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Kinder in der Pandemie: Sündenböcke statt Superspreader
15. Juli 2020 Coronavirus Lesezeit 17 min
Für mehr als eine Millionen Schüler soll im September wieder der reguläre Unterricht beginnen. Vorausgesetzt die Infektionszahlen sind für die Regierung akzeptabel. Unklar ist, wann das der Fall ist und wann Schulen oder Klassen geschlossen werden. Dabei zeigen Studien bislang eindeutig: Kinder spielen bei der Verbreitung des Virus kaum eine Rolle.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Coronavirus und ist Teil 98 einer 104-teiligen Recherche.
Bild: Leonhard Foeger | Apa

Als am ersten Juli der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer vor die Presse trat und ankündigte, dass in fünf Bezirken die Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen für eine Woche geschlossen werden, gab es in ganz Oberösterreich lediglich 190 Infizierte.

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Thomas Stelzer
Landeshauptmann von Oberösterreich (ÖVP)

Verantwortlich für den Corona-Ausbruch war keine Schule, sondern ein Cluster rund um eine Freikirche in Linz. Geschlossen wurden dennoch die Schulen. Für Geschäfte und die Gastronomie in der betroffenen Region hatte der Vorfall hingegen keinerlei Folgen.

Bildungsminister Heinz Faßmann sieht darin zwar „kein Role-Model für den Herbst“, wirklich sicher ist es aber noch nicht, wie der Unterricht nach den Sommerferien im September für die rund 1,2 Millionen Schüler in Österreich weitergehen wird. Auf Anfrage heißt es dazu aus dem Bildungsministerium: „Aus heutiger Sicht werden die Schulen im Herbst regulär öffnen.“ Mit „heutiger Sicht“ sind die jeweils aktuellen Infektionszahlen gemeint. Doch genau das ist das Problem. Denn wenn der Krisenstab der Bundesregierung zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Infektionsgeschehen in Österreich nicht einverstanden ist, könnten Schulen entweder wieder nur eingeschränkt oder auch gar nicht öffnen.

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Schulschließung bei Verdachtsfall?

Unklar ist für Eltern und Lehrer auch, wie die Gesundheitsbehörden reagieren werden, wenn es an einer Schule oder in einer Kinderbetreuungseinrichtung einen Verdachtsfall oder positive Corona-Fälle gibt. Wird im Tourismus ein Mitarbeiter positiv getestet, kommt dieser in Quarantäne. Die Häuser werden weiter betrieben. Ob dasselbe auch für die Schulen gilt, oder ob bei bestätigten Infektionen ganze Klassen oder sogar die gesamte Schule geschlossen werden, ist ungewiss. Aus dem Bildungsministerium gab es gegenüber Addendum dazu keine Antwort.

Spricht man mit Eltern und Lehrern über diese Ungewissheit, wird schnell deutlich, dass viele wohl zu Recht im kommenden Schuljahr ein Totalchaos befürchten. Denn wenn sich ab Herbst wieder die klassischen Infekte häufen, steht die ungeklärte Frage im Raum: Was passiert, wenn ein Schüler Schnupfen, Fieber oder Husten hat? Und wie soll man mit einem Corona-Verdachtsfall umgehen? Denn bei diesen Symptomen könnte es sich auch lediglich um eine Verkühlung handeln.

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Über Ansteckung und Verlauf einer COVID-19-Erkrankung bei Kindern ist noch immer zu wenig bekannt. Beobachtet wurde bisher, dass Kinder seltener erkranken und oft schwächere Symptome haben als Erwachsene.

Ein Blick auf das Pandemiegeschehen in einigen europäischen Ländern seit Wiedereröffnung der Schulen und auf die Ergebnisse einiger Studien zur Frage, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des Virus spielen, lässt die Angst vor einem Regelbetrieb der Schulen als unbegründet und schnelle Schulschließungen wie in Oberösterreich als überzogen erscheinen. Weder in Österreich, der Schweiz, Dänemark, Norwegen oder Belgien hat die Rückkehr der Schüler in die Klassenzimmer – wenn auch teilweise im Schichtbetrieb und unter besonderen Hygieneauflagen – zu einem Anstieg der Infektionszahlen geführt.

