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Debatte
von Hans von Storch
Portrait: Hanna Lenz | Bild: Addendum
Klimapolitische Perspektiven für Österreich
23. Juni 2020 Debatte: Klima Lesezeit 6 min
Was macht man mit dem Klimawandel, der schon eingetreten ist und dessen zukünftige Verschärfung nicht vermieden werden kann?
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Ab und an finde ich Anfragen in meiner Mailbox vor, wie sich das Klimaproblem wissenschaftlich darstelle, was man wisse, was man nicht wisse, und welche Bedeutung dies Wissen für die Klimapolitik, aber auch für das Verhalten des „Einzelnen“ habe. Oft sind dies die immergleichen ermüdenden Fragen, bei denen der Frager gar keine Antwort will, sondern nur eine Möglichkeit sucht, die eigene Sicht der Dinge darzustellen. Umso erstaunter war ich, als ich vor wenigen Wochen von jemandem angesprochen wurde, der sich selbst als Umweltaktivist beschrieb, aber gerne hören wollte, was jemand wie ich denn solchen Organisationen empfehlen würde. Nach einem zivilisierten Hin und Her entstand daraus ein Text, in dem ich zunächst einige Grundbegriffe erklärte und dann skizzierte, welche Perspektiven ich sehe. Diese Perspektiven werden jetzt hier ausgeführt. Ob mein Anfrager diese Perspektiven als sinnvoll ansieht, weiß ich nicht, aber beschäftigt hat er sich damit, und mehr darf man sich eigentlich auch nicht erhoffen.

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In den vergangenen Jahrzehnten sind die jährlichen Emissionen weltweit erheblich angestiegen, von ca. 22 Gigatonnen CO2 im Jahr 1990 auf 38 Gigatonnen im Jahr 2019. In 2020 werden die Emissionen wegen des Corona-bedingten Lockdowns geringer ausfallen. Es wird aber nicht erwartet, dass diese kurze, aber beachtliche Minderung zu einer signifikanten Minderung der Akkumulation von Treibhausgasen in der Atmosphäre und damit zu einer nennenswerten Verzögerung des Klimawandels führen wird. Dies würde nur gelingen, wenn die Corona-bedingten Minderungen zu strukturellen Maßnahmen führen würden, die auch zukünftig eine deutliche Minderung der Emissionen bewirken würden. Danach sieht es aber nicht aus.

Es ist gesichert, dass sich der Klimawandel weiter entfalten wird. Die offene Frage ist, ob ein Anhalten bei weniger als 1,5 bis 2 Grad erreicht wird oder doch erst bei einer stärkeren Änderung.

Damit stellt sich unabweisbar die Frage: Was macht man mit dem Klimawandel, der schon eingetreten ist und dessen zukünftige Verschärfung nicht vermieden werden kann? Diesen Klimawandel zurückzunehmen, wird kaum möglich sein, und in den seltenen möglichen Fällen wiederum zu Herausforderungen führen, wie jeder Wandel es tut. Die Antwort auf diese Frage lautet also: Anpassung an die veränderten Bedingungen.

Diese Anpassung, lange verfemt als implizite Hinnahme der Klimakatastrophe, ist der Sache nach zumeist eine regionale Herausforderung. Insbesondere eine Aufgabe an die Gemeinden und Regionen Österreichs, aber auch an Wissenschaft und Forschung. Anpassung kann häufig mit Modernisierung verbunden werden, etwa was das Regenwassermanagement angeht. Wenn derzeit über die Dürren der letzten Jahre geklagt wird, so wird eine Minderung der Emissionen in den kommenden Jahren Land- und Fortwirtschaft nichts nützen, wohl aber würde dies ein Angebot von an die veränderten Bedingungen angepassten Sorten.

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Schutz der Menschen vor dem Klima

Vernünftig wäre es also, wenn die Gemeinden für sich Klima-Monitoring betreiben, um festzustellen, wie sich derzeit das lokale Klima ändert, insbesondere wie Risiken sich verschärfen, und in Szenarien untersuchen, welche Veränderungen zukünftig möglich sind und wie die lokale Planung auf diese Entwicklung reagieren kann. Klimabewusstsein kann so auch dadurch geschaffen werden, dass Monitoring und Bewertung von den örtlichen Schulen unterstützt werden.

Aber Anpassung ist nicht nur in Österreich nötig, sondern überall auf der Welt – und der „globale Süden“ hat oft nur wenige Möglichkeiten, mit den Veränderungen konstruktiv umzugehen. Daher ist eine deutliche Unterstützung des „globalen Südens“ durch die „entwickelten“ Länder nötig, auch in Anerkennung, dass die Ursache für den Klimawandel vor allem im Agieren des „reichen Nordens“ zu finden ist.

Diese Unterstützung kann finanzieller Art sein, aber auch technischer Art – wobei etwa die dramatische Minderung der Opferzahlen von tropischen Zyklonen in Bangladesch ein gutes Beispiel sein könnte. Tatsächlich wird der Bedarf für Unterstützung bei der Anpassung im Pariser Abkommen anerkannt – demnach stellen die Industriestaaten jährlich ab 2020 100 Milliarden US-Dollar für Minderungs- und Anpassungsmaßnahmen im Globalen Süden in Aussicht. Davon geht aber nur ein kleiner Teil, nämlich etwa 20 Prozent, in die Anpassung. Für die Bewältigung für bereits eingetretene Klimaschäden sind keine Zahlungen vorgesehen.

