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Ist die Post das österreichische Cambridge Analytica?

Eines der Kern-Angebote der Firma Cambridge Analytica war Wahlwerbung mittels persönlicher Daten, die erlauben, potenzielle Wähler so zielgerichtet wie möglich anzusprechen. Auch die österreichische Post sammelt Daten und verkauft sie weiter. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Firmen.

07.01.2019
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Der größte Datenskandal des vergangenen Jahres betraf die britische Wahlkampfberatungsfirma Cambridge Analytica. Die auf Datenanalyse und gezielte Wahlwerbung spezialisierte Firma beriet unter anderem für die Präsidentschaftskampagne von Donald Trump und dessen in den Vorwahlen unterlegenen Rivalen Ted Cruz. Auch eine Beteiligung an der Brexit-Kampagne Leave.eu wurde berichtet, wird aber von der mittlerweile insolventen Firma dementiert.

Eines der Kern-Angebote von Cambridge Analytica war Wahlwerbung mittels persönlicher Daten, die erlauben, potenzielle Wähler so zielgerichtet wie möglich anzusprechen. So war es beispielsweise möglich, entweder nur potenziell interessierte Adressaten anzusprechen oder ihnen sogar personalisierte Botschaften zu übermitteln, dabei wurden auch Facebook-Daten ausgewertet und verwendet.

Auch die österreichische Post sammelt Daten und verkauft sie an wahlwerbende Parteien weiter und ähnelt somit Cambridge Analytica. Die gesammelten Informationen lassen sich dabei durchaus vergleichen, auch die Reichweite im Zielmarkt hatte eine ähnliche Größenordnung: Cambridge Analytica verfügte über Daten von 87 Millionen Benutzern weltweit, davon rund 33.500 österreichische Profile. Während in den USA etwa 15 Prozent der Bevölkerung von Cambridge Analytica erfasst wurden, war es in Österreich also weniger als ein Prozent. 

Die Post verfügt in Österreich hingegen über etwa drei Millionen Personenprofile (aufgeteilt auf 1,6 Millionen Haushalte), die sie weitergeben kann. Das wären bis zu 34 Prozent der Bevölkerung, wenn es höchstens ein Profil pro Person gäbe. Wir wissen allerdings, dass für viele Personen mehrere Profile auf unterschiedlichen Adressen existieren.

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Ein Unterschied: Die Datenquellen

Aus dem Kerngeschäft der Zustellung von Briefen und Paketen liegen der Post meist keine Genehmigung zur Weitergabe vor. Daten, deren Weitergabe möglich ist, können aber zugekauft oder über Newsletter, Gewinnspiele oder ähnliche Dienste erworben werden. Ein großer Wettbewerbsvorteil der Post sind allerdings Nachsendeaufträge.

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Dies ist nötig, da wegen des Datenschutzgesetzes Daten nur weitergegeben werden dürfen, wenn eine Einverständniserklärung der Betroffenen vorliegt02. Aus dieser Quelle verfügt die Post über mit einem Ausweis abgeglichene Adressinformationen inklusive Name und Geburtsdatum.

Cambridge Analytica sammelte Daten über eine Quiz-App namens This Is Your Digital Life. Um das Quiz – teilweise gegen Bezahlung in der Höhe von einem oder zwei US-Dollar – durchführen zu können, mussten User der App den Zugriff auf Facebook-Daten genehmigen. In Österreich taten dies 13 User. Da die Benutzer auch den Zugang zu Freundschaftsdaten freigaben, konnte die Quiz-App die Daten von Freunden und Freundesfreunden auslesen. Cambridge Analytica hatte aus dieser Quelle Zugriff auf die Angaben Name, Alter, Wohnort und Vorlieben (mit „Gefällt mir“ markierte Facebook-Seiten). Auf Facebook gibt es zwar eine Klarnamenpflicht, die Informationen sind aber weniger stark gesichert als die der Post aus den Nachsendeaufträgen.

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Datenanreicherung

Daten wie Name, Adresse und Geburtsdatum ermöglichen für sich genommen nur klassische Werbeformen wie Flugzettel. Mehr Möglichkeiten ergeben sich, wenn auch Angaben zum Verhalten oder zu Vorlieben der Personen vorhanden sind. Dadurch wird zielgerichtete (also: sparsamere und effektivere) Öffentlichkeitsarbeit erst möglich.

Die Post reichert ihre Daten „anhand des Geburtsdatums, des Wohnorts und Ergebnissen von Befragungen eines statistisch repräsentativen Bevölkerungsquerschnitts“ beispielsweise um Neigungen (sogenannte Affinitäten) an. Anhand von Umfrageergebnissen wird beispielsweise ermittelt, wie wahrscheinlich ein Empfänger eine bestimmte Neigung – etwa zu Spenden, Bioeinkauf oder Parteinähe01 – aufweist.

Cambridge Analytica verwendete ihre Facebook-Daten – beispielsweise welche Seiten ein Benutzer mit „Gefällt mir“ markierte –, um ähnliche Schlüsse zu ziehen. Aus den Kerndaten verfügte Cambridge Analytica – anders als die Post – nicht über genaue Informationen zur Wohnadresse. Daten wie Wohnadressen konnte das Unternehmen jedoch von anderen Anbietern zukaufen.

