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„Wer nicht glaubt, wird ausgestoßen“
20. April 2020 Coronavirus Lesezeit 15 min
Martin Sprenger beschreibt den Gottesdienst-Charakter der Regierungskommunikation in der Corona-Krise und beschäftigt sich in seinem Brief an Michael Fleischhacker vor allem mit der Situation der Kinder: Dass weltweit Hunderttausenden von ihnen der Hungertod droht, schreibt er, sei der schlimmste Kollateralschaden der globalen Anti-Corona-Maßnahmen.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Coronavirus und ist Teil 58 einer 104-teiligen Recherche.
Bild: Christian Jungwirth | Addendum

Michael Fleischhacker an Martin Sprenger

Zur Antwort von Martin Sprenger kommen Sie hier.

Michael Fleischhacker
Addendum-Chefredakteur und „Talk im Hangar-7“-Moderator

Lieber Herr Sprenger,

ich fürchte, ich muss ein bisschen mit Ihnen schimpfen. Seit zwei Wochen will ich Sie dazu bewegen, als Gast in einen unserer Corona-Talks auf ServusTV zu kommen, jedes einzelne Mal lehnen Sie ab. Es sei noch nicht so weit, sagen Sie, erst wenn wir wissen, wie hoch die Herdenimmunität in Österreich schon ist, könne man im „Glaubenskrieg“ zwischen den Vertretern der Containment-Strategie und jenen der Herdenimmunität-Strategie eine Position beziehen. Aber muss man das überhaupt? Inzwischen wird wohl jedem klar sein, dass man, selbst wenn man „The Hammer & The Dance“ spielt, Wege suchen müssen, um die ursprünglich dafür vorgesehene Zeit von bis zu 18 Monaten radikal zu verkürzen. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen der tiefen Depression, auf die wir schon jetzt zusteuern, werden sonst nicht weniger dramatisch sein – sogar was die Sterbezahlen angeht – als die die Folgen der Virus-Ausbreitung.

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Das heißt: Auch wenn man im Prinzip bei „Hammer & Dance“ bleiben will, muss man dringend nach Vorgangsweisen fahnden, die eine steilere Infektionskurve erlauben. Etwa indem man dafür sorgt, dass vorwiegend solche infiziert werden, die nach menschlichem Ermessen ein sehr, sehr geringes Risiko haben, und das sind alle unter 30, fast alle unter 40, die meisten unter 50 und die Mehrheit unter 60. Gleichzeitig muss eben innerhalb der Risikogruppen für konsequentes Containment gesorgt werden.

Umgekehrt ist doch auch jedem Vertreter der Herdenimmunitäts-Strategie klar, dass man dem Virus nicht einfach freien Lauf lassen kann, sondern eben diejenigen mit dem größten Risiko besser abschirmen muss, weil die am ehesten in die Krankenhäuser und in die Intensivstationen kommen. Und möglicherweise muss man auch immer wieder einmal regional striktere Maßnahmen ergreifen, um Kapazitäten zu schonen. Mir kommt vor, die verbissenen Ansagen der restriktiven Politiker sind eigentlich nur noch terminologische Rückzugsgefechte, die verschleiern sollen, dass die Politik selbst in der Generierung, Strukturierung und Nutzbarmachen der für eine solche Vorgangsweise notwendigen Daten weitgehend versagt hat – und deshalb bei der Steuerung der alternativlosen Öffnungsbewegung im Dunkeln tappt. Die starken Worte sind gewissermaßen die lauten Rufe der ängstlichen Kinder im Wald.

