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Tut Öster­reich das Richtige?

Tut Öster­reich das Richtige?

30.März 2020 – von Stefanie Braunisch, Marlies Faulend, Luisa Fohn, Yasaman Hasani, Ralph Janik, Michael Mayrhofer, Thomas Trescher, Lilly Panholzer, Elisabeth Pfneisl und Andreas Wetz. 

Der Kampf gegen das Coronavirus ist längst auch ein Kampf um die wissenschaftliche und politische Deutungshoheit geworden. Wer hat das bessere Konzept? Wer liegt falsch? Gibt es Akteure, die womöglich sogar fahrlässig handeln?

Angebliche Querköpfe wie die Regierungschefs von Großbritannien und den Niederlanden, Boris Johnson und Mark Rutte, verließ schnell der Mut, als ihr Plan zur möglichst schnellen Durchseuchung der Bevölkerung (und damit dem raschen Aufbau einer sogenannten Herdenimmunität) sowohl von Medien als auch von Experten des Imperial College als gefährlich und fahrlässig kritisiert wurde. Selbst Schulen, regelrechte Brandbeschleuniger im Prozess der Ausbreitung eines Virus, sollten geöffnet bleiben. Sollten. Inzwischen lautet die öffentliche Darstellung so, dass Johnson (der inzwischen selbst positiv auf das Virus getestet wurde) und Rutte ihre Fehler eingesehen haben. Lautet die einzige Alternative also Selbstisolation?

„Brillanter“ Johnson-Plan?

So einfach und alternativlos ist es offenbar nicht. Zumindest die schwedische Regierung setzt nämlich weiter auf diese Methode. In einem aktuellen Beitrag rechnet der amerikanisch-griechische Epidemiologe John Ioannidis präzise vor, dass wir – weltweit – gravierende Entscheidungen treffen, obwohl wir – trotz einer vermeintlichen Fülle von Informationen über das neue Coronavirus – eigentlich nichts wissen. Schon gar nicht über die zu erwartende Todesrate. In Bezug auf den ursprünglichen Plan, die Schulen weiter geöffnet zu halten, schreibt der preisgekrönte, an der Stanford School of Medicine arbeitende Forscher: „Da keine Daten zum tatsächlichen Verlauf der Epidemie vorliegen, wissen wir nicht, ob diese Perspektive brillant oder katastrophal war.“

Die Frage, ob die österreichische Bundesregierung auf die richtige Karte setzt, hat deshalb nicht nur eine Antwort. Dies gilt genauso für eine Reihe weiterer Feststellungen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind: Ist unser Gesundheitssystem mit der Corona-Pandemie tatsächlich überfordert? Sind die Hoffnungen auf eine baldige Schutzimpfung berechtigt? Ist die annähernd bedingungslose Unterstützung der Regierung durch Opposition und Medien notwendig? Ist derzeit alles, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, verboten?

Mit der vorliegenden Veröffentlichung versuchen auch wir uns den bisher gelernten Zusammenhängen anzunähern und Ihnen eine Anregung für kritische Distanz zu geben. Aber womöglich gelten auch die Ergebnisse unserer Recherchen morgen schon nicht mehr.

Wir fragen daher: Tut Österreich das Richtige?

Ja, aber ...

Sind die Corona-„Blockwarte“ nicht auch eine Gefahr?

Zunächst entwickelten sich unter dem Eindruck der – teils drastischen – Maßnahmen der Regierung schnell Initiativen in der Bevölkerung, um sich gegenseitig zu unterstützen. Das Spektrum reicht von lokaler Nachbarschaftshilfe zur Alltagserledigungen für Risikogruppen über das Koordinieren von Freiwilligen durch große NGOs bis hin zum selbstorganisierten Not-Lieferservice von Gastronomiebetrieben, die ihre Gaststuben geschlossen halten müssen.

Gleichzeitig entstand jedoch auch eine „Kultur“ vermeintlich legitimer Denunziation. Ein Mechanismus, den der auf Massenphänomene spezialisierte Forscher und Psychologe Harald Haas als gefährlich bewertet.

