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Bild: Christian Jungwirth | Addendum
Offener Brief an den Gesundheits­minister
29. Mai 2020 Coronavirus Lesezeit 6 min
Martin Sprenger unterzieht die Aussage „Es wurden die richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt gesetzt“ einem Faktencheck.
Martin Sprenger
Public-Health-Experte und ehemaliges Mitglied des Expertenbeirats im Gesundheitsministerium

Offener Brief von Martin Sprenger an Niki Popper, Herwig Ostermann und Rudolf Anschober

Sehr geehrter Bundesminister Anschober, lieber Herwig, lieber Niki,

nachdem ich den Standard-Artikel „Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt gesetzt“ gelesen und mir die Pressekonferenz angeschaut habe, kann ich nicht anders, als im Sinne einer konstruktiven wissenschaftlichen Debatte darauf zu reagieren. Auch auf die Gefahr hin, etwas zu lange zu werden, möchte ich trotzdem jede der getroffenen Aussagen hinterfragen und zur Diskussion stellen. Auch im Kontext der Kriterien für gute Gesundheitsinformationen.

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Aussage 1: Die Maßnahmen wurden zum richtigen Zeitpunkt gesetzt.

Diese Aussage ist richtig. Was nicht gesagt wird, ist, dass der Zeitpunkt reiner Zufall war. Maßgeblich entscheidend für den Zeitpunkt waren die Bilder aus der Lombardei, die Warnungen aus Skandinavien, die Nachfragen aus der EU, die Geschehnisse in Ischgl, der Druck aus Tirol, aber auch die schon stattgefundenen Wirtschaftskammerwahlen, und natürlich auch Modellierungen, die mit geschätzten Parametern den Kollaps des Gesundheitssystems prophezeiten.

Aussage 2: Man befinde sich derzeit in einem „Präventionsparadoxon“.

Diese Aussage ist falsch. So wie bei Therapien auf der Behandlungsebene muss auch bei Public-Health-Maßnahmen der Nutzen immer größer sein als der Schaden. Jede Präventionsmaßnahme kann schaden oder nutzen. Auch wenn eine Gesamtbilanz noch aussteht, ist der gesundheitliche, psychische, soziale und ökonomische Schaden in unseren Gesellschaften enorm und hat die soziale Ungleichheit vergrößert. Der Nutzen des Lockdowns müsste somit ebenfalls enorm sein, damit die Nutzen-Schadens-Bilanz passt. Eine Eskalation der Angst und weitere Verschärfung der präventiven Maßnahmen stand ab Anfang April nicht mehr in Relation zu dem damit erzielten Nutzen. Spätestens ab Anfang April hätte die Regierung alles tun müssen, um mittels Gesundheitsfolgenabschätzungen den gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schaden, insbesondere in vulnerablen Gruppen, so gut wie möglich zu minimieren. Das hat sie nicht gemacht. Der Schaden der präventiven Maßnahme wurde größer als der Nutzen. Das Präventionsparadoxon wurde mit Anfang April ungültig.

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Aussage 3: Das Szenario der Überforderung des Gesundheitssystems.

Diese Aussage ist falsch. Zu einer Überforderung des österreichischen Gesundheitssystems wäre es auch ohne Lockdown nicht gekommen. Allerdings zu einem höheren Erkrankungs- und Sterbegeschehen. Jetzt noch immer von einer möglichen Überforderung des österreichischen Gesundheitssystems zu sprechen, ist unseriös und falsch. Außerdem kommt es immer darauf an, wer an COVID-19 erkrankt. Nur ein sehr kleiner Anteil der Erkrankten muss stationär versorgt werden.

Aussage 4: Der Lockdown hätte nicht zu lange gedauert.

Die Aussage ist weder falsch noch richtig. Vor allem die Absage von Großveranstaltungen, die Verringerung der Kontaktzahl schon vor dem Lockdown und verbesserte Hygienemaßnahmen haben das Infektionsgeschehen deutlich verlangsamt. Der Lockdown hat zusätzlich bewirkt, dass Österreich rasch eine niedrige Anzahl von täglichen Neuinfektionen hatte. Bewegung im Freien zu untersagen, war weder wissensbasiert, noch hat die Zwangsquarantäne das Infektionsgeschehen günstig beeinflusst. Eher das Gegenteil ist der Fall, und die unerwünschten Nebenwirkungen aufgrund des überlangen Lockdowns, v.a. bei Kindern, waren sicher beträchtlich. In manchen Einrichtungen, z.B. Behindertenwohnheimen, dauert der Lockdown bis heute an. Was ethisch eine unnötige und massive Verletzung der Menschenrechte und medizinisch eine Katastrophe darstellt.

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Aussage 5: Es wurden die richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt gesetzt.

Diese Aussage ist in Bezug auf die Wortwahl und Eskalation am 30. März, sowohl in der Pressekonferenz, als auch in der ZIB Spezial falsch. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass der Peak erreicht ist und bis Ostern die effektive Reproduktionszahl unter 1 fällt. Eine Deeskalation zum richtigen Zeitpunkt hätte die gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schäden deutlich reduziert. Die unnötigen Ängste in den Köpfen von Menschen werden noch Monate, wenn nicht jahrelang andauern.

Aussage 6: Hätte man sich dazu entschlossen, sieben Tage später zu reagieren, hätte das zum Höhepunkt der Pandemie Ende März 40.000 Coronavirus-Infizierte bedeutet.

