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China und das Coronavirus:
Europa, sei gewarnt

China ist das Ursprungsland des Coronavirus. Mittlerweile werden offiziell keine lokalen Neuinfektionen mehr gemeldet. Die Ausbreitung des Erregers wurde mit Maßnahmen gestoppt, die uns nicht zur Verfügung stehen. Auf Grundlage eines Berichts, der von einem Korrespondenten für das österreichische Bundesheer verfasst wurde, versuchen wir das chinesische Vorgehen nachzuzeichnen.

20.03.2020
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Das Jahr hat nicht gut begonnen: Am 31. Dezember informierte China die Weltgesundheitsorganisation WHO über ungewöhnliche Lungenentzündungen, eine Woche später identifizierten sie einen neuartigen Virus. Rund zwei Monate später stufte die WHO COVID-19 als Pandemie ein.

China hat bei der Bekämpfung der Ausbreitung dieses Virus drastische Maßnahmen ergriffen. Noch vor wenigen Wochen waren wir hierzulande erschrocken über die Bilder von Menschen, die gegen ihren Willen eingesperrt wurden. Mittlerweile ist das, was damals von vielen noch als denkunmöglich bezeichnet wurde, österreichweit Realität. Geschäfte, Schulen und Restaurants sind geschlossen, weite Teile des Landes unter Quarantäne.

Das öffentliche Leben steht nahezu still, Österreich ist im Krisenmodus angelangt. Anlass genug, sich die Entwicklungen in China näher anzusehen. Als Grundlage dient der Bericht eines Auslandsösterreichers, den er für den Truppendienst verfasst hat. Wir geben diese Darstellung hier wieder, ergänzt mit eigener Recherche.

Ein Jahresanfang wie jeder andere

Ende 2019 trat die Kommunistische Partei noch zusammen, um über ihre Gründungsideale und -ideen zu sinnieren. Business as usual könnte man meinen. Von COVID-19 war damals keine Rede. Das sollte sich erst mit achtem Jänner 2020 ändern, als chinesische Wissenschaftler die Entdeckung eines neuartigen Coronavirus bekannt gaben – SARS-CoV-2. Wie sich dieser vom bekannten SARS-Virus oder der saisonalen Grippe unterscheidet lesen Sie hier01. Auf Grundlage des chinesischen Seuchengesetzes wurden rasch erste Schritte gesetzt, es kommt zu Gesundheitsüberprüfungen zwischen dem Festland und Hong Kong, Einkaufszentren und Restaurants werden angehalten, ihre Hygiene zu verbessern.

Wenig später folgt eine Verschärfung des Polizeigesetzes zum Schutz von Polizisten vor tätlichen Angriffen. Ob ein Zusammenhang mit dem neuartigen Virus besteht, sei dahingestellt. In China sind strenge Strafen mehr Norm als Ausnahme.

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Kalenderwoche vier – das Virus geht um

Wenn man sich die Anfangszeit des chinesischen Kampfs gegen das Coronavirus ansieht, überraschen die Parallelen zu Europa. Die Behörden wurden überrumpelt, niemand hatte mit einer derartigen Verbreitungsrate gerechnet, rund um die vierte Kalenderwoche gibt es in der Provinz Hubei rund 2.500 Verdachtsfälle, 399 Menschen sind in Behandlung. Unterdessen wird Kritik an der lokalen Regierung Wuhans laut, weil sie in den Straßen der Stadt ein traditionelles Festessen mit rund 160.000 Menschen nicht untersagt hatte. Am 23. Jänner wird Wuhan abgeriegelt, mehr als 1.500 medizinische Fachkräfte werden entsandt, darunter auch solche, die bereits im Kampf gegen SARS und Ebola Erfahrungen gesammelt haben.