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Ich halte die angebliche Urangst der Ärzte vor der bösen Triage noch immer für einen der verlogensten Teile der öffentlichen Debatte.
Michael Fleischhacker

Wobei ich die Diskussion über die Intensivkapazitäten und die angebliche Urangst der Ärzte vor der bösen Triage noch immer für einen der verlogensten Teile der öffentlichen Debatte halte. Erstens wurde und wird immer triagiert, auch in der Regelversorgung, vor allem aber jetzt im COVID-19-Restversorgungsbetrieb. Vor allem aber: Die Wahrheit ist doch, dass jetzt einfach in großer Zahl unwürdiger und zugleich aufwendiger gestorben wird als sonst. Welcher Hausarzt würde unter Normalbedingungen den Angehörigen eines 85-jährigen Patienten mit besonders schwerem Influenza-Verlauf empfehlen, den Großvater ins Spital zu bringen? Welcher Kliniker würde einen hospitalisierten Influenza-Patienten mit Pneumokokken-Superinfektion zur Beatmung auf die Intensivstation verlegen, wenn er weiß, dass mehr als 50 Prozent das nicht länger als fünf Tage überleben, aber um einen friedlichen Tod im Kreise ihrer Liebsten gebracht werden?

Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung dafür, dass hunderte, vielleicht tausende Menschen, die im Laufe dieses Jahres friedlich und palliativ gut versorgt an einer schweren Grippe verstorben wären, jetzt unter dem Beatmungsgerät verröcheln müssen, damit wir unsere politischen Panikattacken rechtfertigen können?

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Aber das geht vielleicht zu weit, es gibt schon genug öffentliche Polarisierung. Zuletzt war es die zwischen Christian Drosten, dem Chefvirologen der Charité, und Hendrik Streeck, seinem Nachfolger auf der Virologie in Bonn. Streeck hat im Kreis Heinsberg eine Studie durchgeführt, von der man sehr viel erwarten darf. Allerdings gab es eine Zwischenpräsentation, die von Armin Laschet, einem der Kandidaten auf die Merkel-Nachfolge an der CDU-Spitze, instrumentalisiert und von der PR-Agentur des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann inszeniert wurde. Da gab es natürlich sofort Haue, Streeck wurde als Gefälligkeitsgutachter der Verharmloser denunziert, das Übliche.

Ich finde es sehr ermutigend für die Zukunft der Debatte, dass Drosten der Versuchung, seinem Konkurrenten um die öffentliche Aufmerksamkeit einen Body-Check mitzugeben, nur sehr kurz erlegen ist. Inzwischen sagt er öffentlich, dass er eine sehr solide und robuste Studie erwartet, aus der wir wichtige Erkenntnisse gewinnen können. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass Herr Drosten gerade einen leichten Kurswechsel vollzieht (zuletzt meinte er, dass es möglicherweise zumindest eine Teilimmunität aufgrund früherer Corona-Grippeinfektionen geben könnte).

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Bis jetzt war einfach jeder, der nicht genau das Gleiche sagte wie Herr Drosten, ein Aluhut-Träger und Chemtrail-Idiot.
Michael Fleischhacker

Den Lockdown-Fundamentalisten, denen die Strafen für spazierengehende Pensionisten und fußballspielende Jugendliche nicht hoch genug sein können, wird das nicht gefallen. Bis jetzt war einfach jeder, der nicht genau das Gleiche sagte wie Herr Drosten, ein Aluhut-Träger und Chemtrail-Idiot. Besonders bezeichnend fand ich ja den Vorwurf der Inszenierung, der gegen Hendrik Streeck erhoben wurde. Dass der da einfach Vorab-Ergebnisse ohne direkten Zugriff auf die Rohdaten verbreitet habe, und wie unseriös das sei. Da kann man als Österreicher wirklich nur laut und bitter lachen. Hierzulande wird einem nicht einmal erklärt, ob es überhaupt eine Studie zu irgendetwas gibt, und wer die gemacht haben könnte.

Das führt mich zu einem Mail von Ihnen an Ihre Forscher-Community, das ich kürzlich gelesen habe, und in dem Sie drei Hauptmerkmale dieser Pandemie zur Sprache bringen. Als erstes Hauptmerkmal bezeichnen Sie dort nämlich die Tatsache, dass die Bewohner von Pflegeheimen direkt am stärksten von dieser Pandemie betroffen sind und dass sie weltweit wesentlich zum Sterbegeschehen beitragen. Wenn ich mich richtig erinnere, war kürzlich in einer Studie zu lesen, dass innerhalb der EU fast 60 Prozent der Corona-Toten in Alters- und Pflegeheimen gelebt hatten. Wenn ich dann höre, dass man jetzt – also fünf Wochen nach Beginn des Lockdowns und zwei Monate, nachdem man wusste, dass die Bewohner von Pflegeheimen eine ganz besonders vulnerable Gruppe sind – beginnen will, dort flächendeckend zu testen (um eigentlich was herauszufinden?), werde ich zornig.

