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Bild: Roland Mühlanger | APA
Post: Die Datenaffäre weitet sich aus
28. Januar 2019 Datenhandel Lesezeit 5 min
Beim Datenhandel ignoriert die Post die Datenschutzgrundverordnung offenbar noch stärker als bisher angenommen: Gemeinsam mit einem Technologiepartner vermarktet der Konzern personenbezogene Informationen aus der Online-Nutzung für postalische Werbung. Die Post sieht die Verantwortung bei ihrem Partner – und stoppt den Verkauf des Produkts.

Die Österreichische Post hat nicht nur Annahmen über die politische Einstellung von Privatkunden verkauft, sondern auch noch sensiblere personenbezogene Daten. Gemeinsam mit einem Technologieanbieter hat das Unternehmen laut Addendum-Recherchen ein Adressprodukt angeboten, mit dem die Online-Nutzer bestimmter Unternehmen auch per Post mit Werbematerial beschickt werden können. Hinter dem neuen Eigentümer der Agentur, mit der die Post diese Lösung entwickelt hat, steht eine Zypern-Holding.

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Online-Shopper persönlich per Post erreichen

Im Detail funktioniert das sogenannte Online- und Offline-Retargeting so: Die zuständige Agentur Twyn Group setzt im Online-Shop eines Partnerhändlers einen Cookie. Dieser Cookie speichert das Surf-Verhalten von registrierten Usern, die ihre Adresse für den Versand beim Online-Shop hinterlegt haben. Die gesammelten Daten werden dann mit den Datensatz der Post, der natürlich auch die Adresse der User umfasst, „gematcht“, also abgeglichen. Die durch das Online-Verhalten angereicherten Daten bietet die Adresshandel-Abteilung der Post dann anderen Werbekunden an. Diese können online „verfolgte“ Personen dann gezielt postalisch Werbematerial verschicken.

In der Praxis würde das so aussehen: Ein User befindet sich im Online-Shop von Zalando, besucht später die Website von Porsche. Durch den Cookie von Twyn ist diese Information gesammelt, durch die hinterlegte Adresse beim Online-Shop der Wohnsitz des Users bekannt. Daraufhin schickt Porsche dem User per Post Werbematerial zu. Dass der User Interesse an einem Porsche haben könnte und wo dieser User wohnt, weiß er aus den Daten, die Twyn über den Zalando-Besuch gesammelt hat und die die Post mit ihren Datensätzen abgleicht.

Die technische Marketinglösung haben sowohl die Post als auch die Partneragentur Twyn im Herbst potenziellen Werbekunden präsentiert, wie Addendum von mehreren Quellen erfuhr. Mit dem Produkt wollte der Konzern besonders Marken aus dem Automobilbereich ansprechen. Twyn zählt die Unito-Gruppe, die unter anderem die Online-Shops Otto und Quelle betreibt, sowie Zalando Österreich zu seinen Shoppartnern. Ein ähnliches Offline-Targeting ist auch bei der Deutschen Post im Einsatz – mit einem gravierenden Unterschied: Die Deutsche Post verkauft nicht klar Personen zuordenbare Adressdaten, sondern eine „Mikrozelle“, die mehrere Haushalte umfasst, in denen das über den Cookie gesammelte Online-Verhalten stattgefunden haben könnte. Die Österreichische Post hingegen soll den Werbepartnern angepriesen haben, dass der Online-User namentlich zugeordnet werden kann. Damit würde die Post personenbezogene Informationen verkaufen – und somit wie bei den Parteiaffinitäten gegen die Datenschutzgrundverordnung verstoßen. Durch die Verwendung des Cookies hebt das Unternehmen die Anonymität der eigenen Kunden im Netz auf, es erfolgt eine Anreicherung der Kundendaten um das Nutzungsverhalten im Netz.

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Verkaufsstopp bei der Post

Mit diesem Sachverhalt konfrontiert, verweist ein Unternehmenssprecher der Post auf die Twyn Group: „Hierbei handelt es sich um ein Produkt der Twyn Group, das von der Post im Reselling verkauft wird – Twyn Group agiert dabei als Adressverlag laut Gewerbeschein. Das Adressmanagement der Post sorgt für eine entsprechende Qualitätssicherung, es werden jedoch keine Daten seitens der Post verkauft.“ Umso verwunderlicher, dass die Post den Verkauf dieses Werbeprodukts kurz nach Beginn der Addendum-Recherchen gestoppt hat. Darauf reagiert der Sprecher so: Man habe „eine Vetriebspause“ eingelegt, „um Kunden und Mitarbeiter vor weiteren medialen Angriffen zu schützen“, sei aber der Meinung, dass man sich rechtskonform verhalten habe. Das Management, das vergangenen Donnerstag und Freitag außerdem das jährliche Führungskräftetreffen abhielt, lässt sich mittlerweile von einem sehr bekannten Kommunikationsexperten beraten.

