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Warum die Rückkehr zur Maskenpflicht übertrieben ist
21. Juli 2020 Coronavirus Lesezeit 9 min
Die Regierung hat heute wieder die Einführung der bundesweiten Maskenpflicht im Supermarkt und in Bank- und Postfilialen verkündet. Die „magische Zahl an Neuinfektionen“ sei überschritten, sagte Kanzler Kurz. Dabei zeigt der Blick auf das Infektionsgeschehen: Corona ist in Österreich gut unter Kontrolle.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Coronavirus und ist Teil 100 einer 104-teiligen Recherche.
Bild: Ronald Zak | AP

Über das Für und Wider der Maskenpflicht wird seit Beginn der Corona-Pandemie heftig gestritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) änderte erst Anfang Juni ihren Standpunkt zum Tragen von Schutzmasken von Skepsis hin zu einer klaren Empfehlung. Zuvor war die Haltung der WHO, dass nur Kranke sowie medizinisches und Pflegepersonal Masken tragen sollten.

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Bis heute gibt es allerdings keine wissenschaftliche Einigkeit über ihren Einfluss auf das Infektionsgeschehen. Die Corona-Datenbank der WHO, die aktuell rund 44.000 Studien und wissenschaftliche Artikel umfasst, enthält 577 Arbeiten, die sich mit Nutzen und Risiken des Mund-Nasen-Schutzes auseinandersetzen. Während viele Studien zu dem Ergebnis kommen, die Maskenpflicht können zu einer Verlangsamung des Infektionsgeschehens beitragen, gibt es zahlreiche andere, die zu deutlich pessimistischeren Einschätzungen kommen.

Für Aufsehen sorgte Mitte Juni eine Forschungsarbeit, in der die Autoren die Behauptung aufstellten, das Maskentragen sei wirksamer als das Einhalten der Abstandsregeln. Zahlreiche Wissenschaftler bezeichneten die Studie als „zutiefst fehlerhaft“ und forderten, dass die Veröffentlichung zurückgezogen wird.

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Bild: Patrick Semansky | AP

Trotz der berechtigten Skepsis hat sich in den meisten Ländern eine Mehrheit gebildet, die das Tragen von Masken im öffentlichen Raum befürwortet. Mittlerweile setzen sogar die weltweit prominentesten Maskengegner US-Präsident Donald Trump und sein brasilianischer Amtskollege Jair Bolsonaro auf den Mund-Nasen-Schutz – wenngleich wohl überwiegend, um in der Gunst der Wähler nicht weiter abzurutschen.

In Österreich hat sich die SPÖ an die Spitze der Masken-Befürworter gesetzt. Parteichefin Pamela Rendi-Wagner forderte vor drei Wochen die Verteilung von Gratis-Masken vor Supermärkten und anderen zentralen Orten des öffentlichen Raums. Laut einer aktuellen Umfrage von Research Affairs befürworten 59 Prozent der Österreicher eine Rückkehr zur Maskenpflicht.

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Maske als Symbol

Nach Aussage des Infektiologen Franz Allerberger von der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) habe die Wiedereinführung der Maskenpflicht in Supermärkten vor allem einen psychologischen Effekt. Allerberger stand der Maßnahme schon im April skeptisch gegenüber, warnte vor einem falschen Gefühl von Sicherheit und sogar einer erhöhten Infektionsgefahr bei falscher Anwendung der Masken.

Tatsächlich gibt es in Österreich bis heute keine einzige COVID-19-Infektion, die sich auf einen Supermarkt zurückführen lässt – weder während der Phase der Maskenpflicht vom 6. April bis 15. Juni noch davor oder danach.

Wenig Verständnis für eine generelle Rückkehr zur Maskenpflicht hat auch Andreas Sönnichsen vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien.

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Andreas Sönnichsen
Leiter der Abteilung für Allgemeinmeinmedizin der MedUni Wien und Vorsitzender des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

„Die Maske ist dort effektiv, wo viele Menschen auf engstem Raum zusammenkommen, zum Beispiel in der U-Bahn in der Rush Hour. Wenn ich aber am Montag in der Früh um halb acht zum Supermarkt gehe, ist dort kein Mensch. Wozu brauche ich dann eine Maske? Wenn ich am Freitagnachmittag in den Supermarkt gehe und da stehen 50 Leute an der Kasse und drängen sich in den Gängen, dann ist es wahrscheinlich sinnvoll, dass man die Maske trägt.“

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Studie sieht Maske als Belastung

Eine gestern vorgestellte Studie des Universitätsklinikums Leipzig kommt zudem zu dem Ergebnis, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes die körperliche Belastbarkeit gesunder Menschen erheblich vermindert. Vor allem bei körperlich anstrengender Arbeit stelle die Maske eine Belastung dar und führe zu einer merklichen Beeinträchtigung des Wohlbefindens. Die Studienautoren halten zwar das Tragen eines Mund-Nasen-Schutz für richtig, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu verhindern, „aber wir zahlen halt einen Preis dafür“.