Die Feierlaune zum chinesischen Neujahrsfest um den 25. Jänner – der wichtigste Feiertag in China – war beendet. Die Kritik, dass die chinesische Regierung zu spät reagiert hatte, wird täglich lauter. Erst wurden Informationen zurückgehalten, dann wurde die Möglichkeit einer Übertragung unter Menschen bestritten. Dessen ungeachtet stieg die Zahl der Infizierten weiter an.

60 Millionen unter Quarantäne

Erst Ende Jänner verschärfte die chinesische Regierung die Maßnahmen, in mehreren Millionenstädten der Provinz Hubei werden strenge Ausgehverbote verhängt, später folgen weitere Regionen, in denen – je nach Anzahl der Infektionen – unterschiedlich strenge Regeln erfolgen. 60 Millionen Menschen stehen damit unter Quarantäne.

Leere Straßen und Restaurants, die für das chinesische Neujahr eigens aufgebauten Vergnügungsmöglichkeiten werden, weitgehend ungenützt, wieder abgebaut. Vor Supermärkten, Straßen, Flughäfen und Bahnhöfen erfolgen Fieberkontrollen, eine App schlüsselt die landesweiten Infektionen auf. Eine andere App zeigt, ob in einem Verkehrsmittel, das man benützt hat, später infizierte Mitreisende gemeldet wurden. In Wuhan erfolgen tägliche Anrufe von Seiten der Behörden, in denen man seine Körpertemperatur bekanntgeben muss. Vor jedem Gebäude, ob Einkaufscenter oder Bürohaus, gibt es Fiebermessungen. Die Menschen müssen Sicherheitsabstand halten, alle tragen Mundschutz.

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Apotheken dürfen keine temperatursenkenden oder sonstige Grippemittel verkaufen. Die Menschen sollen so gezwungen werden, bei Corona-Symptomen in den Krankenhäusern zur Testung zu erscheinen. Chinesen im Ausland – 2018 gab es rund 150 Millionen chinesische Touristen – werden zurückgeholt. Ältere Menschen erhalten – sofern Verwandte sie aufgrund der Absperrungen nicht versorgen können – Hilfe durch die sogenannten Nachbarschaftskomitees. Nach und nach werden mehrere tausend Sanitäter und Ärzte – bis Mitte Februar knapp 25.000 – mitsamt mehreren tausend Tonnen medizinischem Material über den Luftweg und unter Einbeziehung des chinesischen Militärs nach Wuhan gebracht. Die Stadt wird in Sektoren aufgeteilt, freies Bewegen von A nach B ist nicht mehr möglich. Die Geschichte von einem Spital für 1.000 Menschen, das binnen einer Woche aufgebaut wird, sorgt weltweit für Schlagzeilen.

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Vorbild China?

Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz war sichtlich beeindruckt und sagte am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar, dass man sich an China ein Beispiel nehmen könne. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Schließlich sei die Schattenseite des chinesischen Modells darin ersichtlich, dass der 33-jährige Arzt Li Wenliang, der schon früh auf die Krise aufmerksam gemacht hatte, noch mit Drohungen zum Schweigen gebracht worden war. Er wurde gemaßregelt, weil er „falsche Angaben“ gemacht hatte, die die „soziale Ordnung maßgeblich beeinträchtigt hatten“. Am 7. Februar 2020 verstarb er an den Folgen der Infektion.

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Die chinesischen Medien verbreiteten unterdessen den Eindruck einer Regierung im souveränen Krisenmanagement-Modus: Präsident Xi und die Kommunistische Partei werden als ruhige Führer in stürmischen Zeiten, Ärzte und Sanitäter werden als Helden gefeiert, die Schicksale von Todesfällen porträtiert. Die Propaganda ist nötig: Rund 3.387 der rund 78.800 Corona-Infizierten in China stammen aus dem Gesundheitsbereich, gut 90 Prozent waren in der Provinz Hubei. Mittlerweile sind mindestens acht von ihnen verstorben, neben Li Wenliang auch ein noch jüngerer Arzt (im Alter von 29 Jahren).

