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Die Chronik der COVID-Krise bei der Post
3. Juni 2020 Coronavirus Lesezeit 7 min
179 Corona-Fälle in zwei Verteilzentren der Post, Folgeerkrankungen in 50 Familien und ein teurer Bundesheereinsatz als letzte Rettung. Die Post verteidigte ihre „vorbildlichen Maßnahmen“ zum Schutz der Mitarbeiter. Doch eine Addendum-Rekonstruktion stellt Versäumnisse fest und zeigt, wie Mitbewerber ähnliche COVID-Cluster vermieden.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Coronavirus und ist Teil 89 einer 104-teiligen Recherche.
Bild: Bild: Robert Jaeger | APA

Als am 16. März das ganze Land in den Notbetrieb ging, blieb in den Verteilzentren der Post alles beim Alten. Statt weniger fiel dort bald mehr Arbeit an, da sich Einkäufe ins Internet verlagerten und die Paketmengen stiegen. Das galt gerade für zwei der wichtigsten Verteilzentren, aus denen die Bundeshauptstadt beliefert wird. Eines befindet sich in Wien-Inzersdorf, das andere am Nordrand der Stadt, im niederösterreichischen Hagenbrunn. Bis zu 13.500 Pakete laufen dort jeweils pro Stunde über die Förderbänder.

Die Post muss alles unternehmen, um ihren Versorgungsauftrag als Teil der kritischen Infrastruktur des Staates aufrechtzuerhalten. Doch zwei Monate später findet sie sich in einem Worst-case-Szenario wieder. In Hagenbrunn haben sich 100 der etwa 300 Mitarbeiter mit dem Virus angesteckt, in Inzersdorf sind es 79.

Während überall im Land die Zahl der Neuinfektionen stark sinkt, werden die Corona-Cluster der Post zu den größten der vergangenen Wochen. Infizierte Mitarbeiter tragen das Virus in 50 Familien hinein, in denen es laut einem Bericht der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) zu 80 weiteren Ansteckungen kommt.

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Am Ende muss das Bundesheer ausrücken und die Verteilzentren übernehmen, da es zur Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur verpflichtet ist. Das Heer schickt 510 Soldaten und lässt sich den Einsatz von der Post, die zu 52,9 Prozent im Staatsbesitz steht, gut bezahlen. Die verrechneten Stundensätze liegen zwischen 10,20 Euro für eingesetzte Grundwehrdiener und 88 Euro für Heeresvertragsbedienstete mit Matura.

Allein in Hagenbrunn fallen 29.000 solcher Arbeitsstunden an. Der Post entstehen so Zusatzkosten in Millionenhöhe. Zudem führt der Rückstau dazu, dass im Osten Österreichs teils vor zwei Wochen aufgegebene Pakete liegenbleiben und nicht zugestellt werden können.

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Post-Generaldirektor Georg Pölzl mit Verteidigungsministerin Klaudia Tanner

Post-Chef Pölzl: „Vorbildliche Maßnahmen“

Die Postspitze kann sich die Eskalation nur schwer erklären. So sprach Generaldirektor Georg Pölzl am 16. Mai in der ORF-Sendung „Niederösterreich heute“ davon, „viele Vorkehrungen getroffen“ zu haben, aber „in den Aufenthaltsräumen und bei der Anreise der Leiharbeiter in Bussen dürften sich nicht alle an die Bestimmungen gehalten haben“, weswegen das „Netz offensichtlich nicht hundertprozentig gespannt“ war.

Im Kurier sagte er am 23. Mai, dass der Post „im Betrieb vorbildliche Maßnahmen attestiert wurden“. Als Pölzl am Tag zuvor im Ö1-Mittagsjournal auf mangelnde Hygienemaßnahmen und eine lange ausgebliebene Maskenpflicht angesprochen wurde, antwortete er: „Alle Themen, die da kolportiert werden, sind nach meinem Wissen falsch und aus der Luft gegriffen.“

Doch Addendum vorliegende interne Informationen zeichnen ein gegenteiliges Bild. Sie, und vertraulich geführte Gespräche mit mehreren Mitarbeitern der Post, die in den Verteilzentren in unterschiedlichen Positionen beschäftigt sind und unabhängig voneinander ihre Wahrnehmungen schilderten, bilden die Bausteine zu einer Chronik der Ereignisse, aus der der Ausnahmezustand erst entstehen konnte. Später medial als Auslöser kolportierte Geschichten über infizierte Asylwerber und Leiharbeiter als „Virenspreader“ geraten so in Widerspruch zu bereits früher erfolgten Ansteckungen.

