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Eine kleine Geschichte des österreichischen Wahlrechts

Wer der Frage nachgeht, wer wen unter welchen Bedingungen wählen darf, stellt fest, dass die Antwort weit über die Geschichte des Wahlrechts hinausgeht.

17.10.2017

Als nach dem Ersten Weltkrieg die Monarchie zusammenbricht, ist klar, dass im neu entstandenen Staat Deutschösterreich rasch Wahlen stattfinden sollen. Die junge Republik braucht ein Parlament und eine Verfassung. Doch es mangelt an allem, was für den Ablauf einer Wahl notwendig ist. Der Umfang des Staatsgebiets ist umstritten, auch wer Staatsbürger ist, muss erst geklärt werden.

Wähler müssen, anders als früher, nicht mehr in ihrem Heimatort sesshaft sein. Außerdem sind nun die früher vom Wahlrecht ausgeschlossenen Soldaten ebenfalls stimmberechtigt. Und der beabsichtigte Anschluss an die Weimarer Republik wirft seine Schatten voraus: Für die Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung 1919 können sich deutsche Reichsangehörige, die in Österreich leben, in die Wählerregister eintragen lassen. In den ebenfalls beanspruchten Gebieten der Untersteiermark und Südtirol, im Sudetenland und in den deutschsprachigen Enklaven in Böhmen und Mähren verhindern jedoch die Tschechoslowakei, Italien und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen die Abhaltung der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung, die so nur in 22 von ursprünglich 38 vorgesehenen Wahlkreisen uneingeschränkt stattfinden kann.

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Wahlrecht für alle

Frauen und Männer sind erstmals gleichermaßen wahlberechtigt. Das aktive Wahlalter, in der Monarchie lag es noch bei 24 Jahren, wird auf 20 gesenkt. Der Anteil der Wahlberechtigten an der Bevölkerung steigt so von etwa 20 Prozent im Jahr 1907 auf über 61 Prozent im Jahr 1919.

Noch bevor das von der Nationalversammlung beschlossene Bundes-Verfassungsgesetz in Kraft tritt, findet am 17. Oktober 1920 die erste Nationalratswahl statt. Nach der Volksabstimmung in Kärnten und der Eingliederung des Burgenlands wächst die Zahl der Stimmberechtigten, 1921 und 1922 finden in diesen Bundesländern daher Nachwahlen zum Nationalrat statt.

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Frauen wählen konservativer

Da man dem Stimmverhalten der Frauen nicht traut, müssen sie mit anderen Stimmzetteln wählen. Gleichzeitig drängen die Christlichsozialen darauf, eine bundesweite Wahlpflicht einzuführen. Sie wollen damit die katholischen Hausfrauen an die Urnen bringen, doch die Sozialdemokratie legt sich quer. Tatsächlich herrscht bei der weiblichen Bevölkerung eine durchgehend niedrigere Wahlbeteiligung. Bei der Nationalratswahl 1923 liegt sie bundesweit bei 85,2 Prozent und somit um 3,6 Prozentpunkte niedriger als bei den Männern. In Salzburg sind es 6,2, im Burgenland sogar 8,5 Prozentpunkte Unterschied. In Vorarlberg, dem einzigen Bundesland, in dem zu dieser Zeit Wahlpflicht herrscht, gehen hingegen 93,8 Prozent der Frauen zur Wahl, um nur 0,6 Prozentpunkte weniger als bei den Männern.

Dennoch tendiert die weibliche Bevölkerung bei der Wahl stärker zu den Christlichsozialen als die Männer, bei denen die Sozialdemokraten die absolute Mehrheit machen.

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Erratum: Natürlich beschließt der Nationalrat Reformen, nicht die Regierung. Das Frauenwahlrecht wurde 1918 eingeführt. In der Timeline wird es im Jahr 1919 gezeigt, da Frauen hier das erste Mal auch wirklich davon Gebrauch machen durften.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Arnold Eisler 1923 im Nationalrat: „Die christlichsoziale Partei war bis zum Umsturz keine Freundin des Frauenwahlrechtes. Nun wurde das Frauenwahrecht eingeführt, aber es liegt doch eine starke Übertreibung darin, wenn sie jetzt gleich jede Frau zwingen wollen, das Wahlrecht auszuüben, und auch zur großdeutschen Partei gehört mancher, der für das allgemeine Wahlrecht sehr wenig Begeisterung aufgebracht hat, und sich jetzt plötzlich für die allgemeine Wahlpflicht begeistert.“

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Flexibles Wahlalter

Mit der Verfassungsnovelle von 1929 wird das Wahlalter auf Druck des bürgerlichen Lagers auf 21 angehoben, gleichzeitig wird für die Bundespräsidentenwahl, die am Ende ausgesetzt wird, Wahlpflicht verordnet. 1930 wird zum letzten Mal vor der Parlamentsausschaltung und dem Anschluss ein Nationalrat gewählt.

