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Die vergessene Hölle – Transkripte

Die vergessene Hölle wurde als Audio-Serie produziert. Wenn möglich, bitten wir Sie daher, den Podcast hier anzuhören. Das Transkript selbst soll nur eine Abhilfe bei Unklarheiten und möglichen Zitierungen schaffen.

Episode 1: Die vergessene Hölle

Stefanie Wahlmüller: Das ist das Elternhaus da vorne. Gegenüber war ja das Massengrab. Wie sie dort den Keller gegraben haben, haben sie in diesem Eck viele Lumpen gefunden. Bevor wir hergekommen sind, haben’s den Massenfriedhof dann exhumiert. Das Elternhaus steht da mittendrin.

David Freudenthaler: Schaut man heute auf diese Siedlung von Gusen, kann man sich schwer vorstellen, was sich hier vor über 75 Jahren abgespielt hat.

Hier, wenige Kilometer östlich von Mauthausen, und direkt am heutigen Donauradweg, war zur Zeit des Nationalsozialismus das größte Konzentrationslager auf österreichischem Boden. Über 70.000 Menschen waren hier inhaftiert, mehr als die Hälfte von ihnen wurde ermordet.

In dieser fünfteiligen Podcast-Serie tauchen wir ein in einen der geschichtsträchtigsten Orte Österreichs. Wie kann es sein, dass die dunkle Geschichte von Gusen fast vergessen wurde? Welche unglaublichen Geschichten und Mythen werden über diesen Ort erzählt, und wie soll es hier weitergehen? Wir machen uns auf Spurensuche. Mein Name ist David Freudenthaler. Gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Mayrhofer versuche ich, Antworten auf diese Fragen zu finden. Obwohl wir beide aus dieser Region kommen, ist uns die Dimension und Bedeutung des KZ Gusen lange nicht bewusst gewesen.

Hinter uns liegen viele Wochen, in denen wir in Archiven recherchiert, Tagebucheinträge gelesen und historische Berichte durchstöbert haben. Aber vor allem haben wir eines: mit vielen Menschen gesprochen. Folgen Sie uns in ein vermeintlich beschauliches Örtchen im unteren Mühlviertel. Folgen Sie uns nach Gusen. Folge 1: Die vergessene Hölle.

Michael Mayrhofer: Servus, da habe ich gleich einmal gehupt. Wollte die Verspätung ankündigen.

David Freudenthaler: Ab nach Gusen. Wir wollen wissen: Ist ein unbeschwertes Leben hier überhaupt möglich? Eines wird uns dabei schnell klar: Das Verhältnis dieses Ortes zu seiner Vergangenheit ist noch immer ein schwieriges. Dass diese lange kaum aufgearbeitet wurde, holt den Ort und seine Einwohner heute wieder ein.

Christian Aufreiter: Das was vorher war, das war vorher. Aber man muss in die Zukunft schauen. Und darum will ich nicht immer wieder zurückgehen auf das Ganze.

David Freudenthaler: Wir treffen Christian Aufreiter, den Bürgermeister von Langenstein, zu dessen Gemeindegebiet auch die Ortschaft Gusen gehört, im Wirtshaus, gleich gegenüber der heutigen Gedenkstätte.

Christian Aufreiter: Wir sind uns bewusst, was da passiert ist vor 75 Jahren. Wir stehen auch dazu. Aber man muss auch die Bevölkerung, die da jetzt wohnt, auch dementsprechend respektvoll behandeln. Und man kann jetzt nicht dieser Bevölkerung die Schuld in die Schuhe schieben.

David Freudenthaler: Haben die Leute, die da wohnen, das Gefühl, dass ihnen die Schuld in die Schuhe geschoben wird?

Christian Aufreiter: Ganz einfach: Sie wohnen da auf Grundstücken, wo x-tausend Leute umgekommen sind.

David Freudenthaler: Wir sitzen hier am Stammtisch. Ein Bürger, der am Ende des Tisches seinen Tee trinkt, hört uns aufmerksam zu. Hin und wieder will auch er etwas dazu sagen.

Bürger: Dann stellen wir den Urzustand her. Sarkasmus, bitte!

David Freudenthaler: Er schlägt also vor, den Urzustand des KZ wiederherzustellen. Sarkastisch, wie er es nennt.

Christian Aufreiter: Das sind jetzt Sachen, die du jetzt gesagt hast, des streichst.

David Freudenthaler: Zweifelsohne ist es ein schwieriger Spagat für den Bürgermeister, einerseits die Interessen der lokalen Bevölkerung zu vertreten und gleichzeitig mit der Geschichte dieses Ortes würdig umzugehen.

David Freudenthaler: Wie ist das als Bürgermeister, das respektvolle Erinnern und gleichzeitig hier zu leben?

Christian Aufreiter: Es gehört noch mehr Aufklärung gemacht. Ich sag immer ‚Beim Reden kommen die Leute zusammen‘, normalerweise.

David Freudenthaler: Beim Reden kommen die Leute zusammen, da ist was dran. Das wollen wir machen. Wir treffen Stefanie Wahlmüller und spazieren mit ihr durch die Siedlung von Gusen. Seit 1958 wohnt sie hier, und sie kann sich noch gut daran erinnern, wie es hier am Anfang ausgesehen hat.

Stefanie Wahlmüller: Überall waren Baracken und Grundfesten. Die Grundstücke, das können Sie sich ja auch nicht vorstellen, waren ja völlig verwildert. Der Grund war spottbillig.

David Freudenthaler: Die meisten Häuser in dieser beschaulichen Siedlung wurden in den späten 50er und frühen 60ern gebaut. Man erkennt sie sofort an den hohen spitzen Giebeldächern, die heute altmodisch wirken. Die Häuser hier in Gusen stehen teils noch heute auf den Grundfesten der ehemaligen Häftlingsbaracken. Eine Baracke von damals, das sind heute drei Parzellen. Dazwischen kleine liebevoll gepflegte Gärten. Vögel zwitschern, Zitronenfalter tummeln sich in Rosensträuchern. Ein paar Parzellen weiter oben entstehen gerade neue Häuser. Größere, architektonisch auf dem neuesten Stand. Stefanie Wahlmüller führt uns zum ehemaligen Verbrennungsofen, nur ein paar Grundstücke von ihrem Elternhaus entfernt.

Stefanie Wahlmüller: Wie wir da hergezogen sind, war ich 4, 5 Jahre alt. Da war der Krematoriumsofen noch offen.

David Freudenthaler: In den frühen 1960er Jahren ist hier, um den Krematoriumsofen, das Memorial Gusen erbaut worden, das heute noch als Gedenkstätte dient.

Mitten in der Siedlung. Nicht einmal einen Meter dahinter ragt ein zweistöckiges Wohnhaus über die Mauer der Gedenkstätte. Es ist ein bizarres Bild, wie hier Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen. Für die Häftlinge von Gusen galt der Verbrennungsofen zynisch als der „einzige Weg in die Freiheit”. Später erzählt uns Stefanie Wahlmüller, ist es für die Kinder hier ganz normal gewesen, auf den Überbleibseln des Konzentrationslagers herumzuspielen.

Stefanie Wahlmüller: Das ist mir so in Erinnerung geblieben. Ich habe zu meiner Mutter damals gesagt: „Was ist denn da passiert?“ Sie hat mir das alles erzählt: dass sie hier die Leichen verbrannt haben.

Rudolf Haunschmied: Diese Öfen brannten Tag und Nacht. Es gibt auch Dokumente, aus denen hervorgeht, dass man in einem Tag, also in 24 Stunden, bis zu 97 Tote hier kremieren konnte. Bis zu 97 pro Tag. Wenn man jetzt denkt, dass dieses Krematorium seit dem Jahr 1941 in Betrieb war, dann kann man sich das schon ausrechnen, dass durch dieses Krematorium viele tausende, wenn nicht zehntausende, Menschen eben „den Weg in die Freiheit gefunden haben“.

David Freudenthaler: Rudolf Haunschmied kennt die Geschichte des KZ Gusen wie kein Zweiter. Er zeigt uns die Stellen, an denen das Lager noch heute sichtbar ist. Schon als Kind wurde er erstmals damit konfrontiert.

Rudolf Haunschmied: Ich bin in St. Georgen an der Gusen aufgewachsen. Mein Leben ist geprägt vom Leben in diesem ehemaligen KZ-Komplex St. Georgen/Gusen/Mauthausen. Ich habe Lesen und Schreiben gelernt in der zweiten und dritten Klasse Volksschule in der SS-Küchenbaracke. Das war unsere Schule, unsere Volksschule. Das Gebäude hat in der Bevölkerung niemand als Schulgebäude tituliert, sondern immer als ‚die Baracke‘.

David Freudenthaler: Vieles von dem, was wir heute über Gusen wissen, ist seinen Forschungen zu verdanken. Als er in den frühen 80ern angefangen hat zu forschen, war Gusen noch überhaupt kein Thema – weder bei der lokalen Bevölkerung noch in Historikerkreisen.

Rudolf Haunschmied: Heute leben 800 Menschen im Siedlungsgebiet von Gusen. Auf derselben Fläche waren damals bis zu 26.000 Menschen unter unvorstellbaren Bedingungen eingepfercht. Unvorstellbar.

David Freudenthaler: Tatsächlich können wir uns kaum vorstellen, dass diese kleine Siedlung hier einmal die Dimension einer Kleinstadt hatte. Seit vielen Jahren setzt sich Haunschmied dafür ein, dass Gusen die nötige Anerkennung zukommt. Das ist bis heute nämlich nicht der Fall, wie er meint.

Rudolf Haunschmied: Und das ist eigentlich wahnwitzig. Wir sind im Jahr 2020. Wir feiern 75 Jahre Befreiung. Es ist unfassbar, dass es möglich ist, dass ein KZ-Komplex, der – von der Größenordnung – mit Dachau, Buchenwald in einer Reihe vergleichbar ist, nie in die Geschichte Eingang gefunden hat. Immer leise hinter dem Begriff Mauthausen, versteckt.