Fraglich ist jedoch, ob die Entwicklung des Infektionsgeschehens in Österreich die Wiedereinführung der Maskenpflicht rechtfertigt.

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Infiziert oder erkrankt?

Täglich verkündet das Gesundheitsministerium neue Zahlen Coronavirus-Infizierter in Österreich. Bis heute wird nicht zwischen jenen Personen unterschieden, die als offizieller Corona-Fall Eingang in die Statistik finden, und jenen Personen, die auch tatsächlich an COVID-19 erkranken. Zwischen Infizierten und Erkrankten wird nicht unterschieden.

Dabei wäre genau diese Zahl für unseren Umgang mit der Pandemie entscheidend. Denn wenn das damalige Mantra von Regierung und Behörden – man müsse verhindern, dass das Gesundheitssystem überlastet werde – weiter Gültigkeit besitzt, dann ist es mehr als eine statistische Unschärfe, nicht zu wissen, wer in welcher Form an einer Corona-Erkrankung laboriert. Bekannt ist allerdings lediglich, wie viele Menschen in Österreich nach einer Corona-Erkrankung hospitalisiert werden, und wie viele intensivmedizinische Behandlung benötigen.

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„Die Zahlen am Dashboard sind zu hoch“

Auf dieses Problem weist auch Andreas Sönnichsen, der Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin an der Medizinischen Universität, hin: „Rund ein Prozent der Tests sind falsch-positiv, daraus erschließt sich, dass die Zahlen am Dashboard viel zu hoch sind und umso höher werden, je mehr Tests durchgeführt werden.“

Aus diesem Grund spricht sich der Mediziner auch gegen eine undifferenzierte Ausweitung der Tests aus. Man solle nur dort testen, wo es Fälle gibt, wo es entsprechende Arbeitsbedingungen gibt, wo die Menschen Symptome haben. „Die Strategie der Bundesregierung und leider auch vieler Mediziner ist: testen, testen, testen. In der Allgemeinpraxis soll jeder getestet werden, der einen Schnupfen hat. Wo soll denn das hinführen, wenn wir im Herbst tatsächlich wieder die erste Erkältungswelle kriegen? Dann müsste man ja jeden Tag 50.000 testen und bekommt entsprechend mehr falsch Positive dabei“, warnt Sönnichsen.

Man dürfe jetzt nicht einfach wild ins Blaue testen und Tausende von Tests machen, sondern muss schauen, ob jemand wirklich Corona-typische Symptome hat. Die Gefahr, dass das Virus überhandnimmt und es zu einer zweiten Welle kommt, hält Sönnichsen für äußerst gering.

„Das Coronavirus ist nicht so gefährlich wie ursprünglich gedacht, und wir wissen nun besser, wie man die Patienten behandeln muss, um schwere Verläufe und Todesfälle zu verhindern. Ähnlich wie bei Grippe, Lungenentzündungen und vielen anderen Erkrankungen, deren Existenz wir einfach hinnehmen und die auch Todesopfer fordern, müssen wir anfangen zu akzeptieren, dass es nun auch noch COVID-19 gibt, und dass Menschen daran sterben. Natürlich muss es wie bei allen Erkrankungen unser Ziel sein, Todesfälle zu verhindern, aber die derzeitige Strategie kostet uns als Bevölkerung mehr gesunde Lebensjahre, als COVID-Tote gerettet werden.“

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Wie verlässlich sind die Tests?

Für Diskussion sorgt seit Ausbruch der Pandemie aber nicht nur die Test-Strategie, sondern auch die Zuverlässigkeit der Tests.

Grundsätzlich können die Tests zwei mögliche Fehler erzeugen: Sie können Gesunde fälschlicherweise als infiziert erkennen und umgekehrt. Die Sensitivität gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass Infizierte auch als solche erkannt werden, die Spezifität hingegen die Wahrscheinlichkeit, dass Gesunde richtig diagnostiziert werden.