Im Vergleich mit der Post war das Ziel von Cambridge Analytica allerdings ambitionierter: Nicht nur Neigungen, die sich aus dem Konsumverhalten ableiten, sollten bestimmt werden. Auch die Persönlichkeit der User sollte (mittels psychografischer Profile) abgeschätzt werden, damit Werbekunden ihre Botschaft noch besser an die Empfänger anpassen konnten.

„Die Praktiken von Post und Cambridge Analytica sind gleich problematisch. Beide machen strukturelles Mikrotargeting. Cambridge Analytica mache das nur viel genauer“, sagen die Experten der Datenschutzorganisation Epicenter.works.

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Profit

Die Post verkauft oder vermietet Adressdaten inklusive berechneter Merkmale. Kunden sind Firmen wie Ikea oder eben auch politische Parteien. Die Post erzielt durch Addresshandel einen Jahresumsatz um die zehn Millionen Euro.

Für die Verwendung stehen zwei Optionen zur Verfügung: Kunden können über die Post eine Sendung an eine Zielgruppe verschicken lassen, wobei die Adressdaten nur der Post bekannt bleiben. Nach Online-Registrierung kann man allerdings auch Adressdaten einer Zielgruppe herunterladen. Für 1,6 Millionen Adressen – also alle vorhandenen Haushalte – ohne Zielgruppeneinschränkung zahlt man 450.000 Euro. Die Zielgruppendaten sind beim Download allerdings nicht enthalten – „nur“ Anrede, Titel, Name und Adresse. Den gesamten Adressdatensatz inklusive Namen und Affinitäten erhält man nur nach Kontakt mit eigenen Verkäufern der Post. Dieses Vorgehen scheint sich vom Adresshandel der Deutschen Post zu unterscheiden. Diese erlaubt es Werbekunden, eine Zielgruppe auszuwählen, übernimmt aber die Zustellung selbst – Daten von Einzelpersonen wie Name und Adresse wurden wohl nicht weitergegeben. Politische Parteien konnten Medienberichten zufolge nur anonymisierte Daten auf Gebäudeebene kaufen, um die allgemeine politische Haltung von Bewohnern abschätzen zu können.

Das Angebot von Cambridge Analytica war spezifischer auf die Unterstützung von Wahlwerbung ausgerichtet. Indem die Vorlieben von Usern analysiert wurden, konnte die Wahlwerbung genau auf den Empfänger abgestimmt werden. Das Angebot ging allerdings weiter: Undercover-Journalisten von Channel 4 News bekamen Angebote, die von politischer Einflussnahme mittels Einsatz von Spionen über Bestechung bis zur Organisation von Prostituierten reichten.

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Im Adressshop der Post kann man zwischen Miete, Leasing und Kauf wählen. Bei der Miete der Adressen dürfen diese vom Kunden nur einmal verwendet werden. Bei Leasing dürfen die erworbenen Adressen ein Jahr „uneingeschränkt“ genutzt werden. Und wenn Adressen bei der Post gekauft werden, können sie ohne zeitliche Befristung uneingeschränkt verwendet werden. Letzteres ist auch am teuersten.

Wahlerfolg durch Dateneinsatz?

Kunden können diese Daten natürlich nutzen, um Werbung – per Post – personalisiert zustellen zu lassen.

Für Parteien sind allerdings andere Möglichkeiten relevanter. Ein Klassiker ist die Datenanalyse zur Beantwortung der Frage, in welchen Gegenden die Parteien Hausbesuchsaktionen durchführen sollen. Aufgrund der Post-Daten könnte eine Partei beschließen, in Gegenden an Haustüren zu klopfen, in denen das Wählerpotenzial nicht ganz ausgeschöpft war.

Auch für einen gewissen Grad der Personalisierung in der Onlinewerbung können solche Daten geeignet sein. Facebook erlaubt abseits von der Einschränkung der Zielgruppe mittels Interessengebieten (also beispielsweise Seiten, die User mit „Gefällt mir“ markiert haben) auch die Erstellung von eigenen Zielgruppen. Werbekunden können diese erstellen, indem sie Listen von E-Mail-Adressen an Facebook übermitteln. Danach kann eine Werbeschaltung erstellt werden, die nur Facebook-Benutzer erreicht, die mit den angegebenen E-Mail-Adressen registriert wurden. Aber: Weder die Post noch Cambridge Analytica haben in ihrem Kerndatensatz Zugriff auf E-Mails, bei Cambridge Analytica ist es aber nicht auszuschließen, dass sie E-Mail-Adressen zugekauft haben.

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Keine der uns bekannten Post-Datenauskünfte enthielt E-Mail-Adressen in den Kategorien, die weitergegeben werden. Cambridge Analytica konnte via Facebook auch keine E-Mail-Adressen von Facebook-Freunden auslesen.