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Ausnahme Israel

Israel ist bisher das einzige Land, in dem es seit Öffnung der Schulen Anfang Mai mehr bestätigte Corona-Fälle als vor dem Lockdown gibt. Zudem ist es auch zu einem bedeutenden Anstieg innerhalb von Schulen gekommen. Insgesamt sind 1.893 Lehrer, Schüler und Angestellte positiv getestet worden. Über 10 Prozent der israelischen Fälle, für die man den Ansteckungsort aufklären konnte, gehen auf Schulen zurück, die damit nach dem eigenen Haushalt den wichtigsten Ansteckungsort darstellen.

In einer einzigen Schule wurden mindestens 130 Fälle verzeichnet. Eine neue Richtlinie ordnete an, dass jede Schule, in der ein Virusfall auftritt, geschlossen werden muss. Die Gründe für diesen Ausbruch sind unklar. Der „Times of Israel“ zufolge infizierten sich Dutzende Schüler in der Stadt Raanana mit dem Virus, nachdem sie an privaten Feiern zum Ende des Schuljahres teilgenommen hatten. Offizielle Abschlusspartys waren wegen der Pandemie verboten.

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Verbreitung in Schulen überschätzt

Laut Zahlen aus dem Bildungsministerium hat es österreichweit im Zeitraum (4. Mai bis 24. Juni) nach der stufenweisen Öffnung der Schulen lediglich 78 offiziell bestätigte positive Corona-Fälle an Schulen gegeben, davon 64 Schüler, der Großteil davon in Wien. Die Bildungsdirektionen in Salzburg, Steiermark und Tirol meldeten keinen einzigen Fall. Zum Vergleich: In der Phase des bislang intensivsten Infektionsgeschehens vor und nach dem Lockdown (28. Februar bis 3. Mai) verzeichnete das Bildungsministerium offiziell 274 bestätigte Corona-Infektionen an den Schulen, darunter 134 Schüler und 140 Lehrer.

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Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) haben Schulen und Kindergärten bei der Verbreitung des Coronavirus bisher keine wesentliche Rolle gespielt. Von 541 im Juni identifizierten Clustern wurden nur jeweils drei der Schule oder dem Kindergarten zugeordnet. Gegenüber der APA sagte AGES-Infektionsepidemiologin Daniela Schmid damals: „Auf Basis der uns vorliegenden Daten gibt es keinen Hinweis, dass Kinder die ,Driver‘ der Epidemieverbreitung in Österreich sind.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch eine Mitte Juni vorgestellte Studie für das deutsche Bundesland Baden-Württemberg und eine Studie der Technischen Universität Dresden. Sachsen hatte als erstes Bundesland nach dem Lockdown wieder mit dem Schulunterricht begonnen. Der vorliegenden Studie zufolge sind dadurch keine neuen Corona-Hotspots entstanden.

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Kinder wirken eher als Bremsklötze der Infektion.

Die Untersuchung lieferte weder einen Beleg dafür, dass sich das Virus in Schulen besonders schnell verbreitet, noch dafür, dass es durch Kinder besonders häufig übertragen wird. „Es ist eher das Gegenteil der Fall“, sagte Studienleiter Reinhard Berner, Direktor der Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin des Dresdner Universitätsklinikums bei der Vorstellung. „Kinder wirken eher als Bremsklötze der Infektion. Nicht jede Infektion, die bei ihnen ankommt, wird auch weitergegeben.“

Wiener Gurgelstudie: 5.100 Proben, kein infiziertes Kind

Dass Schulkinder bei der Verbreitung des Virus nach dem Lockdown keine große Rolle gespielt haben, bestätigt auch eine aktuelle Studie unter Wiener Schülern. Mehrere tausend Kinder sind dafür getestet worden. Anders als sonst wurde das Virenmaterial aber nicht durch einen Nasen- oder Rachenabstrich gewonnen, sondern mittels einer speziellen Gurgellösung. Inklusive Lehrer und Schulpersonal wurden an insgesamt elf Schulen 5.100 Gurgelproben genommen. Das Ergebnis: Es gab eine infizierte Lehrerin, aber keine infizierten Kinder. Also auch keine, die etwa symptomlos positiv wären.

