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Ist Demokratie wirklich so eine gute Idee?

Über Jahrzehnte galt zumindest in Europa und in den Vereinigten Staaten von Amerika die Demokratie nicht nur als die beste verfügbare, sondern als die einzig denkbare Staatsform. Inzwischen stellen sich auch besonnene Intellektuelle diesseits und jenseits des Atlantiks die Frage, ob wir uns nicht an einem Wendepunkt zurück in dunkle Zeiten befinden, in denen die Massen den autoritären Verführungen populistischer Ideologen erliegen.

Als Paradebeispiele für die unheilige Allianz von Nationalismus und Autoritarismus gelten das Russland des Wladimir Putin und die Türkei Recep Tayyip Erdoğans. Ungarn und Polen werden als nächste Kandidaten für das Ausscheren aus dem demokratischen Lager gesehen, und nicht wenige haben Angst, dass sogar in einem der Mutterländer der Demokratie, den Vereinigten Staaten, der gewählte Präsident Donald Trump an der Etablierung eines faschistoiden Systems arbeiten könnte. Venezuela hat es schon hinter sich, aus der „gelenkten“ Demokratie des Hugo Chávez ist eine unverhüllte Diktatur geworden.

Wie aber beurteilt man, ob ein Land mehr oder weniger demokratisch ist, und wann hört es auf, demokratisch zu sein? Ist Demokratie dort, wo gewählt wird? Ist Wählen überhaupt besonders demokratisch oder nicht eher die Fortsetzung der Aristokratie mit den Mitteln der Abstimmung? Wäre nicht das Losverfahren das wahrhaft demokratische Verfahren?

Es sind einige Gewissheiten ins Rutschen geraten, Angst und Unsicherheit machen sich breit. Es scheint Sand ins Räderwerk der demokratischen Institutionen gekommen zu sein, es knirscht im Gebälk der heiligen demokratischen Hallen.

Die Populisten sagen, das Volk wolle die Macht zurück, aber das Volk ist immer offensichtlicher bereit, diese Macht zu delegieren, so lange „da oben“ welche sitzen, die es richtig machen, und das heißt: Ruhe, Ordnung und Versorgung garantieren. Demokratie, sagen die Verteidiger der Putins oder Erdoğans, sei eine feine Sache, aber nichts für Länder in kritischen Situationen.

Ist Demokratie also wirklich so eine gute Idee? Verliert sie gerade an Strahlkraft, und wie könnte der alte Glanz wiederhergestellt werden? Und wenn das nicht gelingt, was kommt danach?

Diese Literatur haben wir für das Projekt Demokratie gelesen:

Hans Kelsen: Vom Wesen und Wert der Demokratie, Tübingen: J.C.B. Mohr (1920)

Kurt Heller: Der Verfassungsgerichtshof. Die Entwicklung der Verfassungsgerichtsbarkeit von den Anfängen bis zur Gegenwart, Wien: Verlag Österreich (2010)

Frank Dietrich: Sezession und Demokratie, de Gruyter: Berlin (2010)

Samuel Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München: Goldmann (1996)

Sophia Schubert und Alexander Weiß: „Demokratie“ jenseits des Westens. Theorien, Diskurs, Einstellungen, Baden-Baden: Nomos (2016)

John Stuart Mill: On Liberty / Über Freiheit, Stuttgart: Reclam (2009)

Martin van Creveld: The Rise and Decline of the State, Cambridge: Cambridge University Press (1999)

Ernst-Wolfgang Böckenförde: Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie: Antike und Mittelalter, Tübingen: Mohr Siebeck (2006)

Carl Schmitt: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin: Duncker & Humblot (1922/2015)

Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft, Leipzig: Fues’s Verlag (1887)

Shadi Hamid: Islamic Exceptionalism. How the Struggle Over Islam Is Reshaping the World, New York: St. Martin’s Press (2016)

Gerardo L. Munck, Jay Verkuilen: Conceptualizing and Measuring Democracy. Evaluating Alternative Indices, Illinois: Comparative Political Studies (2002).

Alexander Cooley, Jack Snyder: Ranking the World. Grading States as a Tool of Global Governance, Cambridge: Cambridge University Press (2015).

Susanne Pickel, Toralf Stark, Wiebke Breustedt: Assessing the quality of quality measures of democracy. A theoretical framework and its empirical application. Duisburg-Essen: European Political Science (2015).

