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Bild: Markus Gilliar | APA
Schule in Zeiten von Corona: „Die Kluft zwischen den Kindern wird größer“
29. März 2020 Coronavirus Lesezeit 7 min
Susanne Wiesinger gehört zu jenen Pädagogen, die noch immer einige Kinder betreuen. Wir haben sie gebeten, ihre Eindrücke der vergangenen Wochen zusammenzufassen. Was bedeutet die Corona-Pandemie für Lehrer und Schüler? Wie funktioniert der schulische Notbetrieb? Und: Was, wenn die Schulen bis zum Sommer nicht mehr öffnen?
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Susanne Wiesinger

Den Einstieg an meiner neuen Schule in Wien-Favoriten stellte ich mir wirklich anders vor. Genau in der Woche als beschlossen wurde, die Schulen zu schließen, übernahm ich die vierte Klasse einer, nicht an COVID-19, erkrankten Lehrerin. In der derzeitigen Lage war diese Schließung sicher die einzig sinnvolle Maßnahme. Schulen sind regelrechte „Virenschleudern“. Ich erinnere mich noch an die sogenannte Schweinegrippe. Ich unterrichtete nur mehr neun Schüler, bis es mich schließlich selbst erwischte. Damals wurden die Schulen nicht geschlossen. Die Situation war mit der jetzigen natürlich nicht zu vergleichen. Wie auch die beiden Erkrankungen nicht miteinander zu vergleichen sind.

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Landesweit sind alle Klassenzimmer – bis auf ein paar Ausnahmen für systemrelevante Betreuungsangebote – geschlossen. Bis Ostern sollen alle Kinder von den Eltern unterrichtet werden. Vermutlich wird diese Phase aber weiter verlängert. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat bereits angekündigt, dass die Schulen „deutlich länger“ geschlossen bleiben dürften.

Viele Informationen nur aus den Medien

Dieses Mal wurden die Maßnahmen sehr schnell und überstürzt getroffen. Informationen erhielten Leiter und Lehrer meist nur aus den Medien. Die Verantwortlichen in der Bildungsdirektion schienen, wie alle anderen, ebenfalls überfordert. Die Schulleiter handelten erstmals tatsächlich völlig autonom. Wobei sie sich ihre Autonomie wahrscheinlich anders vorgestellt hätten.

Für viele Eltern, Lehrer und Schüler kamen die Schulschließungen überraschend, die Vorbereitungen auf den zeitlich unbestimmten Heimunterricht verliefen vielerorts chaotisch. Innerhalb kürzester Zeit sollten Schulen einheitliche Übungshefte erstellen, Inhalte schulautonom festlegen und den Unterrichtsstoff entweder digital oder in Form von Arbeitsblättern vermitteln. In der Zeit des Heimunterrichts sollten alle Lehrer ihre Schüler weiterhin per Telefon, E-Mail oder über Chat-Gruppen begleiten. So lauteten die Vorgaben aus dem Ministerium und den Bildungsdirektionen.

Wir Lehrer erstellten also Arbeitsmappen für unsere Schüler, bevor diese in den Heimunterricht verschwanden. An allen Pflichtschulen wurde ein Betreuungsdienst eingerichtet. An meiner Schule benötigen nur wenige Kinder eine Beaufsichtigung, meist solche von alleinerziehenden Müttern, die in einem systemrelevanten Beruf arbeiten. Viele Mütter unserer Schüler sind jedoch zu Hause, oftmals sind dies auch die Väter. Die Lehrerinnen, sofern sie selbst keiner Risikogruppe angehören oder eigene Kinder betreuen müssen, wechseln sich in einem „Radldienst“ ab. An meiner Schule stört dies niemanden, im Gegenteil. Wir freuen uns, wenn wir uns vom Kopierer zum Gang miteinander unterhalten können.

