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Dieser Artikel ist erstmals in der Addendum-Zeitung Ausgabe 13 erschienen.
Die Datenkrise
30. April 2020 Coronavirus Lesezeit 6 min
Das Krisenmanagement der Bundesregierung muss ohne belastbare Zahlen auskommen. Grund dafür ist neben dem Wesen der Pandemie der Föderalismus – und dass versäumt wurde, selbst Daten zu erheben.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Coronavirus und ist Teil 72 einer 106-teiligen Recherche.
Bild: Georges Schneider | Apa

Sollten sich die Zahlen in die falsche Richtung entwickeln, dann ziehen wir die Notbremse“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz Mitte ­April. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, die nun schrittweise gelockert werden, müssten also wieder verschärft werden. Es ist eine der zahllosen Entscheidungen, die die Bundesregierung treffen muss, ohne dafür belastbare Daten als Grundlage zu haben.

Die bestätigten Fälle und die Fallsterblichkeit, die jeden Tag veröffentlicht werden, sind dabei zwei unzuverlässige Kennzahlen. Bei der Zahl der Infizierten liegt das im Wesentlichen an drei Gründen:

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Erstens hat die Mehrheit der Erkrankten einen milden Krankheitsverlauf oder gar keine Symptome – das zeigten breit angelegte Testreihen in Island. Solche Fälle werden meistens gar nicht erst getestet.

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Zweitens hängt eine Veränderung bestätigter Fälle auch von der Kapazität ab, Tests durchzuführen. Von den angepeilten 15.000 Tests pro Tag, die zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen als Ziel genannt wurden, ist man weit entfernt: Mitte April wurde durchschnittlich ein Drittel davon durchgeführt. Weil die Testungen nicht repräsentativ stattfinden, kann über die tatsächliche Infektionszahl auch nur gemutmaßt werden, und so fließen vor allem Verdachtsfälle mit mittleren bis schweren Krankheitsverläufen in die Statistik ein.

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Drittens können mit den verwendeten PCR-Tests Erkrankungen übersehen werden. Mit der verwendeten Labormethode (Polymerase-Kettenreaktion, kurz PCR) werden Infektionen zu Beginn der Erkrankung nicht entdeckt und schlagen nicht positiv aus, wenn jemand eine Erkrankung schon hinter sich hat. Etwaige Dunkelziffer-Studien mit dieser Methode liefern deshalb ein unvollständiges Bild. Antikörpertests, die diesen Mangel beheben würden, sind weder in hoher Zahl verfügbar noch als zuverlässig eingestuft.

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Drastische Unterschiede in der Fallsterblichkeit

Diese drei Faktoren haben unmittelbaren Einfluss auf eine weitere zentrale Zahl, die Fallsterblichkeit. Denn diese wird aus der Zahl bestätigter Fälle und der Todesfälle berechnet. Die Letalität hängt also wesentlich davon ab, wie viele Erkrankungen überhaupt erkannt werden. So kommt es, dass sich die Fallsterblichkeit zwischen einzelnen Staaten drastisch unterscheidet. In Italien liegt sie etwa bei 13 Prozent, weltweit bei rund 7 Prozent und in Österreich bei weniger als 3 Prozent. Diese Zahl ist keine Konstante, sondern unterscheidet sich von Region zu Region, je nach ­möglicher Behandlungsmethode, je nach Altersgruppe, Geschlecht und Zeitpunkt in der Pandemie. Es kann ebenso sein, dass die Fallsterblichkeit zunächst unterschätzt wird, weil zwar ein positives Testergebnis vorliegt und dieses in die Berechnung einfließt, die Person aber noch nicht verstorben ist. Eine korrekte Berechnung gäbe es nur, wenn der Erkrankte zum gleichen Zeitpunkt stirbt, wie das positive Testergebnis vorliegt.

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Ein österreichisches Spezifikum

Das größere Risiko für eine verzerrte Berechnung bleiben aber unerkannt Erkrankte. Deshalb sagen Ländervergleiche der Fallsterblichkeit vor allem etwas darüber aus, wie viele Tests ein Land durchführen kann – und wer getestet wird. Zudem gehen die Länder bei der Zählung der offiziellen Todesfälle selbst nach unterschiedlichen Definitionen vor. Für Österreich gibt es seit Mitte April ein weiteres Spezifikum: Es gibt zwei offizielle Zählungen. Eine der Krisenstäbe der Bundesländer, die das Innenministerium täglich zusammengefasst publiziert, eine zweite, die sich aus dem Epidemiologischen Meldesystem (EMS) speist. Einerseits melden die Länder also Todesfälle mitunter schon, bevor die Amtsärzte in den Bezirken sie im EMS registrieren. Andererseits unterscheiden sie sich darin, dass das Gesundheitsministerium „am Coronavirus Verstorbene“ publizieren möchte, das Innenministerium aber eine weiter gefasste Definition von „mit dem Coronavirus verstorbene“ Personen verwendet. Welche Zahl genauer ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Vielfach handelt es sich bei den Erkrankten um Patienten mit mehreren Erkrankungen. Was nun die Todesursache ist, obliegt der Beurteilung des Amtsarztes – ob es eindeutige Kriterien für diese Beurteilung gibt, ist unklar.