Seva Gunitsky, Lost in the Gray Zone: Competing Measures of Democracy in the Former Soviet Republics, Cambridge: Cambridge University Press (2015).

David Van Reybrouck, Gegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist, Göttingen: Wallstein Verlag (2017)

Colin Crouch: Postdemokratie, Berlin: Suhrkamp (2008)

Ralf Dahrendorf: Auf der Suche nach einer neuen Ordnung, München: Verlag C.H. Beck (2007)

Ralf Dahrendorf: Die Krisen der Demokratie: Ein Gespräch mit Antonio Polito, München: Verlag C.H. Beck (2003)

Hans-Hermann Hoppe: Demokratie. Der Gott, der keiner ist, Waltrop/Leipzig: Edition Sonderwege bei Manuscriptum (2013)

Karl Mittermaier, Meinhard Mair: Demokratie. Die Geschichte einer politischen Idee von Platon bis heute, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (1995)

Paul Nolte: Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart, München: Verlag C.H. Beck (2012)

Claus Offe: Herausforderungen der Demokratie. Zur Integrations- und Leistungsfähigkeit politischer Institutionen, Frankfurt am Main: Campus Verlag (2003)

Hans Vorländer: Demokratie. Geschichte, Formen, Theorien, München: Verlag C.H. Beck (2009)

Alexis de Tocqueville: Democracy in America; London, Saunders and Otley (1835)

Tom Holland, Rubicon: Triumph and Tragedy in the Roman Republic, London, Anchor Books (2003)

Pierre Rosanvallon: Die Gegen-Demokratie, Hamburg: Hamburger Edition (2017)

Pierre Rosanvallon: Die gute Regierung, Hamburg: Hamburger Edition (2016)

Jason Brennan: Gegen Demokratie, Berlin: Ullstein (2017)

Das Rechercheteam

Stefan Brocza
Externer Experte

Studium in Wien, St.Gallen und Harvard. 1994 EU- und Schengen Koordinierung im Innenministerium, ab 1996 im EU Ratssekretariat in Brüssel (Außenwirtschaftsbeziehungen, Erweiterung, Presse/Kabinett, Umsetzung der EU Außenstrategie für die innere Sicherheit). Aktuell tätig in Lehre und Forschung an Universitäten im In- und Ausland sowie als politischer Berater, Publizist und Gutachter.

Mathias Dechant
Team Experten

Mathias Dechant hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Danach Ausbildung zum Rechtsanwalt; Schwerpunkte in den Bereichen Zivilrecht, Corporate und M&A sowie IP. Er war seit den Anfängen des Studiums bis zuletzt in Wiener und Salzburger Wirtschaftskanzleien tätig.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Ralph Janik
Team Experten

Ralph Janik hat in Wien und Alcalá de Henares (Madrid) Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft studiert. Danach Studium in internationalem Recht und Europarecht an der Universität Amsterdam. Beruflich unter anderem wissenschaftlicher Assistent an der Universität Amsterdam und an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Maria Kern
Team Investigative Recherche

Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

Moritz Moser
Team Experten
Georg Renner
Team Investigative Recherche

Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

Stefan Schett
Team Social Media
stefanschett

Stefan Schett hat in Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet nebenbei an seinem Zweitstudium Publizistik. Er war lange Zeit als freier Journalist und Social Media Manager tätig, journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem beim “Kurier” und bei Puls 4. Für Addendum kümmert er sich um die Konzeption und Erstellung von Social Media-Content.

Anna Schneider
Projektleitung

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Expertenteam von Addendum.

Hubertus Schwarz
Team Digital

Hubertus Schwarz ist seit 2007 in der Medienbranche tätig. Seine journalistische Laufbahn startete er beim ZDF-Auslandsstudio Südosteuropa. Über mehrere Stationen als Autor, unter anderem für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ ging es 2015 zurück zum Fernsehen. Zuletzt war er bei ServusTV Redakteur für den „Talk im Hangar-7“.

Martin Thür
Team TV

Martin Thür ist seit 18 Jahren Fernsehjournalist. Von 2002-2017 war er in der ATV-Nachrichtenabteilung tätig und hat dort Nachrichten, Reportagen und Wahlberichterstattung gemacht. Von 2014-2017 war er Moderator der politischen Interviewsendung “Klartext”. Für Addendum gestaltet er TV-Reportagen.

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