, bis nach Europa. Wenn man Mali hilft, im eigenen Land für Sicherheit zu sorgen, dann wirkt das bis nach Österreich. Deshalb sind wir hier.

Sie kommandieren Soldaten aus 28 Ländern. Sind die alle der Meinung, im Interesse ihrer Heimat in Mali zu sein?

Ich glaube, dass die Motive bei allen, die Soldaten werden, doch recht ähnlich sind. Die Motive der Staaten, aus denen sie kommen, übrigens auch. Wenn sich ein Staat ein Militär leistet, dann macht er das zu einem bestimmten Zweck. Etwa um Sicherheit zu entwickeln, auch im Ausland. Das ist in einem Land womöglich stärker, in einem anderen vielleicht schwächer ausgeprägt. Aber es ist vorhanden.

Man könnte aber auch sagen, das ist einfach nur ein Beruf, für den man letztlich auch nur bezahlt wird.

Das allein reicht nicht. Was die hier eingesetzten Soldaten auf sich nehmen, ist doch erheblich. Das betrifft die gesundheitlichen Gefahren, das Klima ist nicht einfach, das Essen komplett anders. Ganz zu schweigen von der persönlichen Gefährdung durch die schwierige Sicherheitslage. Die Mission bzw. die Soldaten der Mission waren bereits das Ziel von Angriffen. All das ist doch eine Ausnahmesituation, in der man dann sechs Monate seines Lebens verbringt. Aber: Unsere Kinder werden wahrscheinlich irgendwann die Früchte davon ernten, wenn hier Militär und Polizei die Sicherheitslage wieder unter Kontrolle haben.

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Hat einer dieser Kameraden hier schon einmal Europa, und nicht sein Herkunftsland, als Heimat bezeichnet? Zum Beispiel Ihnen gegenüber beim Smalltalk, oder während der Ausbildung mit den Soldaten aus Mali. 

Vielleicht kommt es noch nicht so stark zum Ausdruck, aber ich weiß, dass sich die Länder und Soldaten, die hier vertreten sind, über die gleichen Werte definieren und einen sehr ähnlichen Heimatbegriff pflegen. Die meisten denken, dass sie nicht für Frankreich, für Österreich, für wen auch immer hier sind. Hier geht es tatsächlich darum, gemeinschaftlich dazu beizutragen, die Sicherheitslage zu verbessern.

Sie sprachen von Werten. Welche Werte sind das, für die ein Soldat bereit sein muss, sein Leben einzusetzen?

Freiheit, Kameradschaft, Disziplin. Wir teilen auch ein gemeinsames Demokratieverständnis, gleichen einander im Umgang mit anderen Menschen, in der Gleichbehandlung von Frauen, im Einsatz für Menschenrechte. Das sind, glaube ich, die wesentlichen Werte, die uns hier in Mali verbinden.

Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld hat einst für sein Buch „Kampfkraft“ die Leistungsfähigkeit von US-Armee und Wehrmacht zur Zeit des Zweiten Weltkriegs wissenschaftlich miteinander verglichen. Ein Ergebnis war: Die Bereitschaft, sich für die Kameraden in der eigenen Einheit einzusetzen, war in der Wehrmacht überproportional hoch. Das hatte damit zu tun, dass die Armeeführung ­Nazi-Deutschlands versuchte, Verbände so zusammenzusetzen, dass die Soldaten möglichst aus derselben Region stammten. Gemeinsame Heimat ist – ganz nüchtern betrachtet – offenbar ein starker militärischer Kitt. Kann eine mögliche EU-Armee unter diesen Gesichtspunkten jemals funktionieren? Dann zum Beispiel, wenn es zu einem Kampfeinsatz gegen einen fanatischen Gegner mit starkem ­Zusammengehörigkeitsgefühl kommen sollte?

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich hier mit den Kameraden aus anderen Teilnehmerstaaten der Mission Kontakt habe, und das passiert laufend, dann reden wir auf gleicher Wellenlänge. Trotz Sprachbarriere. Wir müssen nicht darüber diskutieren, wie wir über Demokratie, Menschenrechte und die Gleich­behandlung von Frauen denken. Das eint und stärkt uns als EU-Militärmission.

Lassen Sie uns doch das Gedankenexperiment fortführen. Mir erscheint nicht ausgeschlossen, dass Europa anstatt einer Trainingsmission auch einmal einen Kampfverband organisieren muss. Steckt in der EU genügend Heimat, damit so ein Verband im militärischen Kampfwert wettbewerbsfähig ist? 

Österreich beteiligt sich schon seit längerem bei multinationalen Einsätzen im Ausland. Dabei trägt man zwar unterschiedliche Uniformen, steht aber gleichzeitig unter einem gemeinsamen Kommando. Es ist noch nicht vorgekommen, aber im Extremfall wären diese Verbände auch dafür vorgesehen, Schulter an Schulter einen Auftrag zu erfüllen. Das können auch „echte“ Kampfaufträge sein. Als überzeugter Europäer bin ich dafür, dass man das noch weiter zusammenführt.