Experten weisen darauf hin, dass gerade bei einem geringen Anteil Infizierter, einer kleinen Anzahl von Getesteten und einer nicht repräsentativen Auswahl der Probanden die Fehlerquote der vorhandenen Testverfahren steigt. Eine geringe Prävalenz, also die Häufigkeit, mit der eine Krankheit in der Bevölkerung vorkommt, wirkt sich also stärker auf die Zahl der falsch positiv Getesteten aus.

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Es gibt verschiedene Arten zu testen, ob jemand Corona hat. Der übliche Test derzeit ist ein PCR-Test, das steht für polymerase chain reaction. Er basiert darauf, dass jedes Virus Erbgut in Form von RNA bzw. DNA hat, wie der Mensch. Daran kann man es identifizieren und feststellen, ob es SARS-CoV-2 ist.

Zuerst nehmen Ärzte eine Sekretprobe aus Nase und Rachen, denn darin sind Viren enthalten, wenn jemand infiziert ist. Als Nächstes müssen Labormitarbeiter das Erbgut der Erreger vervielfältigen. Das geschieht mithilfe eines Enzyms, der Polymerase. Dann vergleichen sie das Erbgut mit bekannten Erbgutschnipseln – in diesem Fall mit der DNA von SARS-CoV-2, die bekannt ist.

Die Sensitivität ist der Prozentsatz, mit dem eine erkrankte Person als positiv getestet wird. Ein Test mit einer Sensitivität von 98 Prozent identifiziert 98 von 100 Infektionen – und zwei nicht.

Die Spezifität ist der Prozentsatz, zu dem nicht infizierte Personen als gesund erkannt werden. Ein Test mit einer Spezifität von 95 Prozent liefert bei fünf von 100 Gesunden ein falsch positives Ergebnis.

Viele Fälle falsch positiv

Das Risiko, dass wir im Moment Corona-Infizierte übersehen, hält Andreas Sönnichsen für gering. Deutlich relevanter sei derzeit der diagnostische Fehler, dass ein Test positiv ausfällt, obwohl der Patient nichts hat.

„Das passiert, weil Proben verunreinigt sind, Patienten vielleicht andere Coronaviren haben, auf die der Test auch anspringt, weil das Labor einen Fehler gemacht hat, oder aber weil Proben vertauscht wurden. Aus Laborleistungstests wissen wir, dass bei 98,5 Prozent der Gesunden der Test ein richtiges (negatives) Ergebnis bringt, bis zu etwa 1,5 Prozent sind falsch positiv – das heißt, sie liefern ein positives Testergebnis, obwohl der Patient kein Corona hat.“

Bundesweit gibt es aktuell im 7-Tages-Durchschnitt rund 7.500 Tests pro Tag. Seit dem Ende der Maskenpflicht ist hier zu beobachten, dass vermehrt Tests durchgeführt werden. Die vom Gesundheitsministerium publizierten Zahlen müssen aber mit Vorsicht interpretiert werden. Sie sind eine Untergrenze. Im Verlauf der Pandemie kam es bereits mehrfach zu „Nachmeldungen“ von kleineren Labors. Zuletzt meldete etwa Tirol rund 45.000 neue Tests an einem Wochenende nach. Ebenso war es Anfang April, als Gesundheitsminister Rudolf Anschober bekannt gab, dass es rund 92.190 Testungen in Österreich gab. Das Gesundheitsministerium selbst wies auf seiner Website nur 56.000 Testungen aus.

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Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn wies Forderungen nach einer deutlichen Ausweitung der Testkapazitäten zurück. In einem Interview mit der ARD am 14. Juni mahnte er, nicht „zu umfangreich“ zu testen: „Wenn insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runtergeht und und Sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben Sie auf einmal viel mehr falsch Positive als tatsächlich Positive.“

Auch das Deutsche Ärzteblatt warnt vor falschen Testergebnissen und dem Anschein der Genauigkeit: „Die weltweit verwendeten PCR-Tests auf SARS-CoV-2 sind selbst unter definierten Laborbedingungen nicht alle (gleich) zuverlässig.“ Das British Medical Journal bietet auf seiner Website eine interaktive COVID-19-Simulation an, wo man sehen kann, wie sich die Test-Spezifität und -Sensitivität und die Vortestwahrscheinlichkeit auf die Testergebnisse von 100 Personen auswirken. Je nach Vortestwahrscheinlichkeit kommt es zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.

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Trotz alledem hat die Regierung am heutigen Dienstagnachmittag weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus bekannt gegeben. So ist ab Freitag im Supermarkt, in Bank- und Postfilialen wieder ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Von einer evidenzbasierten Entscheidung lässt sich beim Blick auf das Infektionsgeschehen und den vielen potenziell falschen Testergebnissen nicht sprechen. 

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