David Freudenthaler: Damit hadert Haunschmied noch heute, das merkt man ihm an. Uns überrascht ein heftiger Regenschauer. Beim herunterhängenden Vordach gegenüber einer zerfallenen Lagerbaracke stellen wir uns unter.

Rudolf Haunschmied: Gut, dass es das Dach noch gibt.

David Freudenthaler: Man sieht ganz gut, wie präsent das Lager hier heute noch ist. Eigentlich hätte diese Baracke abgerissen werden sollen, seit einigen Jahren steht sie aber unter Denkmalschutz – wie auch viele andere Gebäude hier. Es ist fast wie ein großes Freilichtmuseum, hier in Gusen. Ein Spaziergang in die dunkle Vergangenheit, die in der heutigen Wohnsiedlung immer wieder sichtbar wird. Am deutlichsten wird das beim sogenannten Jourhaus. Zur Zeit des Nationalsozialismus war dieses Haus der offizielle Lager-Eingang. In diesem Haus, im sogenannten Bunker, sind Häftlinge systematisch misshandelt und ermordet worden. Heute lebt hier eine Familie.

Rudolf Haunschmied: Ich stand viele Jahrzehnte lang mit Generationen von Überlebenden hier. Und die haben alle den Kopf geschüttelt und gesagt: ‚Österreich will ein Kulturland sein? Ihr seid stolz auf Mozart und auf Beethoven und ihr geht so mit der Geschichte Europas um?‘ Das ist ein Schandfleck der Republik Österreich.

David Freudenthaler: Wie gehen die Menschen damit um, hier zu wohnen? Alle, die wir treffen, sagen uns, dass die Familie, die dort drinnen wohnt, wohl eher nicht mit uns sprechen wird. Wir probieren es trotzdem. In einem Telefonbuch finden wir ihre Nummer und rufen an. Er erklärt sich zu einem Gespräch bereit. Wenige Tage danach besuchen wir ihn bereits. Der Besitzer des Hauses will sich kein Mikro anstecken lassen, obwohl er doch viel zu erzählen hätte. Zu oft habe er schon schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, sagt er mir. Er sei hier aufgewachsen. Seine Eltern hätten das Haus vor 40, 50 Jahren gekauft, und seither leben sie hier. Sehr oft seien er und seine Familie dafür angefeindet worden. Immer wieder werde er als Nazi beschimpft. Dabei wolle er doch nur in Ruhe hier leben. Über die Geschichte seines Hauses will er nicht sprechen. Er habe sich nicht intensiv damit auseinandergesetzt – um genau zu sein, spielt er sie herunter. Der Bunker, über den es zahlreiche Überlieferungen von Folterungen und grausamen Hinrichtungen gibt, sei gar nicht so schlimm gewesen, meint der Besitzer. Das habe ihm einmal ein ehemaliger Häftling erzählt. Direkt vor dem Jourhaus stehend erzählt uns Haunschmied:

Rudolf Haunschmied: Das ist ein Lebensraum. Nicht alle sind hier historisch interessiert. Es gibt Leute, die lieber Fußball spielen oder Ski fahren, die wollen mit der Vergangenheit nichts zu tun haben. Was aber nicht geht, ist, in so einem Gebäude zu wohnen und dann alles zu verleugnen. Das ist das Verwerfliche. Zu sagen: Da war nichts. Oder die Dinge umzudeuten.

David Freudenthaler: Kennt man die Geschichte dieses Ortes und seiner Überbleibsel, kann man irgendwie auch verstehen, warum man sich nicht damit auseinandersetzen will. Das macht es für manche wohl erträglicher, hier zu leben. Die Geschichte – sie rüttelt dieser Tage besonders oft und heftig an den Menschen, die das Areal des ehemaligen KZ ihre Heimat nennen. Es hat sich herumgesprochen, dass hier eine größere Gedenkstätte entstehen soll, mehr oder weniger drübergestülpt über einen Teil der heutigen Siedlung. Die Vergangenheit wird für die Menschen, die hier leben, dann wohl ein noch größerer Teil der Gegenwart sein. Und längst nicht alle werden damit eine Freude haben.

Stefanie Wahlmüller: Für die Vergangenheit kann man nichts. Die können wir nicht ändern. Aber was heute nicht so passt, was mir Probleme macht und was sich in der Zukunft vielleicht zuspitzt, das lässt mich heute oft nicht schlafen.

David Freudenthaler: Mehr als 35.000 Menschen fanden in Gusen vor über 75 Jahren den Tod. Heute erinnert vor Ort nur mehr sehr wenig daran. Hören Sie in der nächsten Folge, wie der größte KZ-Lagerkomplex auf österreichischem Boden fast vollständig vergessen werden konnte. Dabei geht es um politische wie wirtschaftliche Interessen, Vertuschung und letztlich um eine lückenhafte Geschichtsschreibung.

Die vergessene Hölle wurde als Audio-Serie produziert. Wenn möglich, bitten wir Sie daher, den Podcast hier anzuhören. Das Transkript selbst soll nur eine Abhilfe bei Unklarheiten und möglichen Zitierungen schaffen.

Episode 2: Warum Gusen vergessen wurde

Martha Gammer: Ich komme jeden Sonntag hierher und zünde drinnen im Krematorium eine Kerze an. Ich weiß etwa, wer im März aller umgebracht wurde. Ich weiß, wie viele Deportierte weiterdeportiert worden sind, etwa nach Hartheim. Und dann gehe ich auch wieder in mein normales Alltagsleben zurück.

David Freudenthaler: Knapp 13.000 Menschen haben im vergangenen Jahr die Gedenkstätte Gusen besucht. So viele wie noch nie. Dass hier überhaupt eine Gedenkstätte errichtet wurde, ist der Initiative ehemaliger Häftlinge zu verdanken. Sie wollten um den ehemaligen Krematoriumsofen einen Gedenkort für ihre ermordeten Kameraden schaffen. Das offizielle Österreich wollte davon lange nichts wissen und zeigte demonstratives Desinteresse.

Die damals verantwortlichen Politiker – vom Bürgermeister bis zum Innenminister hinauf – haben alles versucht, um die NS-Spuren aus Gusen zur Gänze zu beseitigen. Das zeigt auch ein überlieferter Briefwechsel aus dem Jahr 1958:

Ludwig Bernaschek: Mein Lieber Freund! Die gegenständlichen Baulichkeiten stellen beim Siedlungsgrundabverkauf ein Hindernis dar. Ich bitte Dich, lieber Freund, diese Angelegenheit möglichst unauffällig überprüfen zu lassen, denn ich glaube, wenn die Sache möglichst mit Stillschweigen durchgeführt wird, sie am ehesten positiv werden könnte.

David Freudenthaler: Mit diesen Worten wandte sich der ehemalige Landeshauptmann-Stellvertreter an Innenminister Oskar Helmer. Die Überreste des Verbrennungsofens wurden als störend empfunden, man möge ihn abtragen und nach Mauthausen überstellen. In seiner Antwort schrieb der Innenminister, dass auch er die Angelegenheit gerne auf „unauffällige Weise” erledigen würde:

Oskar Helmer: Ich bin mit Dir einer Meinung, dass es wünschenswert wäre, die gegenständliche Angelegenheit in der von Dir vorgeschlagenen unauffälligen Weise zu lösen. Leider aber lässt sich das praktisch nicht durchführen.

David Freudenthaler: Der Druck ausländischer Überlebenden-Verbände war aber zu groß, und diplomatische Verstimmungen wollte man dann doch nicht riskieren. Der Krematoriumsofen steht noch heute. Und mit ihm die Gedenkstätte als Mahnmal. Sie wirkt wie ein Fremdkörper, mitten in der Siedlung, umringt von Einfamilienhäusern, umringt von Leben. Mein Name ist David Freudenthaler. Gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Mayrhofer bin ich nun schon einige Tage in Gusen unterwegs. Wir gehen der Frage nach, wie das KZ Gusen fast völlig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden konnte. Dabei geht es um politische wie wirtschaftliche Interessen, Vertuschung und letztlich um eine lückenhafte Geschichtsschreibung.

Folge 2 – Warum Gusen vergessen wurde. Wir treffen Rupert Neundlinger. Er war in den Jahren nach der Besatzung Bürgermeister von Langenstein, zu dessen Gemeindegebiet auch Gusen gehört. Der heute 95-Jährige tut sich inzwischen schwer, sich klar zu artikulieren. Er kann sich aber noch gut an diese Zeit erinnern. Als Bürgermeister hätte auch er die Erinnerung an die grausame NS-Zeit am liebsten verschwinden lassen.

Rupert Neundlinger: Weil wir die Wohnblöcke dort hingebaut haben. Die Leute, die um das Krematorium gewohnt haben, haben auch keine Freude damit gehabt.

David Freudenthaler: Er kann sich noch gut daran erinnern, wie es gestunken hat, als die gestorbenen Häftlinge massenhaft verbrannt wurden. Das KZ Gusen war nämlich nicht, wie die meisten anderen großen Lager, abgeschottet von der Bevölkerung. Das Gemeindeamt war damals nur wenige Meter vom Krematoriumsofen entfernt.

Rupert Neundlinger: Wenn ich in die Arbeit nach Linz gefahren bin, da hat’s immer gestunken.

David Freudenthaler: Nach was hat das gerochen?

Rupert Neundlinger: Es hat gerochen, wie wenn man einen Menschen oder einen Knochen verbrennt. Riecht fürchterlich.

David Freudenthaler: Immer wieder muss ich darüber nachdenken, was uns Neundlinger erzählt hat – über den Gestank von verbrannten Menschen. Damit ist er nicht allein. Auch andere Zeitzeugen berichten uns immer wieder davon.