Hierbei vervollständigt sich das Bild der vergangenen Wahlen: Die Frauen, deren Wahlbeteiligung in diesem Jahr nur noch einen Prozentpunkt unterhalb jener der Männer liegt, wählen durchgehend konservativere Parteien. So entfallen auf die Christlichsozialen, die mit den faschistischen Heimwehren als Einheitsliste antreten, 39 Prozent der weiblichen, aber nur 32 Prozent der männlichen Stimmen. Die Sozialdemokraten wiederum schneiden mit 39 Prozent bei den Frauen um vier Prozentpunkte schlechter ab als bei den Männern.

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Das Pseudoparlament

Die Ausschaltung des Parlaments durch die Bundesregierung Dollfuß bringt 1934 eine unter Rechtsbruch verabschiedete neue Verfassung. Sie sieht die indirekte Bestellung aller Gesetzgebungsorgane vor. Der Bundespräsident soll in Zukunft von allen österreichischen Bürgermeistern gewählt werden. Das gesamtstaatliche Pseudoparlament, der Bundestag, setzt sich ebenso wie die Landtage aus ernannten Mitgliedern zusammen. Es kann keine Gesetzesvorlagen erstellen oder ändern, diese stammen bis zum Anschluss ausschließlich von der Bundesregierung, die außerdem mit gesetzesvertretenden Verordnungen regiert.

Die Scheinwahl

Die Nationalsozialisten lassen nach der Machtübernahme die Wählerlisten überarbeiten. Hunderttausende verlieren aus politischen oder „rassischen“ Gründen ihr Wahlrecht. Die Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich bringt eine offizielle Wahlbeteiligung von 99,70 Prozent und eine Zustimmung von 99,73 Prozent. Das Ergebnis kommt durch offene Einschüchterung, Bruch des Wahlgeheimnisses und Wahlfälschung zustande, aber auch durch eine euphorische Stimmung in der Bevölkerung. Mit dem Anschluss wird gleichzeitig über eine Einheitsliste für den Reichstag abgestimmt, die allein von der NSDAP besetzt wird. Es ist gleichzeitig die letzte Scheinwahl des Regimes. Die Legislaturperiode des politisch bedeutungslosen Reichstags wird während des Kriegs bis zum 30. Jänner 1947 verlängert, was durch die Niederlage hinfällig wird.

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Die Weltpresse, das Organ der britischen Besatzungsmacht, berichtet am 24. Oktober 1945 über das neue Wahlrecht.
Der Grenzbote vom 21. Oktober 1945, ebenfalls zur Wahlrechtsänderung.

64 Prozent Frauen

Die erste freie Wahl nach dem Zweiten Weltkrieg bringt ein sehr weibliches Elektorat mit sich. Mehr als 64 Prozent der Wahlberechtigten, die am 25. November 1945 zur Stimmabgabe aufgerufen sind, sind Frauen. Das liegt einerseits an den hohen Opferzahlen unter den Soldaten und an Kriegsgefangenschaften, andererseits aber auch am hohen Männeranteil unter den Nationalsozialisten.

Insgesamt sind 688.478 ehemalige Mitglieder der NSDAP und deren Vorfeldorganisationen von der Wahl ausgeschlossen. Im Verhältnis zur Wahl von 1930 nimmt die Zahl der Wahlberechtigten um 19,5 Prozent, insgesamt fast 672.000 Personen, ab. Die meisten Ehemaligen werden 1949 wieder zur Nationalratswahl zugelassen. Die Zahl der Wahlberechtigten steigt, auch bedingt durch die erneute Senkung des aktiven Wahlalters auf 20 Jahre, im Verhältnis zu 1945 um über 942.000 oder 27,3 Prozent.