Bereits unmittelbar nach Gültigkeit der bundesweiten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen (Montag, 16. März 2020) fanden sich (vor allem in sozialen Netzwerken) Bürger und auch Medien, die die Maßnahmen „überwachten“, ihre Einhaltung „kontrollierten“ und Personen bloßstellten, die die Regeln missachteten oder kritisierten. Haas schildert seine Beobachtungen dazu so: „Ein zutiefst gehässiges Denunziantentum hat begonnen sich zu zeigen und ungeniert jene zu verfolgen, die aus irgendwelchen Gründen heraus die behördlich verfügten Zwangsmaßnahmen nicht befolgen.“

Dieses Verhalten sei aus Sicht der Massenpsychologie erklärbar und habe das Potenzial, zum Selbstläufer zu werden. Massen entwickeln demnach eine eigene Identität, sind also mehr als die Summe ihrer Teile. Diese gemeinsame Identität, in der die Individuen – laut Haas ohne es selbst zu bemerken – aufgehen, schütze sie aber. „Massen“, sagt er, „müssen sich nach außen hin abschotten, um ihre Massenidentität zu bewahren.“ Aus einer inneren Logik heraus werde deshalb jede Art von Abweichlertum sanktioniert.

In einem Gespräch für die Addendum-Zeitung ging der Psychiater Otto F. Kernberg unter anderem auf negative Effekte der „Kultur der Gruppe“ ein. Zitat: „Man wird weniger intelligent, wenn man sich vollkommen mit einer Gruppe identifiziert.“ Warum? Das ganze Interview mit Kernberg finden Sie hier.

Öffentliche Facebook-Kritik mit Landkarte: Corona-„Shaming“ in Oberösterreich

Massenpsychologische Phänomene können demnach recht rasch gefährlich werden, denn: „Der Einzelne rutscht hinein und merkt es gar nicht“, sagt Haas. Das funktioniere vergleichsweise harmlos im Rahmen von Schlachtgesängen von Fußballstadien und ende im schlimmsten Fall in Auswüchsen, wie sie Europa während der NS-Zeit erlebte. „Massen“, sagt Haas, „deren Mitglieder ihre Individualität völlig aufgeben, begehen sogar schlimmste Verbrechen, für die sich deren Mitglieder nicht im Geringsten individuell verantwortlich fühlen. Die Masse mordet, nicht der Einzelne.“

Kann Einigkeit im Parlament nicht auch zum Problem werden?

Schwierige Situationen erfordern in der Regel rasches und geschlossenes Handeln. Ausführliche Parlamentsdebatten und die Berücksichtigung parteipolitischer Interessen in den Tiefen der Paragrafen von Krisengesetzen könnten das behindern. Dennoch: Eine Demokratie lebt auch vom Gleichgewicht der Kräfte, dem Wechselspiel zwischen Regierung, Parlament und Opposition. Vom gegenseitigen Widerspruch.

Was das bedeutet, das sprach am Sonntag den 15. März 2020 um 10.20 Uhr NEOS-Klubobfrau Beate Meinl-Reisinger am Rednerpult des Nationalrats an. Sie sagte: „Wir geben damit sehr viel Macht und somit auch Verantwortung in die Hände der Regierung.“ Wenig später stimmt sie mit allen anderen Repräsentanten der Bürger im Parlament dem COVID-19-Gesetzesvorschlag zu. Einstimmig.

Meinl-Reisingers kurzer Satz war jedoch eine der ganz wenigen mahnenden Äußerungen zum Maßnahmenbündel, das es der Regierung nun erlaubt, Ausgangsbeschränkungen oder Geschäftsschließungen zu verordnen.