In einigen Medien konnte ich Berichte über Lehrer, die via Internet und soziale Netzwerke mit ihren Schülern ständig in Kontakt stehen, lesen. Das betrifft Lehrer aus höheren Schulen, einigen Mittelschulen und Privatschulen. Ich gebe zu: Meine Einstellung zu Digitalisierung der Schulen, Tablets und Internetzugang für alle hat sich in den Wochen nach der Schulschließung erheblich verändert. Viele Schulen und Lehrer – mich eingeschlossen – haben hier großen Nachholbedarf. Das gilt nicht nur für Ausnahmesituationen wie diese, sondern generell.

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Zu Hause hilft niemand

Ein Erlebnis, das sich am Freitag vor der Schulschließung ereignete, brachte mich besonders zum Nachdenken. Schüler machten mich darauf aufmerksam, dass ein Mädchen der vierten Klasse mich gefilmt hätte. Sie versteckte ihr Handy unter einem Buch im Bankfach. Ich forderte sie auf, das sofort zu unterlassen. In der Pause zeigte sie mir allerdings, was sie aufgenommen hatte: Nämlich mich, wie ich eine Division mit zweistelligem Divisor erkläre. Sie meinte, sie könne sich Dinge einfach besser merken, wenn sie es sich noch einmal anhöre. Zu Hause hilft diesem Mädchen niemand bei ihren Aufgaben. Außerdem gestand sie mir: „Ich möchte nicht, dass die Schule zusperrt. Ich habe zu Hause keinen Platz und muss auf meinen kleinen Bruder aufpassen. Und der Mama helfen. Ich möchte aber ins Gymnasium.“

Mir blieb nichts anderes übrig, als einem zehnjährigen Mädchen die Gesetzeslage zu erklären: Heimliches Aufnehmen und Filmen ist verboten. Aber jeder Schüler könne sich per Mail bei mir melden. Das Problem ist allerdings: Die überwiegende Mehrheit der Eltern an Brennpunktschulen hat keine Mailadresse oder gibt diese nicht bekannt. Ihre Handys mit Spielen und Zugang zu sozialen Netzwerken sind die einzige Quelle an digitalen Medien, die unsere Schüler haben. „Ich habe kein Guthaben mehr“, hörte ich oft von NMS- Schülern, wenn sie ihre Handys nicht verwenden konnten. An Volksschulen sind die Schüler während des „Heimunterrichts“ noch weitaus mehr auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen als an Mittelschulen. In der Oberstufe hingegen scheint der Unterricht via Internet allerdings recht gut zu funktionieren.

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Shutdown vergrößert Kluft

Die Ausnahmesituation eines Shutdowns wird die Kluft zwischen Kindern, die sowohl finanzielle wie fachliche Unterstützung ihrer Eltern genießen, und jenen aus „Brennpunktschulen“ noch verstärken. Zurzeit gibt es Eltern, die feststellen, dass die Anforderungen für ihre Kinder in der Schule viel zu gering sind. Und es gibt Eltern, die ihre Einstellung zur Arbeit der Lehrer gerade ändern, da ihre Kinder die Mitarbeit konsequent verweigern. Und dann gibt es meine Schüler. Sie werden zu Hause nur wenig unterstützt, sicher aus unterschiedlichen Gründen. Tatsache ist, dass unsere Schüler oftmals nur in der Schule zum Nachdenken, Hinterfragen und Fragenstellen ermuntert werden. Sie erfahren dort, dass Konflikte auch mit Worten geregelt werden können.

Es wird allerdings auch eine Zeit nach Corona geben. Ich gehöre nicht zu den Anhängern der Theorie, dass Corona unsere Gesellschaft zum Besseren verändern wird. Was den Bildungsbereich betrifft, befürchte ich sogar, dass die Unterschiede noch deutlicher werden. Aber genau das könnte vielleicht eine Chance sein. Ich möchte die Hoffnung ja doch nicht aufgeben. Bildungspolitiker könnten danach endlich Maßnahmen einleiten, um die Situation dieser Kinder zu verbessern. Sozial schwache Familien mit Laptops und Internetzugang auszustatten, ist eine gute und sinnvolle Investition. Aber sicherlich keine Lösung für tieferliegende Probleme.

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Isolation wichtiger als Sicherheit der Kinder?

