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Bild: Christian Jungwirth | Addendum
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14. April 2020 Coronavirus Lesezeit 19 min
Martin Sprenger, Public-Health-Experte aus Graz und bis vor einer Woche Mitglied im Expertenbeirat der Corona-Taskforce, schickt uns einen Brief mit einem Interview gegen sich selbst. Darin reflektiert er, was wir wissen und was nicht, vor allem aber, was wir jetzt tun könnten.
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Lieber Herr Fleischhacker,

seit der Veröffentlichung unseres Gesprächs auf Addendum ist zwar nur eine Woche vergangen, aber es kommt mir vor wie ein Monat. Die pandemische Zeit fließt anders, zumindest für mich. Die Woche war sehr turbulent. Auf unser Interview habe ich ausschließlich positives Feedback bekommen, auch von vollkommen unerwarteter Stelle. Der Rückzug aus der Taskforce hängt damit überhaupt nicht zusammen, hat mir aber meine bürgerliche und wissenschaftliche Meinungsfreiheit zurückgegeben, was sich sehr gut anfühlt. Dieser Rückzug hat mehr Wellen ausgelöst als mir recht ist, aber was soll’s. Mit Armin Wolf muss ich auf jeden Fall noch ein ernstes Wort reden :-).

Wie Sie wissen, wollte ich mich eigentlich zunächst nicht mehr zu Wort melden. Aber die vielen Gespräche, die ich seit Erscheinen unseres Interviews geführte habe – auch mit Ihnen –, haben mich dazu veranlasst, den Stand der Dinge noch einmal zusammenzufassen, diesmal auch unter Verweis auf viele andere Quellen, in die sich jeder Addendum-Leser vertiefen kann. Ich beginne hier einen Brief, weil wir in einem unserer Telefonate davon gesprochen hatten, dass so ein Briefwechsel eine interessante Form sein könnte, das Geschehen dialogisch zu begleiten und weil ich dachte, dass ich meine Gedanken als Gesundheitswissenschaftler in dieser Form besser ordnen kann. Aber dann habe ich bemerkt, dass ich auch für mich selbst eher dialogisch denke als verkünderisch, und so ist aus diesem Brief doch wieder ein Interview geworden, wenn auch eines mit mir selbst. Interessanterweise kam es mir aber doch immer so vor, als hätten Sie mir die Fragen gestellt, so wie Sie es in den vielen Telefonaten getan haben, die wir während der vergangenen zwei Wochen geführt haben. Ich wusste also ziemlich genau, was Sie mich fragen würden, und natürlich wusste ich auch, was ich Ihnen antworten würde. Nämlich, dass das Einzige, was ich in dieser Pandemie sicher weiß, ist, dass ich noch immer viel zu wenig weiß.

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Martin Sprenger
Public-Health-Experte und ehemaliges Mitglied des Expertenbeirats im Gesundheitsministerium
Martin Sprenger ist Allgemeinmediziner und Public-Health-Experte. Er hat 1994 an der Medizinischen Universität Graz promoviert und nach sieben Jahren ärztlicher Tätigkeit 2001–2002 eine Ausbildung zum Master of Public Health in Neuseeland absolviert. Seit 2002 ist er wissenschaftlicher Koordinator und seit 2010 Leiter des Universitätslehrgangs Public Health der Medizinischen Universität Graz. Er ist freier Unternehmensberater und hat zahlreiche Lehraufträge an diversen Fachhochschulen und Universitäten. Martin Sprenger war Mitglied des Beraterstabs der Coronavirus-Taskforce im Gesundheitsministerium. Diese ehrenamtliche Funktion hat er mittlerweile zurückgelegt.

Wir wissen nie genug, das sagen Wissenschaftler immer, aber wir wissen doch schon recht viel, oder?

Für Österreich wissen wir mit Sicherheit, dass ein Zusammenbruch der Krankenversorgung vorerst abgewendet wurde. Die gut ausgebauten österreichischen Intensivstationen bewältigen die Anzahl an COVID-19- und Nicht-COVID-19-Patienten sehr gut. Was verwundert, ist, dass noch immer keine detaillierteren Zahlen veröffentlicht werden. Wir wissen nur, dass circa 250 COVID-19 Patienten auf Intensiv liegen. Das ist weniger als 10 Prozent der Bettenkapazität.