Anpassung kann man als „Schutz der Menschen vor dem Klima“ verstehen; in der öffentlichen Debatte spielt aber der „Klimaschutz“, also der Schutz des Klimas vor dem Menschen eine ungleich größere Rolle – und das ist auch sinnvoll, weil es um die Abwehr zukünftiger Schäden und Gefahren geht. Klimaschutz bedeutet Minderung der Emissionen, dessen Umfang durch den Budgetansatz und die Pariser Verabredung gegeben ist.

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Auf Hightech setzen

Die Frage ist also, wie diese Minderungen der Emissionen bis 2050 möglich werden können. Aus dem Budget-Ansatz wird klar, dass erfolgreiche Umsetzungen des Pariser Ziels in Europa allein keinen wesentlichen Beitrag zum Erreichen des globalen Ziels leisten können, geschweige denn durch Österreich allein. Dennoch kann der Beitrag Österreichs zum globalen Erreichen des Parier Ziels deutlich größer sein als die direkten Minderungen der Emissionen im Lande selbst – nämlich dann, wenn es gelingt, Ansätze und Techniken zu entwickeln, die wirksam sind und von den Regionen mit weniger technologischem Potenzial angenommen werden.

Dieses Annehmen wird aber nur dann geschehen, wenn sich die Maßnahmen als wirtschaftlich vorteilhaft erweisen. Die Vorstellung, dass das Vorbild von um die Umwelt besorgten und engagierten österreichischen Bürgern zu entsprechendem sozialem Wandel im globalen Süden führen wird, ist unzutreffend. Dies vorgebliche Vorbild ist vielmehr ein Mechanismus der Selbstwerterhöhung eines saturierten Bürgertums in Europa. Die Vision vom besseren Leben durch weniger Konsum wird erst dann wirksam sein können, wenn alle das Niveau des „reichen Nordens“ erreicht haben.

Denkbar ist also, dass das Hochtechnologieland Österreich – idealerweise in Zusammenarbeit und Arbeitsteilung mit anderen derartigen Ländern – gezielt in technologische Innovationen investiert, die etwa einen klimaneutralen Flugverkehr oder klimaneutrales Heizen und Kühlen von Häusern schnell ermöglichen. Ein signifikantes Engagement der Bürger kann dabei durch eine zielgerichtete Klimaabgabe für Umweltbewegte geschehen, oder durch den Verzicht auf St. Florians Einsprüche gegen die Erprobung von derartigen Technologien (etwa neue Bahn- oder Stromtrassen).

Solche „Kennedy-Projekte“, in Anlehnung an Kennedys seinerzeitige Ankündigung, binnen zehn Jahren Menschen auf den Mond zu bringen, sollten dann in anderen Ländern überall auf Welt beginnen, sodass dann auch in Österreich andere Innovationen ihr gutes Werk der Emissionsminderung und Modernisierung vollführen können.

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Innovations-Fonds als Möglichkeit

Konkret könnte dies bedeuten, dass neben den bisherigen Anstrengungen in Österreich ein Fonds gebildet wird, der für eine festgelegte Innovation zielgerecht eingesetzt wird, etwa für die Elektrifizierung von Heizen und Kühlen von Gebäuden und die Errichtung geeigneter Netze, um die erforderliche elektrische Energie heranzuführen. Dazu wäre die Regierung gut beraten, wenn sie das Verbandsklagerecht einschränken würde, die allzu oft den klimapolitischen Fortschritt im Namen eines vorgeblichen lokalen Umweltschutzes einzuschränken sucht.

Eine solche Innovation würde zunächst in Österreich zu einer Minderung der Emissionen führen – beim Beispiel von Heizen und Kühlung geht es in ganz Europa immerhin um ein Viertel der CO2-Emissionen, aber dann, sofern diese Innovation wirtschaftlich attraktiv ist, auch in Nowosibirsk, Shanghai, Daressalam und São Paulo zu großen Einsparungen an Emissionen führen wird. So würde aus einer kleinen Einsparung in Österreich eine große in der Welt.

So ein Fonds könnte auch gut in der Bevölkerung verankert werden und die erwünschte Möglichkeit für den Einzelnen bieten, sich wirksam zu engagieren – wenn der Fonds auch durch freiwillige Einzahlungen durch Bürger aufgebaut würde, und dann die Regierung für jeden Bürgereuro noch mal z.B. 100 Euro dazulegt. Wenn 10.000 „Extinction-Rebellion-Demonstranten“ je einen Euro einzahlen, käme dann eine Million Euro vom Staat dazu. 

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Über den Autor

Der Klimaforscher Hans von Storch ist Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und war Mitglied des Weltklimarats IPCC. Für seine Forschung und sein gesellschaftliches Engagement wurde er im September mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

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