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Nebenjobs: Wenn Cybercops plötzlich ihre Spuren beseitigen

Im Bundeskriminalamt und im BVT gehen weit mehr IT-Spezialisten einer Nebenbeschäftigung nach als bisher gedacht. Besonders auffällig agierten zwei Spitzenbeamte: Sie entwickelten eine rege Geschäftstätigkeit für ein Unternehmen, das nach außen hin auf eine der Ehefrauen lief.

18.12.2018

Im Amt sind sie Vorgesetzter und Untergebener. Privat sind sie seit Jahren eng verbunden. Wirtschaftlich. Nebenberuflich. Gut getarnt hinter einer der Ehefrauen, über die das Unternehmen admin4you mit offiziellem Sitz in einer Reihenhaussiedlung im Süden von Wien bis Ende November gelaufen ist. Warum nur bis Ende November? Weil nach monatelangen Recherchen von Addendum07 zum Thema Nebenbeschäftigungen von Spitzenbeamten im Kriminal- und Nachrichtendienstbereich ganz offensichtlich die Notbremse gezogen wurde. Gezogen werden musste.

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Bereits am 4. Oktober 2018 richtet Addendum eine Anfrage an Erhard F., den Leiter der IT-Beweissicherung im Cybercrime-Competence-Center C4 des Bundeskriminalamts. Das Mail erging auch an admin4you, das Unternehmen seiner Frau, für das Erhard F. tätig wurde. Von dort kam auch prompt ein sogenannter Return-Receipt mit dem Inhalt, dass das Mail von der allgemeinen Office-Mailadressen von admin4you erfolgreich an mehrere weitere Adressen weitergeleitet worden sei: darunter an Erhard und Gerhard (siehe Screenshot).

Wer Erhard ist, liegt auf der Hand. Ein Gerhard ist, wie monatelange Addendum-Recherchen ergaben, im Umfeld von Erhard F. auch nicht weit. Es handelt sich um Gerhard R., der mittlerweile im Referat von Erhard F. die mobile Forensik leitet.

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Konstellation mit Kollision

Diese Konstellation erscheint aus mehreren Gründen problematisch: Zum einen müsste Erhard F. als Vorgesetzter von Gerhard R. penibel darauf achten, wann Gerhard R. seine Nebentätigkeit ausübt. Ob er Überstunden macht. Ob er womöglich mehr als nur die Mittagspause dazu benutzt, für private Kunden tätig zu werden. Zum anderen müsste er einen strengen Blick auf die Privatkunden des Gerhard R. bei admin4you werfen, um mögliche Interessenkonflikte im hochsensiblen Bereich der Kriminalitätsbekämpfung ausschließen zu können. Aber könnte Erhard F. das überhaupt unvoreingenommen tun? Sowohl die Kunden als auch die privaten Arbeitszeiten von Gerhard R. kennt er wohl nur zu gut. Schließlich war Erhard F. selbst ja auch über Jahre für das Unternehmen admin4you, das noch dazu seiner Frau Brigitte F. gehört, tätig. Ein effektives Vieraugenprinzip sieht anders aus. Eine Anfrage von Addendum dazu wurde vom Bundeskriminalamt – mit Verweis auf die Privatsphäre – nur allgemein beantwortet. Auskünfte auf diese Problematiken blieben aus.

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„Zu Ihren Fragen betreffend Nebenbeschäftigung darf ich Sie auf die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen im Beamten-Dienstrechtsgesetz (§ 56 Beamten-Dienstrechtsgesetz) und im Vertragsbedienstetengesetz (§ 34, Abs. 2 lit. e) verweisen. Des Weiteren bitte ich um Verständnis, dass wir über persönliche Angelegenheiten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine Auskunft erteilen“, teilt die Pressestelle des Bundeskriminalamts mit.

Traumhafte Arbeitsbedingungen

Nur zur Verdeutlichung: Das Thema ist deshalb von besonderem öffentlichem Interesse, weil gerade in den IT- und Forensik-Abteilungen mittlerweile hochspezialisierte Experten auf Staatskosten aus- und weitergebildet werden. Und Zugang zu Softwaretools erhalten, von denen rein private Computerspezialisten nicht einmal träumen können.

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Der Lösch-Verlauf

Aber bleiben wir bei Erhard und Gerhard, den beiden leitenden Cybercops im Bundeskriminalamt. Bleiben wir bei admin4you, der Firma von Erhard F.s Frau. Und schauen wir uns doch ein privates Kundenverhältnis genauer an: Im Internet findet sich die Domain digital-business-leader.de. Eine Analyse der Domaindaten zeigt Folgendes: Dort taucht Erhard F., der Chef der IT-Beweissicherung im Bundeskriminalamt, bis Juni 2018 als Ansprechpartner für technische Fragen auf. Angeführt war eine Handynummer, die ganz offensichtlich eine besonders schnelle Erreichbarkeit garantieren sollte. Es ist jene, die Erhard F. auch dienstlich verwendet. Es ist die Mobilnummer seines Diensthandys aus dem Bundeskriminalamt (siehe Screenshot).