Österreich ist nach der Befreiung 1945 bis 1955 in vier Besatzungszonen aufgeteilt: Die Franzosen besetzen das heutige Tirol und Vorarlberg. Die Briten sind in Kärnten, Osttirol und großen Teilen der Steiermark. Salzburg sowie Oberösterreich südlich der Donau sind amerikanische Besatzungszone. Und: Die Sowjets besetzen das Burgenland, Niederösterreich und das Mühlviertel, also Oberösterreich nördlich der Donau.

Dort liegen auch Mauthausen und Gusen, die beiden größten Konzentrationslager auf österreichischem Boden. Das Stammlager in Mauthausen haben die Besatzer schon bald an die Republik übergeben. Heute ist es das Symbol der Opfer des Nationalsozialismus in Österreich. Gusen hingegen ist in der öffentlichen Wahrnehmung in völliger Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Martha Gammer: Am 20. Juni 1947 haben die Sowjets in einer großen Zeremonie Mauthausen der Republik Österreich übergeben. Aber Gusen ist im sowjetischen Besitz geblieben. Sie haben hier bei uns die Steinbrüche zehn Jahre lang weiter betrieben und haben mehr abgebaut als die Nazis.

David Freudenthaler: … erzählt Martha Gammer vom Gedenkdienstkomitee Gusen. Wir stehen mit ihr vor einem der Gusener Steinbrüche. Von den Häftlingen einst gefürchtet, für die SS gleichermaßen profitabel – wurden die Steinbrüche in den Jahren danach auch zur Goldgrube für die sowjetischen Besatzer.

Martha Gammer: Gusen musste vergessen werden, weil die Sowjets das so wollten.

David Freudenthaler: Der ertragreiche Granit wurde von dort über die Donau Richtung Osten in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang verschifft. Hier in Gusen florierte die sowjetische Industrie, von einem Gedenkort an die über 35.000 Opfer war zu dieser Zeit keine Rede. Auch die eben erst ausgerufene Zweite Republik hatte erstmals andere Sorgen. Der große Wiederaufbau stand auf dem Programm. Von Gusen wollte man in den folgenden Jahrzehnten nichts wissen.

Martha Gammer: Aber es ist den Österreichern ja auch nicht klar, wie riesig die Gusener Lager waren. Das wurde immer so abgetan als Nebenlager. Und da stellt man sich dann eben etwas Kleines vor. Damit Mauthausen seinen politischen Stellenwert haben kann, musste Gusen eben ganz klein erscheinen.

David Freudenthaler: Seit vielen Jahren engagiert sich die pensionierte Lehrerin dafür, dass dieser Ort im historischen Bewusstsein der Österreicher den Platz einnimmt, der ihm ihrer Meinung nach zustehen würde. Für Gammer ist die Aufarbeitung des Lagers zur Lebensaufgabe geworden. Einige Überlebende hat sie selbst noch kennengelernt und jahrelang betreut. Heute lebt von ihnen kaum noch jemand.

Martha Gammer: Also ich bin ein einziges Fragezeichen, je älter ich werde. Ich sage das jetzt ganz ehrlich. Die wirklichen Zeugen sind ja eigentlich die Toten. Ich habe das nie verstanden, warum sich Überlebende so schuldig fühlen, wenn sie da im Krematorium gestanden sind. Die fühlen sich schuldig, weil sie überlebt haben. Und die anderen nicht.

David Freudenthaler: Direkt vor dem Memorial erzählt sie uns: Jeden Sonntag zündet sie hier eine Kerze an für die Zehntausenden, die im KZ ihr Leben gelassen haben.

Die Zeit vergeht schnell, als wir mit der gebürtigen Wienerin entlang des ehemaligen Areals des Lagers von Gusen spazieren und sie uns ihre Geschichte erzählt. Inzwischen ist es dunkel geworden. „Niemals vergessen“ wird heute immer wieder als Credo beschworen, wenn man über den Nationalsozialismus und den Holocaust spricht. Genau das Gegenteil trifft auf Gusen zu. Jahrzehntelang wurde die Geschichte vergessen und verdrängt. Wie kann es sein, dass Gusen von offizieller Seite über Generationen hinweg systematisch ignoriert wurde?

Martha Gammer: Die Republik stand auf dem Standpunkt, sie braucht Gusen nicht. Wenn sie gedenken wollen, dann fahren sie hinauf nach Mauthausen. Dort ist alles gerichtet für die Touristen. Wortwörtlich.

David Freudenthaler: Wir wollen wissen, was die offiziellen Geschichtsschreiber dazu sagen. Wir sprechen mit Bertrand Perz, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Er hat sich intensiv mit der Aufarbeitung der KZ-Geschichte in Österreich beschäftigt.

Bertrand Perz: Die Konzentrationslager haben in der kollektiven Erinnerung Österreichs lange überhaupt keine Rolle gespielt.

David Freudenthaler: Dieses Schicksal habe längst aber nicht nur Gusen erlitten, sagt der Zeitgeschichte-Professor, der auch zum Lagersystem von Mauthausen und Gusen viel geforscht hat.

Bertrand Perz: Das ehemalige KZ Mauthausen wird ja in der österreichischen Öffentlichkeit nicht vor den 70er Jahren ein wichtiger Ort. Der erste Bundespräsident, der dort hinfährt, ist Kirchschläger im Jahr 1975. Vorher spielt das in der Öffentlichkeit fast keine Rolle. Es ist auch das sogenannte Stammlager auf österreichischem Gebiet. Damit verschwindet aber eben sowas wie Gusen für viele Jahrzehnte aus dem Blickfeld.

David Freudenthaler: Für Perz nimmt das KZ Gusen aber eine Sonderstellung ein.

Bertrand Perz: Die SS hat das zwar ganz klar Mauthausen unterstellt, aber letztlich mit viel mehr Selbstständigkeit führen lassen als spätere Außenlager. Und insoweit ist es immer ein bisschen ein Problem. Ich spreche heute eher von einem Doppellager Mauthausen-Gusen.

David Freudenthaler: Bis heute gibt es keine wissenschaftliche Gesamtaufarbeitung von Gusen. 1982 wird zwar eine Dissertation über das Lagersystem in Auftrag gegeben. Fertiggestellt wird sie aber nie.

Bertrand Perz: Es waren eben drei Arbeiten geplant. Eine über Melk, eine über Ebensee, und eine sollte über Gusen und auch über diese Reichswerke Hermann-Göring-Lager sein, aber im Zentrum stand Gusen. Und diese Gusen-Arbeit kam eben nicht zustande, weil der Kollege aus persönlichen Gründen dies aufgegeben hatte. Sonst hätten wir auch spätestens Anfang der 90er Jahre eine umfangreiche Gusen-Studie gehabt.

David Freudenthaler: Glauben Sie, ist Gusen heute ausreichend erforscht?

Bertrand Perz: Das kann man nur relational zu anderen Lagern sagen. Und da würde ich sagen, dass es bei Gusen schon noch viel Forschungsbedarf gibt.

David Freudenthaler: Dieselbe Frage haben wir auch Martha Gammer vom Gedenkdienstkomitee gestellt. Ist Gusen heute genug erforscht?

Martha Gammer: Na geh, um Gottes Willen. Wer hat bitte wo was erforscht außer der Rudi Haunschmied? Na keiner, gar keiner. Es wird doch keine Frage gestellt. Wenn ich irgendwas erforschen will, dann muss ich doch zuerst einmal Fragen stellen. Die erste Frage wäre natürlich für mich: Was war denn da noch – ausgenommen von dem, was da in Wien beweisbar in den Archiven liegt? Wieso haben die SS-Leute drei Tage lang im Krematorium nicht Menschen, sondern Papier verbrannt? Also was haben sie verbrannt?

David Freudenthaler: Wie ist es vor 75 Jahren zur Befreiung der Lager Gusen und Mauthausen gekommen? Und welche Rolle hat ein Schweizer Bankbeamter bei der Verhinderung eines möglichen Massenmordes gespielt? Das und mehr erzählen wir in der nächsten Folge dieser 5-teiligen Reihe.

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Die vergessene Hölle wurde als Audio-Serie produziert. Wenn möglich, bitten wir Sie daher, den Podcast hier anzuhören. Das Transkript selbst soll nur eine Abhilfe bei Unklarheiten und möglichen Zitierungen schaffen.

Episode 3: Louis Häfliger und die Befreiung von Gusen

Martha Gammer: So weit ist Häfliger am frühen Morgen dieses 5. Mai 1945 eben vorsichtig gefahren. Und die sind auch sehr vorsichtig gekommen, diese Gruppe Kosiek, Platoon D der 11. Division.

David Freudenthaler: Die sind genau hier aufeinandergetroffen?

Martha Gammer: Genau. Man war sehr vorsichtig, denn die Amerikaner wussten ja nicht, was das für ein Auto ist. Wer sind die SS-Leute da drinnen? Wer ist der Mann mit dem Hut, der Häfliger? Jedenfalls hat er sie dann nach St. Georgen gelotst, nach Gusen und nach Mauthausen hinauf.

David Freudenthaler: Es ist eine historische, wenngleich völlig unspektakuläre Begegnung. Wir stehen hier auf einer kleinen Anhöhe im Gusental, nordöstlich von Linz und nur wenige Kilometer von den Konzentrationslagern Gusen und Mauthausen entfernt.

Genau hier, auf Höhe des sogenannten „Riederer-Häusls“, ist Louis Häfliger vom Internationalen Roten Kreuz auf eine kleine Vorhut der anrückenden US-Streitkräfte getroffen. Zu diesem Zeitpunkt sind in Mauthausen und Gusen noch mehr als 40.000 Menschen inhaftiert.

Louis Häfliger soll bei deren Befreiung eine entscheidende Rolle gespielt haben, erzählt uns Martha Gammer vom Gedenkdienstkomitee Gusen. Der Name Häfliger ist heute fast vergessen, nur noch wenige Orte erinnern an diesen Mann.

Martha Gammer: Ich weiß genau, er hat dann im 12. Bezirk gewohnt – in der Nähe des Meidlinger Bahnhofs. Heute befindet sich dort eine Tafel zu seinem Gedenken.