Dass es für Österreich nun zwei offizielle Todeszahlen gibt, zeigt, wie die Daten zur politischen Entscheidungsfindung beschaffen sind. Wichtige Parameter – etwa Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen von hospitalisierten Patienten – liegen dem Gesundheitsministerium nicht strukturiert vor. Dabei zeigen zahlreiche internationale Vorbilder, wie umfangreiche Datenerhebung und -veröffentlichung aussehen kann. Eine Folge davon ist auch, dass Wissenschaftler keine detaillierten Daten zur Forschung haben und die Öffentlichkeit keinen Zugang zu essenziellen Informationen zur Meinungsbildung hat. Zusätzlich zu jenen Kennzahlen, die wegen ihrer Methodik wenig belastbar sind, hat die Bundesregierung also das Problem, dass wichtige Indikatoren zur Entscheidungsfindung nur dezentral in den Bundesländern bzw. bei Ärzten und Krankenhäusern vorliegen.

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Deutschland: Ressourcen für Intensivmedizin

Deutsche Kliniken sind dazu verpflichtet, ihre Kapazitäten tagesaktuell an das Intensivregister zu melden. Das passiert auf drei Ebenen: Intensivbetten mit Beatmungsmasken, Intensivbetten für schwere Fälle und invasive Beatmung sowie Intensivbetten mit „künstlicher Lunge“, einer sogenannten Extrakorporalen Membran­oxygenierung. Für jeden dieser Bereiche wird angegeben, ob sie ausgelastet sind, es Engpässe oder freie Kapazitäten gibt. Der Austausch unter den Kliniken soll dadurch erleichtert werden. In Österreich gibt es keine vergleichbaren Daten. Publiziert wird, wie viele Normal- und Intensivbetten belegt sind und wie viele Betten es bundesweit gibt. Eine Aufschlüsselung nach Bundesland oder nach Standort der Klinik ist nicht vorhanden.

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Tschechien: Verteilung der Schutzausrüstung

In Tschechien wird die Verteilung von Schutzausrüstung für jede Region über das Gesundheitsinformationssystem veröffentlicht. Darin ist ersichtlich, welche Regionen wie viele Schutzkleidung erhalten. In Österreich ist eine solche Übersicht, die verhindern könnte, dass lokale Engpässe auftreten, während an anderen Stellen Lager noch gefüllt sind, nicht vorhanden.

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Schweden: Patienten auf Intensivstationen

In Schweden melden die Krankenhäuser ebenfalls an eine zentrale Stelle, sodass aus einem Register wesentliche Informationen zur Belegung der Intensivstationen hervorgehen: Wie alt sind die Erkrankten? Wie viele hatten Vorerkrankungen? Welche chronisch Erkrankten benötigen besonders häufig intensivmedizinische Betreuung? Wie lange bleiben die Patienten auf der Intensivstation? In Österreich wird nur die Zahl der Personen, die intensivmedizinische Betreuung ­benötigen, auf Ebene der Bundesländer veröffentlicht. Demografische Informationen bzw. zur Vorgeschichte der Erkrankten werden nicht zentral gesammelt.

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Island: Wer und wo getestet wird

Island veröffentlicht regelmäßig, wie viele Tests in welchen Regionen und in welcher Altersgruppe durchgeführt werden. So ist beispielsweise ersichtlich, dass eine geringe Zahl bestätigter Fälle nicht auf eine geringe Zahl von Testungen in einer Region zurückgeführt werden kann. In Österreich wird diese Zahl seit kurzem pro Bundesland veröffentlicht. Bundesweite Zeitreihen dieser Zahl sind jedoch nicht zuverlässig, weil kleinere Labore nicht an die Schnittstelle des Ministeriums angebunden sind und nur in unregelmäßigen Abständen in die Statistik einfließen. Das führte dazu, dass die Zahl bekannter Tests am 2. April sprunghaft von 56.000 auf 92.190 sprang. Diese Lücke wurde vom Ministerium nicht kommuniziert. Eine regionalere, vollständigere Bekanntgabe der Daten zu Testungen sieht das Ministerium nicht vor. Tirol veröffentlicht als einziges Bundesland diese Zahl für seine Bezirke selbst.

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Kuba: Regionale, maschinenlesbare Daten

Die Veröffentlichung bestätigter Fälle inklusive ­Alter, Geschlecht, Ort der Ansteckung und Wohngemeinde ist in Kuba Praxis. In Österreich ist Tirol das einzige Bundesland, das die Zahl aktuell COVID-19-Erkrankter auf Gemeindeebene veröffentlicht. Das Gesundheitsministerium veröffentlicht die bundesweiten Zahlen nach eigenen Angabe nicht, weil die Informationen „nicht vorliegen“ oder eine Weitergabe „datenschutzrechtlich“ nicht möglich sei. In Kuba werden die Daten auch maschinenlesbar veröffentlicht, sodass Forscher und Medien die Daten automatisiert und verlässlich weiterverwenden können. In Österreich dauerte es elf Wochen, bis das der Fall war. 

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