Wir wissen auch, dass die Gesamtsterblichkeit in Österreich – zumindest bis jetzt – vollkommen unbeeinflusst geblieben ist. In den vergangenen 30 Tagen, seit dem ersten Todesfall am 12. März, sind 340 Menschen mit oder an COVID-19 verstorben. Das entspricht der Anzahl von Personen, die ansonsten an 1,5 Tagen versterben. Mit Sicherheit ist diese im internationalen Vergleich sehr geringe Zahl auf die rasche politische Reaktion zurückzuführen. Die Entscheidung, am 16. März einen Shutdown der Gesellschaft zu verordnen, hat viele Leben gerettet. Dafür sollten wir unserem Bundeskanzler wirklich dankbar sein. Ob es der Druck aus Tirol war, der zu dieser frühzeitigen Entscheidung geführt hat, ist dabei nebensächlich. Er hat sie so getroffen, und das war wichtig und richtig. Auch ich habe, wie so viele andere, die Wucht dieser Pandemie unterschätzt.

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Wissen wir eigentlich, wer in Österreich an COVID-19 verstirbt?

Martin Posch vom Zentrum für Medizinische Statistik der Meduni Wien und sein Team haben vor kurzem die Alters- und Geschlechterverteilung der mit oder an COVID-19 verstorbenen Personen analysiert. Ihrer Einschätzung nach entspricht die Sterblichkeit von COVID-19 in etwa der „normalen“ Sterblichkeit bei Männern und Frauen in den einzelnen Altersklassen. Zwei Drittel der COVID-19-Opfer sind Männer. Mit differenzierteren Daten könnten wir auch analysieren, warum das so ist. Aber die Daten sind nicht öffentlich verfügbar. Ob es auch in Österreich, wie in Italien, eine Dunkelziffer aufgrund von zu Hause Verstorbenen gibt, bleibt ebenfalls unklar.

Warum ist das mit dem Datenzugang in Österreich so ein Problem?

Keine Ahnung, das müssen Sie die zuständigen Stellen fragen. Die Daten sind vorhanden oder könnten leicht erhoben werden. Ohne Daten ist aber auch keine Begleit- und Versorgungsforschung möglich, können viele wichtige und spannende Fragen nicht beantwortet werden. Um das noch besser zu veranschaulichen: In der speziell eingerichteten Datenbank PubMed COVID-19 befinden sich bereits mehr als 3.500 Publikationen. Davon stammt keine einzige aus Österreich. Wir haben so viele exzellente Institute und Forscher. Warum diese Kapazitäten nicht genutzt werden, ist mir ein Rätsel. Das ist so, wie wenn Sie mit einem Porsche im ersten Gang fahren und alle sich wundern, dass Sie nicht endlich höher schalten.

John P.A. Ioannidis, ein Internist, Infektionsepidemiologe, Statistiker und Professor an der Universität Stanford, hat sich schon mehrmals in dieser Pandemie zu Wort gemeldet und diese fehlende Datenlage kritisiert. Er hält die aktuellen schwerwiegenden politischen Entscheidungen ohne genaues Wissen über das Geschehen für ein Wissenschaftsdesaster. Es gibt aber auch Gegenstimmen wie die des ebenfalls sehr renommierten Harvard-Professors Marc Lipsitch. Dieser argumentiert, dass genug Wissen da ist, um zu reagieren, die Zeit zu kurz ist, um das notwendige Wissen zu generieren. Für die erste Phase in dieser Pandemie sieht das Ioannidis genauso. Allerdings plädiert er dafür, die Zeit des Shutdowns gut für ein besseres Verständnis des pandemischen Geschehens zu nützen.

Wie auch immer. Dieser John P.A. Ioannidis hat wahrscheinlich einen höheren h-index, das ist die Kennzahl für das weltweite Ansehen eines Wissenschaftlers in Fachkreisen, als die gesamte Medizinische Universität Graz. Wir haben das aus Spaß wirklich einmal ausgerechnet. Mit zwei Kolleginnen hat er gerade eine Studie veröffentlicht, die das Sterberisiko von unter 65-Jährigen analysiert. Er hat dazu Daten aus Ländern wie Deutschland, Belgien, Italien, Niederlande, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien und den USA ausgewertet. Das Ergebnis zeigt, dass unter 65-Jährige ein sehr kleines Risiko haben, an COVID-19 zu versterben, auch in Hotspots des pandemischen Geschehens wie in Bergamo. Todesfälle bei unter 65-Jährigen ohne Grunderkrankungen sind extrem selten. Natürlich ist noch immer unklar, ob COVID-19 auch bei gesunden Menschen zu anhaltenden Gesundheitsproblemen, zum Beispiel der Lunge führt, aber trotzdem zeigt diese Studie gut, dass COVID-19 vor allem für ältere und multimorbide Menschen bedrohlich ist. Erst heute hat der Guardian berichtet, dass die Hälfte aller Sterbefälle in der EU Bewohner von Pflegeheimen betrifft. Wäre spannend, dazu Zahlen aus Österreich zu haben.