Michael Mayrhofer: Was mich so überrascht hat: Ich habe in Wien-Meidling gewohnt, genau gegenüber diesem Schild. Wir hatten damals schon ein Interesse an diesem Thema und dann sah ich plötzlich dieses Schild vom Häfliger. Ich hatte anfangs keine Ahnung, wer das war.

Martha Gammer: Das wurde ja auch verborgen, das war nicht Politik. Und schon gar nicht unter Kreisky. Ich sage es jetzt noch einmal. Ich mein in der ersten Nachkriegszeit schaute man nach vorne: Aufbau, was weiß ich, ja. Aber dann wäre es doch endlich einmal Zeit gewesen, dass man sagt: So, jetzt befassen wir uns mit dem Thema.

David Freudenthaler: Wie ist die Befreiung der Lager Gusen und Mauthausen eigentlich abgelaufen? Und wer war dieser Louis Häfliger, der von der Republik Österreich 1950 immerhin für den Friedensnobelpreis nominiert wurde? Wir gehen seiner bemerkenswerten Geschichte nach, die völlig in Vergessenheit geraten ist. Mein Name ist David Freudenthaler. Gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Mayrhofer begebe ich mich auf Spurensuche nach Gusen.

Das ist die Geschichte eines gewissen Louis Häfliger und der möglichen Verhinderung eines Massenmordes, den Historiker aber anzweifeln.

Folge 3 Louis Häfliger und die Befreiung von Gusen. Wir befinden uns in den letzten Aprilwochen 1945. Längst ist allen klar, dass der Krieg bald zu Ende, bald verloren sein wird. Sogar von den fanatischsten Nationalsozialisten glaubt zu diesem Zeitpunkt kaum mehr jemand an den „Endsieg“. Die Frontlinie der Sowjets nähert sich von Osten, die US-Armee von Westen. Die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen sind zu diesem Zeitpunkt die letzten großen Lager, die noch nicht von den Alliierten befreit worden sind.

Vor ihrer militärischen Befreiung werden noch alle möglichen Deals ausverhandelt. So versorgt das Internationale Rote Kreuz die großen Lager schon vor deren Befreiung mit Essen und allerlei Hilfsgütern. Auch Häftlinge verschiedener Nationen werden schon vorab befreit. Für einen dieser freiwilligen Hilfseinsätze meldete sich auch der Schweizer Bankangestellte Louis Häfliger.

Am 28. April, genau eine Woche vor der Befreiung durch die Amerikaner, trifft Häfliger mit seinem 19 Lastwagen starken Hilfskonvoi in Mauthausen ein. Nach dem Ausladen der Hilfsgüter werden noch am selben Tag hunderte Häftlinge freigelassen. Häfliger aber bleibt ohne seinen Konvoi im nahegelegenen St. Georgen/Gusen zurück. Dort soll er von Gerüchten gehört haben, wonach die Vernichtung aller Häftlinge von Gusen geplant sei.

Martha Gammer: Jedenfalls hat der Häfliger beobachtet, dass da Vorbereitungen zur endgültigen Vernichtung der Häftlinge getroffen werden.

David Freudenthaler: Ein Großteil dieser Häftlinge ist für die wichtige Rüstungsindustrie in den umliegenden Stollen eingesetzt worden.

Martha Gammer: Er hat laut seinem Tagebuch zwischendurch im Gasthaus Lehner gewohnt. Dort, wo heute die Sparkasse ist, das war das Gasthaus Lehner. Das gibt’s heute nicht mehr. Und vom Sohn des Gastwirten hat er dann vom Endzeitvernichtungsplan erfahren.

David Freudenthaler: Die Häftlinge von Gusen sollten in die umliegenden Stollen getrieben werden. Und diese daraufhin mitsamt der Häftlinge gesprengt. Zu sensibel sei die dortige Infrastruktur gewesen – es durfte keine Zeugen geben. Wir können nicht glauben, was uns Martha Gammer hier erzählt. War hier wirklich ein Massaker geplant, an über 20.000 Häftlingen?

Martha Gammer: Wir wissen von keinem schriftlichen Befehl, nur einem mündlichen. Jedenfalls wurden da die anderen Eingänge für die endgültige finale Vernichtung bereits vermauert.

David Freudenthaler: Der Befehl habe gelautet, alle Häftlinge umzubringen. Das sagt Franz Ziereis, Lagerkommandant von Mauthausen und Gusen, später aus. In seinem Verhörprotokoll ist zu lesen:

Franz Ziereis: Die Häftlinge sollten in Stollen geführt werden, die Türen der Stollen sollten schon vorher vermauert werden und nur ein Eingang offen bleiben. Dann sollte ich die Stollen in die Luft sprengen.

David Freudenthaler: Die geplante Sprengung ist sorgfältig vorbereitet worden. Die SS-Lagerkommandanten sollen höchstpersönlich große Mengen Sprengstoff in den Stollen verteilt haben. Elektrische Leitungen wurden verlegt. Häfliger war in den letzten Kriegstagen gemeinsam mit dem SS-Mann Guido Reimer untergebracht.

Martha Gammer: Kurzum hat er sich mit diesem Reimer zusammengetan. Sie haben sich ein Auto erbeten und von Häftlingen weiß streichen lassen. Am 5. Mai ’45 haben sie sich sehr zeitig in der Früh in St. Georgen aufgemacht. Anscheinend wusste man schon, dass die Amerikaner bereits in Wegscheid die Grenze überschritten haben. Sie sind jedenfalls unbeobachtet da hergefahren und trafen hier auf eine Vorhut der amerikanischen 11. Division.

Und es kam zu einem Gespräch. Die Amerikaner hatten drinnen im Auto einen, der etwas Deutsch konnte. Sie haben dann verhandelt, und der Häfliger hat erzählt, dass da große Konzentrationslager sind. Jetzt das Spannende: Der hat versucht, mit Funk seinen Offizier in Gallneukirchen zu erreichen. Er hat mit ihm von hier aus noch kommunizieren können, dass er auf Deutsche gestoßen ist und dass hier große Konzentrationslager seien, und dann war die Verbindung aus. Und dieser Kosiek hat es jetzt riskiert, ohne Kontakt und ohne direkten Befehl nach Gusen und Mauthausen weiterzufahren.

David Freudenthaler: Im Nazi-Stollen finden die Amerikaner nach der Befreiung tatsächlich über 24.000 Kilo Sprengstoff, die sie sofort entschärfen. Ob es schlussendlich tatsächlich zur Sprengung des Stollens mitsamt der Häftlinge gekommen wäre, wissen wir nicht.

Dagegen spricht, dass die allermeisten SS-Wachen schon in den letzten Tagen vor der Befreiung bereits untergetaucht sind. Was wir aber wissen: Schon einige Tage davor hat es im KZ Gusen einen falschen Fliegeralarm gegeben. Alle Häftlinge wurden in die Stollenanlagen getrieben und mussten dort mehrere Stunden verharren. Die vorbereitete Katastrophe ist aber ausgeblieben. Manche Häftlinge schreiben ihre Rettung einer Sabotageaktion zu. So sollen die elektrischen Leitungen zu den Sprengsätzen gekappt worden sein. Andere gehen davon aus, dass Louis Häfliger auf Ziereis eingewirkt und so seine Entscheidung beeinflusst habe.

Martha Gammer: Der Häfliger hat sicher eine Rolle in der Verhinderung der finalen Vernichtung der Häftlinge gespielt. Jedenfalls war für diese Sprengung alles vorbereitet.

David Freudenthaler: Bertrand Perz ist einer der profiliertesten Historiker in Österreich. Der Professor für Zeitgeschichte an der Uni Wien ist, was die Verhinderung des Massenmordes durch Louis Häfliger betrifft, eher skeptisch.

Bertrand Perz: Das ist sozusagen ein wichtiger Beitrag gewesen, weil er natürlich den Zugang der Amerikaner zum KZ Mauthausen beschleunigt hat. Das ist im Wesentlichen auch sein Beitrag zur Geschichte. Und alles andere, was dann später Thema geworden ist, er hätte die Häftlinge vor der sicheren Vernichtung gerettet, das ist historisch eher nicht haltbar.”

David Freudenthaler: Es gibt zum Beispiel dieses Verhör von Ziereis, wo er behauptet beim Totenbett, dass er den Befehl nicht umgesetzt hätte …

Bertrand Perz: Geplant ist zu viel gesagt, das war eine der möglichen Optionen. Aber es gab den Versuch, Geheimnisträger einfach noch zu töten. Das ist ja auch passiert in den letzten Tagen, aber nicht das gesamte Häftlingskollektiv. Aber an dieser Geschichte hat sich dann immer aufgehängt, dass es ganz konkret geplant war und schon kurz vor der Durchführung war.

Ich sage noch einen Punkt, der Sie vielleicht noch interessiert – was die Narrativgeschichte betrifft. Die Gusener Gedenkinitiativen betonen natürlich immer, dass alle Häftlinge vernichtet werden sollten. Es gab sogar Versionen, dass auch die Bevölkerung von Gusen in den Stollen ermordet werden sollte. Das ist natürlich vollkommen absurd, weil warum sollte die SS die Bevölkerung ermorden?

David Freudenthaler: Kann man also sagen, dass der wesentliche Beitrag von Häfliger war, die amerikanischen Truppen eine Spur früher nach Mauthausen und Gusen zu bringen?

Bertrand Perz: Genau, auf jeden Fall. Das ist ganz eindeutig. Er ist ihnen wirklich entgegengefahren und hat sie sozusagen nach Mauthausen geführt. Der Häfliger ist jedenfalls eine wichtige Person. Der hatte auch seine Verdienste. Ich finde ihn als Person hochspannend. Aber ich wäre da sehr vorsichtig mit dem Etikett, dass er der Retter von Mauthausen gewesen wäre. Das stimmt so ganz sicher nicht.