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Wichtig wäre doch nur, dass diese Menschen, ob infiziert oder nicht, von Menschen betreut werden, die nicht infiziert/ansteckend oder eben mit ausreichender Schutzausrüstung versorgt sind, um diese Betreuung durchführen zu können. Dieser Aktionismus macht mich langsam fertig, oder habe ich da etwas nicht richtig verstanden? Ich habe ja auch nicht verstanden, warum der Rennchef des Formel-1-Teams von Red Bull, Helmut Marko, so wild angegangen wurde für seine Idee, das Team bewusst anstecken zu lassen, damit man, wenn alle eine Immunität ausgebildet haben, de facto an nichts mehr denken muss und ganz normal weiterarbeiten kann.

Ist doch nur grundvernünftig, oder? Ich würde mich, obwohl viel näher an der Risikogruppe als die knackigen Formel-1-Piloten, sofort freiwillig für so etwas melden (und Zwang ist dabei ohnehin nicht vorstellbar). Vor allem denke ich mir: Wenn man so etwas wissenschaftlich begleitet, kann man doch irrsinnig viel dadurch lernen. Idealerweise gibt es ein freiwillig zusammengestelltes, repräsentatives Sample von noch nicht Infizierten, das absichtlich durchseucht wird, um besser zu verstehen, was das Virus wo macht. Oder habe ich da irgendein Prinzip der Forschung falsch verstanden?

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Als zweites Hauptmerkmal sehen Sie, dass Kinder indirekt am stärksten von den Folgen der Pandemie betroffen sind (zu Ihrem Vorschlag, die Schulen schnell er wieder zu öffnen, hat Ihnen Herr Jeannée in der Kronen Zeitung einen Brief geschrieben, haben Sie sich gefreut?). Und, wohl auch stark damit zusammenhängend, ist Ihrer Ansicht nach das dritte Hauptmerkmal, dass die Pandemie wesentlich zur Vergrößerung der sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten beiträgt, und zwar global.

Vielleicht möchten Sie das ja in Ihrer Antwort ein bisschen ausführen. Ich höre jetzt einmal auf, Sie haben mir ja schon im fiktiven Interview der letzten Woche nahegelegt, weniger zu schwurbeln und mich kürzer zu fassen.

Ich freue mich auf Ihre Antwort und grüße Sie herzlich

Ihr Michael Fleischhacker

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Martin Sprenger an Michael Fleischhacker

Martin Sprenger
Public-Health-Experte und ehemaliges Mitglied des Expertenbeirats im Gesundheitsministerium

Lieber Herr Fleischhacker,

herzlichen Dank für Ihren Brief. Irgendwie habe ich ja mit einer Antwort auf mein Selbstinterview gerechnet. Sie sind, so wie ich, einfach ein sehr neugieriger Mensch. Aber wenn ich ganz offen sein darf, es klingt ein bisschen so, als ob Sie ganz schön unter Strom stehen. Wissenschaftler sollten immer einen kühlen Kopf bewahren, heißt es. Gelingt auch nicht immer, wie wir tagtäglich sehen. Das mit dem Talk im Hangar überlege ich mir noch. Ich liebe zwar Debatten, aber die Öffentlichkeit suche ich nicht wirklich. Ich weiß, das steht im Gegensatz zur Behauptung des Chefredakteurs einer der billigsten und mit Steuergeldern am meisten geförderten Zeitungen. Aber was soll ich machen, so ist das eben in Österreich. Kommen wir also zu Ihren wie immer guten Fragen.