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Wir kommen nicht ohne Schaden durch diese Pandemie. Das ist unmöglich.

Das habe ich schon beim letzten Gespräch verstanden: Diese Menschen müssen wir gut schützen, damit wir ohne Schaden durch diese Pandemie kommen, oder?

Wir kommen nicht ohne Schaden durch diese Pandemie. Das ist unmöglich. Neben dem Schaden durch COVID-19 gibt es immer und gleichzeitig auch einen Schaden durch eine Regelversorgung im COVID-19-Modus. Und natürlich auch einen Schaden durch die Maßnahmen zur Eindämmung dieser Pandemie.

Oberstes Ziel muss es deshalb sein, den durch alle drei oben angeführten Gründe verursachten Schaden zu minimieren. Es muss uns gelingen, den gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schaden durch die SARS-CoV-2 Pandemie, aber auch durch Unter- und Fehlversorgung sowie den durch Eindämmungsmaßnahmen verursachten Schaden möglichst klein zu halten. Null Schaden geht nicht. Und wir müssen alles tun, dass dieser Schaden die sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten in Österreich nicht weiter steigert. Denn eines wissen wir auch mit hundertprozentiger Sicherheit: Diese Pandemie trifft die vulnerablen Gruppen, die Ärmeren in unserer Gesellschaft, am heftigsten.

Sie haben mir einmal erklärt, dass es sinnvoll ist, diese Pandemie in drei Phasen einzuteilen. Können Sie mir das bitte noch einmal erläutern?

Anfang März, am Beginn der Phase 1, stand die große Unsicherheit, ob diese „Freak Wave“ im Erkrankungs- und Sterbegeschehen unsere Krankenversorgung und Intensivkapazitäten überfordert, wir also bald Verhältnisse wie in der Lombardei auch in Tirol erleben. Jetzt am Ende dieser Phase wissen wir, dass das nicht passiert ist. Ich wiederhole mich, das ist vor allem den früh getroffenen politischen Entscheidungen zu verdanken. Aber auch unsere große Anzahl an Krankenhaus- und Intensivbetten hat viel geholfen. Ein kleines Rechenbeispiel: Österreich hat 30 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, Schweden hat 6 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, also fünfmal weniger. Das heißt, wenn Österreichs Intensivstationen zur Hälfte belegt sind, wären sie in Schweden schon längst kollabiert.

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In welcher Phase befinden wir uns jetzt?

Wir befinden uns jetzt am Beginn der Phase 2 in diesem pandemischen Geschehen. In den vier Wochen des Shutdowns hätten wir uns auf diese Phase gut vorbereiten können. Das haben wir zum Teil nicht gemacht. Es gibt noch immer keine detaillierte Teststrategie, keine Monitoringstrategie und kein Budget bzw. Aufträge für Versorgungs- und Begleitforschung. Am Beginn dieser Phase steht wieder Unsicherheit. Wir wissen nicht, wie viele Menschen in welcher Region bereits immun sind und wie lange diese Immunität anhält. Wir müssen unsere nächsten Schritte also vorsichtig setzen, damit wir keine neue Erkrankungswelle auslösen. Deshalb ist jetzt auch ein flächendeckendes und präzises Monitoring so wichtig. Wir sollten diese vier bis acht Wochen dauernde Phase aber gut nützen, um so wie viele andere Länder mehr Wissen über das Ausmaß der Herdenimmunität und die Infektionssterblichkeit in Österreich zu generieren. Herdenimmunität, Sie können auch gerne „Durchseuchung“ dazu sagen, ist der Anteil einer Bevölkerung („der Herde“), der gegenüber einer bestimmten Infektionskrankheit immun ist. Eine effektive Herdenimmunität ist dann erreicht, wenn das Ausmaß der Immunität in einer Bevölkerung ausreicht, um weitere Neuinfektionen erfolgreich zu verhindern. Bei Masern liegt diese bei 95 Prozent der Bevölkerung, bei SARS-CoV-2 bei circa 50 bis 66 Prozent.

Da gab es doch diese erste Studie in Deutschland?

Genau. Letzten Donnerstag hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet die Resultate einer serologischen Studie aus dem stark betroffenen Gebiet von Heinsberg präsentiert. 15 Prozent der Bevölkerung seien immun, und die Sterblichkeit betrage 0,4 Prozent. Es verging kein Tag, und schon wurde die Methodik der Studie kritisiert. Das Wissenschaftsdesaster geht in die Verlängerung. Eines ist trotzdem sicher: Am Ende der Phase 2, irgendwann im Mai, werden wir wissen, wie hoch die Herdenimmunität in verschiedenen Regionen Europas und hoffentlich auch Österreichs ist. Dann beginnt Phase 3 in diesem pandemischen Geschehen.