David Freudenthaler: Für Bertrand Perz steht fest: Dass Häfliger einen Massenmord verhindert hat, ist eher ein Mythos. Dennoch: Die Pläne für eine Sprengung mitsamt der Häftlinge dürfte es jedenfalls gegeben haben – das bestätigen auch Zeitzeugen.

Perz sagt auch, dass Häfliger für die frühzeitige Befreiung der Lager eine wesentliche Rolle gespielt hat. Wie konnte er danach in der öffentlichen Wahrnehmung so vergessen werden?

Martha Gammer: Ich weiß, dass Häfliger dann in Wien gewohnt hat. Er hat seinen Posten beim Roten Kreuz verloren in der Schweiz. Er hat seinen Posten bei der Bank in Zürich verloren, weil man ihm vorgeworfen hat, er habe seine Kompetenzen als Rotkreuz-Mann überschritten – also er habe die Neutralität des Roten Kreuzes verletzt. Herr Häfliger hatte Probleme, überhaupt von irgendwas zu leben. Er hat dann Schwarzhandel betrieben. Das hat man ihm dann natürlich auch vorgeworfen.

David Freudenthaler: Seine Version von der Befreiung und sein Beitrag dazu ist, wie wir gehört haben, umstritten. Vor allem die damals noch einflussreichen Kommunisten haben nämlich eine andere Version der Befreiung: Nicht die Amerikaner hätten Mauthausen und Gusen befreit, sondern die Häftlinge selbst. Doch schon bald sollte sein Einsatz zumindest von offizieller Seite gewürdigt werden. 1950 wird Häfliger von der damaligen Regierung für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Allerdings vergebens.

Der Friedensnobelpreis ist ihm verwehrt geblieben. Für seinen Einsatz verleiht ihm 1977 der damalige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger allerdings das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs.

Martha Gammer erzählt uns auch von einer gewissen Mary Huisman, die Häfliger vor seinem Tod noch persönlich kennengelernt hat. Wir rufen sie an, ein paar Tage später sitzt sie bei uns in der Wiener Redaktion.

Mary Huisman: Er war ganz ein lieber, netter, einfacher Mensch. Einfach ein normaler Rentner.

David Freudenthaler: Es ist eine fast irrwitzige Anekdote, die uns die gebürtige Niederländerin erzählt. 1992 hat sie eine Fernseh-Doku über Häfliger gesehen: „Der Retter von Mauthausen“. Daraufhin hat sie ihm einen Besuch abgestattet.

Mary Huisman: Ich habe die Doku geschaut. Da habe ich das Haus gesehen, in dem Häfliger im 12. Bezirk wohnt. Dann habe ich im Telefonbuch gesucht und mit ihm Kontakt aufgenommen.

Michael Mayrhofer: Und Sie haben das Haus erkannt?

Mary Huisman: Ja. Ich habe das Haus in dem Film erkannt. Es ist so schief zur Straße gestanden. Das war ziemlich einfach. Dann habe ich ein paar Blumen mitgenommen. Er hat gesagt, das sind die ersten Blumen, die ich von einer Holländerin kriege.

David Freudenthaler: Wie war die erste Begegnung mit dem Herrn Häfliger?

Mary Huisman: Die war ganz nett. Wir haben ganz einfach miteinander Kaffee getrunken.

David Freudenthaler: Hat er Ihnen von dieser Befreiungsaktion erzählt?

Mary Huisman: Darüber haben wir nicht mehr viel geredet. Er wollte unbedingt ein KZ von innen sehen. Ob das wirklich so schlimm war, wie immer gesagt wurde.

Michael Mayrhofer: Sein Antrieb war also …

Mary Huisman: … Neugierde. Er wollte wissen, ob das tatsächlich so schlimm war.

David Freudenthaler: Nur ein paarmal hätten sie einander getroffen, erzählt Huisman. Und ein gutes Jahr später ist er dann im Alter von 89 Jahren gestorben. Über Umwege, berichtet sie uns, hat sie einen Teil seines Nachlasses retten können. Tagebuchaufzeichnungen, Dokumente und Briefe. Kopien davon bringt sie später ins Staatsarchiv, wo sie noch heute liegen.

Es ist die Geschichte von einem einfachen Schweizer Bankangestellten, ohne den die Befreiung der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt stattgefunden hätte. Auch das Bestreben, die Häftlinge vor der vermeintlichen Sprengung zu retten, kann man Louis Häfliger wohl nicht absprechen – auch wenn die Vernichtung in dieser Form womöglich nie stattgefunden hätte.

Zum Konzentrationslager gibt es noch viele offene Fragen. Auch zum naheliegenden Stollensystem Bergkristall, in dem die Häftlinge zur Arbeit gezwungen werden. In unterirdischer Produktion wird hier in den letzten Kriegsmonaten an der „Wunderwaffe“ der Nazis gearbeitet. Und auch nach der NS-Zeit gibt es für die Nutzung dieser Stollen unglaubliche Ideen. Das und mehr hören Sie in der nächsten Ausgabe.

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Die vergessene Hölle wurde als Audio-Serie produziert. Wenn möglich, bitten wir Sie daher, den Podcast hier anzuhören. Das Transkript selbst soll nur eine Abhilfe bei Unklarheiten und möglichen Zitierungen schaffen.

Episode 4: Bergkristall

Maria Peterseil: Wir haben Deutsche gehabt, die Kunz Minnerl, die war von Köln, die hat da drinnen gearbeitet, im Büro. Und da hat sie immer gesagt, die Minnerl, das weiß ich noch gut, so viele Flieger, so Blechsachen machen sie da drinnen im Stollen.“

David Freudenthaler: Mysteriös, gewaltig und für lange Zeit vergessen: so wird das größte Bauwerk der NS-Zeit auf österreichischem Boden – der „Bergkristall“ – heute von der lokalen Bevölkerung beschrieben. Dabei handelt es sich um ein kilometerlanges unterirdisches System, in das die Nationalsozialisten zu Kriegsende die Rüstungsproduktion verlegten. Häftlinge aus dem Gusener Konzentrationslager wurden hier in der Nachbargemeinde St.Georgen an der Gusen zur Arbeit gezwungen. Viele starben an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen im Stollen.

Folge 4 – Bergkristall.

Mein Name ist David Freudenthaler und gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Mayrhofer bin ich nun schon gut eine Woche hier unterwegs, als unsere Recherche sehr persönlich wird. Wir treffen Michaels Oma, die als Kind auf einem Bauernhof in der Nähe des Stollens aufgewachsen ist. Heute wohnt die 90-Jährige in einem Nachbarort. Es ist das erste Mal, dass sie öffentlich über ihre Erinnerungen an diese Zeit spricht.

Michael Mayrhofer: Und du bist ja relativ in der Nähe von diesem Stollen aufgewachsen?

Maria Peterseil: Genau, ja. Na, wie weit ist denn das weg? Das war drüben beim Markt und wir waren oben beim Friedhof das Bauernhaus, nicht? Wir haben ja direkt hinübergesehen.

David Freudenthaler: Und was habt´s ihr da gesehen?

Maria Peterseil: In den Stollen hast du hineingehen müssen. Aber da hat man eh nicht dürfen. Und du hast halt nur die KZ-ler, die halt da herumgerannt sind, irgendwas haben sie getan. Aber das war ja ganz großflächig eingezäunt, mit lauter Stacheldraht. Unser Feld war ja auch mit eingezäunt.

David Freudenthaler: Es fällt ihr nicht leicht über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie erinnert sich, wie viel Glück ihr Vater hatte, den Krieg und die Zeit danach zu überleben. Er bewirtschaftete ein Feld direkt über dem Stollen.

Maria Peterseil: Und da hat mein Vater so ein Glück gehabt, eh in St. Georgen, da hat er geackert den Vortag, da hat er es umgeackert, weil unten gehen ja die Stollen weit hinauf bis Luftenberg, nicht? Und hat er umgeackert. Und nächsten Tag ist er hinübergegangen und hat mit der Ehn gestreift, weisst, jetzt ist da ein mords Schacht, wie’s hineingefallen ist. Da müssen sie irgendwie Bomben gelegt haben oder was nach dem Umbruch. Und wenn man da hineingefallen wäre, da wäre man mausetot gewesen. Und am Vortag hat er geackert noch und gar nichts gesehen.

Michael Mayrhofer: Wie tief war das?

Maria Peterseil: Ganz tief bis runter in den Stollen hast Du da gesehen. Ich weiss nicht, wie tief das war. Kann ich nicht sagen.

David Freudenthaler: Solche Einstürze gab es immer wieder. Fotos aus den 60ern zeigen riesige Krater auf den Feldern über dem Stollen. Der Grund dafür liegt vor allem an den missglückten Sprengungen, die die Sowjets 1955 vor ihrem Abzug noch durchführen ließen. Michaels Oma war selbst nie im Bergkristall. Ihr graust es noch heute bei der Vorstellung da hineinzugehen.

Wir verabschieden uns und machen uns direkt auf den Weg zum Stollen. Dort treffen wir den Heimatforscher Rudi Haunschmied. Durch seine Recherchen wissen wir heute über das Ausmaß der Stollen Bescheid. Wohl niemand kennt die Geschichte von Bergkristall so gut wie er.

Rudolf Haunschmied: Wir befinden uns jetzt über dem Stollensystem Bergkristall in St Georgen an der Gusen, einem der größten und modernsten unterirdischen Anlagen des Großdeutschen Reiches bei Kriegsende. Ein riesengroßes Tunnelsystem, in dem sich ca. 45.000 m² Produktionsfläche befinden oder befunden haben. Und das besondere an Bergkristall ist, es gab ja viele Stollensysteme im Großdeutschen Reich, die 1944 entstanden sind, aber kaum eines war so weit entwickelt wie Bergkristall. Denn also es war kaum eine Baustelle, sondern viele viele Kilometer Stollen waren bereits installierte Produktionsanlagen für strategische Wunderwaffen des Großdeutschen Reiches, um quasi das Kriegsglück noch einmal zu ändern.