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Fangen wir mit dem Begriff „Herdenimmunität“ an. Manche sind da sehr genau und definieren ihn ausschließlich als exakte Kenngröße, die den Anteil Immunisierter in einer Bevölkerung festlegt, der notwendig ist, um eine Abnahme neuer Infektionen zu bewirken. Die inzwischen berühmte Zahl R0 (R-Null) unter 1 zu drücken. Andere, so wie ich, sind da eher lockerer und sehen Herdenimmunität als den Anteil einer Bevölkerung („der Herde“), der gegenüber einer bestimmten Infektionskrankheit immun ist. Eine „ausreichende Herdenimmunität“ bei SARS-CoV-2 erreichen wir bei circa 50 bis 66 Prozent.

Eines ist schon heute sicher, diese Pandemie endet nur mit der Herdenimmunität oder mit einer effektiven Impfung, die einen ausreichenden Anteil der Bevölkerung immunisiert. Wie wir das erreichen, ist noch offen. Österreich hat, erfolgreicher als viele andere Länder, den Hammer geschwungen. Zum Tanzen braucht es aber viel Beweglichkeit, Ausdauer, Kraft, Rhythmus- und Körpergefühl und geschärfte Sinne. Ob wir da wirklich so gut sind wie Singapur und Südkorea, darf ich einmal bezweifeln. Im Kontext dieser Pandemie würde ich auf jeden Fall den Begriff Hoffnung dazunehmen. Die Hoffnung auf eine baldige Impfung. Pessimistische Stimmen meinen, dass es in den letzten 17 Jahren nicht gelungen ist eine Impfung oder einen monoklonalen Antikörper gegen Coronaviren zu entwickeln. Aber selbst Optimisten rechnen nicht mit einer Impfung vor dem Frühjahr 2021. Faktum ist, es gibt zahlreiche Ansätze für die Entwicklung einer Impfung und noch zahlreichere Firmen, die daran arbeiten. In meiner eigenen Glaskugel sehe ich eine effektive und die höchsten Sicherheitsstandards erfüllende Impfung nicht vor dem Jahr 2021. Und ich bin, wie Sie ja inzwischen wissen, immer optimistisch.

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Wie es mit dem Ausmaß der Immunität ausschaut, wissen wir noch nicht wirklich. Am 11. April hat ein Team der Stanford Universität eine serologische Studie veröffentlicht. Im Silicon Valley wurden 3.330 Freiwillige auf Antikörper getestet. Auf Basis der Ergebnisse nehmen die Autoren an, dass sich 50- bis 80-mal mehr Personen mit dem neuen Coronavirus infiziert haben, als es offiziell positiv getestete Fälle gibt. Bevor Sie das jetzt für Österreich hochrechnen, sollten Sie vorher die kritischen Stimmen zu dieser Studie lesen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von sehr niedrigen Werten aus. Wie auch immer, in den nächsten Wochen werden wir immer mehr Ergebnisse solcher Studien erhalten. Größere und kleinere, methodisch exzellente und methodisch fragliche, welche aus stark betroffenen Städten wie Bergamo, London, Madrid und New York sowie hoffentlich auch welche aus Österreich. Diese Studien könnten ein echter Game Changerwerden. Und vielleicht komme ich dann wirklich einmal zum Corona-Talk, idealerweise nach Ischgl, wo alles begonnen hat.

Neben diesen Seroprävalenzstudien werden wir aber auch bald exzellente individuelle Antikörpertests brauchen. Zum einen, um immune Schüsselpersonen im Gesundheits- und Sozialbereich zu identifizieren, zum anderen um soziale Interaktionen zwischen Enkeln und Großeltern wieder zu ermöglichen, und zu guter Letzt, um nationale Grenzen zu überwinden. Ob dies mit einem einzigen Test gelingen kann, oder ob es dafür wie beim HIV-Test einen zweizeitigen Test braucht, ist noch offen. Sicher ist nur, auch wenn es bereits viele Anbieter für solche Tests gibt, der ausreichend Gute ist da noch nicht dabei. Spannend wird auch, wo die Testergebnisse gespeichert werden. Auf einer digitalen Immunitätskarte von der österreichischen Staatsdruckerei oder doch auf unserer E-Card.

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Diese Pandemie endet nur mit der Herdenimmunität oder mit einer effektiven Impfung. Wie wir das in Österreich erreichen, ist noch offen.