All die verschiedenen Realitäten, in denen Kinder aufwachsen, werden in diesen Wochen deutlicher als zuvor. Da mir, außer meinen eigenen Kindern, meine Schüler am meisten am Herzen liegen, sorge ich mich gerade jetzt besonders um sie. Offensichtlich hat auch Bildungsminister Heinz Faßmann an Kinder, die in beengten Wohnverhältnissen und schwierigen Familiensituationen leben, gedacht. Sonst hätte er nicht unlängst verkündet, dass – neben systemrelevanten Eltern – auch Kinder aus gefährdeten Familien zur schulischen Betreuung angemeldet werden könnten. Als Bildungsminister weiß er sicher, dass dies an vielen „Brennpunktschulen“ mehr als die Hälfte der Schüler betrifft. Würden diese Schüler nun eine Betreuung in der Schule brauchen, wäre der geforderte 2-Meter-Abstand zwischen Personen niemals einzuhalten. Viele Schulleiter waren daher äußerst verwundert über den Vorschlag aus dem Ministerium. Sie sind es nämlich, die sehr genau auf die Einhaltung aller Maßnahmen achten müssen.

Ich habe mich anfangs auch gewundert. Nach längerem Nachdenken verstand ich den Hintergrund dieser Äußerung allerdings besser. Sowohl im Bildungsministerium als auch in den Bildungsdirektionsdirektionen scheint es angekommen zu sein, dass viele Kinder und Jugendliche in angespannten und komplizierten Familienverhältnissen leben. In einer Ausnahmesituation, wie sie derzeit herrscht, könnte das rasch eskalieren, gerade im Ballungsraum Wien. Aus diesem Grund denkt Stadtrat Peter Hacker wohl auch an, die Spielplätze wieder zu öffnen. Die sozialen und gesellschaftlichen Probleme nach dem üblichen Motto „die Schule wird es schon richten“ kleinzuhalten, klappt derzeit nicht. Isolation scheint zurzeit wichtiger als die Sicherheit der Kinder in manchen Familien.

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Ende der Schulschließung ist nicht in Sicht

Dass an unseren Schulen nach Ostern wieder regulärer Unterricht stattfindet, ist eher unwahrscheinlich. Es gibt Signale aus der Bildungsdirektion Wien, die besagen, dass Wiener Pflichtschulen für alle Schüler Betreuung anbieten werden. Also auch für Kinder, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Diese unterschiedlichen Informationen erzeugen bei Eltern wie Lehrern Unsicherheit. Wenn mehr als zehn Kinder einer Klasse betreut werden müssen, ist es sinnvoller, gleich Unterricht zu machen. Natürlich müssen die Schüler im Heimunterricht weiterhin mit Materialien versorgt werden. Meine Kolleginnen und ich verschicken also auch nach Ostern Lernpakete mit der Post und hoffen, dass sie zurückgeschickt werden. Sofern dies möglich ist, beantworten wir Fragen unserer Schüler oder ihrer älteren Geschwister per Mail. Die Kollegen an Mittelschulen sind mit einigen Schülern über Lernplattformen vernetzt, leider nicht mit allen. Also schicken sie ebenfalls Lernpakte. Natürlich stellen wir Lehrerinnen uns derzeit die Frage: Wie können meine Schüler ihre Lerndefizite, die in einem halben Jahr selbstverständlich größer werden, je wieder aufholen? Für viele Schüler an Brennpunktschulen wäre es wahrscheinlich besser, das Schuljahr zu wiederholen. Für alle Kinder und Jugendlichen an Österreichs Schulen ist diese Maßnahme jedoch nicht nötig. Die Zeit, in der Bildungspolitiker intensiv gefordert sein werden, außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen, wird kommen. Momentan scheint es noch die Zeit der Virologen und Gesundheitspolitiker zu sein, nach deren Erkenntnissen wir uns auch an den Schulen richten müssen. Vor ein paar Tagen habe ich übrigens Lernpakete für die 25 Schüler per Post aufgegeben. Vielleicht melden sich einige von ihnen. Was mir keine Ruhe lässt: Ich würde so gern bei ihnen zu Hause vorbeischauen und einfach wissen, ob es ihnen gut geht. 

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