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Auch das Sozialverhalten der Chinesen im Zuge der Beschränkungen ähnelt unserem: Der Beginn des Heimunterrichts via Internet war holprig, viele, vor allem ältere Lehrer müssen die Technologie erst kennenlernen. Im Internet kursieren Witze und Selbstironie, Kochrezepte werden ebenso ausgetauscht wie Mutmaßungen über einen bevorstehenden Geburtenboom. Ebenso wird in den Medien darauf geachtet, wie das Ausland über China berichtet und ob beziehungsweise welche Kritik es gibt. Die Bevölkerung bleibt in all der Zeit ruhig. Allerdings regte sich im Internet auch massiver Protest, quer durch alle Bevölkerungsschichten wurde Kritik an der Regierung geübt, einige Medien veröffentlichten Investigativgeschichten über Behördenversagen, Falschinformationen der Regierung, Korruption oder fehlende Mittel.

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Erste Entwarnung Mitte Februar

Mitte Februar zeigen die Maßnahmen Wirkung, mehrere Provinzen verbuchen keine weiteren Infektionen, auch in der Provinz Hubei und ihrem Epizentrum Wuhan gibt es weniger Fälle. Mitglieder der kommunistischen Partei überwachen weiterhin die Einhaltung der Ausgehverbote, versorgen hilfsbedürftige Personen und prüfen den Gesundheitszustand von Menschen an den Checkpoints der unterschiedlichen Sektoren der Stadt. In der Zwischenzeit wurden zwei weitere Spitäler in Wuhan in Betrieb genommen, hier können jeweils zusätzliche 800 Patienten behandelt werden.

Anfang März gehen die Zahlen weiter zurück, die Hauptsorge gilt nun den heimkehrenden Chinesen, die das Coronavirus aus Ländern wie Italien, dem Iran oder Südkorea zurück einschleppen könnten. Auch jene, die der Quarantäne durch die Einreise über andere, als weniger risikoreich geltende Länder wie Russland entgehen wollen, werden aufgespürt.

Keine Neuinfektionen mehr

Ansonsten entspannt sich die Lage zusehends, die Maßnahmen werden aber nur schrittweise zurückgenommen, die Sorge vor einem Wiederaufflackern des Virus geht um. Am 18. März verlautbarte die lokale Verwaltung in der Provinz Hubei, dass es in den letzten 24 Stunden keine Corona-Infektionen mehr gab.

China ist auf dem Weg zurück in die Normalität: Die Regierung verordnet unterschiedliche Konjunkturbelebungsprogramme, verschickt Arbeitskräfte nach Bedarf quer durchs ganze Land und prüft dort deren Gesundheitszustand weiter. Gleichzeitig stellen sich die Chinesen auf eine Sechs-Tage-Woche ein, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Laut Beobachtern soll sich die chinesische Volksbefreiungsarmee in dieser Zeit bewährt haben. Rund 10.000 Soldaten wurden entsendet, darunter 4.000 Angehörige des medizinischen Personals. Ebenso wird sie in Zukunft eine dauerhafte Sicherheitstruppe zur Seuchenbekämpfung unterhalten, zumal das Land für etwaige Kriegsführung mit Biowaffen gerüstet sein will.

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Wiederholen wir die Fehler der Chinesen?

Die Berichte für den Truppendienst des österreichischen Bundesheers schließen mit einer Warnung, die auf die Parallelen zur Situation in der Frühphase in Europa verweist. Vor der sieben Wochen andauernden Ausgangssperre wurde das Coronavirus und seine Folgen nicht ernst genommen, die Berichte zu den ersten infizierten Patienten blieben noch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Die freiwillige Selbstquarantäne war zwecklos, die Menschen gingen dennoch spazieren oder trafen Freunde, was zu einer weiteren Verbreitung führte.