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„Bei uns lief alles so, als gäb’s kein Corona“

Kehrt man zurück in die Wochen ab dem Shutdown vom 16. März, zeigt sich bei den zwei Postverteilzentren ein widersprüchliches Bild. Gegenüber Addendum erklärt ein Sprecher der Post, dass man von Beginn an „umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen“ traf, und führt aus, dass „alle MitarbeiterInnen mit Schutzmasken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln ausgestattet sowie über die einzuhaltenden Verhaltensregeln informiert wurden“.

Versuche, dies mit den Wahrnehmungen der Beschäftigten abzugleichen, gestalten sich schwierig. Ein Mitarbeiter erwähnt einen „Maulkorb, den die Post erlassen hat“, ein anderer „Folgen, wenn das rauskommt“. Unter Zusicherung absoluter Anonymität erklären sich jedoch schließlich mehrere Beschäftigte im Postverteilzentrum dazu bereit, dass Addendum ihre Wahrnehmungen protokolliert. Auch weil sie erstaunt bis verärgert über die öffentlichen Aussagen des Post-Managements sind, die sich stark von dem unterscheiden, was sie in den vergangenen Wochen an ihrem Arbeitsplatz erlebt haben.

„Bei uns lief am Anfang alles genauso weiter, als gäb’s draußen kein Corona“, sagt eine der Mitarbeiterinnen. „Es gab zu diesem Zeitpunkt bei uns weder Masken noch Desinfektionsmittel, und wenn die Post das behauptet, stimmt es nicht.“ Dies bestätigen unabhängig voneinander drei weitere Mitarbeiter, die im Verteilzentrum an unterschiedlichen Positionen beschäftigt sind. Die meisten von ihnen verdienen 1.280 Euro netto, was gerade dem kollektivvertraglichen Mindestlohn entspricht, und fürchten um ihre Arbeit.

Sie berichten von einem sorglosen Umgang mit der Gefahr und kritisieren ausbleibende Informationen: „Außer Aufrufen zum Händewaschen und ein paar Aushängen war da nichts. Dafür hat es immer wieder Gerüchte gegeben, dass sich Leute infiziert hätten. Auf einmal gab es mehr Krankenstände, manche Kollegen kamen einfach nicht mehr, aber keiner von uns erfuhr den Grund.“

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Der erste COVID-Fall und weiter keine Masken

Den ersten nachweislich dokumentierten Fall einer COVID-19-Infektion in Hagenbrunn gibt Niederösterreichs Landessanitätsdirektion gegenüber Addendum mit dem 19. April an. Sie erteilt damit später kursierenden Gerüchten, wonach als Leiharbeiter tätige Asylberechtigte aus einer Unterkunft in Wien-Erdberg das Virus erst ins Verteilzentrum eingeschleppt hätten, eine Absage: „Der Fall 0 ist ein Mitarbeiter der Post und aus Wien“, sagt die Sanitätsdirektion. Damit ist klar, dass spätestens ab diesem Zeitpunkt die Verantwortlichen innerhalb der „kritischen Infrastruktur“ der Verteilzentren gewarnt hätten sein müssen. Doch erneut ergeben Schilderungen der Mitarbeiter ein gegenteiliges Bild.

„Wir haben lange nicht gewusst, ob und wann sich überhaupt jemand angesteckt hat. Wenn man nicht zufällig mit jemandem, der positiv getestet wurde, befreundet war und der einem Bescheid gab, erfuhr man gar nichts“, sagt ein Mitarbeiter. „Einer aus der Führung hat gesagt: Wir werden doch jetzt nicht mit dem Fiebermessen anfangen, denn sobald wir hier den ersten Fall haben, drehen sie uns sonst die Bude zu.“ Diese Aussage einer leitenden Kraft, die Addendum namentlich bekannt ist, wird von einem weiteren Mitarbeiter bestätigt. Erst nach weiteren Infektionsfällen geriet die Post in den Krisenmodus.

Die Pflicht, im Inneren der Halle Gesichtsmasken zu tragen, wurde erst zehn Tage nach dem ersten Infektionsfall, am 29. April, erlassen. Das beweist eine Addendum vorliegende interne Mail, die den Aussagen von Post-General Pölzl im Ö1-Mittagsjournal widerspricht.

Eine entsprechende Anfrage von Addendum beantwortet ein Sprecher der Post daher wohl nur vage: „Eine Pflicht zum Tragen von Masken gab es mit April.“

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Selbst nach Erlass der Maskenpflicht seien diese aber nicht in jeder Schicht verfügbar gewesen, wie Mitarbeiter berichten: „Am Anfang konnten sich alle eine abholen, aber bald waren die auch schon wieder aus.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Virus in den zwei Verteilzentren längst eingenistet und verbreitete sich in weiterer Folge.

