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Burgtheater: Wenn viele wegschauen, kann eine zugreifen
11. November 2019 Burgtheater Lesezeit 4 min
Am Donnerstag startet der Prozess gegen die ehemalige Finanzdirektorin Silvia Stantejsky, die sich am Burgtheater-Vermögen persönlich bereichert haben soll.

Update 28. Jänner 2020:

Silvia Stantejsky wurde am 27. Jänner wegen Untreue und Veruntreuung zu einer zweijährigen bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Vom Vorwurf der Bilanzfälschung wurde Stantejsky mangels subjektiver Tatseite freigesprochen. Die Gerichtsentscheidung ist nicht rechtskräftig.

Wenn kommenden Donnerstag im Wiener Straflandesgericht die Anklageschrift gegen Mag. Silvia Stantejsky verlesen wird, dann könnte dem einen oder anderen Burgtheater-Beobachter ein Argument abhanden kommen, das in den letzten Jahren gut und gerne zur Verteidigung ins Treffen geführt wurde, nämlich: Sie habe es ja nur gut gemeint mit den Künstlern und den künstlerischen Direktoren. Habe in all den Jahren immer nur alles ermöglichen wollen, die vielen Inszenierungen, die vielen gewünschten Bargeld-Honorare, habe mitunter – im kreativen Chaos – eben den Überblick verloren, aber als gute Seele des Hauses, seit 1980 an der Burg, niemals in böser Absicht gehandelt.

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Die Staatsanwältin sieht das anders. Auf Seite 26 der 45-seitigen Anklageschrift, die Addendum vorliegt, formuliert sie einen der Kernvorwürfe: „Mag. Stantejsky tätigte sohin private Ausgaben, die ihr Einkommen als Geschäftsführerin der Burgtheater GmbH jährlich um rund 50 bis 80 % überstiegen. Sie führte einen luxuriösen Lebensstil über ihren wirtschaftlichen Verhältnissen mit Einkäufen in namhaften Designerboutiquen wie beispielsweise Giorgio Armani, Diesel, Frauenschuh und Moschino sowie kostspieligen Urlaubsaufenthalten. Daneben hatte sie zahlreiche Fixkosten für den Unterhalt ihres Kindes, Wohnungen, Kreditrückzahlungen, Versicherungen, Handyrechnungen, Fitnesscenter, ein Realitätenbüro und auch für ihren Lebensgefährten zu tragen. Ihr Bankbetreuer […] musste sie mehrmals auf Minusstände auf ihrem Konto und bevorstehende Abbuchungen, die dadurch nicht möglich waren, hinweisen.“

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Wenn man die Beträge addiert, die von Stantejsky laut Anklage im Laufe der Jahre 2010 bis zu ihrer Entlassung am 18. November 2013 für ihre privaten Ausgaben verwendet haben soll, kommt man immerhin auf über 500.000 Euro. Und die Anklage stützt sich auf ein ausführliches Gutachten, in dem der Sachverständige die Buchhaltung der Burg durchleuchtet hat und dabei auf Vorgänge stieß, die in einem staatseigenen Betrieb eigentlich undenkbar erschienen. Jedenfalls bis zur Entfernung Stantejskys aus der Geschäftsführung des Hauses.

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Im Prozess gegen Stantejsky geht es um die Vorwürfe der Untreue, der Veruntreuung und der Bilanzfälschung, das Gericht hat drei Verhandlungstage angesetzt, es drohen ein bis 10 Jahre Haft. Stantejsky, die ab dem Jahr 2000 mit Prokura, ab 2008 als Nachfolgerin Thomas Drozdas mit einem Geschäftsführervertrag ausgestattet war, zeigte sich in den Einvernahmen vor der Korruptionsstaatsanwaltschaft teilgeständig. Ihre Anwältin ließ aktuelle Anfragen von Addendum unbeantwortet, für Stantejsky gilt die Unschuldsvermutung.

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Aktives Wegschauen

Die plakativsten Beispiele für eine über Jahrzehnte währende Misswirtschaft an der bedeutendsten Bühne im deutschen Sprachraum sind seit Auffliegen der Affäre im Jahr 2014 vielfach berichtet worden: Sie reichen vom von Stantejsky gewünschten Aufrufen von fantasievollen Beraterhonoraren durch das Management der Toten Hosen über jene knapp 100.000 Euro, die Michael Maertens in den früheren Nullerjahren – pars pro toto – gut verzinst am Burgtheater deponierte, bis zum Schulgeld für das Wiener Theresianum, das von einem Burgtheater-Konto abgebucht wurde.

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Abgesehen von diesen Fehlleistungen, die sich dutzendfach mit gleichsam tragikomischen Anekdoten untermauern ließen, gilt die Burgtheater-Causa als Musterfall struktureller Korruption: Viele Verantwortliche – der einstige Finanzdirektor Thomas Drozda, der einstige Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer, die Revisionsabteilung der Holding, die Prüfer von PWC – haben in der Einzelbetrachtung zwar möglicherweise Fehler erkannt, aber nichts dagegen unternommen. Ein nicht von der Hand zu weisender Grund: Die Fehler lagen im System, im Interesse der Politik und der Kultur. Aktives Wegschauen, im Haus am Wiener Ring wohl auch eine Art von schauspielerischer Managementleistung. Wären die Bilanzen nicht zumindest ab 2003/2004 das Papier nicht wert gewesen, auf dem sie im Firmenbuch geschrieben standen, und wären längst vernichtete Bühnenbilder nicht noch bilanziell aktiviert worden, wäre die stets gewünschte „schwarze Null“ am Ende des Geschäftsjahrs schon früher unerreichbar gewesen. Dann hätte die Politik all die Jahre viel mehr Subventionsgeld zuschießen müssen.

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Und dann kam Hartmann

Burgtheater-intern kursierten mehrfach Papiere, aus denen eine Bilanzfälschung herauszulesen gewesen wäre. Als der ab 2009 eingesetzte künstlerische Direktor Matthias Hartmann sich über die permanent fehlende Liquidität wunderte und eines dieser Papiere in die Hände bekam, um es an die Wirtschaftsprüfer weiterzureichen, „flog das bilanzielle Luftschloss in die Luft“, formuliert der Wirtschaftsanwalt Peter Vogl, der Hartmann im späteren Arbeitsgerichtsprozess vertrat: „Mit dem Thema Bilanzfälschung ist in dem ganzen System anscheinend ziemlich offen umgegangen worden. Da muss eine ganze Reihe von Personen gewusst haben, dass das Anlagevermögen der Bilanzen zu einem wesentlichen Teil aus potemkinschen Dörfern bestanden hat.“ 

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Lesen Sie hier die Anklageschrift in voller Länge:

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