Wie wichtig in der Demokratie auch nur geringfügige Meinungsverschiedenheiten sind, zeigt sich in den Details. Ein Beispiel: Im ursprünglichen Entwurf zum Maßnahmenbündel – eingebracht haben ihn die Klubobleute der Regierungsparteien, August Wöginger und Sigrid Maurer – hätte die Befugnis zum Festsetzen von Bevölkerung und Wirtschaft zeitlich unbefristet gegolten. Im Zuge der Debatte wurde dieses Machtinstrument zumindest mit einem Ablaufdatum (31. Dezember 2020) versehen.

Ursprünglich ebenfalls nicht vorgesehen war, der Volksvertretung Rechenschaft über die Auszahlung des mehrere Milliarden Euro schweren Hilfspakets abzulegen. Auch das wurde erst nach Kritik im Plenum beschlossen. Nun muss das in regelmäßigen Abständen geschehen.

Relevant ist das insbesondere deshalb, weil die Regierung nun enorme Mittel nach eigenem Ermessen vergeben kann, wenn Unternehmen wegen der Corona-Krise in finanzielle Nöte geraten. Im Gesetz steht nämlich ausdrücklich: „Auf die Gewährung von finanziellen Maßnahmen besteht kein Rechtsanspruch.“ Vergangene Woche zeigte ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian bereits auf, dass es erste Hinweise darauf gebe, dass sich vereinzelt Unternehmen ungerechtfertigt an den Sonderregeln bereichern.

Für Regierende erscheinen umfangreiche Befugnisse offenbar verlockend. Gesundheitsminister Rudolf Anschober sagte in einem Ö1-Interview auf die Feststellung des Moderators, „dass drastische Maßnahmen möglich sind, wenn es um viele Menschenleben geht“: „Ich freu’ mich darauf, dass wir dann die Klimakrise mit einer ähnlichen politischen Konsequenz angehen.”

Aber das ist noch nicht alles, so wurde das zweite COVID-19-Gesetz den Parteien zur Beratung übermittelt, noch bevor es fertig geschrieben war. Dabei ist ein schwerwiegender Fehler unterlaufen: Das Inkrafttreten einer Strafbestimmung wurde rückdatiert, das ist eigentlich verfassungswidrig. Warum der Bundespräsident das Gesetz dennoch unterzeichnet hat, lesen Sie hier . 

Ö1 Mittagsjournal, 14. 3. 2020

Interviewer:

Sie sind Bundesminister der Grünen. Am Coronavirus zeigt sich ganz gut, dass drastische Maßnahmen möglich sind, wenn es um viele Menschenleben geht. Bei der Erderhitzung, beim Feinstaub, geht es auch um viele Menschenleben. Warum, denken Sie, kommt es hier zu nicht so drastischen Maßnahmen, und vielleicht sogar zu überhaupt keinen Maßnahmen?

Rudolf Anschober:

Es ist wirklich beachtlich, dass es in kürzester Zeit geschaffene Gemeinschaft gegeben hat und gibt, die jetzt gemeinsam an der Umsetzung arbeitet. Und dass wir Dinge in die Wege geleitet haben, wo wahrscheinlich jeder vor einer Woche gesagt hätte, das ist unmöglich in Österreich. Dieses Denken werden wir beim Klimaschutz, bei der größten, globalen Krise die wir haben, genauso brauchen. Ich halte das für einen Lernprozess und ich freu’ mich darauf, dass dann, wenn wir die Corona-Krise gut überstanden haben, dass wir dann die Klimakrise mit einer ähnlichen politischen Konsequenz angehen.

Ist die Angst vor dem Virus wirklich berechtigt?

Es kommt darauf an, vor welchem Aspekt man Angst hat. So variieren die Angaben zur Sterberate durch Corona stark. In Italien etwa liegt sie aktuell bei rund 10 Prozent; in Österreich bei unter einem Prozent und in China bei rund 4 Prozent. Diese gravierenden Unterschied kommen zustande, weil nach unterschiedlichen Kriterien getestet wird.