Also man weiß, dass also hier die Flugzeugproduktion in Bergkristall im Herbst 1944 begonnen hat, also die Anlage hat, kann man sagen, ein ¾ Jahr produziert. Sie ist ausgelegt für die monatliche Produktion, man haltet sich fest, von über 1000 Düsenjägern pro Monat am Fließband, unwahrscheinliche Produktionszahlen.

David Freudenthaler: Dieser Ort war also für die Rüstungsindustrie der Nazis von großer strategischer Bedeutung – erst langsam wird uns die Tragweite bewusst. Nach dem Krieg wird der Stollen von den Amerikanern sofort abgeriegelt, berichtet uns Haunschmied.

Rudolf Haunschmied: Den Amerikanern geht’s um strategische Interessen, die haben das abgeriegelt und sind dann Tag und Nacht gefahren, um die wichtigsten High Tech-Maschinen in Sicherheit nach Linz zu bringen, auf die andere Seite der Donau. Weil sich abgesehen hat, dass dieses Gebiet früher oder später den Sowjets zu übergeben sein wird.

Für die Bevölkerung gab es zwischen August und September, also im Sommer von 45, ein Zeitfenster, das einzige, wo die Bevölkerung in die Stollen konnte. Und das war natürlich ein Supermarkt für die Leute, die Bauern in der Umgebung. Jeder hat Werkzeuge, Materialien, was man brauchen konnte, Motoren usw, Funkgeräte, einfach mitgenommen. Auch an Wagenladungen hat man sich teilweise bedient. Das geht sogar so weit, dass die Feuerwehr in St Georgen bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit wahrscheinlich die einzige Feuerwehr war im Mühlviertel, die bereits einen Funk hatte. Weil die haben dann ein Funkgerät von so einem Düsenjäger ins Feuerwehrfahrzeug eingebaut. Oder Maschinen, Kanonen, die normal für die Flugzeuge vorgesehen waren, hat halt irgendein Alteisenhändler dann abgeholt usw. Also unvorstellbare Dinge, die dann da gewesen sind. Um diesen Selbstbedienungsladen der Bevölkerung dann zu unterbinden, haben dann die Sowjets ungefähr im September 45 dann die Anlage wieder bewachen lassen und haben Tore produzieren lassen, um sie wieder abzusperren. Und dann war die Geschichte längere Zeit abgesperrt.

David Freudenthaler: Das heißt: wenige Monate nach Kriegsende bedient sich die lokale Bevölkerung an der größten unterirdischen Rüstungsproduktion der Nazis wie in einem Supermarkt. Und vor ihrem Abzug 1955 sprengen die Sowjets dann noch einmal große Teile der Stollen. Danach stehen diese für lange Zeit leer. Das Kapitel Bergkristall ist damit aber längst nicht beendet. Ideen für eine weitere Nutzung gibt es nämlich viele.

Rudolf Haunschmied: Dann lassen wir einmal einige Jahre ins Land ziehen, das ist dann 1969 herum, auch publiziert, da ist dann St. Georgen auch bereits untersucht worden im Zusammenhang mit den energiewirtschaftlichen Projekten Zwentendorf und Kraftwerk Stein in St. Pantaleon als potenzielle Endlagerstätte für Atommüll aus Atomkraftwerken.

Michael Mayrhofer: Die wollten da Atommüll reinpacken?

Rudolf Haunschmied: Das ist Fakt, das ist knallhartes Faktum – das ist untersucht worden.

David Freudenthaler: 20 Jahre nach der Befreiung wird überlegt, den Nazi-Stollen, der mittlerweile mitten in einer Siedlung steht, als Endlagerstätte für Atommüll zu verwenden. Eine weitere Idee im Kalten Krieg war es, die Stollen als Zivilschutzbunker für die Bevölkerung der Stadt Linz bei einem möglichen atomaren Ernstfall zu nutzen. Wir können das irgendwie nicht so recht glauben.

Vielleicht liegt es auch an meiner eigenen Verbindung zu diesem Ort: Ich bin selbst in dieser Gegend aufgewachsen, mein Elternhaus liegt quasi direkt auf der Rückseite des Stollens. Was sich zur NS-Zeit da drinnen abgespielt hat, damit habe ich mich schon vor vielen Jahren schon einmal auseinandergesetzt. Aber was nach dem Krieg da drinnen alles geplant war, das wusste ich nicht. Ein Atommüll-Lager direkt hinterm Elternhaus? Bei diesem Gedanken muss ich erstmal selbst kräftig schlucken. Am Ende erzählt uns Haunschmied von einem persönlichen Erlebnis.

Rudolf Haunschmied: An einem Nationalfeiertag, einem 26. Oktober, das weiß ich heute noch, da haben wir uns so eine Gruppe von Jugendlichen zusammen getan und haben gesagt, wir haben eh schulfrei, jetzt gehen wir mal einen Tag spazieren hier unter der Erde in St. Georgen. Ich hab mir den Tag insofern gemerkt, weil wir sind da rein, da oben hat man reinkönnen in der Möglegrube, das war noch eher leicht und dann ist man da irgendwo rausgekommen irgendwie, also das war immer spannend, wie weit geht’s und wo führt das alles hin. Und ich hab mir aber gemerkt den Tag, weil wir sind da alle herum, mit Fackeln und mit Taschenlampen und da sind uns andere Gruppen auch entgegen gekommen, also das war richtiger Stollen-Tourismus da drinnen. Also das war, was immer es sei.

David Freudenthaler: Relativ spät am Abend treffen wir dann noch den Bürgermeister von St. Georgen an der Gusen, Erich Wahl. Wir sprechen mit ihm im neuen Besucherzentrum, das er gemeinsam mit Freiwilligen direkt beim Stolleneingang selbst errichtet hat. Was er uns mitteilt, ist bizarr.

Erich Wahl: Vor ungefähr einem ¾ Jahr ruft mich ein großer Immobilieninvestor aus den USA an und hat sich erkundigt wem denn das gehört und sie hätten durchaus Interesse, das zu kaufen und da irgendwie so ein KZ Disneyland auf die Art zu machen.

Michael Mayrhofer: Was?

David Freudenthaler: Ein KZ-Disneyland mitten im Stollen in St.Georgen an der Gusen? Wir können es nicht recht glauben. Auch der Bürgermeister vermutet anfangs, dass das ein schlechter Scherz sei. Dem ist aber nicht so.

Michael Mayrhofer: Das heißt, der ruft einfach an und sagt Hallo, bin ich da beim Bürgermeister, ich hätte eine Idee.

Erich Wahl: Genau, da gäb´s Interesse, wer ist dafür zuständig, wo kann man das erfahren.

Michael Mayrhofer: Wie war da deine erste Reaktion?

Erich Wahl: Ich hab da erstmal gedacht ist das ein Gag oder so. Aber nein, die hat dann so nachgefragt und wie sie sich das vorstellen, was sie da meinen und wie das ginge und was, die hat das durchaus gut erklären können und schon so einen Plan im Kopf gehabt.

David Freudenthaler: In jenem Stollensystem, in dem Tausende Häftlinge unter abscheulichen Bedingungen zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, gibt es also 75 Jahre danach die ernsthafte Idee eines Investors für einen Vergnügungspark. Einmal mehr können wir nicht wirklich glauben, was wir da hören. Und dann erzählt der Bürgermeister uns auch noch von einer Schwammerlzucht, die für mehrere Jahre im Stollen betrieben wurde.

Erich Wahl: Der Danner hat da Schwammerl gezüchtet, da haben drei, vier Leute drin gearbeitet und die haben halt da, weiß ich nicht, 2000 m² von den Stollen genutzt für die Schwammerlproduktion.

David Freudenthaler: Während also die Republik den Bergkristall möglichst lange ignoriert und schon gar nicht historisch aufarbeitet, wird er für private Zwecke – für Schwammerlzucht und auch Sandabbau – wirtschaftlich gut genützt. Weitere Ideen waren: ein Atommüll-Endlager, ein Zufluchtsort der Stadt Linz für den Fall eines Atomkrieges und ein bizarres KZ-Disneyland. Das alles erzählt uns der Bürgermeister, hier direkt vor dem Eingang. An die Opfer, die der Bau und die anschließende Produktion forderten, denkt heute fast niemand mehr.

Erich Wahl: Ich mein, wissen sollte man darüber, dass selbst heute mit modernster Technologie in dieser Zeit dieser Stollen nicht baubar wäre. Man könnte in der Zeit den Stollen gar nicht bauen. Und das ist nur dem geschuldet, dass man praktisch ohne Rücksicht auf Menschenverluste das einfach vorangetrieben hat. Also das war eine, eine unglaubliche Brachialgewalt – ohne eine Minute irgendwie an die Verluste oder an das, was damit verbunden ist, zu denken.

David Freudenthaler: Abschließend reden wir mit ihm auch noch über die Gerüchte und Spekulationen, wonach der Nazi-Stollen womöglich größer sei als gedacht.

Erich Wahl: Das kannst du nur dann tun, wenn nichts erforscht ist, dann kannst du mit allen möglichen Thesen hantieren und auch weil die Forschung durchaus verweigert wird. Ich mein es gibt ganz offensichtlich aus Sicht der Republik kein Interesse zu dem, was es schon gibt, was Neues dazu zu erforschen oder zu finden. Weil was ist, wenn ich was finde? Nur, nur Szenario. Es hätte tatsächlich einen Teil gegeben haben, der Esche geheißen hat, der versprengt ist und da liegen 8000 Leichen drin. Was tust du?

Es hat jetzt keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn außer, dass man weiß das hat’s auch noch gegeben. Es hat keinen Benefit, aber du hast ein Riesenproblem, weil was tust du, es ist ein Massengrab. Und da stehen 7 Häuser drauf. Da hast du ein echtes Problem. Was tust du mit diesem Zeugs?

David Freudenthaler: Glaubst du, dass die Dinge da drinnen vorgefallen sind bzw gemacht wurden.