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Auffällig ist jedenfalls, wie und wann gewisse Spuren aus dem Netz plötzlich verschwunden sind: Nicht nur bei digital-business-leader wurden Informationen entfernt, die zu unangenehmen Fragen führen können; auch bei admin4you setzte eine regelrechte Lösch-Kaskade ein. Dort fand sich Erhard F. bis vor wenigen Monaten als Ansprechpartner für die Domain, auch dort kam es unmittelbar nach der Erstveröffentlichung von Addendum zum Thema Nebenbeschäftigungen (9. Oktober 2018) erneut zu Veränderungen. Die jüngsten datieren sogar erst vom 13. Dezember 2018. Übrigens: Bei admin4you war vor wenigen Monaten Cybercop-Kollege Gerhard R. als technischer Kontakt registriert. Da waren offensichtlich echte Spezialisten am Werk.

Doch Erhard und Gerhard sind nur die Spitze des Eisbergs. Das Innenministerium bestätigt mittlerweile, dass 34 von rund 60 IT-Experten im Cybercrime-Kompetenzzentrum einer Nebenbeschäftigung nachgehen – Anfang Oktober 2018 hatte eine erste Erhebung eine Anzahl von „zumindest 17“ offenbart. Nun hat das Innenministerium eine Prüfung eingeleitet. Minister Herbert Kickl (FPÖ) sieht sich mit einer Entwicklung konfrontiert, die aus der Zeit seiner Amtsvorgänger stammt. Er teilt dazu mit:

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„Die Sicherheit sensibler Daten ist absolut notwendig und unverzichtbar. Mit dem Informationssicherheitsgesetz gibt es dafür auch eine klare rechtliche Grundlage. Die Einhaltung dieses Gesetzes muss lückenlos gewährleistet sein. Deshalb wurden auch im BVT nach dem Bekanntwerden von Missständen umgehend Maßnahmen gesetzt und in die Wege geleitet, um eine optimale Kontrolle der Datensicherheit zu gewährleisten. Darüber hinaus hat der Generalsekretär des BMI, Peter Goldgruber, die Personalabteilung angewiesen, bestehende Nebenbeschäftigungen insbesondere im IT-Bereich einer Prüfung zu unterziehen. Dieser Prozess ist bereits gestartet und soll zeigen, ob sich die Gegebenheiten gegenüber dem Zeitpunkt der Meldung verändert haben, etwa bezüglich der Verwendung der Mitarbeiter oder des Umfangs bzw. Inhalts der Nebentätigkeit.

Im Sinne der bestehenden Richtlinien ist hier eine Einzelfallprüfung geboten. Sollten sich aber systematische Probleme zeigen, ist auch eine Ausweitung des bestehenden Erlasses im Sinne eines generellen Tätigkeitsverbots in bestimmten Branchen denkbar.“

Die Website von admin4you ist seit 30. November 2018 offline. Zufälligerweise stellte Addendum kurz davor erneut eine Anfrage zum Thema Nebenbeschäftigungen an den Direktor des Bundeskriminalamts.

Der persönlichen Karriere von Erhard F. hat die Angelegenheit nicht geschadet. Im Gegenteil. Seit dem 1. Dezember 2018 ist Erhard F. interimistischer Leiter des gesamten Cybercrime-Kompetenzzentrums.  

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18.12.2018

Das Rechercheteam

Rainer Fleckl
Leitung Investigative Recherche

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Michael Fleischhacker
Chefredaktion

ist seit einem Vierteljahrhundert Journalist. Stationen: „Kleine Zeitung“, „Der Standard“, „Die Presse“ (Chefredakteur 2004 bis 2012), NZZ.at. Seit 2014 Moderator des „Talk im Hangar-7“ auf ServusTV, Gründungsmitglied von QVV. Mehrere Buchveröffentlichungen, zuletzt „Die Zeitung. Ein Nachruf“ (2014).

Stefan Melichar
Team Investigative Recherche

Stefan Melichar startete seine journalistische Laufbahn 2006 im Wirtschaftsressort der Wiener Zeitung. Von 2012 bis Ende 2017 war er als Investigativjournalist beim Magazin News tätig – zuletzt auch als Wirtschaftsressortleiter. Seit 2013 wirkt er regelmäßig an internationalen Investigativkooperationen wie „Offshore-Leaks“, „Swiss-Leaks“ und „Panama Papers“ mit.

Monika Müller
Team Web-TV

Monika Müller hat in den vergangenen vier Jahren die Nachrichtensendung 24 Stunden Wien auf W24 moderiert und zuvor sechs Jahre lang ein Sendeformat für die Stadt Wien geleitet und produziert. In ihrer selbstständigen Arbeit war und ist sie als Trainerin tätig und hat im Team eines international anerkannten und Latin-Grammy-nominierten Musikers gearbeitet.

Elisabeth Oberndorfer
Team Investigative Recherche

Elisabeth Oberndorfer startete ihre journalistische Karriere in der Innenpolitik-Redaktion von derStandard.at und war unter anderem stellvertretende Chefredakteurin des Medienwirtschaft Verlags. 2013 ging sie als freie Korrespondentin nach San Francisco. Für Gründerszene, Wired Germany, NZZ.at und andere deutschsprachige Medien berichtete sie über Wirtschaft, Technologie und Silicon Valley. Während ihrer Zeit in Kalifornien gründete das Online-Magazin Fillmore.at. Bei Addendum verantwortet sie als Chefin vom Dienst die Plattform.

Sebastian Reinhart
Team Investigative Recherche

Sebastian Reinhart hat Politikwissenschaft und Wirtschaftsrecht an der Universität Innsbruck studiert. Danach war er im Nationalrat als Referent für die Fachbereiche Finanzen, Budget, ESM und Europa verantwortlich. Seit dem Hypo-Untersuchungsausschuss sieht er Österreich mit anderen Augen.

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