Bislang gibt es nur wenige geschlossene Gruppen, die komplett getestet wurden. Eine davon waren Passagiere und Crew des Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“. Auf dem Schiff befanden sich insgesamt 3.711 Menschen, die alle getestet wurden. Das Ergebnis: 697 Menschen waren infiziert (19 Prozent), sieben Menschen starben. Die Sterberate lag bei einem Prozent.

Außerdem: Das Virus ist offenbar weniger tödlich für gesunde Menschen. Eine Studie aus Italien liefert dazu ein überraschendes Ergebnis. So ergab die Analyse von 481 Corona-Toten, dass fast alle an Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes litten und der größte Anteil über 80 Jahre alt war. Lediglich 1,2 Prozent der Personen ohne Vorerkrankungen starben eindeutig an COVID-19. (Die Zahlen im Video beziehen sich auf eine frühere Version dieser Studie)

Bei isolierter Betrachtung der vermuteten Sterberate von COVID-19 ist ein Vergleich mit der Influenza nicht weit hergeholt. Auch während der Grippewelle 2018 starben in Österreich etwa 400 Personen.

Die Gefährlichkeit des Coronavirus liegt vor allem in der Schnelligkeit, mit der sich das Virus ausbreitet. Wie man an den aktuellen Fallzahlen erkennen kann, wächst die Zahl der Infizierten exponentiell. Das heißt: Während es anfangs eine durchaus überschaubare Zahl an Infizierten gab, explodiert die Anzahl der Erkrankten ohne Eindämmung bereits nach wenigen Wochen. So hat es weltweit 67 Tage gedauert, bis die ersten 100.000 Infektionsfälle bestätigt waren, 11 Tage für die zweiten 100.000 und nur vier Tage für die dritten 100.000. Und aus China wissen wir: Bei rund 14 Prozent der COVID-19 Erkrankten zeichnet sich ein schwerer Verlauf ab. Mit der exponentiellen Ausbreitung des Virus entsteht auch rasch eine Überforderung des Gesundheitssystems.

Das heißt: Die Angst vor dem exponentiellen Wachstum ist berechtigt. Wird die Ausbreitung des Virus aber erfolgreich eingedämmt, ist die Sorge über eine hohe Sterberate von 10 Prozent unberechtigt.

Sind die Spitäler denn inzwischen wirklich vorbereitet?

Bislang ist die Auslastung der Spitäler überschaubar: Von rund 9.000 am Coronavirus Erkrankten werden 1.118 im Spital behandelt, 187 davon auf der Intensivstation. Die Spitäler sind dennoch im Pandemie-Modus: Alle aufschiebbaren Operationen und Behandlungen werden gestrichen, die Spitäler versuchen so viele Betten wie möglich freizubekommen – um sich auf die Corona-Patienten vorzubereiten. Was „aufschiebbar“ genau bedeutet, liegt im Ermessen der jeweiligen Ärzte.

Als Richtlinie gilt laut Jutta Oberweger, Pressesprecherin der oberösterreichischen Gesundheitsholding: „Wir haben die Kapazitäten auf ein notwendiges Muss heruntergefahren. Keine Hüft-, keine Knie-OPs, solange der Patient nicht unerträgliche Schmerzen hat. Durchgeführt werden onkologische Eingriffe, Not- und Unfälle. Letzten Endes liegt die Entscheidung beim Arzt.“ In Oberösterreich gibt es derzeit eine Auslastung der Betten von rund 40 bis 50 Prozent, normalerweise liegt sie bei rund 80 Prozent. Am Klinikum Klagenfurt werden aktuell nur noch 30 statt 150 Operationen durchgeführt.