Als Bestätigung dafür, dass Kinder auch im Herbst keinen großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben werden, sieht Studienleiter Michael Wagner das Ergebnis aber nicht. „Wir waren im Juni in einer Phase von absolut niedrigen Infektionszahlen. Hätten wir jetzt in Oberösterreich getestet, hätten wir ganz viele Kinder mit einem positiven Corona-Test gefunden“, ist der Molekularbiologe von der Universität Wien überzeugt.

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Was, wenn im Herbst die Grippesaison beginnt?

Für das kommende Schuljahr ist er aber auch aus einem weiteren Grund nicht besonders optimistisch. Sorge bereitet ihm die im Herbst und Winter bevorstehende Erkältungs- und Influenzasaison. Dass Kinder bisher als nicht so ansteckend wahrgenommen werden, liege möglicherweise daran, dass diese nach Infektion mit dem neuartigen Coronavirus größtenteils asymptomatisch seien, also nicht husten und schnäuzen und somit das Virus weniger stark über Tröpfcheninfektion übertragen. Wagner weist darauf hin, dass die Kinder im Herbst und Winter wie jedes Jahr viele konventionelle Erkältungen und auch echte Grippeerkrankungen durchmachen werden, die aber nicht asymptomatisch verlaufen. „Wenn Kinder dann gleichzeitig eine an sich stille Infektion mit dem neuartigen Coronavirus haben, ist zu erwarten, dass mit den ausgestoßenen Tröpfchen nicht nur die jedes Jahr zirkulierenden Viren, sondern eben auch das neuartige Coronavirus von den Kindern ausgeschieden wird. Und dann werden Kinder auch deutlich mehr Menschen anstecken als bisher.“

Wagner hofft, dass wir mit einzelnen Schulschließungen durch den Herbst kommen werden. Dazu sei aber unbedingt eine systematische Teststrategie notwendig. Nur so könne der Blindflug in Sachen Schulbetrieb beendet werden. „Es wird im Herbst so viele Verdachtsfälle geben. Jedes Mal, wenn ein Schüler hustet, Schnupfen oder Fieber hat, werden Lehrer und Eltern mit der Frage konfrontiert sein: Hat dieses Kind Corona?“ Für diese Situation brauche es einen Plan. Grundlage dafür sei die rasche Abklärung. Die jetzt getestete Gurgelmethode könnte das leisten, ist der Molekularbiologe überzeugt. Denn diese sei schmerzfrei, einfach, verlässlich, kostengünstig und liefere in sechs bis acht Stunden ein Ergebnis. Pro Tag können an der Vienna COVID-19 Diagnostics Initiative (VCDI) derzeit 4.000 Tests abgewickelt werden. Diese Testkapazitäten könnten zudem ausgebaut werden, sodass im Herbst großflächige Monitorings an Schulen möglich seien. Molekularbiologe Wagner sieht prinzipiell zwei Einsatzmöglichkeiten: „Wenn ein Fall gemeldet wird, sollten wir rasch die gesamte Schule testen, damit wir sehr schnell wissen, ob es weitere infizierte Personen gibt. Das wurde bisher leider nicht immer gemacht. Wir sollten aber auch Stichprobentests an bestimmten Schulen machen, um einen Überblick über das Infektionsgeschehen unter den Kindern in Österreich zu bekommen.“