Sie kennen ja die täglichen Diskussionen in Österreich darüber, wie viel die EU „wert“ ist, wie viel Nationales man aufgeben muss, um dabei zu sein. Das ist ein langer Prozess. Man muss jedoch sehen, wie sich die Welt um Europa entwickelt. Da stellt sich dann rasch die Frage: Wer sind die Länder, die uns am nächsten sind? Dabei kann man ungefähr schon herauslesen, dass das genau die Gruppe ist, die sich jetzt auch in der EU zusammenfindet.

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Sie sind als Kommandant dafür mitverantwortlich, den malischen Soldaten ein Handwerk beizubringen, das sie befähigt, in der Auseinandersetzung mit dschihadistischen Kämpfern zu bestehen. Unterscheidet sich der Heimatbegriff der Malier von dem der Europäer?

In Mali leben verschiedenste Ethnien. Es gibt Sesshafte und Menschen, die ständig mit ihren Viehherden unterwegs sind. Je nach Region des großen Landes sieht das ganz anders aus. Mit dem österreichischen Heimatbegriff ist das alles bestimmt nicht zu vergleichen.  

In Österreich bemängelt derzeit der parteilose Verteidigungsminister Thomas Starlinger die finanzielle Ausstattung des Bundesheers. Stellen Sie sich persönlich die Sinnfrage, wie man die Heimat mit der Waffe verteidigen soll, wenn das zumindest die ­Finanzminister des Landes in den vergangenen Jahrzehnten nicht geschätzt haben?

Ich habe die Diskussion aus der Entfernung natürlich mitverfolgt. Seit 1988 bin ich beim Bundesheer und kann die Aussagen des Ministers nur bestätigen. Alle Zahlen deuten darauf hin, dass es in der Vergangenheit eine geringere finanzielle Wertschätzung für das Bundesheer gegeben hat, als das in anderen Ländern der Fall ist. Und dann stellt man sich natürlich auch persönlich die Frage: Wird das wertgeschätzt oder nicht? Dabei kommen einem natürlich manchmal auch Zweifel. Trotzdem: Ich bereue keinen einzigen Tag, den ich beim Bundesheer verbracht habe. Auch wenn es manchmal schwergefallen ist.

Sie besuchen als Soldat im Generalsrang regelmäßig Anlässe, bei denen die Bundeshymne gespielt wird. Welcher Typ sind Sie in solchen Situationen? Singen Sie lauthals? Bewegen Sie nur die Lippen? Oder ­hören Sie einfach zu?

In der Regel singe ich nicht mit. Aber ich verspüre oft Gänsehaut dabei.

Worauf ich hinaus will: Wer in Deutschland oder eben Österreich von Heimatliebe spricht, kann schnell verdächtig wirken. Umgekehrt unterscheidet aber wohl genau das einen Soldaten vom Söldner. Wie lebt es sich in dieser Zwickmühle?

Ich weiß, dass das auch in der politischen Diskussion und im vergangenen Wahlkampf wieder Thema war. Natürlich hat jeder seinen individuellen Heimatbegriff. Auch ich habe meinen eigenen. Er besteht aus Demokratie, Freiheit, Sauberkeit, Natur und der gemeinsamen Sprache mit unterschiedlichsten Nuancen, den ­Dialekten. Andere mögen das unterschiedlich definieren.

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Ich frage anders: Tun sich die französischen Soldaten im Camp historisch bedingt mit Heimatliebe leichter als die österreichischen? Oder spielt das unter Soldaten inzwischen keine große Rolle mehr?

Für jeden von uns hier ist Heimat wichtig. Jeder weiß vom anderen, dass auch er für sein Heimatland hier im Einsatz ist.

Was weckt denn bei Ihnen Heimatgefühl?

So nach zwei bis drei Monaten bekommt man den Drang, wieder nach Hause zu fahren. Zuerst denkt man natürlich an die Familie. Dann an die Verwandtschaft, ein gutes Essen mit österreichischem Geschmack. Oder man denkt daran, wie es ist, unbeschwert über die Straße zu gehen. Hier hat man nicht alle Möglichkeiten, sich frei zu bewegen. Bei allem wird auf ­erhöhte Sicherheitsvorkehrungen Wert gelegt. In Zentral­mali bewegt man sich immer mit Waffe, Helm und der gesamten militärischen Mannesausrüstung. Ohne Schutzhelm, Pistole oder Sturmgewehr auf die Straße gehen zu können, das ist etwas, was man erst dann richtig schätzt, wenn man hier im Einsatz war.

Haben Sie ein Stück Heimat mit nach Mali genommen?

Ja, von meinen Kindern und meiner Frau habe ich etwas mitbekommen. Und die Schneekugel mit dem Riesenrad erinnert mich an Österreich.

 

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Interview

Andreas Wetz

Andreas Wetz mag Recherchen mit überraschenden Ergebnissen. Bei der Veröffentlichung halfen bisher „Kleine Zeitung“, „Kurier“ und „Die Presse“. Wenn er nicht recherchiert, fährt er Rad oder ist privat.

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