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„Nach zwei Monaten Krankenstand wird die Kasse ungemütlich“

Burnout-Patienten, sagt Psychiaterin Heidrun Ziegler, müssten sich bis heute für ihr Leiden rechtfertigen, selbst vor Ärzten. Der Genesung sei das nicht dienlich. Und dem Gesundheitssystem auch nicht. Denn es produziere sich dadurch seine eigenen Patienten.

Interview
11.04.2019

Die Wiener Psychiaterin und Psychotherapeutin Heidrun Ziegler behandelt seit 25 Jahren Burnout-Patienten in ihrer Praxis auf der Wieden. Damals galt Burnout „nur“ als Managerkrankheit. Heute meint die 56-Jährige: „Burnout kann alle treffen.“

Mittlerweile ist die Erkrankung in Österreich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, seit dem Jahr 2010 gilt sie gar als Hauptursache für Invaliditätspensionen. Dass Österreichs Medizin oft den chronischen Charakter psychischer Störungen ignoriere, die Arbeitswelt Erkrankte viel zu schnell loswerden wolle und der Gesundheitssektor Ausgebrannte ineffizient durch ihr System schleuse, kritisiert Heidrun Ziegler im Gespräch mit Addendum.

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Heidrun Ziegler

Psychiaterin und Psychotherapeutin

Heidrun Ziegler behandelt seit 25 Jahren Burnout-Patienten in ihrer Praxis auf der Wieden. Wie derzeit mit Burnout-Patienten umgegangen wird, schade sowohl den Patienten selbst als auch dem Gesundheitssystem als Ganzes, so Ziegler.

Wer sind die Menschen, die in ein Burnout geraten?

Heidrun Ziegler: Beim Burnout geht es um ein Ungleichgewicht von Anforderungen und Ressourcen. Ursprünglich galt es als Managerkrankheit, davon sind wir inzwischen weit entfernt, es kann alle Menschen treffen. Es kommt darauf an, wie viel Verantwortung jemand hat, wie sehr er oder sie sich mit der Arbeit identifiziert und wie viel Möglichkeiten zur Regeneration da sind. Je abhängiger man sich erlebt und je unsicherer die Lebenssituation ist, desto eher gerät jemand in ein Burnout.

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Wie lange dauert ein Burnout?

Ein schweres Burnout dauert drei bis sechs Monate. Im Idealfall hat man auch so lange Zeit, krank zu sein. Die Regel ist es jedoch nicht. Viele, die länger krank sind, verlieren ihren Job und haben dann einen Gang durch die Institutionen, der fürchterlich ist.

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Was genau ist daran so fürchterlich?

Nach ein bis zwei Monaten Krankenstand wird die Krankenkassa ungemütlich. Der Patient oder die Patientin muss zumindest einmal im Monat zum Chefarzt der Gebietskrankenkasse. Dort sind es oft Allgemeinmediziner oder andere Fachärzte, die meist wenig Ahnung haben und psychische Krankheiten als nicht existent behandeln. Ich erlebe immer wieder, dass Patienten bei solchen Terminen Meldungen hören wie: „Jetzt sind Sie schon zwei Monate krank, lernen Sie, mit Ihrer Erkrankung zu leben.“ Oder: „Sie haben zwei Beine und zwei Hände, wo ist das Problem?“ – auch wenn ich als Fachärztin schreibe: „Die Person ist krank, die kann nicht arbeiten.“ Meine Bewertung hat da kaum Gewicht.

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Wie geht es für Patienten weiter, wenn sie in die Arbeitslosigkeit schlittern?

In der Arbeitslosigkeit wird dann meist Antrag auf Reha-Geld gestellt. Bis es von der zuständigen Pensionsversicherungsanstalt einen Bescheid gibt, dauert es vier bis acht Wochen, manchmal auch zwölf. Die Betroffenen sind meistens depressiv oder voller Angstsymptome, lange Wartezeiten verbessern die Situation der Kranken nicht.

Wenn jemand das Reha-Geld zuerkannt bekommt, muss er oder sie dann an der Rehabilitierung arbeiten. Das heißt, er oder sie muss beweisen, etwas zu machen: zum Facharzt gehen, eine Psychotherapie oder Reha machen. Viele, die wenig Geld verdienen, oder vielleicht schon arbeitslos sind, können sich aber keine Psychotherapie leisten, und Kassenplätze gibt es vielleicht erst in fünf, sechs Monaten – das ist beschränkt. Doch wenn sie diese Vorgaben nicht erfüllen, kann ihnen das Geld gestrichen werden, was zusätzlich extrem stresst. Einmal im Jahr müssen die Patienten dann zur begutachtenden Psychiaterin der Pensionsversicherungsanstalt. Das sind extrem angstbesetzte Termine, und die Betroffenen bringen oft ganze Ordner mit Befunden mit, die sie regelrecht sammeln.