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Immer mehr Wahlberechtigte

Das aktive Wahlalter auf Bundesebene sinkt weiter: 1968 auf 19, 1992 auf 18 und schließlich 2007 auf 16 Jahre. Auslandsösterreicher erhalten erst 1989 das Wahlrecht, es ist zunächst auf die Nationalratswahl beschränkt und wird später nach einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs auf die Bundespräsidentenwahl ausgedehnt. Im selben Jahr fällt die bundesweite Wahlpflicht bei der Bundespräsidentenwahl, 1992 jene bei der Nationalratswahl. Im Westen bleibt der Zwang zur Wahl auf Landesebene länger erhalten. Erst 2004 schafft Tirol die Wahlpflicht als letztes Bundesland ab.

Wer darf wählen?

EU-Bürger dürfen in Österreich bei Europa- und Gemeinderatswahlen, in Wien nur auf Bezirksebene wählen. Eine Ausdehnung des Ausländerwahlrechts wäre nach der Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofs unzulässig. Dennoch hat die Ausdehnung des Wahlrechts auf eine immer größere Gruppe die demokratische Partizipationsrate deutlich erhöht. War zum Ende der Monarchie gerade einmal ein Fünftel der Bevölkerung wahlberechtigt, so waren es bei der Nationalratswahl 2017 fast 73 Prozent. Noch 1919 kam das Statistische Zentralamt zu dem Schluss, dass mit einer Quote von 55 Prozent Wahlberechtigten an der Gesamtbevölkerung „das noch vorhandene Reservoir an politisch handlungsfähigen Staatsbürgern wohl gänzlich oder nahezu ausgeschöpft“ worden sei. Heuer durften in Österreich mit knapp 6,4 Millionen Wahlberechtigten trotzdem über eine Millionen Menschen mehr ihre Stimme abgeben als bei der letzten Reichsratswahl 1911 in ganz Cisleithanien.

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Mit dem Gesetz vom 18. Dezember 1918 wird die Wahlordnung der Konstituierenden Nationalversammlung erlassen.

Wer wird gewählt?

Die Abgeordneten der provisorischen Nationalversammlung verdanken zu Beginn der Ersten Republik ihre Mandate noch der letzten Reichsratswahl von 1911. Das passive Wahlalter lag da noch bei 30 Jahren. Die Konstituierende Nationalversammlung wird 1919 gewählt und besteht aus insgesamt 170 Abgeordneten, die nun über 29 Jahre alt sein müssen. Davon sind 159 Abgeordnete gewählt, der Rest wird für Gebiete, in denen keine Wahl stattfinden kann, provisorisch bestellt. Die ursprünglich vorgesehene Zahl von 255 Mandataren wird durch die Gebietsabtretungen im Vertrag von St. Germain hinfällig. In den ersten Nationalrat werden ein Jahr später schon 183 Abgeordnete gewählt.

Die junge Republik führt das System der gebundenen Listen ein, bei dem die jeweilige Wahlpartei die Reihung der Mandate vorgibt. Vorzugsstimmen gibt es noch nicht. Die Wähler stimmen für eine Partei, diese bestimmt allein, wer für sie in das Parlament einzieht.

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Weniger Abgeordnete aus Spargründen

Vor der Nationalratswahl 1923 will die Politik angesichts der Sparmaßnahmen bei Beamten und der schlechten Versorgungslage ein Zeichen setzen und beschränkt die Abgeordnetenzahl auf 165. Die sozialdemokratische Opposition argwöhnt, die bürgerliche Regierung wolle sich durch die Reduktion Vorteile bei der Neuverteilung der Mandate verschaffen. Gleichzeitig wird das passive Wahlalter auf 24 Jahre gesenkt. Die einzige Ausnahme bildet das Amt des Bundespräsidenten, in das schon seit 1920 nur gewählt werden kann, wer das 35. Lebensjahr vollendet hat. 1929 erfolgt, analog zum aktiven Wahlalter, eine Erhöhung des generellen passiven Wahlalters auf 29 Jahre.

Nach der Wiedererrichtung der Republik 1945 werden die ehemaligen Nationalsozialisten zunächst auch von der Wählbarkeit für politische Ämter ausgeschlossen. Ab 1949 können die Wähler bei der Nationalratswahl Kandidaten auf den Wahllisten streichen. Das passive Wahlalter sinkt im selben Jahr erneut auf 26 Jahre, 1968 auf 25 Jahre.