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Klingt ein bisschen wie ein Kriminalroman …

Stimmt. Nur ist diese Pandemie keine Fiktion, sondern ein sehr ernst zu nehmendes reales Geschehen. Am Beginn dieser dritten Phase steht wieder große Unsicherheit. Auf Basis der regional sehr unterschiedlichen Herdenimmunität müssen Strategien entwickelt werden, unter welchen Voraussetzungen unser soziales Leben, also zum Beispiel Feiern, Freizeitaktivitäten, Sportveranstaltungen oder Theater- und Gasthausbesuche wieder möglich sind. Das erfordert viel politische Feinsteuerung, die Überwindung föderaler Strukturen und eine perfekte Kommunikation. Vor allem aber erfordert spätestens diese Phase einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, so viel Bürgerbeteiligung wie möglich und einen transparenten, freien Zugang zu Informationen. Am Ende der Phase 3 steht entweder eine ausreichende Herdenimmunität oder eine Impfung.

Klingt jetzt nicht so kompliziert, eigentlich erstaunlich einfach und wenig bedrohlich.

Bevor wir uns da missverstehen, sage ich es noch einmal ganz deutlich. Wir kommen nicht ohne Kratzer durch diese Pandemie! Das ist unmöglich! Neben dem Schaden durch COVID-19 gibt es immer und gleichzeitig auch einen Schaden durch eine Regelversorgung im COVID-19-Modus und natürlich auch einen Schaden durch die Maßnahmen zur Eindämmung dieser Pandemie. Spätestens in der zweiten Phase, also jetzt, muss der Fokus von den Intensivbetten und Beatmungsgeräten endlich auch auf den gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schaden gerichtet werden, der kurz-, mittel- und langfristig in der Regelversorgung und durch Eindämmungsmaßnahmen entsteht.

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Können Sie mir dazu bitte ein Beispiel geben?

Kein Problem. In einem aktuellen Artikel, der gerade in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet erschienen ist, haben italienische Kinderärzte aus fünf Krankenhäusern zwölf Fälle analysiert. Diese betrafen Kinder, die aus Angst vor einer Infektion mit SARS-CoV-2, in der Woche zwischen 23. und 27. März, verspätet ein Krankenhaus aufgesucht haben. Zwei Kinder hatten eine Erstmanifestation von Typ-I-Diabetes, zwei Kinder eine Erstmanifestation einer Leukämie, ein Kind hatte anhaltende Krampfanfälle, und die anderen sieben Kinder hatten etwas anderes. In dieser kleinen Fallstudie mussten sechs Kinder, also die Hälfte, auf der Intensivstation versorgt werden. Vier Kinder verstarben. In allen Fällen war es die Angst der Eltern vor einer Infektion, die zu Verzögerungen in der Versorgungskette geführt hat. In fünf Fällen haben die Eltern telefonisch Gesundheitsdienstleister kontaktiert. Eine klinische Untersuchung fand aus Angst vor einer Infektion entweder nicht statt, oder das Krankenhaus äußerte sich ablehnend. Im Vergleichsraum des vergangenen Jahres gab es keine vergleichbaren Fälle und keinen einzigen Todesfall. 2019 lag die Gesamtzahl der pädiatrischen Todesfälle in diesen fünf pädiatrischen Krankenhäusern bei 0 bis 3. Die Autoren gehen davon aus, dass ihre kleine Studie das Problem deutlich unterschätzt.

Es gibt ähnliche Berichte aus anderen Ländern, und es gibt immer mehr Berichte über körperliche oder sexuelle Gewalt an Kindern. Auch die UNICEF findet diese Entwicklungen zunehmend besorgniserregend. Wie schaut es in Österreich aus? Gab es auch hierzulande schon vermeidbare Todesfälle bei Kindern? Haben Kinder einen vermeidbaren schweren eventuell anhaltenden gesundheitlichen Schaden erlitten, weil sich unser Gesundheitssystem im COVID-19 Modus befindet? Wie viele der unter 12-Jährigen, das sind eine Million Kinder, sind aktuell körperlichem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt? Wie viele werden gerade schwer traumatisiert, haben Albträume, haben wieder begonnen zu bettnässen, Angststörungen entwickelt, leiden unter Einsamkeit, oder werden aus irgendeinem anderen Grund zu zukünftigen Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

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Das klingt bedrohlich, und ich wundere mich, dass es dazu noch keine Medienberichte gegeben hat. Wie schaut es eigentlich bei den Erwachsenen aus?