Was in Österreich gefordert und überlegt wird, ist in Bayern bereits beschlossen. Dort startete im Juli die Studie „COVID Kids Bavaria“. Sie soll die Frage beantworten, inwiefern der Regelbetrieb an Schulen und in Kindergärten eine Gefahr für eine unkontrollierte COVID-19-Ausbreitung darstellt. Dazu werden die Forscher von sechs Universitätskinderkliniken bis zum Jahresende mehrmals 138 Kindertagesstätten, Kindergärten und Volksschulen in ganz Bayern befragen und dort systematisch Kinder, Erzieher und Lehrer auf SARS-CoV-2 testen. Neben vier Coronatests pro Studienteilnehmer ist auch ein Antikörpertest geplant. Insgesamt 140.000 Fragebögen und 12.000 Abstriche werden die Mediziner analysieren. Die bayerische Staatsregierung investiert eine Million Euro in die Studie, die Ergebnisse sollen im März kommenden Jahres vorliegen.

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Wie ansteckend sind Kinder wirklich?

Wissenschaftlich wird die Frage, wie infektiös Kinder wirklich sind, seit Monaten kontrovers diskutiert. Für Aufsehen sorgte ein Ende April veröffentlichter Artikel von einem Forscherteam rund um den Chef-Virologen der Berliner Charité, Christian Drosten, in dem vor einer „unbegrenzten Wiedereröffnung“ von Schulen gewarnt wird, da Kinder genauso infektiös seien wie Erwachsene. Die Forscher hatten die Virenlast in verschiedenen Altersgruppen untersucht. Der Wert gibt an, wie viele Viren sich in der Probe eines Menschen befinden, und entscheidet mit darüber, wie ansteckend jemand wahrscheinlich ist. Wäre die Virenlast bei Kindern deutlich geringer als bei Erwachsenen, könnte das bedeuten, dass sie weniger ansteckend sind.

Nach Kritik mehrerer Wissenschaftler (hierhierund hier) an den verwendeten statistischen Methoden und einigen umstrittenen Artikeln der Bild-Zeitung (hier, hierund hier), in denen die Studie als „grob falsch“ bezeichnet wurde, legte Drosten Anfang Juni ein Update der Analyse vor. Auch bei dieser Publikation handelt es sich um eine Vorveröffentlichung, die noch keinen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess durchlaufen hat. Die Hauptaussage der neuen Studie ist nun allerdings vorsichtiger, in doppelter Verneinung und weniger allgemeingültig formuliert: „Die vorliegende Studie liefert keine Belege für die Annahme, dass Kinder nicht so ansteckend sein können wie Erwachsene.“ Sie enthält auch, anders als die erste Version, keine so absolute Warnung mehr. Stattdessen empfiehlt Drostens Team, dass die Öffnung von Schulen „durch vorbeugendes diagnostisches Testen sorgfältig überwacht“ werden sollte.

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Ignorierte Kollateralschäden

Diesem wissenschaftlichen Virologenstreit stehen die durch die Schulschließungen und den eingeschränkten Schulbetrieb verursachten Kollateralschäden bei Kindern und Jugendlichen gegenüber. Während über Monate die Aufmerksamkeit auf Infektionszahlen und epidemiologische Kurven gelegt wurde, gerieten die Folgen der Maßnahmen für Kinder und Jugendliche ins Hintertreffen. Und während es Dashboards, Simulationen und unzählige wissenschaftliche Studien zum virologischen Pandemiegeschehen gibt, sind die Kollateralschäden unter Kindern noch immer unzureichend untersucht.