Im Tiroler Krankenhaus Zams, das zum Corona-Schwerpunktspital ernannt wurde, liegen derzeit bereits rund 40 Patienten mit positivem Corona-Test oder begründetem Verdacht auf eine Infektion. Dort sind ganze Stationen für diese Patienten bereitgestellt, das Personal arbeitet in diesen Abteilungen mit komplettem Schutzanzug. „Sowas habe ich noch nie erlebt, und ich hoffe, es nicht mehr erleben zu müssen“, sagt der Intensivmediziner Walter Hasibeder. Italienische Verhältnisse befürchtet er aber nicht: „Denen sterben die Leute weg, bevor sie auf eine Intensivstation kommen.“

Die Zahl der Intensivbetten ist in Österreich weit größer als in Norditalien: Österreich hat knapp 2.500 Intensivbetten; in Italien gibt es rund 5.000. Als die Lombardei mit rund zehn Millionen Einwohnern vor einem Kollaps ihres Gesundheitssystems warnte, lagen dort knapp über 800 Menschen in Intensivbetten. Auf die Bevölkerung hochgerechnet, hat Italien weitaus weniger Kapazitäten zur Intensivversorgung. Ein größeres Problem könnte ein möglicher Personalmangel darstellen, wenn zu viel medizinisches Personal in Quarantäne muss.

Und eine vielleicht noch größere Herausforderung wird die Zeit nach der Corona-Krise: Durch den Aufschub aller nicht unmittelbar notwendigen Operationen wird es zu einem riesigen Rückstau an Operationen kommen. Das ist für die Krankenanstalten jetzt aber noch kein Thema: „Jetzt müssen wir erstmal Corona überstehen“, sagt Jutta Oberweger. 

Wird es wirklich schon bald Medikamente und Impfstoffe geben?

„Neues Medikament mildert CoV um 90 Prozent“, titelte der ORF Salzburg.

„Impfstoffentwicklung geht schnell voran“, schreibt N-TV.

Die Welt berichtet von rapiden Fortschritten in der Erforschung eines Vakzins.

Und das deutsche Ärzteblatt rechnet damit, dass schon im Herbst Zehntausende einen Corona-Impfstoff erhalten könnten.

Nachrichten, die in einer beängstigenden, weltweiten Krise Mut machen, aber mit Vorsicht zu genießen sind.

Ja, es wird Medikamente und Impfstoffe geben, aber schnell wird es nicht gehen.

Richtig ist, dass weltweit an Wirkstoffen geforscht wird , die einerseits COVID-19-Symptome lindern und Schwerkranken im besten Fall das Leben retten sollen. Andererseits wird mit potenziellen Vakzinen experimentiert, die Menschen vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützen sollen.

Die WHO listet derzeit 41 mögliche Impfstoffkandidaten, besonders vielversprechende klinische Studien werden bereits in China und den USA durchgeführt.

Allerdings ist die Entwicklung eines Arzneimittels ein langwieriger und komplexer Prozess .

Unter regulären Bedingungen dauert es etwa zwölf Jahre, bis ein neues Medikament auf den Markt kommen kann. Da es sich bei der gegenwärtigen Pandemie aber um eine Ausnahmesituation handelt, lockern die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA derzeit die Kriterien, um ein beschleunigtes Zulassungsverfahren zu ermöglichen.

Aber selbst dann müssen vielversprechende Substanzen, erst im Labor, dann an Tieren und schließlich in drei Phasen an Menschen getestet werden. Außerdem müssen die Forscher herausfinden, ob eine einmalige Gabe des Impfstoffs reicht oder ob man diesen nach einer bestimmten Zeit noch einmal verabreichen muss. Wenn dem so ist, wie lange ist dieser Zeitraum? Welche Dosis ist die passende?

Die Ergebnisse all dieser Studien müssen überprüft werden, damit das Medikament zugelassen werden kann. Letztlich muss das neue Arzneimittel auch noch in ausreichender Menge produziert werden. Und bei aller Eile muss in jedem Fall garantiert werden, dass ein Vakzin sicher ist, denn letztlich soll es später Millionen Menschen verabreicht werden. Nicht auszudenken, wenn es dann zu einer Vielzahl unerwünschter Nebenwirkungen kommen würde.

Die Frage, wann denn frühestens mit einem Impfstoff zu rechnen sei, beantwortet Mike Ryan, Chief Executive Direktor der WHO in einem BBC-Interview jedenfalls ganz klar: nicht vor 2021. 