Im März hat sich auch in Österreich die Zahl der Herzinfarkte um etwa 40 Prozent verringert. Ärzte aus der schwer betroffenen Lombardei haben in einem Rundbrief der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie sogar von einer Abnahme um 50 bis 70 Prozent gesprochen. Vollkommen offen ist, wie sich die Zahlen bei Schlaganfällen, Suiziden, psychisch Kranken, chronisch Kranken, Schwangeren, Schmerzpatienten, Krebspatienten, Drogensüchtigen, Menschen mit Demenz etc. verändert haben. Die Daten wären vorhanden, könnten auch kurzfristig ausgewertet werden. Aber auch da vermisse ich das notwendige Forschungsbudget und die erforderlichen Forschungsaufträge. Es sollte dringend hinterfragt werden, wer solche Daten erhebt und vielleicht nicht öffentlich macht.

Sie meinen, die Daten sind vorhanden, aber die zuständigen Stellen haben Angst diese zu veröffentlichen?

Ja, genau das meine ich. Es ist schon erstaunlich, wie der in den letzten sechs Wochen entstandene und ständig entstehende Kollateralschaden in der Krankenversorgung von Ärztekammer, Österreichischer Gesundheitskasse, Gesundheitsfonds und den Ländern ignoriert wird. Dabei ist vollkommen klar, dass ein sowieso schon kompliziertes und fragmentiertes Gesundheitssystem wie das österreichische durch restriktivere Krankenhäuser, schwierigere Zugang zu Fachärzten, Ausfall von Therapeuten, verstärkten Einsatz von Telemedizin und viele andere distanzierende Maßnahmen nicht einfacher geworden ist. Hinzu kommt die anfängliche Botschaft der Ärztekammer: „Gehen Sie bitte nicht zu Ihrem Hausarzt oder in eine Spitalsambulanz, weil sie damit andere Patienten, Ärzte sowie Pflegekräfte anstecken könnten.“

Die dadurch entstanden Ängste zeigen sicher auch in Österreich Folgen. Aktuell sind alle Zeitungen voll mit dem Inserat „So schützen wir uns auch nach Ostern“. Darin steht: „Es gibt nur vier Gründe, das Haus zu verlassen: Arbeit, Menschen helfen, Bewegung, Einkaufen“.

Da fragen sich reflektierte Ärzte zu Recht, warum „Krankheit“ oder „für die Gesundheit nötige Therapien“ oder „Arztbesuch“ nicht mit angeführt sind. Ich mache mir wirklich große Sorgen, dass diese eindimensionale Information viele unerwünschte Effekte hat. Und was sagt eigentlich die Österreichische Gesundheitskasse zu ihren 7,2 Millionen Versicherten, für deren Gesundheit sie zuständig ist?

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Die strukturellen und organisatorischen Schwächen des österreichischen Gesundheits- und Pflegesystems werden zurzeit gnadenlos aufgedeckt.

Das liegt aber schon auch an den Strukturen, am Föderalismus, oder sehen Sie das anders?

Nein, das sehe ich genauso. Die strukturellen und organisatorischen Schwächen des österreichischen Gesundheits- und Pflegesystems werden zurzeit gnadenlos aufgedeckt. Ob wir daraus etwas lernen? Ich glaube es nicht. So sind wir nicht gestrickt, wir Österreicher.

Wenn ich mir die aktuellen Debatten und Zugänge, wie wir mit der Pandemie umgehen, so anschaue, dann sehe und höre ich jene, die das Virus unterdrücken und jene, die eine Ausbreitung in der gesunden Mehrheitsbevölkerung zulassen wollen. Polarisiert diese Frage wirklich so?

Ja, die aktuelle politische und wissenschaftliche Debatte hat durchaus religiösen Züge, ist voller Groupthink-Phänomene. Auf der einen Seite gibt es jene, die der festen Überzeugung sind, dass dieses Virus besiegt werden kann. Ein Anhänger dieses „Glaubens“ ist zum Beispiel unser Bundeskanzler, aber auch zahlreiche Wissenschaftler. Letztendlich ist „der Hammer und der Tanz“ aber auch die dominierende Strategie in den meisten Ländern und auch diejenige, die bis jetzt am besten funktioniert hat. Die anderen „glauben“, dass eine dauerhafte Unterdrückung nicht möglich ist und einen viel zu großen Kollateralschaden verursacht. Sie plädieren für eine Abschwächung und kontrollierten Aufbau einer Herdenimmunität. Wenn es bei diesem „Glaubenskrieg“ um eine Kiste Bier ginge, wäre es mir egal. Aber es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft, und das darf niemandem egal sein, das geht uns alle an!