Ja, das Konzept „the hammer and the dance“ vom Verhaltenspsychologen, Designer und Storyteller Tomas Pueyo ist wirklich gut argumentiert und perfekt gestylt. Nichts tun bedeutet für ihn: Viele werden infiziert, das Versorgungssystem wird überfordert, Millionen Menschen sterben. Deshalb muss mittels dem „Hammer“ R0 unter 1 gedrückt und dann, mittels erfolgreichem „Tanz“, unterhalb von 1 gehalten werden. Mit dieser Strategie, so Pueyo, könnten Millionen von Leben gerettet werden. So weit, so gut.

Das Konzept hat meiner Meinung nach nur zwei Haken, die Sie auch korrekt erkannt haben. Erstens, selbst wenn wir es schaffen, erfolgreich zu tanzen, dauert es Jahre bis zur Herdenimmunität. Und zweitens sind die dabei entstehenden Kollateralschäden, die Pueyo übrigens vollkommen ignoriert, nicht zu unterschätzen und immer zu berücksichtigen. Wo diese unerwünschten Nebenwirkungen auftreten und welche Gruppen sie hauptsächlich betreffen, habe ich in unserem letzten (fiktiven) Interview versucht zu beschreiben . Während die Notwendigkeit des Shutdowns, zumindest bis jetzt, auf breiten Konsens stößt, scheiden sich bei der Betrachtung des „Tanzes“ die Geister. Die einen verwenden das Bild der Blinddarmoperation, die deutlich drastischer ist als die Bauchschmerzen zuvor, aber einen Durchbruch verhindert. Dieses Bild beschreibt den „Shutdown“ korrekt, dessen positive Auswirkungen so wie bei allen präventiven Maßnahmen unsichtbar bleiben. Für den „Tanz“ eignet sich dieses Bild nicht. Dieser ist vielmehr ein Abwägen von Wirkung und Nebenwirkung, von Nutzen und Schaden. So wie es bei jeder Therapie und jeder Intervention im Gesundheitsbereich gemacht werden muss. Auch in Zeiten einer Pandemie.

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Die effektive Reproduktionszahl R0 ist bereits eine Woche vor dem Shutdown abgefallen.

Sehr spannend ist in diesem Zusammenhang der vorzeitige Abfall der effektiven Reproduktionszahl R0 in Deutschland und in Österreich um den 10. März, also eine Woche vor dem Shutdown. Es müssen vor allem Maßnahmen dafür verantwortlich sein, die Ende Februar, Anfang März wirksam wurden. War es die Absage von Großveranstaltungen oder die bereits zu diesem Zeitpunkt reduzierte Mobilität, das viele Händewaschen? Oder ist es ein Berechnungsfehler, den das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) gemeinsam haben? Oder ist es ein noch unbekannter Faktor? Unsere Regierung wird es den neugierigen Bürgern hoffentlich bald erklären. Auch ohne Informationsfreiheitsgesetz und mit geltender Message Control.

Im Gegensatz zum Infektionsgeschehen in Österreich hat meine Lernkurve ihren Peak noch lange nicht überschritten. Im Moment hat diese Pandemie für mich drei Hauptmerkmale. Wie inzwischen hoffentlich alle Verantwortlichen richtig erkannt haben, sind Bewohner von Pflegeheimen direkt am stärksten von der Pandemie betroffen. Indirekt am stärksten betroffen sind aber mit Sicherheit Kinder. Ein Bericht der Vereinten Nationen zeigt deutlich, wie vor allem die ärmsten Kinder aus den ärmsten Ländern darunter leiden. Die Schulschließung in 188 Ländern betrifft 1,5 Milliarden Kinder. Fast 400 Millionen Kinder sind auf Schulverpflegung angewiesen und jetzt vom Hungertod bedroht. Die daraus entstehenden negativen Effekte auf eine ganze Generation sind kaum vorstellbar. Die negativen Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Haushaltseinkommen könnte hunderttausende Kinder das Leben kosten. Innerhalb eines Jahres wären damit alle Fortschritte bei der Reduktion von Säuglings- und Kindersterblichkeit zunichte gemacht.