Erich Wahl: Es ist nicht unplausibel. Das sind Dinge, die nicht unplausibel wären, ja. Aber was tust du mit der Erkenntnis, dass es das wirklich gegeben hat und was machst du dann? Also was ist das Interesse sozusagen der Verantwortlichen, da mehr zu finden als was wir eh schon haben? Man weiß ja nicht viel drüber oder? Das ist ja das Spannende, wie es 40 Jahre lang jedem völlig egal ist. 

Michael Mayrhofer: Das Ding ist ja, man weiß ja nicht viel darüber, oder? Das ist ja das Spannende, finde ich, wie das sein kann, dass das 40 Jahre vielen völlig egal ist.

Erich Wahl: Na was für mich das Spannende ist, ist, dass innerhalb von einer kurzen Zeitspanne von 20, 30, 40 Jahren das Wissen komplett verloren geht. Das ist für mich so spannend. Wie gibt’s das, dass Menschen, die da gelebt haben und da keine Ahnung davon haben.

Michael Mayrhofer: Von diesem Stollen?

Erich Wahl: Von dem Stollen oder von dem, was da vorgefallen ist oder wie das war. Das ist vollkommen in Vergessenheit geraten und aus dem Wissen, aus dem kollektiven Wissen verschwunden.

David Freudenthaler: Schon gut eine Woche sind wir jetzt in Gusen unterwegs und eines wird uns klar: Durch das jahrzehntelange Wegschauen sind viele Fragen rund um die lokale NS-Vergangenheit heute wohl kaum mehr zu beantworten. Eines hat sich im Laufe der Zeit auf jeden Fall verändert. Ein Teil der Einheimischen setzt sich nun aktiver damit auseinander. Und auch der Republik ist inzwischen die historische Bedeutung dieses Ortes bewusst.

Während durch das Befüllen des Stollens mit Beton heute nur mehr wenig vom Bergkristall übrig ist, sollen die letzten baulichen Zeugen des KZ Gusen aufgekauft und dort ein würdiger Gedenkort geschaffen werden. So steht es zumindest im türkis-grünen Regierungsprogramm. Doch wollen die aktuellen Eigentümer ihre Liegenschaften überhaupt verkaufen? Und wie soll es dann mit Gusen weiter gehen? Das erfahren Sie in der fünften Ausgabe des Addendum Podcasts „Die vergessene Hölle“.

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Die vergessene Hölle wurde als Audio-Serie produziert. Wenn möglich, bitten wir Sie daher, den Podcast hier anzuhören. Das Transkript selbst soll nur eine Abhilfe bei Unklarheiten und möglichen Zitierungen schaffen.

Episode 5: Vergangenheit sucht Zukunft

Anton Helbich-Poschacher: Jetzt habe ich eine Überraschung für Sie: Wir werden schauen, ob auch der Schlüssel passt und wie wir da hinauf kommen. Trauen Sie sich da hinauf? Hereinspaziert.

Schauen Sie einmal da hinunter, wie tief es da hinunter geht. Und da unten waren dann die Maschinen für den Schotterbrecher, das ist alles da drüben zugeschüttet worden. Und jetzt gehen wir hinauf, dann können Sie einen… bitte aufpassen. Jeder ist für seinen Schritt verantwortlich.

David Freudenthaler: Es ist ein riesiger Betonklotz, den wir hier betreten. Von außen sieht er mächtig aus, und nicht unbedingt ästhetisch. Wie ein Mahnmal, von dem man nicht recht weiß, woran es erinnern soll.

Anton Helbich-Poschacher: 99 Stufen.

David Freudenthaler: Sie haben´s schon abgezählt?
Die Betonstufen, die uns etwa 30 Meter nach oben bringen, haben ihre besten Zeiten schon lange hinter sich. Gesichert sind sie längst nicht mehr. Wenn man nicht aufpasst, wo man hinsteigt, geht´s tief hinunter. Man bekommt ein mulmiges Gefühl. Hier oben war schon lang niemand mehr, erzählt uns Anton Helbich-Poschacher.

Anton Helbich-Poschacher: Ich würde um die Kurve schauen. Da wird jeder am Schlawittel genommen, Sie auch? Sind nur Tauben. So, da wird er genommen.

Das war der größte Schotterbrecher des Deutschen Reiches. Das muss man sich nur einmal vorstellen: bis zu 110 Eisenbahnwaggons sind da pro Tag geliefert worden. Das muss man sich nur einmal vorstellen. Das ist – kannst auch nicht mehr viel moderner heute bauen, von der Konzeption her, sage ich jetzt einmal.

David Freudenthaler: Hier, wo wir jetzt stehen, das war der berüchtigte Steinbrecher, einer der zentralen Orte des Terrors in Gusen. Damals, vor über 75 Jahren, war er der größte seinesgleichen im gesamten Großdeutschen Reich. Und das machte ihn für die Nazis wirtschaftlich so wichtig. Die Häftlinge brachten den Granit aus den umliegenden Steinbrüchen hierher, wo er zerkleinert und weiterverarbeitet wurde. Unzählige KZ-Häftlinge kamen hier zu Tode.

Von hier oben hat man eine gute Aussicht über Gusen. Heute leben hier rund 800 Menschen. Zur Zeit des Nationalsozialismus waren über die Jahre etwa 70.000 Menschen inhaftiert. Direkt vor uns liegt ein riesiger Platz, umrahmt von einer hohen Steinmauer: Der ehemalige Appellplatz.

Diese zwei Baracken da drüben, hinter dem Appellplatz. Was ist mit denen?

Anton Helbich-Poschacher: Die gehören den Gebrüder Danner, und ist eine Firma da drinnen. Und auch die sind gesprächsbereit zu verkaufen. Und das ist das Jourhaus.

David Freudenthaler: All diese Gründe, auf die wir von hier oben herunterschauen, will die Republik ankaufen – so steht es auf Seite 52 des aktuellen türkis-grünen Regierungsprogramms. Auch die Familie Danner, der die übrigen Gründe gehören, hat uns bestätigt, dass sie verkaufen würde. Nachsatz: Wenn der Preis stimmt. Es soll ein großer neuer Gedenkort entstehen – als Erinnerung an das ehemalige Konzentrationslager, von dem heute kaum noch etwas übrig ist.

Mein Name ist David Freudenthaler. Gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Mayrhofer besuchen wir am Ende unserer Zeit in Gusen die aktuellen Eigentümer. Sie zeigen uns die Gründe, die die Republik haben will. Und erzählen uns, was diese geschichtsträchtigen Orte für sie bedeuten und was damit passieren soll.

Es ist aber auch eine Geschichte darüber, wie die Republik versucht, ihre Versäumnisse aus der Vergangenheit wettzumachen und warum es dazu offenbar Druck aus dem Ausland braucht. Folge 5: Vergangenheit sucht Zukunft

Anton Helbich-Poschacher: Ich habe das selber nicht gewusst, was hier war. Ich habe meine Zentrale von Mauthausen nach Gusen verlegt, weil ich gesagt habe, unter dem Namen Mauthausen kann man nicht Granit exportieren. Ich bin ja vom Regen in die Traufe gekommen. Warum? Weil man’s uns nicht gesagt hat. Wir haben ja keine Ahnung gehabt.

David Freudenthaler: Viele Jahre ist die Rolle von Gusen zur Zeit des Nationalsozialismus überhaupt kein Thema. Schon gar nicht hier vor Ort. Anton Helbich-Poschacher ist Geschäftsführer der gleichnamigen Natursteinwerke, die im Steinbruch von Gusen ihren Hauptsitz haben. Erst Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre haben lokale Gedenkdienste damit begonnen, sich mit der dunklen Geschichte dieses Ortes zu beschäftigen.

Anton Helbich-Poschacher: Das ist, schauen Sie, seit den 90er-Jahren, also fast 30 Jahre, werde ich mit dem Thema konfrontiert, was mir eigentlich einfällt, und so weiter. Und niemand beschäftigt sich damit, dass ich wie die Jungfrau zum Kind zu diesem Thema komme, ja. Daher ist mein Zugang zu dem Ganzen: Wir Leute, die wir hier in der Gegend waren, wir haben überhaupt keine Verantwortung, weil wir später geboren sind – aber keine, keine. Wir sind da nicht verantwortlich! Aber wir müssen uns moralisch verpflichtet fühlen, dass wir hier sagen: nie mehr wieder. Wir haben keine Schuld, aber wir haben eine Verantwortung. Und das muss man auch kerzengerade so formulieren.

David Freudenthaler: Herr Poschacher führt uns über das historische Firmengelände. Das weite Areal nutzt er als Lagerplatz für seine bearbeiteten Steinformationen. Wir gehen vorbei an hunderten Grabsteinen, die hier gelagert sind – ein makabres Bild und irgendwie ein komisches Gefühl.

Wir gehen weiter zum ehemaligen Appellplatz, eine Fläche etwa so groß wie ein Fußballfeld. Am zentralen Platz des ehemaligen KZs, ist heute eine „Gstättn“, wie man hier sagen würde. Also verwildert und zu einer Brache geworden. Erst vor wenigen Jahren hat er Teile des Platzes freilegen lassen.

Anton Helbich-Poschacher: Ich habe das so ausgraben lassen.

Michael Mayrhofer: Aber glauben Sie, dass die – wenn wir schon am Appellplatz stehen, und das einer der Gründe ist, den die Republik ja kaufen will. Ist das realistisch, dass die Republik das wirklich kauft?

Anton Helbich-Poschacher: Es steht im Regierungsprogramm drinnen. Ich nehme an, dass schon großes Interesse von der Republik besteht, es zu kaufen, weil es wäre natürlich eine Blamage, wenn sie’s nicht täte.

David Freudenthaler Gibt’s da aktuell Gespräche, Verkaufsgespräche mit der Republik?

Anton Helbich-Poschacher: Nein. Gibt es noch nicht. Es war ein Schätzer da, der hat das geschätzt, das ist nicht das erste Mal, früher war auch schon einmal ein Schätzer da.