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Diesem Glaubenskrieg kann sich niemand entziehen?

Nein, der zieht sich durch die Politik, Wissenschaft, Praxis, Bevölkerung, Medien, ja sogar durch Familien und Freundeskreise, und er ist in vollem Gang. Und das macht etwas mit einer Gesellschaft, so viel ist fix! Ob eine dauerhafte Unterdrückung gelingt, wie es Singapur seit Wochen erfolgreich demonstriert, ist fraglich. Ebenso offen ist, wie der Sonderweg von Schweden mittel- und langfristig endet. Kurzfristig war die schwedische Strategie in vielen Ländern politisch nicht durchhaltbar, das haben die Beispiele England, Holland und Schweiz gut gezeigt. Der schwedische Sonderweg ist sehr umstritten, und auch Schweden hat in den letzten Wochen viele Maßnahmen eingeführt. Trotzdem präsentiert sich das skandinavische Land vergleichsweise entspannt und setzt auf Eigenverantwortung.

Sie sagen immer, diese Herdenimmunität ist ein „Game Changer“, warum?

Solange wir das Ausmaß der Herdenimmunität weder international noch national, weder regional noch überregional kennen, ist es schwierig, sich für den einen oder anderen „Glauben“ zu entscheiden. Vielleicht ist das aber auch gar nicht notwendig, vielleicht wäre es am besten, glaubensfrei und objektiv, also möglichst wissensbasiert zu bleiben. Es macht natürlich einen riesigen Unterschied, ob ich Analysen oder Entscheidungen als Politiker, Wissenschaftler, Journalist, Virologe, oder Bürger kommuniziere und treffe. Aber eines wissen wir schon jetzt: Das Ausmaß der Herdenimmunität wird regional sehr unterschiedlich sein. Oder anders ausgedrückt: Wir sind mit einer Situation konfrontiert, bei der im Bezirk Landeck vielleicht 30 Prozent der Bevölkerung auf natürlichem Wege „geimpft“ wurden und im Bezirk Hermagor ist es nur 1 Prozent der Bevölkerung, das diese „Impfung“ erhalten hat.

Was ist da jetzt der Unterschied zwischen Landeck und Hermagor?

In einem Infektionsgeschehen verläuft der Anstieg von einem Anteil von null immunen Personen auf 10 Prozent immune Personen beinahe exponentiell. Das erzeugt eine echte „Freak Wave“ im Erkrankungs- und Sterbegeschehen, vor allem wenn sich Hochrisikopersonen infizieren. Der Anstieg von einem Anteil von 10 Prozent immunen Personen auf 20 Prozent immune Personen ist deutlich abgeschwächt, alles andere als exponentiell. Wenn die Herdenimmunität noch weiter steigt, wird das pandemische Geschehen noch weiter abgeschwächt. Wenn also in unserer obigen fiktiven Annahme die Herdenimmunität in Hermagor wirklich nur 1 Prozent beträgt, kann ein kleiner Ausbruch einen Flächenbrand auslösen. Vor allem wenn wir ihn nicht frühzeitig erkennen. In unserem fiktiven Szenario für Landeck sind Infektionen auch möglich, lokal vielleicht sogar explosiv, aber im Schnitt ist hoffentlich jede dritte Person immun, also für das Virus als Wirt nicht mehr nutzbar. Lokalverbot sozusagen. Leider wissen wir noch nicht genau, ob sich bei allen infizierten Personen eine ausreichende Immunität entwickelt und wie lange diese anhält. Ein paar Jahre könnten da wichtig sein, vor allem wenn es noch lange bis zu einer effektiven Impfung dauert.

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Wir brauchen also ein präzises Wissen über die Herdenimmunität, möglichst auf Bezirks- noch besser auf Gemeindeebene?

Genau. Das Problem ist, wir wissen derzeit nicht, an welchem Punkt dieses Geschehens wir uns gerade befinden. Wir wissen es weder für Österreich noch für die Bundesländer, und auch nicht auf Bezirks- oder Gemeindeebene. Die gute Nachricht lautet: Wir werden es bald wissen, hoffentlich Mitte oder Ende Mai. Hinzu kommt, dass wir auch bald anfangen müssen, Individuen auf Antikörper zu testen. Mit der Verschränkung der Ergebnisse von serologischen Querschnittsstudien und individuellen Tests bekommen wir dann ein immer besseres Bild. Wichtig ist auch zu verstehen, dass diese individuellen Tests sehr gut sein müssen. Da sollte möglichst kein Fehler passieren. Ansonsten glaubt sich eine Person immun und infiziert unwissentlich eine Hochrisikoperson.

