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Schieben wir zu viele Operationen auf?

Die Spitäler leeren ihre Betten, um für mögliche Corona-Patienten gerüstet zu sein. Die Leidtragenden sind alle anderen Patienten, deren Operationen und Behandlungen als „aufschiebbar“ gelten.

26.03.2020
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Sowas habe ich noch nie erlebt und ich hoffe, es nicht mehr erleben zu müssen“, sagt Walter Hasibeder. Der Intensivmediziner arbeitet im Tiroler Krankenhaus Zams, wo rund 40 Patienten liegen, die entweder positiv auf das Coronavirus getestet wurden oder wo aufgrund der Symptome der dringende Verdacht besteht, dass sie infiziert sind. Im OP und in der Intensivstation herrscht Schichtbetrieb. Jedes Mal, wenn Hasibeder dorthin muss, zieht er seine Schutzkleidung an; durch die Spezialmaske, erzählt er, bekommt man nicht wirklich gut Luft. „Aber die wahren Helden sind die Pfleger, die arbeiten den ganzen Tag in dieser Schutzkleidung“, sagt er.

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System im Notfallmodus

Zams in Tirol ist ein COVID-19-Schwerpunktspital, ganze Abteilungen sind dort für diese Patienten abgestellt. Abseits von COVID-19 „machen wir nur Notprogramm“, erzählt Intensivmediziner Hasibeder. Aber nicht nur Zams, Österreichs gesamtes Gesundheitssystem ist im Notfallmodus. Alle aufschiebbaren Operationen und Behandlungen werden gestrichen, die Spitäler versuchen so viele Betten wir möglich freizubekommen – um sich auf einen möglichen Andrang der Corona-Patienten vorzubereiten.

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Entscheidung des Arztes

Was „aufschiebbar“ genau bedeutet, liegt im Ermessen der jeweiligen Ärzte. Als Richtlinie gilt laut Jutta Oberweger, Pressesprecherin der oberösterreichischen Gesundheitsholding: „Wir haben die Kapazitäten auf ein notwendiges Muss heruntergefahren. Keine Hüft-, keine Knie-OPs, solange der Patient nicht unerträgliche Schmerzen hat. Durchgeführt werden onkologische Eingriffe, Not- und Unfälle.“ Wie viele Operationen das betrifft, verdeutlicht das Beispiel des Klinikums Klagenfurt: Dort werden aktuell nur 30 statt 150 Operationen täglich durchgeführt. In Oberösterreich gibt es derzeit eine Auslastung der Spitalsbetten von rund 40 bis 50 Prozent; auch die Steiermark meldet, die Hälfte der Spitalsbetten freigemacht zu haben.

Um zu verstehen, wie massiv das Gesundheitssystem heruntergefahren wurde, lohnt sich ein Vergleich mit dem Jahr 2018: Da waren im März österreichweit durchschnittlich 82 Prozent der Spitalsbetten ausgelastet. Die Anzahl der Patienten wurde also teilweise bis auf fast die Hälfte reduziert. Derzeit in vielen Fällen nicht wegen der hohen Zahl an Corona-Fällen, sondern in Vorbereitung auf den Ansturm – aktuell sind 11 Prozent der Infizierten in Spitälern, 1,6 Prozent in Intensivstationen. In absoluten Zahlen sind von den 2.500 Intensivbetten sind derzeit 90 von Corona-Patienten belegt, 540 der 5.560 Corona-Erkrankten insgesamt (Stand 25.3., 15 Uhr) sind im Spital. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 ist Österreich auf Platz drei im europäischen Vergleich, was die Dichte an Intensivbetten angeht. Hierzulande gibt es laut einer Studie aus dem Jahr 2012 21,8 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, Italien lag bei 12,5, das ebenfalls stark betroffene Spanien sogar nur bei 9,7. Als die Lombardei mit rund zehn Millionen Einwohnern vor einem Kollaps ihres Gesundheitssystems warnte, lagen dort knapp über 800 Menschen in Intensivbetten.

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Wenn man nicht gerade ein Messer im Bauch stecken hat, wird man abgewiesen.
Onkologe Stefan Wöhrer

Leere Betten „schwer vertretbar“

Das rigide Vorgehen der Spitäler und der Politik stößt daher auch auf Kritik: „Ich finde es schwer vertretbar, jetzt leere Betten zu haben und sich auf Corona-Fälle vorzubereiten, die es noch nicht gibt“, sagt der Onkologe Stefan Wöhrer. Die Frage, welche Behandlungen und Operationen aufschiebbar sind, wird seiner Einschätzung nach aktuell oft falsch beantwortet. Er erzählt von einer Frau, die im Sterben liegt und vom Hospiz abgewiesen wurde. Von Patienten, die wegen des Verdachts auf Krebs Punktierungen brauchen und auf unbestimmte Zeit vertröstet werden. „Wenn man nicht gerade ein Messer im Bauch stecken hat, wird man abgewiesen“, sagt er.

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Viele Patienten leiden

Und außerdem: Es seien durchaus lebensnotwendige Operationen, die nun abgesagt werden. „Da sitzt jemand und hat einen wachsenden Krebs. Wenn man da als behandelnder Arzt nicht nachhakt, findet die Operation nicht statt.“ Auch die Nachbetreuung würde aktuell massiv leiden: „Patienten werden mit offenen Wunden entlassen, da wird es zu Infektionen und Komplikationen kommen. Wir lehnen uns jetzt aus dem Fenster unter der Annahme, dass die Corona-Fälle kommen werden, aber alle anderen Patienten haben eine Unterversorgung.“

Seine wahre Sorge betrifft aber die Zeit nach der Corona-Krise: „Die OP-Listen sind ja jetzt schon sehr lang. Das muss alles auf später verschoben werden. Wir sind am Limit angelangt.“

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Brauchen wir so viele Spitäler?

Das sehen nicht alle so. Für den Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer zeigen die aktuellen Ereignisse vor allem eines: „Das Gesundheitssystem ist grundsätzlich überausgestattet, deshalb konnten wir relativ rasch Kapazitäten freimachen.“

Er hofft, dass die Krise dazu genutzt wird, das Gesundheitssystem insgesamt zu überdenken: „Wir könnten den kurzzeitigen Stopp des Gesundheitssystems auch nutzen, die Indikationen zur Operation endlich besserzustellen. Also wir haben ja doppelt so viele Hüft- oder Knietransplantationen wie andere Länder. Wir sehen auch jetzt anhand der leeren Spitäler, dass wir ohne diese Spitäler auskommen.“

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Ob das wirklich stimmt, werden wohl die nächsten Wochen und Monate zeigen. Derzeit steigen die Zahlen der Corona-Infizierten immer noch um rund 20 Prozent pro Tag. In den nächsten beiden Wochen will etwa der Kärntner Krankenhausträger Kages entscheiden, wie lange Operationen aufgeschoben werden. Bis dahin heißt es warten. Für die Spitäler auf die Corona-Patienten – und für viele andere Patienten auf ihre Operationen und Behandlungen. 

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26.03.2020

Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Thomas Trescher

Thomas Trescher hat Publizistik und Politikwissenschaft in Wien studiert; war Chef vom Dienst beim Monatsmagazin Datum und stellvertretender Chefredakteur bei kurier.at. Außerdem hat er unter anderem für Geo, Die Zeit, Terra Mater und Falstaff geschrieben.

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