Ebenso fehlte es an medizinischen Gütern, von Schutzkleidung bis hin zu Masken oder Krankenwägen und Beatmungsgeräten. Die chinesische Wirtschaft wurde daher entsprechend umgestellt, um die Produktion in diesem Bereich anzukurbeln.

Die medizinischen Einrichtungen waren hoffnungslos überfordert und dem Ansturm nicht gewachsen, zumal sich, wie schon angemerkt, viele Ärzte und Angehörige des sonstigen medizinischen Personals zu Beginn selbst infizierten. Auch in Österreich ist das ein ernstes Problem16, erste Abteilungen und Krankenhäuser mussten bereits geschlossen werden. In China begann man daher damit, das Personal entsprechend abzuschotten und sie in eigenen Unterkünften unterzubringen. Auch anderes Personal, allen voran die Sicherheitskräfte, so die Conclusio, sollte früh isoliert werden.

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Die Stunde der Volksbefreiungsarmee

Später entsendete die chinesische Volksbefreiungsarmee mehrere Tausend Mediziner und Sanitäter, medial wurden ihre Erfahrungen im Umgang mit SARS oder Ebola betont. Parallel dazu erfolgten tägliche Berichte über die Auswirkungen der Krankheit und ihren Verlauf, um das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen. Die Regierung betonte, wie in Österreich, die Notwendigkeit eines „nationalen Schulterschlusses“, um die Krise, ja gar den „Krieg gegen das Virus“, zu bewältigen.

Um Paniksituationen oder zu enge Kontakte beim Einkaufen zu vermeiden, durften die Menschen nur alle zwei Tage ihre Besorgungen erledigen. Das Essen wurde rationiert verpackt, um direkten Kontakt zur Ware zu vermeiden. Bargeldzahlungen sollten vermieden und wenn, dann mit Handschuhen entgegengenommen werden. Bodenmarkierungen waren einzuhalten, der Einlass wurde an eine App gekoppelt, die sieben Tage gültige QR-Codes ausgibt, die verbuchen, ob man gesund ist – wie bei einer Ampel brauchte man ein grünes Licht, Menschen mit gesundheitlichen Problemen bekamen ein gelbes Licht, ebenso jene, die in einem Risikogebiet waren. Sie wurden angehalten, die Behörden entsprechend zu kontaktieren. Sobald die App ein rotes Licht anzeigte, wurden die Sicherheitskräfte verständigt und die Sofort-Quarantäne durchgesetzt.

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Was wir nicht von China kopieren können

Viele der chinesischen Maßnahmen, so heißt es in dem Bericht für den Truppendienst, lassen sich in Europa nicht umsetzen. Einerseits ist ein ähnliches Ausmaß polizeilicher Härte unrealistisch. Andererseits lassen sich wesentliche Teile der Industrie nicht so schnell durch staatliche Lenkung auf die Bekämpfung des Virus umstellen. Hinzu kommt, dass es keine mit der kommunistischen Partei vergleichbare zentralisierte Regierung gibt – bislang ist die Europäische Kommission eher hilflos durch die Krise getaumelt, zumal die EU-Mitglieder individuelle Maßnahmen treffen und die Kooperation oder zumindest Abstimmung weitgehend fehlt. Sebastian Kurz hat offen kritisiert, dass „die Solidarität in der Krise nicht funktioniert“. Der Vergleich mit China zeigt, dass uns im Kampf gegen das Coronavirus bei weitem nicht dieselben Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Ob das, was wir tun können, ausreichen wird, um die Verbreitung des Virus zu stoppen, werden die nächsten Wochen zeigen. 

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20.03.2020

Der Autor

Ralph Janik

Ralph Janik hat in Wien und Alcalá de Henares (Madrid) Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft studiert. Danach Studium in internationalem Recht und Europarecht an der Universität Amsterdam. Beruflich unter anderem wissenschaftlicher Assistent an der Universität Amsterdam und an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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