Twyn-Geschäftsführer Werner Schediwy relativiert die Zusammenarbeit ebenfalls: „Die Post ist hier lediglich Vertriebspartner für ihre werbetreibenden Kunden. Twyn und der Lettershop sind Auftragsdatenverarbeiter. Durch ein Cookiematching zwischen dem Werbekunden und dem Eigentümer der personalisierten Daten werden jene User identifiziert, die in weiterer Folge mit einem Direct Mailing beschickt werden können.“ Schediwy betont außerdem, dass die Daten im Besitz des rechtsgültigen „Owners“, zum Beispiel der Unito-Gruppe, bleiben: „Zu keinem Zeitpunkt verfügt die Twyn oder der Werbetreibende über Zugriff auf die identifizierten postalischen Adressen.“

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„Regeln großzügiger auslegen“

Einen Abgleich der Adressdaten dementieren die beiden nicht. Die Addendum-Recherchen der vergangenen Wochen haben jedenfalls dazu geführt, dass tausende Personen Auskunftsbegehren gestellt haben, um zu erfahren, was die Post über ihre Privatkunden weiß. Auch die Datenschutzbehörde ermittelt gegen den Konzern.

Vor einem Jahr war das Post-Management laut Insidern noch weniger vorsichtig. Ein mittlerweile ausgeschiedener Post-Vorstand soll im Jänner 2018 bei einer internen Veranstaltung für hunderte Führungskräfte gesagt haben: „Man muss nicht immer alle Regeln und Richtlinien zu genau nehmen, im Sinne des Geschäftserfolges darf man diese durchaus großzügiger auslegen.“

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Post-Partner mit Zypern-Adresse

Der Dienstleister Twyn hatte seinen Firmensitz bislang in Wels, Ende 2018 wurde das Unternehmen an die Droidmarketing GmbH verkauft, die wiederum von der Marketing-Agentur Dialogschmiede gegründet wurde. Dabei bildeten die Käufer im September 2018 – also kurz vor der Twyn-Übernahme – eine neue Holding mit Sitz in Zypern. Die Firma „Data Direct Marketing PHMS Limited“ ist Eigentümer der Droidmarketing und so mit dem Post-Partner Twyn verbunden.

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Als Twyn-Geschäftsführer agiert Dialogschmiede-Gründer Werner Schediwy, er und sein Geschäftspartner Jürgen Polterauer sind außerdem Geschäftsführer der Droidmarketing Gmbh. Das neue Firmenkonstrukt habe keinen speziellen Zusammenhang mit der Akquisition der Twyn, beteuert Schediwy gegenüber Addendum, sondern mit einem vor zwei Jahren gestarteten Expansionskurs in der EU. Polterauer tritt übrigens bei einer anderen Tochter der Zypern-Firma, der „dsgvo-help gmbh“, als Datenschutz-Experte auf. 

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Addendum Investigativ – Hinter den Kulissen

Schon während unserer Recherchen im Winter haben wir erfahren, dass die Post neben dem Verkauf von Parteiaffinitäten noch weitaus sensiblere Daten sammeln und verkaufen soll. Das besagte Online- und Offline-Targeting-Produkt, das die Adresshändler gemeinsam mit dem externen Partner Twyn anbieten, wurde uns von mehreren Seiten bestätigt. Neben Präsentationen bei Werbekunden und potenziellen Käufern der Twyn wurde die Marketinglösung auch einmal im öffentlichen Raum vorgestellt: Eine Marketingberaterin, die unseren Informationen zufolge auch Verbindungen zur Post hat, erklärte Details zu diesem Produkt am 9. Jänner in einer Vorlesung an der Werbeakademie des Wifi Wien. Sie sagte unserem anwesenden Kollegen zu, die Präsentation des Produkts zu schicken, tat dies jedoch nicht mehr, als sie bemerkte, dass der für Addendum arbeitet. Immerhin stellte sie einen Kontakt zu einem zuständigen Mitarbeiter des Adressmanagements her. Der Post-Pressesprecher erwiderte unsere Bitte, uns die Kundenpräsentation zu schicken, mit der Erklärung, dass es keine Präsentation gebe. Auf der Website der Agentur wird die Dienstleistung ebenfalls nicht kommuniziert. Weder die Post noch der Technologiepartner Twyn wollten uns erklären, wie das Adressmatching im Detail abläuft.

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