Ist die Isolation aller Menschen wirklich der einzige Weg?

Unbestritten ist, dass sich eine Infektionskrankheit weniger schnell verbreitet, wenn Menschen weniger Kontakt zueinander haben. Für das neue Coronavirus gilt das besonders. Der Erreger ist nämlich außerordentlich ansteckend. Zum Vergleich: Ein „normaler“ Grippekranker gibt seine Viren im Schnitt an etwas mehr als eine Person weiter. Bei einem an COVID-19 Erkrankten sind es drei.

Und trotzdem: Isolation löst das Problem nicht. Im besten Fall wird es dadurch verzögert, um ein punktuelles Überfordern der Spitäler zu verhindern. Oder zumindest zu dämpfen. Es gibt jedoch auch Szenarien, in denen sich die negative Wirkung des Virus durch größtmögliche Isolation sogar verschlimmern könnte.

Die Regierungschefs von Großbritannien und den Niederlanden, Boris Johnson und Mark Rutte, wurden im In- und Ausland rasch dafür kritisiert, dass sie – ausschließlich oder hauptsächlich – auf das Mittel der sogenannten Herdenimmunität setzten (Schweden versucht das aktuell ähnlich). Stark vereinfacht formuliert, verfolgten sie die Strategie, dass sich möglichst viele Menschen rasch anstecken, denn: Wer die Krankheit einmal hatte, bekommt sie in der Regel kein zweites Mal. Dadurch kann sich das Virus nicht mehr weiterverbreiten.

Briten und Niederländer verfolgen inzwischen weitaus weniger radikale Ansätze als ursprünglich geplant. Wohl auch deshalb, weil das britische Imperial College in einer Studie festgestellt hat, dass das Setzen auf Herdenimmunität in jedem Fall auch Begleitmaßnahmen wie zum Beispiel die gezielte Verminderung sozialer Kontakte braucht.

In der Studie wird jedoch auch klar: Die Verzögerung der Virusausbreitung durch weitgehende Isolation allein verzögert Krankheits- und Todesfälle nur und verteilt sie auf einen längeren Zeitraum. Der Epidemiologe John P. A. Ioannidis geht noch einen Schritt weiter, kritisiert, dass auf Basis der nach wie vor schlechten Datenlage teils viel zu radikale Entscheidungen getroffen wurden, die womöglich noch mehr Opfer zur Folge haben könnten. Etwa wegen einer Unzahl aufgeschobener Operationen. Was also tun?

Julian Nida-Rümelin ist einer jener wenigen, die derzeit einen Ausweg ansprechen. Er lehrt Entscheidungstheorie und angewandte Ethik an der Universität München und sagt: Die wirklich Gefährdeten – alte und kranke Menschen – sollten sich mit Unterstützung der Gesellschaft ins „Nest“ zurückziehen. Die junge Bevölkerung könne sich dann vergleichsweise gefahrlos infizieren, die notwendige Herdenimmunität aufbauen und: wieder ins Wirtschafts- und Sozialleben zurückkehren. 

Warum legten viele dennoch Vorräte an?

In der Berichterstattung dominierten kritische Beiträge über sogenannte Hamsterkäufe. Gleichzeitig wurde betont, dass die Versorgung der Bevölkerung gesichert sei. Tatsächlich belasten wahllose Einkäufe die Logistik. Ein Beispiel: 430 Prozent mehr als in der gleichen Woche des Vorjahres – so groß ist der Verkaufszuwachs bei Toilettenpapier beim Handelsriesen Spar.

Trotzdem gab und gibt es gerade für Privathaushalte gute Gründe, gezielt – und nicht wahllos – Vorräte anzulegen. Denn: Die Versorgung mit Nahrungsmitteln scheint im Pandemie-Fall nicht so sicher zu sein, wie viele feststellten. Das geht aus einer Pandemie-Simulation aus Deutschland sowie aus Empfehlungen des österreichischen Zivilschutzverbandes hervor. Und bereits jetzt fehlt es in Handel und Landwirtschaft an Personal, das derzeit mit Hilfe von Freiwilligen und dem Bundesheer versucht wird zu ersetzen.