Erste Hinweise auf die bildungspolitischen Auswirkungen aus dieser Zeit liefert eine Online-Erhebung des Instituts für höhere Studien (IHS). Befragt wurden 5.000 Lehrer. Die finale Auswertung liegt noch nicht vor. Die Zwischenergebnisse sind allerdings alarmierend und machen deutlich, dass Schulschließungen oder eingeschränkter Schulbetrieb eher die letztmögliche Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie sein sollte und nicht eine der ersten, wie kürzlich in Oberösterreich. Laut IHS-Studie beantwortete jeder vierte befragte Lehrer die Frage, ob sich das Homeschooling negativ auf die Leistungen der Schüler ausgewirkt hat, mit Ja. Blickt man allerdings auf jene Kinder, die Lehrer etwa wegen Sprachproblemen oder eines sozial schwachen Elternhauses schon vor der Corona-Krise als benachteiligt einstuften, dann bejahten 76 Prozent der Lehrer diese Frage. Fast genauso viele Pädagogen kommen zu dem Schluss, dass die Kluft zwischen den bevorzugten und den benachteiligten Schülern während des Lockdowns weiter gewachsen ist. Laut Auskunft der Lehrer waren vier von zehn der benachteiligten Kinder während des Lockdowns schwer oder gar nicht erreichbar.

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Zu siebt auf 12 Quadratmetern

Wer wissen will, wie dramatisch die Kollateralschäden für Kinder aus sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund sind, der muss mit Christine Scholten reden. Sie ist die Leiterin des Vereins „Nachbarinnen“ und seit Jahren in engem Kontakt mit diesen Familien. Die Idee hinter dem Projekt ist einfach und vielversprechend: Frauen mit Migrationserfahrung gehen auf Frauen in der eigenen Wohnumgebung zu, helfen bei Amtswegen, der Jobsuche, unterstützen die Kinder beim Lernen oder vermitteln bei familiären Konflikten. Möglich machen das private Spenden und Förderungen von knapp 460.000 Euro. Mit diesem Geld werden pro Jahr rund 300 Familien betreut. Die Konflikte, die es vor Corona gegeben habe, würden jetzt noch schneller eskalieren, erzählt Christine Scholten. Denn: Wenn über mehrere Wochen Existenzängste, patriarchale Strukturen und Perspektivenlosigkeit auf engstem Raum zusammentreffen, dann litten Frauen und Kinder am meisten. Sie erzählt von einer tschetschenischen Familie, die zu siebt auf zwölf Quadratmetern lebt, von einer somalischen Mutter, die Angst vor ihrem 17-jährigen Sohn hat, und von Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden. Immer mittendrin: Kinder.

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Christine Scholten
Leiterin des Vereins „Nachbarinnen“

Je jünger, desto größer der Kollateralschaden

Christine Scholten war bis vor zwei Jahren noch als Kardiologin und Internistin in einer eigenen Ordination im 10. Wiener Gemeindebezirk tätig. Die Folgen der Schulschließung sieht sie mit großer Sorge. „Je jünger die Schüler, desto größer sind die Kollateralschäden. Viele Eltern können ihren Kindern nicht einmal bei einem Beistrich helfen. Und mit manchen können wir nicht einmal telefonisch eine Uhrzeit vereinbaren, weil sie kein Wort Deutsch sprechen“, erzählt sie. Für die Kinder aus solchen Familien sei Corona eine Katastrophe.

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Vernachlässigungen fallen weniger auf

Die negativen Auswirkungen im Bildungsbereich sind aber nur einer von vielen Kollateralschäden. Denn durch die Schließung der Schulen und Kindergärten konnten die Pädagogen bei den Kindern kaum noch mögliche Vernachlässigung, Missbrauch oder Gewalt in den Familien erkennen und diese Hinweise an die Behörden weitergeben. Geht man davon aus, dass der monatelange Lockdown die Situation in vielen Familien eher verschärft hat, dann überraschen die aktuellen Halbjahreszahlen der Wiener Kinder- und Jugendhilfe.

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Diese Zahlen zeigen, dass während des Lockdowns von März bis Mai die Gefährdungsmeldungen drastisch zurückgegangen sind. Waren es im Vorjahr noch knapp 4.000 Meldungen, fiel diese Zahl auf 3.000 zurück. „Durch die Schulschließungen sind physische Misshandlungen und Vernachlässigungen bei Kindern einfach weniger aufgefallen“, erklärt Andrea Friemel von der Wiener Kinder- und Jugendhilfe. Gingen 2019 die zweithäufigsten Gefährdungsmeldungen auf Lehrer und Kindergartenpädagogen zurück, so halbierte sich diese Zahl im Vergleichszeitraum durch den Lockdown.