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Fast 400 Millionen Kinder sind auf Schulverpflegung angewiesen und jetzt vom Hungertod bedroht.

Das dritte Hauptmerkmal dieser Pandemie betrifft die Vergrößerung von sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten. Der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz meint dazu treffend„Man muss sich immer klar machen: nichts ist von der Virologie diktiert, alles ist eine Frage der politischen Abwägung. Und neben dem gesundheitlichen Risiko sind eben andere Faktoren wie die Bewahrung einer liberalen Demokratie mit starken Persönlichkeitsrechten sowie einer starken Wirtschaft und einem funktionierenden Arbeitsmarkt relevant. Man kann nicht alles grenzenlos einer womöglich autoritären Pandemiebekämpfung unterordnen. Nach meinem Eindruck ist in Westeuropa dafür eine Sensibilität vorhanden.“ Bleibt zu hoffen, dass er recht behält. Laura Spinney vermutet im Guardian hinter sozialen Ungleichheiten sogar eine der Ursachen für Pandemien.

Ich bin ja zuletzt ein bisschen in die Schusslinie geraten, weil ich den Vorwurf, dass unsere Kinder die Virusschleudern der Nation sind, etwas relativiert habe. Dabei wollte ich nur wissen, warum die Bundesregierung die Gefahr, die von Kindern für das Infektionsgeschehen ausgeht, höher bewertet als den möglichen Schaden, den eine verspätete Schulöffnung anrichtet. Aus der Public-Health-Perspektive wäre da eine transparente Gesundheitsfolgenabschätzung angebracht gewesen. Mit der richtigen Expertise ist das in einer Woche gut machbar, hätte also schon Ende März fertig sein können. Während die Rolle der Kinder als Überträger in dieser Pandemie sowie die Effekte von Schulschließungen unklar sind, gibt es für die möglichen Risiken sowie mittel- und langfristigen Schäden von Kindern gute Evidenz. Neben der Gefahr für die psychische Gesundheit müssen vor allem die entstehenden sozialen Ungleichheiten beachtet werden, Nutzen und Schaden gegeneinander abgewogen werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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Bildung ist eine der wichtigsten Determinanten für unsere Gesundheit.

Bildung ist eine der wichtigsten Determinanten für unsere Gesundheit. Circa 20 bis 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, inklusive Gesundheits- und Sozialbereich, erfüllen Kinderbetreuungsaufgaben. Eine ökonomische Kostenschätzung kam zu dem Ergebnis, dass eine Schulschließung von acht Wochen während einer Influenza-Epidemie zu Verlusten in der Höhe von 3 Prozent des BIP führen kann. Das ist ein Viertel der gesamten österreichischen Gesundheitsausgaben. Eltern und Kinder ohne Begründung einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen, sollte in einer Demokratie und offenen Gesellschaft nicht möglich sein. Wenn die Regierung der Meinung ist, dass Kinder in Kindergärten und Volksschulen distanziert werden und Masken tragen müssen, dass die oben beschriebene Risiken für gesunde Kinder in Kauf genommen werden müssen, um einen noch größeren Schaden zu verhindern, dann soll die Regierung diesen beziffern und den Entscheidungsfindungsprozess offenlegen. Mit Zahlen, Daten und Fakten.