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang diese SORA-Studie, die am Freitag präsentiert wurde. So wie der Bundeskanzler vor einigen Tagen, sagt auch der Wissenschaftsminister vor laufender Kamera, das Ergebnis von 0,3 Prozent „deutet auf einen niedrigen Immunisierungsstatus hin“. Das ist vollkommen falsch und unwissenschaftlich. Zum Glück retten die Studienverantwortlichen die wissenschaftliche Ehre und werden nicht müde zu betonen, dass auf diese Weise keine Immunität bestimmt werden kann. Welche Sichtweise die Kronen Zeitung übernommen hat, weiß ich nicht. Kommunikativ ist das sicher nicht gut gelaufen. Aber solche Fehler passieren in letzter Zeit immer öfter. Ich würde es einfach Wissenschaftlern überlassen, ihre Ergebnisse zu präsentieren, zu interpretieren und Fragen dazu zu beantworten. Sobald die Methodik der SORA-Studie öffentlich zugänglich ist, werden wir sie kritisch beurteilen.

Aber was bringen dann alle diese Maßnahmen die wir gerade ertragen müssen?

Diese Maßnahmen waren entscheidend für eine erfolgreiche Phase 1, die Eindämmung der Pandemie. In den nächsten Monaten müssen wir diese Maßnahmen schlau lockern, aber auch schlau beibehalten, eventuell sogar verschärfen. Neben dem Aufbau einer Herdenimmunität bremsen natürlich auch alle diese Maßnahmen das pandemische Geschehen. Ein großer Anteil der österreichischen Bevölkerung hält sich inzwischen an die Hygieneempfehlungen, physische Distanzierung und weiß über das erhöhte Risiko von älteren und chronisch kranken Menschen Bescheid. Hinzu kommen die manchmal vollkommen überzogenen Maßnahmen der Regierung, wie Einschränkung der Bewegung im Freien und die Schließung von vielen öffentlichen Plätzen. Ich wäre dafür, jegliche Form von Bewegung und Sport im Freien ab sofort wieder ohne jede Einschränkung zu erlauben. Das ist gut für die Psyche, das Immunsystem, die Gesundheit, und das Infektionsrisiko ist minimal.

Ob die Masken etwas bringen oder nicht, wissen wir nicht. Letztendlich zählt wohl das Vorsorgeprinzip. Faktum ist, dass wir aus China und Italien wissen, dass sich viele Rettungskräfte und Gesundheitsberufe durch die falsche Verwendung der Schutzausrüstung infiziert haben. Gesundheits- und Sozialberufe in Österreich sind vielleicht inzwischen gut eingeschult, für normale Bürger könnte das Infektionsrisiko bei falscher Handhabung der Maske aber größer sein als das Infektionsrisiko ohne Maske.

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Was wir derzeit unseren Kindern zumuten, ist unverzeihlich und hat in manchen Fällen jahrelange, vielleicht sogar lebenslange Auswirkungen.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Kindern und den Schulschließungen. Wie sehen Sie das?

Eine systematische Übersichtsarbeit im Fachmagazin The Lancet Child & Adolescent Health hat dazu Daten aus 16 Studien analysiert und kommt zum Schluss, dass Schulschließungen in China, Hongkong und Singapur kaum einen Einfluss auf das pandemische Geschehen hatten. Auch der Einfluss auf das Sterbegeschehen ist mit 2 bis 4 Prozent deutlich geringer als oft angenommen. Ich hätte mit 14. April in drei Bundesländern die ersten acht Schulstufen geöffnet. Dann hätten wir zwei bis drei Wochen schauen können, wie sich diese Maßnahme auf das pandemische Geschehen auswirkt. Wenn sich nichts tut, können auch die anderen sechs Bundesländer nachziehen. Kinder lassen sich ohne Zwangsmaßnahmen nicht distanzieren und sollten auch nicht distanziert werden. Kinder brauchen andere Kinder wie wir die Luft zum Atmen. Hat sich in Österreich eigentlich schon einmal jemand genau angeschaut was diese unsinnigen Freiheitsbeschränkungen Kindern antun, die in Städten in kleinen Wohnungen ausharren müssen, ohne Spielplatz, Park und beste Freunde, ohne Kontakt zur Schule? Was wir derzeit unseren Kindern zumuten , ist unverzeihlich und hat in manchen Fällen jahrelange, vielleicht sogar lebenslange Auswirkungen.

