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Bild: Helmut Fohringer | APA
Häusliche Pflege: Wettlauf gegen die Zeit
25. März 2020 Coronavirus Lesezeit 4 min
Die Warnung des Wiener Ärztekammer-Präsidenten Thomas Szekeres, dass es zu wenig Masken und Schutzausrüstung gebe, sorgte diese Woche für große Aufregung. Ein Blick in die häusliche Pflege zeigt: Das Problem betrifft nicht nur Ärzte, sondern tausende mobile Pflegekräfte.

Roland Loidl betreut als mobiler Personenbetreuer jeden Tag fünf bis sechs pflegebedürftige Menschen in Wien. Bevor er seine Klienten besucht, zieht er sich dieser Tage eine Maske über den Kopf. Eine sogenannte FPP-Atemschutzmaske der Stufe zwei (das Kürzel FFP steht dabei für „filtering face piece“). Leicht fällt es ihm nicht. Er muss dabei einen gewissen Ekel überwinden, denn ein und dieselbe Maske benutzt er bereits seit mehreren Tagen. Empfohlen wird genau das Gegenteil: Nach jedem Klientenbesuch sollte das gesamte Schutzmaterial entsorgt werden.

Doch Loidl hat nur die Wahl zwischen einer gebrauchten Maske oder gar keiner. Und mit abgenutzter Maske und Handschuhen fühlt er sich noch immer ein wenig sicherer als ohne.

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Roland Loidl

„Social Distancing“ ist unmöglich

21.500 mobile Pfleger und über 30.000 24-Stunden-Personenbetreuer versorgen in Österreich rund 250.000 pflegebedürftige Menschen zu Hause. Auf eine mobile Betreuungsperson kommen bis zu 30 Patienten. Abstand zu halten, also „Social Distancing“, ist unmöglich. Es ist ein gefährliches Zusammentreffen: auf der einen Seite Menschen, die zur Hochrisikogruppe der über 60-Jährigen zählen, auf der anderen Seite Pflegepersonal, das bei jedem Kontakt riskiert, sich mit dem Virus zu infizieren oder es unwissentlich zu übertragen. Der Mangel an Schutzmasken und Handschuhen könnte der unkontrollierten Ausbreitung des Virus in Österreich weiter Vorschub leisten.

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Eine der begehrten FFP2-Masken, welche besseren Schutz vor dem Coronavirus bieten.

Gefährliche Ansteckungskette

Bislang gibt es bei den Heimpflegekräften noch keinen bestätigten Coronafall. Wie viele das Virus dennoch in sich tragen und es verbreiten, weiß man nicht. Denn getestet wird nur, wer Symptome hat und entweder in einem Risikogebiet war oderKontakt mit Infizierten hatte. Roland Loidl hat noch Glück. Viele Pflegekräfte müssen gänzlich ohne Masken arbeiten. „Je mehr wir die Ansteckungsketten analysieren, desto mehr bemerken wir, dass wir vor nie dagewesenen Herausforderungen stehen“, sagt Bernd Wachter von der Caritas. Die Lage ist ernst, denn wenn sich eine Pflegekraft infiziert, muss der gesamte Stützpunkt geschlossen werden und der nächstgelegene übernehmen. In einer jetzt schon angespannten Situation könnte das fatale Auswirkungen auf die Versorgung der rund 250.000 pflegebedürftigen Menschen haben. „Wir hanteln uns von einem Tag zum nächsten. Alle Stützpunkte gehen noch, aber es ist ein enormer Aufwand in der Disposition“, meint Roland Wallner vom Hilfswerk. Roland Loidl betreut mehrere psychisch erkrankte Personen. Sollte er ausfallen, müssten diese Menschen sich in der momentanen Extremsituation auf eine neue Pflegeperson einstellen, sofern überhaupt jemand gefunden würde, der ihn ersetzen kann.

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Keine Masken für 24-Stunden-Betreuerinnen

Für die etwa 30.000 24-Stunden-Betreuerinnen werden gar keine Masken und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. Für Katarina Staronova eine untragbare Situation. „Die Politik darf diese Frauen nicht völlig schutzlos in dieser Situation zurücklassen“, kritisiert die 42-jährige Slowakin, die als Krankenschwester im Wiener Wilhelminenspital arbeitet und ehrenamtlich für das Institut für Personenbetreuung arbeitet. Im Spital gibt es mehrere bestätigte Corona-Infektionen.

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Katarina Staronova

Alice ist eine von tausenden ausländischen Personenbetreuerinnen. Sie lebt in der Slowakei und hätte bereits vor wenigen Tagen in Österreich ihren zweiwöchigen Pflegedienst antreten sollen. Aufgrund der Grenzsperren ist das derzeit allerdings nicht möglich. Auch wenn sie der finanzielle Verlust hart trifft, ist sie über die verordnete Zwangspause eigentlich froh. Denn sie hat Angst. „In Österreich sind die Leute nicht mit Mundschutz unterwegs. Das ist in der Slowakei anders. Hier gilt seit längerem eine Mundschutzpflicht.“

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Immer mehr Betreuerinnen geben auf

Zwei bis vier Wochen lebt eine 24-Stunden-Betreuerin rund um die Uhr mit der zu betreuenden Person unter einem Dach. Je nach Patient können bereits zwei Wochen enorm belastend sein, und die Sorge um die Familie im Heimatland bringt täglich Betreuerinnen dazu, ihren Dienst nicht zu verlängern. In den sozialen Medien ruft etwa eine Mutter um Hilfe, weil ihre beiden Kinder krankheitsbedingt an Beatmungsgeräte angeschlossen sind und rund um die Uhr betreut werden müssen. Die 24-Stunden-Betreuerin hat sich nach ihrem Dienstende verabschiedet, die Mutter stand alleine da. Markus Golla, Studiengangsleiter für Gesundheits- und Krankenpflege an der Fachhochschule Krems, hat ein Team auf die Beine gestellt, das solche Fälle in den sozialen Medien ausfindig macht und den Familien hilft. Innerhalb von 30 Minuten konnte die Mutter unterstützt werden. Stündlich würden Fälle wie dieser gefunden, berichtet Markus Golla.

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Freiwillige helfen im Ernstfall

Unterstützt wird Markus Golla dabei von 1.400 freiwilligen Helfern, die im Ernstfall für leichte Betreuungstätigkeiten einspringen können. Es mangelt aber nicht nur an Personal, sondern auch an Schutzausrüstung. Daher versucht er, Firmen, die Schutzmasken produzieren, miteinander zu vernetzen und mit Material zu versorgen. Sein Netzwerk wächst jeden Tag. Immer mehr Firmen schließen sich zusammen, um die Engpässe bei der Schutzkleidung auszugleichen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Regierung hat in der Zwischenzeit das Rote Kreuz mit der Bestellung von Schutzausrüstung im Wert von 116 Millionen Euro beauftragt. Am Samstag könnte die erste Lieferung in Österreich ankommen. Ob dann auch die 24-Stunden-Betreuerinnen oder die freiwilligen Helfer mit Masken ausgestattet werden, ist allerdings unklar. 

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Der Artikel wurde am 27. März um 11:15 Uhr aktualisiert.

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