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Menschen, die länger krank sind, kommen aus der Abwärtsspirale oft nicht raus.

Wem kein Reha-Geld bewilligt wird, der kommt zum AMS, ist aber nicht arbeitsfähig. Irgendwann ist der Anspruch fürs Arbeitslosengeld aufgebraucht, und sie landen im Notstand. Danach ist man Bezieher der Mindestsicherung. Menschen, die länger krank sind, kommen aus der Abwärtsspirale oft nicht mehr raus. Das Gesundheitssystem produziert sich so die eigenen Patienten.

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Warum gehen die Institutionen so mit Kranken um?

Mein Eindruck ist immer wieder, dass die Institutionen – die Gebietskrankenkassen, die Pensionsversicherungsanstalt, das AMS – sich die Leute gegenseitig „zuschupfen“, damit sie aus ihrer eigenen Statistik draußen sind. „Wer fängt den heißen Ball?“ sozusagen. Das ist nicht zum Wohle der Patienten und auch nicht im Sinne eines sinnvollen Therapiekonzepts. Die allermeisten Menschen in einer psychischen Krise brauchen Ruhe und Entlastung von Verpflichtungen und finanzielle und emotionale Sicherheit. Angst zu haben, unbedingt Termine wahrnehmen zu müssen, weil sonst das Geld gestrichen wird, ist da kontraproduktiv.

Welche Ängste sind das?

„Dann kann ich die Wohnung nicht zahlen und dann nehmen sie mir die Kinder weg“, das sind die Ängste, mit denen ich in meiner Praxis konfrontiert bin. Die sind aber nicht das Ursprungsproblem der Patienten. Diese Ängste haben sie erst durch die Erschwernisse im System gekriegt.

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Psychische Erkrankungen sind teuer für das System. Die Krankenstände dauern oft lange und kosten viel. Wie sollte man Patienten behandeln und rehabilitieren?

Ich habe mich einmal in einem Reha-Zentrum als Psychiaterin beworben, und dort hieß es, jeder Patient soll zweimal pro Woche eine Visite bekommen. Im Durchschnitt sind das 7,5 Minuten pro Patient und Visite. Das ist die Folge eines wirtschaftlichen Effizienzdenkens, das in der Medizin nichts verloren hat. Man kann das so nicht messen. Bereiche, in denen es um menschlichen Kontakt geht, kann man nicht so behandeln, als ob man Tiefkühlkost produziert.

Kostbare Zeit für die Patientenarbeit versickert auch deswegen im System, weil es viel zu viel unnötige Papierarbeit gibt – vom Schreiben von Stellungnahmen bis hin zum Ausfüllen von Anträgen. Das ist eigentlich eine Beschäftigungstherapie für viele Sachbearbeiter in den Institutionen bis hin zu Ärzten. Sie bringt dem Patienten nichts, kostet aber viel Geld.

Wie könnte das Geld besser eingesetzt werden?

Drei Monate Auszeit für den Patienten würden ganz viel bringen. Ohne dass man Druck machen müsste. Es ginge dabei um eine niederschwellige Hilfe, zum Beispiel von Sozialarbeitern und mit Medikamenten. Ich würde mir wünschen, dass es multiprofessionelle Arbeitsgruppen gibt, die sich um diese Patienten kümmern. Denn es hat keinen Sinn, sie ständig von einer Institution zur nächsten zu schicken. 

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Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Marlies Faulend

Marlies Faulend, geboren 1984 in Wien, hat „Digitales Fernsehen“ an der FH Salzburg studiert und 2009 abgeschlossen. Mehr als 10 Jahre hat sie als freie Gestalterin und Cutterin von Magazinbeiträgen, Reportagen und Dokumentationen für zum Beispiel ServusTV, ORF, 3sat oder das ZDF gearbeitet. Des Weiteren war sie Regieassistentin bei Kino-Dokumentationen und beim Spielfilm. Für Addendum gestaltet sie Web-TV-Content.

Uta-Regina Hauft
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