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Bei einer Gefährdungsmeldung handelt es sich um eine Mitteilung an die Kinder- und Jugendhilfe (Jugendamt) bei Verdacht der Kindeswohlgefährdung. Eine Gefährdungsmeldung ist zu erstatten, wenn ein begründeter Verdacht vorliegt, dass ein Kind misshandelt, sexuell missbraucht, vernachlässigt wird oder wurde oder sonst erheblich gefährdet ist, die Gefährdung nicht durch eigenes fachliches Tätigwerden abgewendet werden kann und die Wahrnehmung der Gefährdung im Rahmen der beruflichen Tätigkeit erfolgt.

Schulen öffnen, Gefährdungsmeldungen steigen

So stark die Gefährdungsmeldungen ab März gesunken sind, so deutlich sind sie im Vergleichsmonat Juni allerdings wieder gestiegen, von 1.149 auf 1.411. Die Pädagogen in den Schulen und Kindergärten meldeten in diesem Monat verglichen mit dem Vorjahr um 40 Prozent mehr Fälle. Der häufigste Grund für eine Meldung in diesem Monat war die Vermutung einer Vernachlässigung eines Kindes (829 Meldungen), gefolgt von der Vermutung einer psychischen Misshandlung eines Kindes (315 Meldungen). Sozialarbeiterin Andrea Friemel erwartet, dass sich dieser Trend auch in den kommenden Monaten weiter fortsetzt. „In den Familien ist einiges passiert. Und die Situation ist weiterhin angespannt. Viele Menschen haben Existenzängste, der Urlaub ist oft schon aufgebraucht. Das kann natürlich schnell zu einer Überforderung führen.“

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Schulschließungen als letztes Mittel?

Die Zunahme der Bildungskluft und der Rückgang der Gefährdungsmeldungen unterstreicht die Bedeutung eines geregelten Schulbetriebs und die Wichtigkeit der Pädagogen mit Blick auf das bildungspolitische und gesundheitliche Wohl der Kinder. Die Frage, welchen Einfluss Kinder auf das Infektionsgeschehen haben und ob Schulschließungen gerechtfertigt sind, ist daher nicht isoliert zu beantworten. Während im März nahezu Einigkeit darüber bestand, dass die Schließung von Schulen die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen und verlangsamen würde, zeigt eine aktuelle Studie, dass Maßnahmen wie Social Distancing einen weitaus größeren Effekt auf die Eindämmung des Virus hatten als die Schulschließungen.

Fest steht bisher: Kinder können sich mit dem Coronavirus infizieren. Kinder können auch an COVID-19 erkranken. Und Kinder können auch andere mit dem Coronavirus anstecken. In welchem Ausmaß sie sich infizieren, erkranken und andere anstecken, ist dagegen bislang wissenschaftlich noch nicht eindeutig beantwortet. Es ist also unklar, inwiefern Schulöffnungen aus virologischer Sicht tatsächlich ein Problem darstellen. Klar ist dagegen, dass viele Kinder unter den Schul- und Kindergartenschließungen und dem eingeschränkten Betrieb massiv gelitten haben und die Ungleichheit zwischen Kindern, die zu Hause Unterstützung erhielten, und Kindern aus sozial benachteiligten Familien, die auf sich allein gestellt waren, zugenommen hat, wobei das gesamte Ausmaß der negativen sozialen und bildungspolitischen Auswirkungen noch nicht bekannt ist. All das gilt es ab Herbst zu berücksichtigen, wenn sich das Coronavirus in Österreich wieder ausbreiten sollte und Schulen oder Betreuungseinrichtungen Verdachtsfälle oder infizierte Kinder melden. Eines sollte dabei besonders beachtet werden: Schulschließungen sollten nicht eine der ersten Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie sein, sondern das letzte Mittel der Wahl. 

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