„Versorgung nicht in gewohnter Menge möglich“

„Die Versorgung mit Lebensmitteln ist nicht in gewohnter Menge und Vielfalt möglich.“ So steht es in einem Bericht an den deutschen Bundestag, der ein umfangreiches Planspiel zu einer Coronavirus-Pandemie zusammenfasst. Wegen krankheitsbedingter Personalengpässe kamen gleich mehrere Ämter und Ministerien Deutschlands im Jahr 2012 zu dem Schluss, dass sowohl in Produktion als auch in Verarbeitung und Verkauf mit zum Teil „erheblichen Auswirkungen“ zu rechnen sei. Die Schwäche des Ergebnisses in Bezug auf heute: Das fiktive Coronavirus, das für die Simulation angenommen wurde, ist nicht 1:1 mit dem aktuellen Erreger vergleichbar.

Ganz ähnlich bewertet der Zivilschutzverband aus Österreich die Folgen einer (diesmal Grippe-)Pandemie. Versorgungsengpässe seien wegen der Komplexität und Anfälligkeit von Lieferketten „unvermeidbar“. Hintergrund dafür sei u.a., dass viele Güter nicht mehr gelagert würden, sondern „just in time“ von der Produktion in die Regale kämen. Vorräte „für wenigstens zwei Wochen“ sind für den Zivilschutzverband daher eine „elementare Schutzmaßnahme“.

Dass die Experten mit ihren Bedenken zumindest nicht falsch liegen, zeigen aktuelle Nachrichten aus Landwirtschaft und Logistik. Und das, obwohl dort und im Lebensmittelhandel noch keine kritische Anzahl von Mitarbeitern an COVID-19 erkrankt ist. Wegen der geschlossenen Grenzen fehlen jedoch Tausende von Erntehelfern, die bisher zum überwiegenden Teil aus dem Ausland kamen. Die Ernte sei gefährdet, der Bauernbund warnte in drastischen Worten davor, dass Lebensmittel „am Feld verfaulen“ könnten. Inzwischen wird nach Freiwilligen gesucht. Der Lebensmittelhandel hat beim Bundesheer (bezahlte) Unterstützung angefordert: Mehr als 400 Soldaten helfen in der Logistik. In Deutschland berichtete ein Fachmagazin über erhebliche Probleme beim Nachschub („Nichts geht mehr“). 

Ist die Polizei bei der Ausgangsbeschränkung nicht doch zu streng?

Im Zuge der Coronavirus-Krise wurde der Aufenthalt im öffentlichen Raum grundsätzlich untersagt. Es gibt aber Ausnahmen. Was das im Einzelfall genau bedeutet, bleibt oft unklar. Auch die Polizisten haben keine konkreten Dienstanweisungen bekommen. Laut Innenministerium müssen Betroffene zur Not eben den Rechtsweg beschreiten.

Allgemein darf man aus fünf Gründen das Haus verlassen – bei Gefahren, zur Erledigung von Einkäufen des täglichen Bedarfs, um bedürftigen Menschen zu helfen, für den Weg zur Arbeit und zum Aufenthalt im Freien alleine oder mit anderen Haushaltsangehörigen.

Wer nicht mit seinem Partner zusammenwohnt, muss in der Öffentlichkeit daher eigentlich stets einen Meter Abstand halten. Umarmen, küssen und mehr ist somit untersagt. Der gegenseitige Besuch in Privatwohnungen ist indes erlaubt. Die Polizei betont aber, dass man auf dem Weg zum Partner kein öffentliches Verkehrsmittel benutzen darf. Theoretisch sind – unter denselben Voraussetzungen – selbst (Corona-)Partys in Privatwohnungen zwar alles andere als vernünftig, aber nicht verboten.