Die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit der Wirksamkeit von personalisierter Werbung befassen, hat Vox.com zusammengestellt. Zusammengefasst: Es gibt Anzeichen dafür, dass personalisierte Werbung öfter geklickt wird, aber kaum Hinweise auf eine Beeinflussbarkeit des Wahlverhaltens. Ein ehemaliger Mitarbeiter von Ted Cruz’ Kampagne behauptete, dass die Zusammenarbeit mit Cambridge Analytica wenig genützt habe.

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Lassen sich die Anbieter vergleichen?

Der Datenhandel der Post in Österreich hat ein ähnliches oder größeres Reichweitenpotenzial als der Datenhandel von Cambridge Analytica in den USA. Auch die Einsatzmöglichkeiten waren ähnlich.

Der Datenschutzaktivist Wolfie Christl bezeichnet diese Aktivitäten der Post als skandalös. Im Vergleich zu den Möglichkeiten der Post habe aber Cambridge Analytica weit mehr Optionen für das Targeting gehabt. Cambridge Analytica habe zusätzlich zu den sehr persönlichen Facebook-Daten auch analoge Datensätze (wie Profildaten, Wohnadressen usw.) zugekauft – hatte also noch persönlichere Daten. Seine Zusammenfassung: „Der Skandal rund um Cambridge Analytica wird vielleicht etwas überbewertet. Der Missbrauch persönlicher Daten für kommerzielle oder politische Zwecke ist in vielen anderen Fällen mindestens genauso problematisch.“ Er vermutet, dass die Medienaufmerksamkeit durch den Zusammenhang mit den Trump- und Brexit-Kampagnen entstand. 

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Welche Daten speichert die Post über mich?

Ob Sie von der Post als ÖVP-, SPÖ-, FPÖ-, grün- oder NEOS-affin eingeschätzt werden und an wen diese Daten weiterverkauft wurden, können Sie ganz einfach selbst herausfinden – mit einem Ansuchen an den Datenschutzbeauftragten.

Im sogenannten Auskunftsbegehren muss die Post innerhalb eines Monats offenlegen, welche Informationen sie über die jeweilige Person gespeichert hat, wo Daten gesichert werden und an wen die Daten weitergegeben worden sind.

So kommen Sie zu den Daten:

  1. E-Mail an [email protected] schreiben.
  2. Der Anfrage entweder einen Identitätsnachweis beilegen (Scan von amtlichem Lichtbildausweis) oder aber die Identität durch weiterführende Angaben wie z.B. Wohnadresse offenlegen. Eine digitale Signatur ist nicht ausreichend.
  3. Ein „Auskunftsbegehren nach Art. 15 DSGVO“ anfordern.
  4. Falls Sie die Erkenntnis mit uns teilen wollen, bitte gerne an [email protected] schreiben. Das ermöglicht uns eine größere Stichprobe und somit aussagekräftigere Auswertungen.
  5. Parallel oder nach der Auskunft kann man die Richtigstellung falscher oder generell die Löschung der Daten fordern sowie dem Datenhandel widersprechen.

Weiters kann es vorkommen, dass die Identität per Mail oder Telefon nochmals überprüft wird. Erfahrungsgemäß drängt die Post auch – ohne rechtliche Grundlage – auf Übermittlung eines Ausweises. Verweigert man die Übermittlung berechtigterweise, schickt sie die Auskunft als eingeschriebene Sendung. Wenn Sie innerhalb der kommunizierten Frist keine Antwort erhalten, können Sie sich an die Datenschutzbehörde wenden.

Offenlegung: Addendum hat im Dezember 2018 Adressen bei der Österreichischen Post gemietet und an diese die Addendum-Zeitung verschickt.

Das Rechercheteam

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Michael Mayrhofer

Michael Mayrhofer hat an der Universität Wien Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert. Während verschiedener Praktika im Journalismus bei Puls4 und ORF entdeckte er seine Liebe zum Social-Media-Journalismus. Die Menschen mit Information zu verführen – das ist sein Motto. Nebenbei war er auch Teil des Interview-Podcasts „Was soll das?“. Zuletzt war er freier Mitarbeiter im Social-Media-Team der Zeit im Bild.

Dieter Zirnig

Hat in den letzten zehn Jahren mit neuwal.com Politik und Politikverständnis in neuen digitalen Formaten innovativ aufbereitet, um sie Bürgern näherzubringen. Er ist Absolvent der FH Hagenberg (Medientechnik und -design), studierte Organisationsentwicklung, war bei Hewlett Packard und Electrolux in digitalen Funktionen tätig und brachte als Selbstständiger Unternehmen ins Digitale Zeitalter. Im Jahr 2013 erhielt er den Dr.-Karl-Renner-Publizistikpreis 2013 (Online), im Jahr 2014 den Medienzukunftspreis.

Monika Müller

Monika Müller hat in den vergangenen vier Jahren die Nachrichtensendung 24 Stunden Wien auf W24 moderiert und zuvor sechs Jahre lang ein Sendeformat für die Stadt Wien geleitet und produziert. In ihrer selbstständigen Arbeit war und ist sie als Trainerin tätig und hat im Team eines international anerkannten und Latin-Grammy-nominierten Musikers gearbeitet.

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Folgende Artikel gehören zum Projekt 067 Datenhandel

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