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Wir wissen nur, dass wir (zu) wenig wissen

Burnout wird in der öffentlichen Wahrnehmung zum immer größeren Problem. Wie groß, das weiß allerdings niemand so genau. Auch wir gerieten bei der Suche nach Patientenzahlen und Kosten in Sackgassen. Ist die Erkrankung seriös überhaupt darstellbar?

11.04.2019
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Burnout gilt seit mehreren Jahren als eine Art Modekrankheit. Ständige Erreichbarkeit und fehlende Ruhepausen führen oftmals zu psychischen Druck, und das wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Bei Menschen, die „ausgebrannt“ sind, wird deshalb immer häufiger die Diagnose Burnout gestellt. Laut einer Studie des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2017 kann bei acht Prozent der Gesamtbevölkerung davon ausgegangen werden, dass sie unter Burnout leiden.

Was bei der Nennung solcher Daten zum Thema häufig nicht erwähnt wird: Es handelt sich lediglich um Schätzungen. Wie viele Menschen tatsächlich unter Burnout leiden und behandelt werden, wird in Österreich nicht erhoben. Dazu kommt, dass nicht wirklich definiert ist, was in der Praxis unter Burnout verstanden wird, ob es sich dabei tatsächlich um eine singuläre Krankheit handelt, oder ob der Terminus nur als Überbegriff für eine Reihe von psychischen Symptomen verwendet wird. Valide Daten sind nicht verfügbar. Das heißt: Es ist nicht erfasst, wie viele Menschen wirklich an Burnout erkrankt sind, auch nicht, wie viel die Kassen für die Behandlung ausgeben.

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Unklare Definition

Das Hauptproblem bleibt dabei die schwierige Definition. Burnout stellt in Österreich gar keine eigene Diagnose dar, wie etwa die Psychologin Ute Andorfer erklärt. Ärzte diagnostizieren Burnout häufig als Depression, Belastungsstörung oder Angststörung, weshalb es im Gesundheitssystem nicht als Burnout abgerechnet wird. Je nach Fachmeinung kann Burnout nämlich auch als Vorstufe oder Symptom all dieser Krankheiten gesehen werden.

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Der internationale Diagnosekatalog (ICD) der Weltgesundheitsorganisation hingegen listet Burnout, allerdings nicht als psychische Krankheit, sondern unter „Sonstiges“ im vorletzten Kapitel, „Faktoren, die zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen“. Damit ist Burnout 16 Überkapitel und vier Ebenen davon entfernt, als psychische Krankheit gewertet zu werden. Das könnte einer der Gründe für die falsche Zuordnung sein.

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Theorie und Praxis

Zahlen und Fakten, um das Ausmaß der Burnout-Erkrankung zu beschreiben, gibt es also kaum. Dafür aber viele praktische Erfahrungen. Burnout führt zu körperlichen und psychischen Symptomen, Erschöpfung, veränderter Körperwahrnehmung und kann sich zu allgemein anerkannten Erkrankungen wie Depressionen, Belastungs- oder Angststörungen entwickeln. Eine Burnout-Behandlung stellt auf gewisse Weise also eine Prävention dar, fast so, wie wenn ein Arzt Blutdrucksenker verschreibt, um einen möglichen Herzinfarkt zu vermeiden. Wo und wie oft das passiert? Wir gingen auf die Suche.

Wenig Anbieter zur Rehabilitation

Da die Diagnosen falsch zugeordnet werden, werden auch die Behandlungen in Krankenhäusern falsch zugeordnet. Patientenzahlen gibt es also nicht. Allerdings ist bekannt, dass Burnout eine Diagnose ist, wegen der Menschen eine Rehabilitationskur besuchen können. Die Kosten dafür übernimmt die Pensionsversicherungsanstalt, sie kann aber auch nur Überkategorien auswerten. Insgesamt waren so 2017 15.737 Personen wegen psychischer Erkrankungen auf Kur. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 118 Millionen Euro, welchen Anteil Burnout daran ausmacht, weiß allerdings auch die Pensionsversicherungsanstalt nicht.

Also versuchten wir es über die Rehaeinrichtungen. Der Großteil aller Rehaeinrichtungen in Österreich ist nach wie vor auf die Behandlung von körperlichen Leiden spezialisiert. Lediglich acht geben an, stationäre Behandlung für Burnout-Patienten anzubieten.

Das Feld ist also nicht groß. Mit drei Einrichtungen ist die Pro mente Reha GmbH der größte Betreiber unter allen Anbietern. Doch auch bei Pro mente konnte man uns keine genauen Zahlen über das vermeintliche Massenphänomen Burnout geben.

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Absehbare Kostensteigerung – Zeit für Fakten?

Doch obwohl belastbare Daten fehlen, wird neben dem stationären auch das ambulante Angebot immer weiter ausgebaut. Auch die Tagessätze steigen immer weiter, die Kosten für die Rehabilitationen nehmen also zu. Gemessen an den Schätzungen des Gesundheitsministeriums kann das teuer werden. Denn obwohl „nur“ acht Prozent der Gesamtbevölkerung für Burnout-Patienten gehalten werden, geht das Ministerium gleichzeitig bei weiteren 36 Prozent der Bevölkerung von einer Burnout-Vorstufe aus.

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Die drei Phasen des Burnout

Einen ersten Einblick in tatsächliche Zahlen soll es erst Ende des Jahres geben. Bis dahin will die Gesundheit Österreich GmbH für die Pensionsversicherungsanstalt herausgefunden haben, welche Vorerkrankungen Burnout-Patienten typischerweise haben. Doch in der Zwischenzeit wird das System wohl weiterhin ohne empirisch erhobene Fakten arbeiten müssen. 

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Die Gesundheit Österreich GmbH ist ein Tochterunternehmen des Gesundheitsministeriums und zuständig für Forschung und Gesundheitsplanung.

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11.04.2019

Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Marlies Faulend

Marlies Faulend, geboren 1984 in Wien, hat „Digitales Fernsehen“ an der FH Salzburg studiert und 2009 abgeschlossen. Mehr als 10 Jahre hat sie als freie Gestalterin und Cutterin von Magazinbeiträgen, Reportagen und Dokumentationen für zum Beispiel ServusTV, ORF, 3sat oder das ZDF gearbeitet. Des Weiteren war sie Regieassistentin bei Kino-Dokumentationen und beim Spielfilm. Für Addendum gestaltet sie Web-TV-Content.

Uta-Regina Hauft
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