Der Besuch von Scheidungs- und Trennungskindern oder das Ausübung des Besuchsrechts wären damit eigentlich auch stark eingeschränkt  – hier hat man eingelenkt, laut Justizministerium dürfen Kinder auch weiterhin zum jeweils anderen Elternteil gebracht werden, sich dort aufhalten und gemeinsam im Freien Zeit verbringen.

Längere Familienausflüge, Picknicks und Radtouren sind bei der Wiener Polizei nicht gern gesehen. Das Sozialministerium sagt wiederum ausdrücklich, dass es beim Aufenthalt im Freien keine zeitlichen Beschränkungen gibt. Die Verordnung beinhaltet schließlich auch dazu keine Bestimmungen: Sie verbietet nur das Betreten von Sportplätzen und Kuranstalten. Marathonläufe und ausgedehnte Radtouren oder Mountainbiken im Wald werden ebenso wenig erwähnt wie stundenlanges Liegen in der Wiese oder Sitzen auf Parkbänken.

Das Innenministerium betont, dass eigentlich ein allgemeines Ausgehverbot herrscht. Die Ausnahmen sollen nicht zur Regel werden. Sie sind vorgesehen, damit einem „die Decke nicht auf den Kopf fällt“, wie es heißt. So gesehen sind länger anhaltende Aufenthalte an öffentlichen Orten in der Tat ein Problem. Die Verordnung selbst schweigt hierzu jedoch – Voraussetzung ist nur, dass man alleine bleibt oder entsprechenden Abstand zu Fremden hält. Was nicht ausdrücklich verboten ist, ist eigentlich erlaubt. Eigentlich. 

Wird man je wissen, ob andere Konzepte besser waren?

Die Antwort darauf ist – zumindest derzeit – unbefriedigend: vielleicht. Die Informationslage zum Wirken des Virus in der Gesamtbevölkerung verändert sich täglich. Und trotzdem ist kaum absehbar, dass wir jemals ein vollständiges Bild davon bekommen. Warum?

Wie „gefährlich“ SARS-CoV-2 ist, lesen wir vor allem am Verhältnis zwischen bestätigten Krankheitsfällen und Todesopfern ab. In der Wissenschaft spricht man von der Case Fatality Rate (CFR). In der Regel leitet sich aus eben diesem Verhältnis auch ab, welche Maßnahmen ein Land für angemessen hält. Das Problem: Das Verhältnis zwischen Erkrankten und Todesopfern ist fehleranfällig.

Das geht so weit, dass die kühnsten Berechnungen – als Quellen nutzten wir das deutsche Netzwerk für evidenzbasierte Medizin und den Stanford-Epidemiologen John Ioannidis – Bandbreiten zwischen 15 und 0,05 Prozent zulassen. Beide Quellen weisen ausdrücklich darauf hin, dass keines dieser Szenarien „sicher“ sei.

Todesraten in Europa – bisher – unauffällig

Wir wissen also nicht, ob SARS-CoV-2 extrem tödlich oder – statistisch gesehen – harmlos ist. Und es besteht die Möglichkeit, dass wir das – und damit die Angemessenheit der Maßnahmen – selbst im Nachhinein nur schwer werden beurteilen können. Das Projekt Euro Momo vergleicht und beobachtet seit inzwischen einigen Jahren die Entwicklung der Todesraten in ganz Europa auf Wochenbasis.

In Bezug auf das aktuelle Coronavirus ist dort keine Auffälligkeit zu beobachten. Bis auf Ausschläge in Italien. Das Projektteam weist in einer Erklärung jedoch darauf hin, dass aufgrund der hohen Bevölkerungszahl in Europa Auffälligkeiten, wie sie regional auftreten, im Gesamtbild gar nicht abgebildet würden. Und dass regionale Ursachen – selbst innerhalb Italiens gibt es diesbezüglich enorme Unterschiede – unterschiedlichste Gründe haben können. Etwa Auffälligkeiten in bestimmten Altersgruppen, die das Gesamtbild ebenfalls nicht zwingend beeinflussen müssten. 

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