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Wahlwiederholungen

Die große Wahlrechtsreform 1970 bringt nach 47 Jahren wieder eine Erhöhung der Nationalratsmandate von 165 auf die ursprünglichen 183. Außerdem können die Wähler erstmals Vorzugsstimmen vergeben. Die Nationalratswahl desselben Jahres wird vom Verfassungsgerichtshof erstmals teilweise aufgehoben. Sie muss in drei Wiener Wahlkreisen wiederholt werden, ein Mandat wandert dadurch von der ÖVP zur FPÖ.

Mit der Wahlrechtsreform 1992 sinkt das passive Wahlalter noch einmal auf 19 und schließlich 2007 auf 18 Jahre. 1995 verfügt der Verfassungsgerichtshof erneut eine Wahlwiederholung wegen Unregelmäßigkeiten, ein Sprengel in Reutte und die Gemeinde Donnerskirchen müssen erneut abstimmen.

Das derzeit gültige Vorzugsstimmensystem in einem gemäßigt geschlossenen Listenwahlrecht ermöglicht nur eine eingeschränkte Mobilisierung der Reihungen innerhalb der Parteilisten. Dem Wähler ist es letztlich nicht möglich, diese völlig umzugestalten.

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Wie wird gewählt?

Die Wähler der Monarchie werden zunächst noch nach Steuerleistung und ständischer Herkunft in Kurien eingeteilt, viele Geringverdiener und Arbeitslose dürfen überhaupt nicht wählen. 1907 gelingt mit der Unterstützung des Kaisers die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer. Gleich viel ist jede Stimme dennoch nicht wert. Zur Abmilderung „des schroffen Überganges vom derzeitigen Zensuswahlrecht zum allgemeinen Wahlrecht“, wie die „Neue Freie Presse“ schreibt, werden Abgeordnete in Wahlkreisen nach dem Mehrheitswahlrecht gewählt. Das Mandat erhält, wer im ersten Wahlgang oder in einer Stichwahl die absolute Mehrheit erhält. Stimmen, die an unterlegene Kandidaten gehen, werden nicht weiter berücksichtigt.

Verhältniswahlrecht

Zu Beginn der Ersten Republik hat sich die Situation gewandelt. Die politischen Lager fürchten, der jeweils andere könnte über ein Mehrheitswahlrecht an die Macht kommen. Die provisorische Nationalversammlung, das interimistische Parlament, beschließt daher bereits 1918 auf Initiative der Sozialdemokratie, aber auch mit Unterstützung der Christlichsozialen, die Einführung des Verhältniswahlrechtes in Österreich. Die Abgeordnetenmandate sollen möglichst genau die Stimmenverteilung unter den Parteien widerspiegeln.

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Die Wiener Zeitung berichtet am 18. Dezember 1918 über die Einführung der Verhältniswahl.

Die „Neue Freie Presse“ stellt sich hinter die Änderung: „Wir müssen in dem modernen demokratischen Freistaat unbedingt die Verhältniswahl einführen und es ginge unter keinen Umständen an, noch beim Mehrheitswahlrecht zu verbleiben.“ Bei den Reichsratswahlen der Monarchie wurden die Abgeordneten noch in Einzelwahlkreisen bestimmt.

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Die „Wiener Zeitung“ begründet den Schritt mit den politischen Unwägbarkeiten der Zeit:

„Das Verhältniswahlrecht stellt zweifellos eine gerechtere Form des Wahlsystems dar und erweist sich um so notwendiger, als nach der ganzen Konstellation des öffentlichen Lebens sich nach dem Kriege auf dem Gebiete der inneren Politik Verhandlungen vollziehen werden, die bei dem Mangel aller brauchbaren Vorbilder in ihrer Auswirkung auf das politische Leben nicht genau gewertet werden können.“ (Wiener Zeitung vom 18. Dezember 1918)

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Die Nationalratswahlordnung und ihre verfassungsrechtlichen Grundlagen statuieren bis heute ein relativ strenges Verhältniswahlrecht. Nach der Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofs hat der Verfassungsgesetzgeber das Proporzwahlrecht bei den Wahlen zu allgemeinen Vertretungskörpern grundsätzlich festgeschrieben. Die Länder dürfen also auch kein Mehrheitswahlrecht für die Landtage einführen.