David Freudenthaler Wieviel ist das wert? Kann man das sagen?

Anton Helbich-Poschacher: Das ist… ich kenne das Gutachten nicht. Auch das erste Gutachten hat man mir nicht gezeigt. Dem, den’s betrifft, dem wird’s halt nicht gezeigt. Aber ich schmunzel da nur.

David Freudenthaler Aber Sie haben wahrscheinlich schon eine Vorstellung im Kopf, wo Sie sagen ja, ab da, da fange ich ernsthaft an zu verhandeln.

Anton Helbich-Poschacher: Wir werden uns einigen, davon bin ich fest überzeugt. Wenn ein wirkliches Interesse da ist, werden wir uns einigen, sonst werden wir uns nicht einigen. Aber ich nehme an, wir werden uns einigen, weil es geht ja um die Sache. Und das ist eine gute Sache.

David Freudenthaler: Die österreichische Regierung ist aber nicht die einzige, die in jüngerer Vergangenheit Interesse an einem Ankauf der Gründe bekundet hat. Bei einem Treffen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Auschwitz hat ein Vorstoß des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki für Aufsehen gesorgt: Polen wolle die Gründe des Lagers aufkaufen. Blickt man auf die Geschichte dieses Ortes zurück, versteht man auch warum: Mindestens 13.000 Polen sind in hier umgekommen.

Anton Helbich-Poschacher: Schauen Sie, ich kann nur Fakten sagen, ja. Faktum war, ich kenne die halbe polnische Regierung. Die waren alle schon da. Die waren alle schon – bis zum stellvertretenden Ministerpräsidenten. Der das gesagt hat, kenne ich nicht. Aber seinen Stellvertreter, der war auch schon hier, und er ist mit mir im strömenden Regen das Ganze abgefahren und abgegangen. Und hat mit vielen Bodygards und viele Minister, die kommen alle her, stellen sich her vor die Mauer, ungefähr zehn, 15 Journalisten, dann wird auf Polnisch unheimlich viel geredet, ich verstehe kein Wort, dann kommt einer her und sagt danke. Und dann wird ein bisserl geplaudert auf Englisch oder auf Deutsch, und ja, dann haben sie’s alle am Tonband oben, was sie sagen wollten. Und dann kommt die nächste Marketingaktion vom nächsten Minister. Aber das ist, in den letzten Jahren waren drei, vier Minister da. 

Michael Mayrhofer: Wie viele waren von der österreichischen Regierung da?

Anton Helbich-Poschacher: Hier, direkt, am Ding, war der, im Dezember, der Minister Peschorn, also Innenminister, der Kurzzeitminister sozusagen.

David Freudenthaler: Und ganz aktuell – also gibt’s da gerade irgendwie einen Kontakt zum Innenministerium?

Anton Helbich-Poschacher: Der Sektionschef, der ist schon vor drei Jahren zu mir gekommen und da hat’s immer wieder Termine gegeben, und die sind halt nie gehalten worden, Ider er konnte sie nicht halten, weil die politischen Rahmenbedingungen waren so, wie sie eben gewesen sind. Ja. Wir haben auch andauernd Regierungswechsel gehabt in Österreich, vor und zurück, und braucht man schon auch ein bisserl Konsistenz, damit man einmal eine gescheite Entscheidung machen kann.

David Freudenthaler: Glauben Sie, dass unter der aktuellen / also in dieser Legislaturperiode, unter der aktuellen Bundesregierung, dass da tatsächlich etwas weitergeht, diesbezüglich

Anton Helbich-Poschacher: Also die Frau Dr. Glück, (…) die hat bei einer Veranstaltung in Langenstein vor ein paar Wochen gesagt, dass das noch in diesem Jahr stattfinden soll.

David Freudenthaler: Der Ankauf? Oder…

Anton Helbich-Poschacher: Der Ankauf, ja.

David Freudenthaler: Die angesprochene Frau Glück ist die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, einer ausgelagerten Bundesstelle des Innenministeriums. In dieser Funktion ist sie für den Umgang der Republik mit den KZ-Gedenkstätten auf dem Gebiet des heutigen Österreichs verantwortlich.

Barbara Glück: Ohne Corona hätte man sich jetzt auf Regierungsebene zusammengeschlossen, hätte sich koordiniert und hätte entschieden, welche nächsten Schritte gesetzt werden. Das ist jetzt natürlich einmal hinten angestellt worden.

David Freudenthaler: 2018 hat das Innenministerium eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Auf deren Grundlage wird entschieden, was mit diesen Gründen passieren soll. Trotz mehrfacher Ankündigung, diese Studie veröffentlichen zu wollen, wird sie seit über einem Jahr zurückgehalten.

Zu dieser Machbarkeitsstudie, die Ende 2018 eigentlich vorliegen sollte. Warum wird die nicht veröffentlicht?

Barbara Glück: Also das Innenministerium sieht die Machbarkeitsstudie als Entscheidungsgrundlage für die Entscheidungsträger auf politischer Ebene, auf Ministeriumsebene, damit die Grundstücke gekauft werden.

David Freudenthaler: Wir haben die Studie auf Addendum.org veröffentlicht. Darin werden verschiedene Szenarien skizziert, wie mit diesem Ort umgegangen werden könnte. Dass sie zuvor nicht veröffentlicht wurde, sorgt bei vielen für Unmut und Spekulationen.

David Freudenthaler: Was glauben Sie sollte heute oder in Zukunft in Gusen passieren?

Barbara Glück: Das eine ist – das gibt’s jetzt zum 1. Mal – das eine ist das politische Commitment. (…) Zum 1. Mal wird, werden Anliegen der KZ Gedenkstätte Mauthausen im Regierungsprogramm hinein, sind hineingeschrieben worden und in diesem Fall sehr, sehr konkret, dass Grundstücke angekauft werden sollen und dass die KZ Gedenkstätte Gusen weiterentwickelt werden muss. Also das ist einmal etwas, das ist eine Basis, die es noch nie gegeben hat, das Commitment der Republik. 

David Freudenthaler: In dieser Zeit, wo wir mit vielen Leuten vor Ort gesprochen haben, ist mir aufgefallen, dass ein gewisses Konfliktpotential mit der Bevölkerung da ist.

Barbara Glück: Genau so ist es. Und die 3. Ebene ist, dass die Gedenkstätte Gusen ja nicht irgendwo liegt, sondern dass sie mitten im Leben von Menschen steht und stehen wird und das ist, das ist eine Ebene, die man von Anfang an mitberücksichtigen wird müssen oder, und wir auch schon tun, dass egal, was wir dort entwickeln und wie wir das dort umsetzen, das muss immer einhergehen auch mit der Bevölkerung vor Ort, mit den Menschen, die dort leben, dass sie eingebunden sind, dass sie Bescheid wissen, dass es ein Teil der Region wird. Also das sollte unser Bestreben sein.

David Freudenthaler: Über eine Woche sind wir jetzt schon hier in Gusen. Bei den vielen Gesprächen wird uns eines klar: eine neue, größere Gedenkstätte würde wohl einiges an Konfliktpotential mit sich bringen. Auch, weil diese dann direkt mit den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung kollidieren würde. Denn längst nicht alle hier sind überzeugt davon, dass sie noch mehr „Gedenktourismus“ brauchen, wie sie es nennen. Für den Unternehmer Poschacher ist aber klar:

Anton Helbich-Poschacher: Wir haben eine Verantwortung … und die Verantwortung muss so weit gehen, dass es die beste Verantwortung weltweit ist. Das ist / (unv.) weltweit der beste / man muss ehrgeizig sein, man muss Ziele haben, hier in der Gegend müssen wir das so aufarbeiten, dass das wirklich nicht, nicht mehr passiert, und wir haben die besten Voraussetzungen, rein wegen der Geschichte, dass wir das / dass wir dieser Verantwortung auch wirklich auch wirklich gerecht werden können.

David Freudenthaler: Was würde das bedeuten? Was wäre der richtige Weg, wie man mit diesem Ort hier umgeht?

Anton Helbich-Poschacher: ich habe einmal ein kleines Konzepterl geschrieben, und da habe ich, da habe ich de facto geschrieben Mauthausen ist sehr gut, dass man in der Vergangenheit sucht, aber überall in die Vergangenheit schauen, das ist ein Blödsinn, man muss was neues, man muss einen Kontrapunkt finden, und das ist der Kontrapunkt der Vergangenheit ist, ist einfach die Zukunft.

David Freudenthaler: Einige Wochen nach unserem Besuch rufen wir Herrn Poschacher noch einmal an. Wir fragen nach, ob inzwischen Verkaufsverhandlungen geführt werden. Er winkt ab.

David Freudenthaler: Grüß Gott, Herr Poschacher!

Anton Helbich-Poschacher: Grüß Gott, Herr Freudenthaler!

David Freudenthaler: Jetzt habe ich mir gedacht, ich melde mich wieder einmal bei Ihnen, weil es doch schon einige Wochen her ist, dass wir bei Ihnen waren. Gibt es inzwischen eigentlich Neuigkeiten bezüglich der Verkaufsgespräche mit der Republik?

Anton Helbich-Poschacher: Nein, Corona-bedingt.

David Freudenthaler: Corona-bedingt alles beim Alten sozusagen.

Anton Helbich-Poschacher: Nein nein, das liegt auf Eis momentan.

David Freudenthaler: Noch ist Herr Poschacher geduldig. Er glaubt daran, dass es nach Ende der Corona-Krise endlich Gespräche geben wird. Aber es zeigt sich: Mit der Republik ist es offenbar nicht so leicht, Geschäfte zu machen – selbst wenn diese im Regierungsprogramm angekündigt werden. Das Thema ist heikel, die Interessen unterschiedlich. Bis hier in Gusen eine große Gedenkstätte entstehen könnte, müssen noch einige Hindernisse überwunden werden. Und das wird dauern.

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