loading...
Debatte
von Fredi Ferková
800 + 80 Kultur­veranstaltungen in Wien but we ain’t got one
6. Juli 2020 Debatte: Die Corona-Krisen Lesezeit 5 min
Das Donauinselfest beglückt Wien an 80 Tagen, der Wiener Kultursommer möchte 800 Acts und 2.000 Künstlern an wohl jedem Wochenende von Juli bis August eine Bühne bieten. Für die unabhängige Kunst- und Kulturszene in Wien gibt es in diesem Sommer jedoch keinen Platz.
Dieser Beitrag ist Teil unseres Debatten-Formats und wurde nicht von einem Mitglied der Addendum-Redaktion verfasst. Die darin wiedergegebene Meinung ist unabhängig von Addendum zu lesen. Mehr zur Addendum-Debatte.

Addendum-Debatte

Mit der Addendum-Debatte haben wir eine Plattform errichtet, die zu unseren Rechercheprojekten, aber auch anderen Themenfeldern Sichtweisen und Analysen von außerhalb der Redaktion liefert.

Dass diese Perspektiven nicht mit den Recherche-Ergebnissen der Redaktion korrespondieren müssen, aber auch nicht nach diesem Kriterium ausgewählt werden, gehört ebenso zum Wesen dieser Debatte wie die starke Meinung der veröffentlichten Autorinnen und Autoren.

Wir laden Sie ein, Ihre Meinung als Kommentar zu hinterlassen. Und wenn Sie selbst einen Beitrag verfassen wollen, schreiben Sie an [email protected]!

Der Spruch „In Österreich passiert alles etwas später“ trifft wohl wirklich meistens zu; was den Ausbruch von Corona betrifft, waren wir aber ganz vorne mit dabei. Alle Lokale mussten schließen und warten teilweise bis heute auf die beantragten Hilfen. Ob die Locations, die nicht-kommerzieller Kunst und Kultur Platz geben, nach Corona noch existieren werden, steht in den Sternen. Ist ja auch irgendwie egal, denn die Stadt kümmert sich natürlich um Kunst und Kultur fürs Volk. Und wie: Wir sind im Wahljahr, und so wird das Donauinselfest, wie alle anderen österreichischen und „parteiunabhängigen“ (Anmerkung: Die Gänsefüßchen dienen hier dem sarkastischen Unterton) Festivals natürlich nicht abgesagt, sondern 80 Tage lang herumtouren.

Gleichzeitig öffnet der Wiener Kultursommer im Juli und August und plant zwei Bühnen sowie mehrere Freiluft-Orte für Kunst- und Kulturdarbietung. Als kleiner bis mittelgroßer Veranstalter kommt man natürlich gegen die Konkurrentin Stadt Wien nicht an. Die bürokratischen Hürden fallen für die Stadtregierung weg, und auch finanziell steht sie um einige Millionen Euro besser da. Übrigens: Was für die SPÖ das Donauinselfest, ist für die ÖVP Grafenegg oder die Salzburger Festspiele – auch diese werden im Sommer natürlich stattfinden dürfen.

0
Kommentare
Kommentieren

Aber bleiben wir mal in Wien

Und so ist der kurze Corona-Sommer – der eben erst im August beginnt – heiß umkämpft. Die privaten, kleinen Veranstalter buhlen um die wenigen Plätze und Termine, von denen man weiß, dass man sie vielleicht besetzen dürfte. Statt uns aber den nötigen Freiraum zu lassen, setzt sich die Stadt auf diese wenigen Plätze und blockiert so eine unabhängige und unternehmerische Kunst- und Kulturszene. Die immer selben Kuratoren mit den immer selben Acts achten eher drauf, dass bekannte Gesichter Platz bekommen. Sollte man dann als unabhängiger Veranstalter doch ein Plätzchen finden, darf man um die Besucher buhlen. Wenn an einem Samstag irgendwo das Donauinselfest, die Philharmoniker, ein Kultursommer-Event und dann auch die eigene Veranstaltung stattfindet, dann gewinnt der Akteur mit der besseren Werbung. Sofern man nicht auch Anteile an W24 hat, wird’s halt eben sehr schwer mitzuhalten. Die meisten kleinen und mittelgroßen Initiativen können sich auch nicht mit fetten Sponsor-Partnern rühmen.

Sollte man dann sogar so etwas wie Eintritt einheben und Gästen signalisieren, dass Kunst und Kultur vielleicht nicht völlig gratis sind, sinken die Chancen auf einen Besucheransturm rapide. Viele aus der kreativen Branche wurden bereits zu Bittstellern, die von Förderungen abhängig sind und schon prä Corona darauf hoffen durften, mit einer 0 rauszukommen. Ohne den Besucheransturm schaut die Lage noch trister aus – denn den Durchschnittswiener kann man in so einem Gratis-Sommer erst recht nicht mit einem angemessenen Eintritt belästigen. Mit den Inhalten kann man sich auch kaum hervorheben: Genau wie das Konkurrenz-Monster Stadt Wien können auch wir Kleinen und Mittelgroßen heuer nur mit heimischen Acts arbeiten. Es lässt sich an einer Hand abzählen, welche lokalen Kunstschaffenden auch genug Gäste ziehen und im Bereich des Leistbaren sind.