Sorry, jetzt habe ich mich wieder verrannt. Aber die Gesundheit von Kindern ist hoffentlich nicht nur mir extrem wichtig. Also zurück ans andere Ende unserer Lebensspanne, ins Altersheim. Ich habe vor vier Wochen einmal meine Befürchtung geäußert, dass wenn es zu Todesfällen in Pflegeheimen kommt, sicher die Heimleitungen geklagt werden und nicht die verantwortlichen Behörden, die wochenlang nichts von sich hören ließen und nichts zum Schutz von Pflegeheimen beigetragen haben. Genauso ist es leider gekommen. Das Chaos bei den Behörden geht aber noch immer weiter. Es gibt keinen einheitlichen Standard, wer bei welchem Kontakt abgesondert oder verkehrsbeschränkt wird. Jede Behörde entscheidet nach eigenem Ermessen. Beinahe täglich erhalten die Pflegeheime neue Bestimmungen. Es wird nicht unterschieden, wo welcher Mitarbeiter gearbeitet hat, welche Schutzausrüstung beim Kontakt mit einer infizierten Person getragen wurde usw. Jetzt will die Bundesregierung alle Menschen in Alters- und Pflegeheimen testen lassen. Dazu muss man wiederum wissen, dass die Aussagekraft von Tests, neben der Sensitivität und Spezifität, ganz entscheidend von der Vortestwahrscheinlichkeit abhängt. Ist diese sehr niedrig, oder gibt es nur wenige infizierte Personen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand falsch positiv getestet wird, also gar nicht infiziert ist, viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass jemand richtig positiv getestet wird, also wirklich infiziert ist. Klingt verwirrend, ist auch sehr kompliziert, sollte Menschen überlassen werden, die sich damit auskennen. Die zugehörige mathematische Beschreibung stammt von Thomas Bayes und ist über 250 Jahre alt.

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Dieser unkoordinierte Testaktionismus ist ein zu hinterfragender politischer Aktionismus.

Dieser unkoordinierte Testaktionismus ist also, wie schon das „Expertenpapier“ und die „SORA-Studie“, wieder einmal ein zu hinterfragender politischer Aktionismus. Michael Nikbakhsh hat das darauf basierende „Killerargument“ perfekt beschrieben: „Hunderttausend Tote. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat diese Zahl längst zum Mantra seiner Tagespolitik gemacht. Er nutzt sie als Argument, um tiefe Eingriffe in unsere Grundrechte zu rechtfertigen. Und er nutzt sie als Argument, um jede Kritik daran zu entkräften. Wenn wir uns in Debatten über sein Demokratieverständnis verlieren: 100.000 Tote.“

Überhaupt fällt mir auf, dass die Regierung immer mehr auf Inszenierungen und Rituale setzt. Die täglichen Pressekonferenzen wirken wie kirchliche Messen, bei denen die Priester mit Masken einmarschieren. Am Altar, vor den Mikrophonen angekommen, werden die Masken abgelegt und der anwesenden Gemeinde wird die Botschaft verkündet. Ohne jegliche Begründung und Offenlegung der zugrundeliegenden Wissensbasis. Wer nicht an die Botschaft glaubt, wird ausgestoßen. Der Bundeskanzler spricht von Auferstehung und verwendet auch sonst gerne biblische Metaphern. Kommt nur mir das schräg vor, oder geht es Ihnen da genauso? Mit Sicherheit gehören die Schrägdenker inzwischen zu einer Minderheit und die Gläubigen zur Mehrheit. Deshalb werde ich mich aber nicht verbiegen, da haben meine Eltern schon dafür gesorgt. Die sollten Sie einmal kennenlernen, die würden Ihnen gefallen.

Also zurück zu den vielen offenen Fragen rund um diese Pandemie. Wie geht die schwedische Geschichte aus? Warum ist in Deutschland und Österreich die effektive Reproduktionszahl ein bis zwei Wochen vor dem Shutdown abgefallen? Warum bleiben die Impfaktionen der Stadt Graz und der Gesundheitskasse weiterhin ausgesetzt? Was ist in der österreichischen Regelversorgung in den letzten acht Wochen schiefgelaufen? Gehört Michael Jeannée zur Hochrisikogruppe? Wie hoch wird die Infektionssterblichkeit im Endeffekt sein? Wann wird die Bundesliga starten? Wann kommt der Sprenger endlich zu den Corona-Talks? Wie hoch wird die Übersterblichkeit in einzelnen Regionen und verschiedenen Ländern ausfallen? Wie viele Publikationen aus Österreich wird es Ende 2020 auf PubMed COVID-19 geben? Werde ich jemals mit Anders Tegnell diskutieren können?

Fragen über Fragen. Zu (fast) allen mache ich mir so meine Gedanken. Auf fast alle Antworten bin ich sehr gespannt. Ich bin schon neugierig, welche Fragen Sie mir als Nächstes stellen und ob eine von denen da oben dabei ist.

Sonnige Grüße

Martin Sprenger

 

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