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Debatte
von Jörg Wipplinger
Illustration: Addendum | Bild: Florian Schulte
Masken und der Hausverstand
23. Juli 2020 Debatte: Die Corona-Krisen Lesezeit 5 min
Das ist kein Plädoyer gegen Masken, sondern eines gegen schlechte Argumente. Die sind auch im Dienste einer guten Sache immer noch schlecht.
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Es wird viel über den Mund-Nasen-Schutz diskutiert und das ist nervtötend. Die rationale Einstellung zur Maske ist leicht zu beschreiben: Geht es darum die Pandemie einzudämmen, nützt der Mund-Nasen-Schutz eventuell ein wenig.

Allerdings bringt der Mund-Nasen-Schutz kaum Risiken mit sich und kostet wenig. Das ergibt in Summe ein kleines Plus für die Masken – zumindest aus einer rein rationalen Gesundheitsperspektive (es gäbe auch andere). Wobei die Forschung hier wenig überraschend gerade laufend neue Ergebnisse liefert, die knappe Bilanz kann sich jederzeit verschieben. Die WHO und andere haben ihre Einschätzung im Laufe der Pandemie zu Gunsten der Maske verschoben, weil sich überhaupt erst eine Beweislage aufgebaut hat.

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So weit so gut. Doch ein Großteil der Diskussion läuft auf einem furchtbaren Niveau ab, besonders in den sozialen Medien. Schuld daran ist der Hausverstand (und das Bedürfnis, der Gute zu sein, aber dazu eventuell ein anderes Mal).

Der Hausverstand bringt Argumente, die auf Anhieb überzeugend wirken und die sofort geglaubt werden können; Nona-Geschichten. Zum Beispiel so etwas wie die Bilder anbei. Solche Memes wirken intuitiv verständlich und werden entsprechen schnell auf Social Media geteilt, sie fluten Facebook und Twitter.

Aus der Medizin wissen wir, dass solche Hausverstandsargumente häufig falsch sind. Aber sie sind bildhaft und deshalb überzeugend.

Ein Beispiel aus der Orthopädie: Abgenutzte Knieknorpel wurden – und werden – gerne mittels Arthroskopie gespült und abgeschliffen. Der Erfolg ist sofort sichtbar, der vorher rissig und kaputt aussehende abgenutzte Knorpel sieht wieder frisch und glatt aus. Das hat erfahrene Ärzte jahrelang aufs Glatteis geführt, denn der Eingriff bringt bei abnützungsbedingter Arthrose überhaupt nichts – wie wir dank Studien mit Schein-Operationen wissen. Das Gelenk schaut schöner aus, aber die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen bleiben, es entstehen nur Kosten und Nebenwirkungen.

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Ähnlich war es lange Zeit bei Bandscheibenschäden: Dank bildgebender Verfahren ist der Vorfall zu sehen, der Mechanismus ist klar: Da drückt etwas auf den Nerv und wenn man das wegschneidet wird alles gut. Das klingt nicht nur logisch, es ist zu sehen – auf Röntgenbildern und bei der Operation.

Erst als aufgeklärt wurde, dass sich bei unzähligen Menschen, die überhaupt keine Beschwerden haben, ebenfalls Bandscheibenvorfälle zeigen, kamen Zweifel auf. Heute wissen wir, dass sich die meisten Bandscheibenvorfälle konservativ behandeln lassen und sich wieder zurückbilden, und dass die klinischen Symptome und das was Röntgen- und MR-Bilder zeigen nicht immer korrespondiert.

Dank vieler solcher Beispiele ist Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bewusst, dass bildhafte, oberflächlich überzeugende Argumente, Hausverstandsgeschichten, kritisch geprüft werden müssen.

Viele Masken-Memes sind solch oberflächlicher Unsinn. Wir fallen darauf herein, weil wir uns einbilden, den Nutzen unmittelbar zu sehen – wir erkennen einen Mechanismus. Die Überzeugungskraft der Bilder und das Gefühl, etwas verstanden zu haben, halten uns von einer genauen Prüfung ab; doch die wäre dringend nötig.

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Zu den Bildern

Die Grafik mit dem Ländervergleich: Die Länder haben zahlreiche andere Unterschiede, die für die unterschiedliche Ausbreitung verantwortlich sein können: Beispielsweise frühere, teils strengere Maßnahmen, eine Corona-App, die funktioniert oder auch schlicht eine andere Kultur des Abstandhaltens.

Und in diesem speziellen Fall ist die Grafik auch noch stark vereinfachend, Facebook ergänzt das Teilen dieses Bildes inzwischen mit einem Faktencheck.

Das Bild mit den Atemwolken oder erst recht das mit dem Pinkelschutz durch Hosen, hat keinerlei Aussagekraft darüber, ob ein Mund-Nasen-Schutz im echten Leben die Ausbreitung der Pandemie bremsen könnte.

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Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich jene Situationen ansehen, in denen tatsächlich eine Ansteckung passiert und ob in dieser Situation die Maske den notwendigen Schutz bieten würde. Wenn 70 Personen zwei Stunden in einem schlecht belüfteten Raum gemeinsam Party machen, wird der Mundschutz sie nicht retten.

Wenn du hingegen in einem halbleeren Supermarkt einkaufen gehst und den Mindestabstand einhältst, bist du auch ohne Maske auf der sicheren Seite. Außer jemand niest dir drei Mal ins Gesicht. Dann ist allerdings auch fraglich, ob die Maske geschützt hätte.

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Die laufende Auswertung der Verbreitungswege von COVID-19 in Österreich durch die Ages könnte Aufschluss darüber geben, in welchen Situationen Masken wie viel Nutzen haben könnten: Je genauer die Art der Ausbreitung geklärt ist, umso besser wissen wir, ob das Situationen sind, in denen die Funktion der Maske einen bedeutenden Unterschied ausmacht. Dafür ist zusätzlich zu den Ausbreitungswegen eine genaue Kenntnis der Ansteckungswahrscheinlichkeit in jeder bestimmten Situation notwendig, und eine ebenso genaue Analyse, was welcher Mund-Nasen-Schutz tatsächlich leistet. Bildchen mit dampfenden Atemwolken hingegen verraten gar nichts.

Mir wäre das alles halbwegs gleichgültig, wie geschrieben. In dieser Frage eine rationale Haltung einzunehmen ist nicht besonders kompliziert und hat im Grunde wenig Potenzial, allzu emotional zu werden. Ärgerlich ist hingegen, dass selbst im Pandemiefall oberflächlicher Schund als Argument gilt; dass selbst Skeptiker und kritische Naturwissenschaftler, die eigentlich längst wissen sollten, was es mit dem Übel „Hausverstand“ auf sich hat, auf diesen Zug aufspringen, wenn es ihrer Ideologie passt. 

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Über den Autor

Mag. Jörg Wipplinger, MA hat Biologie und Journalismus studiert; er arbeitet seit 2013 als Medizinjournalist, erst bei Medizin-transparent.at, dann als Chef vom Dienst und später Chefredakteur beim ärztemagazin. Aktuell ist er freier Journalist.

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