0
Kommentare
Kommentieren

Den Gast und gebuchten Künstler kann so ein Gratis-Kultursommer und Donauinselfest freuen, uns nicht. Wie alles, was in Richtung Kunst und Kultur passiert, handelt es sich auch beim Kultursommer um ein Top-down-Projekt: In der Jury sitzen dieselben Namen wie immer. Unabhängige Künstler und Akteure haben in so einer Jury keinen Platz. Diese Jury und Kuratoren bestimmen, wer dann auftreten darf – von Vornherein werden unabhängige Veranstaltende also ausgeschlossen – und lustigerweise gibt es quer durch alle Kunst- und Kulturbranchen Namen, die immer wieder gebucht werden. Wenn man genauer hinschaut, merkt man die stark verbandelten Strukturen mit gewissen Agenturen oder Verlagen, deren Künstler wirklich oft einen Platz auf diesen Events haben. Quote für Künstler oder gar Kuratoren ohne eine Agentur- oder Parteiabhängigkeit gibt es selbstverständlich nicht.

Aber auch wenn man die tiefen Freundschaften mit gewissen Agenturen ausklammert, findet man als Kunstschaffender keine Antworten auf ganz offensichtliche Fragen auf der offiziellen Website: Wie kann ich als Künstler teilnehmen? Wo muss ich mich anmelden? Bis wann kann ich mich bewerben? Bekommen die Acts, die vor 30 Menschen spielen, gleich viel oder weniger Gage als die, die auf größeren Bühnen spielen? Welche Kunstarten sind da ganz genau willkommen? Was ist mit dem Tanz? Was ist mit der bildenden Kunst? Was ist mit Medienkunst? Diese Bereiche könnten doch bei einem Kultursommer leicht einen Platz finden. Wo gab’s eine Ausschreibung für das „künstlerische Board“, und wie kann garantiert werden, dass sie nicht nur ihre Hawara engagieren? Warum sind nicht alle 23 Bezirke im Gespräch, sondern nur ein paar ausgewählte? Aber auch davor muss man den Hut ziehen: Eine Website ohne Rahmenbedingungen online zu stellen, zeugt auch von ordentlichen Cojones, allumfassender Wurschtigkeit oder auch absoluter Scheinheiligkeit, wenn es darum geht, „alle“ einzubinden.

0
Kommentare
Kommentieren

Dabei wäre es im 21. Jahrhundert so einfach, alles sehr niederschwellig zu gestalten: Man macht eine Website, wo sich Künstler bewerben können. Sechs Sätze zu deinem Projekt, ein kurzes Video, und los geht’s. Man könnte auch mit allen 23 Bezirken sprechen und ihnen ein Kontingent an Events im Rahmen des Kultursommers geben – diese könnten ausschreiben und so sicherstellen, dass Kunst aus dem Bezirk vertreten ist. Bei angekündigten 800 Acts und 2.000 Künstlern wäre das doch eine Möglichkeit. Wobei: Am liebsten wäre es mir, wenn die Stadt Wien nicht die unabhängige Veranstalterszene in diesen Zeiten so dermaßen torpedieren würde und vielleicht ein paar Wochenenden im warmen Juli, August oder September uns überlässt.

PS: Ein anderer Wunsch wäre eine Quote, und diese sollte an allen Ebenen eingeführt werden: egal ob in den Expertenrunden, der Jury, bei Kuratoren oder Künstlern – immerhin sind das alles Projekte, die mit Steuergeldern finanziert werden. Da sollten auch unabhängige Veranstalter, Künstler oder Experten ihren Platz finden. Schöner Nebeneffekt: mehr Transparenz. Die braucht es in der Kunst und Kultur ja sowieso. 

0
Kommentare
Kommentieren

Über die Autorin

Fredi Ferková (28) veranstaltet seit sieben Jahren hauptsächlich in Wien und hat das Kunst- und Kulturkollektiv „hausgemacht“ gegründet. Seit Corona ist sie bei Demonstrationen für die Interessen der Nachtgastronomie und Kunst- und Kulturszene tätig. Sie ist Mitarbeiterin von NEOS Wien, aber ohne Parteimitgliedschaft und politische Funktion. Sie schreibt hier aus der Position der Veranstalterin.

loading...
Die Redaktion von Addendum hat mit 15. September 2020 ihren Betrieb eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch diese Website letztmalig aktualisiert. Hier finden Sie das vollständige Archiv unserer Rechercheprojekte.
Wir bitten um Ihr Verständnis, dass manche Funktionen auf manchen Endgeräten nicht mehr verfügbar sind.

Das Addendum-Team, September 2020