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Unterschiedliche Berechnungssysteme

Die erste Wahl der Ersten Republik verläuft noch nach rudimentären Regeln: Es werden Wahlkreise gebildet und auf jeden derselben je nach Bevölkerungsstärke mehrere Mandate verteilt. Dadurch bleibt ein gewisses Ungleichgewicht in der Wertigkeit der Stimmen: Auf einen Abgeordneten kommen so in Nordtirol etwa 34.300, im Wahlkreis Wien-Südwest ungefähr 44.600 Wahlberechtigte. Welche Partei wie viele Abgeordnete erhält, wird in einem einzigen Ermittlungsverfahren bestimmt. Dafür wird das D’Hondtsche System angewendet, eine relativ einfache Berechnungsmethode, die Sitze zwar proportional verteilt, aber größere Parteien dabei etwas bevorzugt.

Frühe Reformen

Die erste große Wahlrechtsreform der Republik wird 1923 zum politischen Streitthema. Während sich Sozialdemokratie und Christlichsoziale über Berechnungsmethoden und Wahlpflicht streiten, fordert die Großdeutsche Partei die Einführung des Mehrheitswahlrechts. Der Antrag bleibt aber chancenlos. Mit der Wahlkreiseinteilung und dem mehrheitsfördernden Verhältniswahlrecht gibt es nun zwei Ermittlungsverfahren. Zunächst werden in den Wahlkreisen Mandate mit der Methode nach Hagenbach-Bischoff vergeben. Stimmen, die in diesem ersten Schritt noch nicht in Mandate umgewandelt wurden, werden im zweiten Ermittlungsverfahren nach D’Hondt berücksichtigt. Das System setzt Stimmen und Mandatsverteilung in ein engeres Verhältnis, bevorzugt aber trotzdem ländliche, eher konservative Gegenden.

Nach der Gründung der Zweiten Republik erlässt die provisorisch gegründete Staatsregierung unter Karl Renner – sie vereint zunächst Gesetzgebung und Vollziehung auf sich – im Oktober 1945 ein Verfassungsgesetz für die anstehende Neuwahl von Nationalrat, Landtagen und Gemeindevertretungen im Folgemonat. Es basiert weitestgehend auf der Wahlordnung von 1923.

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Wählen mit Jagdkarte

Um die Wahlbeteiligung möglichst hoch zu halten, gelten vor den Wahlbehörden nur rudimentäre Ausweisregeln. Wählen darf bereits, wer sich mit Schulzeugnissen, durch „Dienstbotenbücher, Jagdkarten, Eisenbahn- und Tramwaypermanenzkarten“ oder mittels Taufschein ausweisen kann. Es geht darum, so schnell wie möglich demokratische Wahlen abzuhalten, eine Diskussion über das Wahlrecht findet nicht statt.

Durch das nach wie vor verzerrende Verhältniswahlrecht aus der Ersten Republik erhält die ÖVP 1953 einen Sitz mehr im Nationalrat als die SPÖ, obwohl diese etwa 37.000 Stimmen mehr erhalten hat. Dieses Ungleichgewicht zeigt sich bei der Nationalratswahl 1959 erneut. Auch diesmal erhält die Volkspartei trotz geringeren Stimmenanteils ein Mandat mehr zugewiesen als die Sozialdemokraten. Diese fordern immer lauter ein proportionaleres Wahlrecht, das sie jedoch erst umsetzen können, nachdem Bruno Kreisky 1970 eine von den Freiheitlichen geduldete Minderheitsregierung bildet.

1970 wird die Zahl der Wahlkreise von 25 auf neun reduziert, was das Erreichen eines Grundmandates einfacher macht und gemeinsam mit dem neu eingeführten Ermittlungsverfahren nach Hare die Proportionalität der Mandatsverteilung erhöht. Im zweiten Ermittlungsverfahren wird weiterhin D’Hondt angewendet.

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D’Hondtsches Verfahren
Beim Berechnungsverfahren nach D’Hondt werden die Stimmen der einzelnen Parteien nebeneinander geschrieben und darunter jeweils die Hälfte, ein Drittel, ein Viertel und so weiter. Wenn beispielsweise zehn Sitze zu vergeben sind, ist die zehntgrößte Zahl die Wahlzahl. Durch sie werden die jeweiligen Stimmensummen der Parteien geteilt, um die Zahl der ihnen zustehenden Mandate zu ermitteln.