Ein Mitarbeiter berichtet, in den ersten Mai-Tagen plötzlich in der Nacht hohes Fieber bekommen zu haben: „Ich war zu dieser Zeit sonst nicht draußen, bin nur arbeiten gegangen oder war daheim, also kann ich mich einzig in Hagenbrunn angesteckt haben. Dass das Virus dort um sich greift und es schon vorher Fälle gab, hat von uns keiner gewusst, das drang nicht durch.“

Schließlich eskaliert die Lage. Kurz vor der Übernahme der Verteilzentren durch das Bundesheer sind so viele Mitarbeiter erkrankt, dass selbst die Pakete nicht mehr alle in die Halle gelangen. Ein internes Foto zeigt, wie sie im strömenden Regen vor dem Verteilzentrum durchnässt liegenbleiben.

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Die Landessanitätsdirektionen von Wien und Niederösterreich ordnen schließlich COVID-Testungen der gesamten Belegschaft an, bei denen sich herausstellt, dass fast jeder dritte Mitarbeiter infiziert ist.

Die Post scheint bis zuletzt nur bedingt aus ihren Versäumnissen zu lernen, wie ein Addendum zugespieltes Bild von diesen Testungen am Standort Inzersdorf am 13. Mai beweist: Die Mitarbeiter warten dicht aneinandergedrängt darauf, dass ihnen ein Abstrich genommen wird.

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Was andere Paketverteiler besser machen

Interessant ist es zu vergleichen, wie die Mitbewerber der Post im Paketgeschäft mit den neuen Herausforderungen durch das Coronavirus umgingen. Der Zusteller DPD betreibt in Österreich 15 Depots, einen Haupt- und drei regionale Umschlagplätze und hat in seiner Logistikkette 1.700 Menschen im Einsatz – von denen bislang laut deren Angaben erst ein Fahrer positiv auf COVID-19 getestet wurde. Schon früh wurden Masken verteilt, Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt und Abstandsregeln angepasst. Ein eigener Corona-Manager überwacht die Einhaltung der neuen Vorschriften und informiert Mitarbeiter.

GLS ist ein anderer Mitbewerber der Post, der über zehn Depots in Österreich verfügt und ein Zentrallager und einen regionalen Umschlagplatz betreibt. „Aufgrund der Erfahrungen unserer Kollegen von GLS Italien wussten wir schon sehr früh, welche Maßnahmen notwendig sein würden, und haben uns gezielt darauf vorbereitet“, sagt Klaus Schädle, GLS-Direktor für Österreich, „wir haben Schutzmasken ausgegeben, Desinfektionsmittelspender aufgestellt und die Mitarbeiter aktiv mit Informationen zum richtigen Verhalten versorgt.“ Bisher gelang es, die Zahl der Ansteckungen mit drei Fällen vergleichsweise gering zu halten.

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Abstandsmarkierungen vor Kaffeeautomaten bei Amazon.
Bild: Laura Boehler | Amazon
Amazon setzt an seinem Standort in Großebersdorf auf „social distance champions“.
Bild: Laura Boehler | Amazon

Der Onlineriese Amazon betreibt sein Auslieferungslager nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt von dem der Post in Hagenbrunn. Das US-Unternehmen, das in der Vergangenheit oft für seinen Umgang mit Mitarbeitern kritisiert wurde, stellte zu deren Schutz 150 Arbeitsprozesse um und setzte von Anfang an auf Gesichtsschutz, Desinfektionsmittel und Abstandsvorschriften. Zusätzliche Reinigungskräfte desinfizieren allgemeine Flächen, an Sanitizer-Stationen stehen Masken und Einweghandschuhe für Personal und Zulieferer bereit. Vier Mitarbeiter überprüfen pro Schicht als „social distance champions“ die Einhaltung des Mindestabstands von zwei Metern. Pausenräume wurden umgebaut, Abstandshinweise am Boden angebracht und selbst vor Kaffeeautomaten Trennwände installiert. Seit Anfang April wird allen Mitarbeitern beim Eintreffen täglich die Temperatur gemessen.

Dass sich Ansteckungen trotzdem nicht ausschließen lassen, beweist ein Test aller 150 Amazon-Mitarbeiter am Standort, bei dem am vergangenen Sonntag sieben positiv getestet wurden. Es zeigt aber auch, dass sich durch effektives Containment eine Ausbreitung unterbinden lässt. Im Unterschied zur Post, die einen Versorgungsauftrag hat, wäre bei den privaten Paketzustellern im Fall einer Eskalation auch das Bundesheer wohl kaum eingerückt. In Hagenbrunn zogen die Soldaten nach einem zweiwöchigen Einsatz am vergangenen Samstag ab, in Inzersdorf ist für Freitag deren letzte Schicht angesetzt. Danach trägt auch dort erneut die Post die Verantwortung.  

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