Ich hoffe, dass niemand auf die Idee kommt, in Kindergärten und Volksschulen eine Maskenpflicht zu fordern oder Distanzierungsregeln einzuführen. Ich hoffe auch, dass diese pädagogischen Einrichtungen von jeglichem Testaktionismus verschont bleiben. Kindergärten und Volksschulen lassen sich nicht abschirmen. Dazu verlaufen die Infektionen bei Kindern viel zu oft asymptomatisch. Für alle Beteiligten wäre es deshalb am besten und gesündesten, wenn Kindergärten und Volksschulen unter möglichst normalen Bedingungen ihre Aufgaben erfüllen. Risikopersonen sollten diesen Einrichtungen fernbleiben oder freigestellt werden.

Wie sehen Sie die Situation für die älteren Menschen, die ja großteils zur Risikogruppe gehören?

Was diese Pandemie unseren ältesten Mitmenschen antut? Sehr viel, glaube ich. Hoffentlich erhebt gerade jemand die mit Sicherheit enormen Belastungen von älteren alleinlebenden Menschen in Österreich und schaut sich an, was diese Menschen derzeit aushalten müssen. Zur Angst vor dem Virus kommt die Sorge um ihre sonstigen Gesundheitsprobleme, die Sorge um ihre Familie und sicher auch die Angst, dass dieser Albtraum ihre eigene Lebensspanne überdauert. Es gibt aber auch ältere Menschen, die gelassen ihre Runden drehen. Meine Eltern, beide 86 Jahre alt, in Tirol auf einem Bauernhof auf fast 1.300 m lebend, unterstützt von den Nachbarn, kann diese Pandemie scheinbar nichts anhaben. Würde mein Vater in Innsbruck leben, hätte er schon unzählige Anzeigen wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre. Meinem Vater die Freiheit nehmen, das Gehen verbieten: unmöglich und auch vollkommen schwachsinnig.

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Wir reden schon wieder viel zu lange und müssen langsam zu einem Ende kommen. Wohin sollte aus Ihrer Sicht die Reise gehen, was sollte passieren?

Wir kommen nicht ohne Schaden durch diese Pandemie. Das ist unmöglich! Dieser Fokus auf COVID-19 darf den dabei entstehenden Kollateralschaden nicht ausblenden! Wir können so wichtige gesellschaftliche Fragen wie die nach der sozialen Ungleichheit, Gendergerechtigkeit, Generationenvertrag und so weiter nicht länger ignorieren. Da braucht es einen Aufschrei der Öffentlichkeit, der Medien, der Wissenschaft und auch der Oppositionspolitik. Und das hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, dass wir alle diese Pandemie nicht sehr ernst nehmen sollten. Das Erkrankungs- und Sterbegeschehen ist echt und real, wir können es am Dashboard live verfolgen. Ich fordere aber ab sofort auch Dashboards, die uns tagtäglich vor Augen führen, was wir unseren Kindern, unseren älteren Menschen antun, gesundheitlich, psychisch und sozial. Ich hätte gerne Dashboards für alle Arbeitslosen, zerstörten Familienunternehmen und Existenzen, Privatkonkurse und familiären Katastrophen. Natürlich bräuchte es auch Dashboards für die positiven Effekte dieser Pandemie. Das große Engagement der Zivilgesellschaft, die vielen Heinzelfrauen und auch Heinzelmännchen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, den Rückgang der Emissionen und vieles mehr.

Ich wünsche mir, dass wir als offene Gesellschaft das gesamte Bild im Auge behalten. Ich will, dass das nicht nur Virologen und Intensivmediziner entscheiden, und wir in Pressekonferenzen vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Ich will, dass das so breit und offen wie möglich diskutiert wird. Dass wir als Gesellschaft diskutieren. Das dürfen wir keiner Partei und auch keiner Wissenschaft überlassen.

Wollen Sie sonst noch etwas loswerden?

Ja, dass mir dieses fiktive Gespräch viel Spaß gemacht hat und mir geholfen hat, meine Gedanken zu ordnen. Wie der reale, so hat auch der fiktive Michael Fleischhacker viel zu viele Fragen gestellt und ich habe wie immer viel zu lange geantwortet. Deshalb habe ich eine Bitte: Falls Sie auf den Brief antworten, was ich sehr hoffe, stellen Sie nicht zu viele Fragen. Denken Sie an Ihre Leserschaft. So lange Texte hält auch in Zeiten einer Pandemie kaum jemand aus. Danke. 

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