Das Ermittlungsverfahren nach D’Hondt wird auch als Höchstzahl- oder Reststimmenverfahren bezeichnet, weil es häufig als letztes eingesetzt wird. Es bietet den Vorteil, dass nach seiner Anwendung keine zu verteilenden Mandate übrig bleiben, allerdings bevorzugt es tendenziell größere Parteien. Es wird auch im dritten und letzten Ermittlungsverfahren bei der Nationalratswahl angewandt.

Haresches Verfahren
Das Haresche Ermittlungsverfahren, in Deutschland auch Hare-Niemeyer-Verfahren, verteilt die zu vergebenden Sitze proportionaler auf die Parteien als jenes nach D’Hondt, allerdings bleiben in der Regel Restmandate übrig. Bei diesem Verfahren werden die im Wahlkreis abgegebenen gültigen Stimmen durch die zu vergebenden Mandate geteilt, das Ergebnis – die Wahlzahl – wird auf die nächste ganze Zahl erhöht. Die Parteien erhalten so viele Sitze, so oft die Wahlzahl in ihrer Stimmenzahl enthalten ist. So erfolgt derzeit die Berechnung im ersten und zweiten Ermittlungsverfahren bei österreichischen Nationalratswahlen.

Hagenbach-Bischoff-Verfahren
Bei dieser Berechnungsmethode werden die gesamten abgegebenen, gültigen Stimmen durch die um eins vermehrte Zahl an zu verteilenden Sitzen geteilt und auf die nächstgrößere Zahl erhöht. Jede Partei erhält wiederum so viele Sitze, so oft diese Wahlzahl in ihren Stimmen enthalten ist. Durch die rechnerische Erhöhung der verfügbaren Sitze um eins gelangen mehr Mandate zur Verteilung als beim Verfahren nach Hare.

Hagenbach-Bischoff wird derzeit in einigen Landtagswahlordnungen vorgeschrieben. 

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17.10.2017

Das Rechercheteam

Stefan Brocza
Externer Experte

Studium in Wien, St.Gallen und Harvard. 1994 EU- und Schengen Koordinierung im Innenministerium, ab 1996 im EU Ratssekretariat in Brüssel (Außenwirtschaftsbeziehungen, Erweiterung, Presse/Kabinett, Umsetzung der EU Außenstrategie für die innere Sicherheit). Aktuell tätig in Lehre und Forschung an Universitäten im In- und Ausland sowie als politischer Berater, Publizist und Gutachter.

Mathias Dechant
Team Experten

Mathias Dechant hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Danach Ausbildung zum Rechtsanwalt; Schwerpunkte in den Bereichen Zivilrecht, Corporate und M&A sowie IP. Er war seit den Anfängen des Studiums bis zuletzt in Wiener und Salzburger Wirtschaftskanzleien tätig.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Ralph Janik
Team Experten

Ralph Janik hat in Wien und Alcalá de Henares (Madrid) Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft studiert. Danach Studium in internationalem Recht und Europarecht an der Universität Amsterdam. Beruflich unter anderem wissenschaftlicher Assistent an der Universität Amsterdam und an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Maria Kern
Team Investigative Recherche

Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

Moritz Moser
Team Experten
Georg Renner
Team Investigative Recherche

Georg Renner hat Rechtswissenschaften studiert, weil er wissen wollte, wie Dinge (Staaten, Städte, die Gesellschaft …) funktionieren, was sie zusammenhält. Nachdem ihm dort kein Erfolg beschieden war, geht er dieser Frage nun journalistisch nach; zuvor bei „NZZ.at“ und „Die Presse“.

Stefan Schett
Team Social Media
stefanschett

Stefan Schett hat in Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet nebenbei an seinem Zweitstudium Publizistik. Er war lange Zeit als freier Journalist und Social Media Manager tätig, journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem beim Kurier und bei Puls 4. Für Addendum kümmert er sich um die Konzeption und Erstellung von Social Media-Content.

Anna Schneider
Projektleitung

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

Martin Thür
Team TV

Martin Thür ist seit 18 Jahren Fernsehjournalist. Von 2002-2017 war er in der ATV-Nachrichtenabteilung tätig und hat dort Nachrichten, Reportagen und Wahlberichterstattung gemacht. Von 2014-2017 war er Moderator der politischen Interviewsendung “Klartext”. Für Addendum gestaltet er TV-Reportagen.

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