Diese Aussage ist eher falsch. In der Schweiz (8,6 Millionen EW) gab es nie Ausgangssperren, trotzdem ist die Zahl der offiziell Infizierten nicht auf mehr als 30.000 angestiegen. In Schweden (10,2 Millionen) gab es keinen Lockdown, und die Zahl der offiziell Infizierten hat die Zahl 40.000 bis heute nicht erreicht. Mit Sicherheit hätte es eine höhere Anzahl an Infizierten bedeutet, aber 40.000 ist ein Schätzwert, der von vielen anderen Parametern beeinflusst wird. Wir wissen heute, dass ein Großteil der Infektionen von wenigen Menschen in ganz bestimmten Kontexten erfolgt. Diese Kontexte waren in Österreich schon Mitte März erfolgreich eliminiert.

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Aussage 7: Statt der realen rund 250 wären laut der Berechnung nur sieben Tage später mehr als 1.000 Intensivbetten benötigt worden. Hätten wir nicht frühzeitig reagiert, hätte es dazu geführt, dass wir bis an die Grenzen der Möglichkeiten gegangen wären.

Diese Aussage ist irreführend. Die Zahl der benötigten Intensivbetten hängt direkt mit den Charakteristika der infizierten Personen zusammen. Wenn sich vor allem gesunde unter 65-jährige Personen infizieren, dann werden fast keine Intensivbetten benötigt. Es hängt also immer davon ab, wie gut die Hochrisikogruppen geschützt werden.

Aussage 8: Wären Geschäfte und Schulen bereits am 1. April voll hochgefahren worden, „wäre die Post wieder abgegangen“.

Diese Aussage ist irreführend. Niemand hat jemals gefordert, die Geschäfte und Schulen bereits am 1. April wieder zu öffnen. Eine stufenweise Öffnung am 14. April hätte das Infektionsgeschehen wahrscheinlich genauso wenig negativ beeinflusst wie eine spätere Öffnung. Der gesundheitliche, psychische, soziale und ökonomische Schaden wäre aber deutlich geringer.

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Aussage 9: Das gemeinsame Reduzieren von Freizeitkontakten war enorm wichtig. Zum Höhepunkt der Pandemie seien diese Kontakte um rund 90 Prozent verringert worden. Wären die Kontakte nur um 50 Prozent reduziert worden, wäre die Kurve weiter angestiegen.

Diese Aussage ist falsch. Es ist falsch zu behaupten, dass die Kurve weiter angestiegen wäre. Der Peak hätte sich höchstens um ein paar Tage verschoben. Richtig ist, dass durch eine Reduktion der Kontakte um 90 Prozent das Infektionsgeschehen wahrscheinlich rascher zurückgegangen ist als bei einer Reduktion um 50 Prozent. Auch das Erkrankungs- und Sterbegeschehen wurde dadurch wahrscheinlich etwas reduziert.

Aussage 10: Jede Stunde, die auf der Suche nach Ansteckungen eingespart wird, helfe. Je kürzer die Reaktionszeit, desto mehr Lockerungen könne Österreich aushalten. Je schneller wir sind, desto besser. Nach Auftreten erster Symptome solle die Hotline 1450 angerufen werden. Bei einem Verdachtsfall solle es nur 24 Stunden dauern, bis der Test, und weitere 24 Stunden, bis das Ergebnis vorliegt.

Die Aussage ist richtig. Mit dem neuen Ziel der Unterdrückung des Infektionsgeschehens braucht es eine kluge Test- und Monitoringstrategie. Ob dieser Weg langfristig der bessere ist, hängt von vielen noch unklaren Parametern ab. Einer davon ist der Zeitpunkt, wann eine effektive, sichere und leistbare Impfung in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Das weiß heute noch niemand.

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Aussage 11: Das Virus ist nicht auf Urlaub gefahren, es ist nicht weg aus Österreich, sondern nach wie vor da.

Diese Aussage ist richtig. Sie gilt aber auch für alle anderen, zum Teil ebenfalls sehr ernst zu nehmende Viren und nosokomialen, im Gesundheitsbereich erworbene Infektionen. Nur auf diese wird nicht getestet oder gibt es kein Dashboard. Auch alle anderen Gesundheitsrisiken, die zu einer vorzeitigen Behinderung oder vorzeitigem Tod führen, fahren niemals auf Urlaub. Das sollte ein Gesundheitsminister wissen und ebenfalls immer betonen.

Solche Inszenierungen und Beschönigungen wie bei der gestrigen Pressekonferenz helfen niemandem. Es ist vieles gut gelaufen in Österreich, darauf können wir stolz sein. Es ist aber auch vieles schlecht, manches sogar katastrophal schlecht gelaufen. Das sollten wir beim nächsten Mal besser machen. Nur eine ausgewogene Darstellung hilft uns, gemeinsam zu lernen und uns zu verbessern. Ohne Daten kann keine wissenschaftliche Aufarbeitung stattfinden und keine Gesamtbilanz gezogen werden. Jede Message Control schadet unserer Gesellschaft. Warum die Grünen und viele Wissenschaftler dabei mitspielen, verstehe ich nicht.

Erklärt es mir, ich würde es wirklich gerne wissen – Danke!

LG – Martin Sprenger, unabhängiger Public Health Experte, Graz 

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