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Die Ökostrom-Illusion: Woran die grüne Wende scheitert
Selbst bei vorhandenem politischen Willen wird sich das Steuer nicht so rasch herumreißen lassen, haben unsere intensiven Recherchen zur Frage, wie es denn um die seit langem propagierte „Energiewende“ steht, ergeben. Der Übergang von einem Energiesystem zum anderen ist ein langfristiger Prozess, selbst dann, wenn bereits einige neue Technologien bereitstehen.
Das Projekt Energiewende ist eine 4-teilige Recherche.

Österreichische Politikauskenner erzählen österreichischen Politikauskennern seit Beginn der Sondierungsgespräche zwischen ÖVP und Grünen ungefähr diese Geschichte: Ja, es sei natürlich problematisch, dass ÖVP und Grüne von ihren jeweiligen Wählern für sehr unterschiedliche Dinge gewählt worden seien. Die ÖVP für die Beibehaltung einer restriktiven Migrations- und Integrationspolitik, die Grünen für eine radikale Wende in der Umwelt- und Energiepolitik. Und jetzt kommt’s: Migration könnte schwierig werden, sagen die Politikauskenner, Bildung könnte zum großen übersehenen Stolperstein werden, Umwelt hingegen sei nicht wirklich ein Problem.

Sebastian Kurz könnte es gefallen, als europaweiter Vorreiter in der Energie- und Klimapolitik gefeiert zu werden, und im wirtschaftlichen Alltag könnte das dann ohnehin deutlich kühler gegessen werden, als man es im Wahlkampf gekocht hat. Außerdem sei die Aussicht auf massive öffentliche Investitionen in neue Energietechnologien auch für die Industrie interessant.

Diese „Geht scho’“-Mentalität passt in der Tat nicht schlecht zur Haltung, die viele grüne Wähler, Sympathisanten und Funktionäre, motiviert durch die bildstarke Rhetorik von Greta Thunberg und anderen Klima-Enthusiasten an den Tag legen: Eigentlich sei der Umstieg auf Technologien und Wirtschaftsweisen, die dem Klima und damit der langfristigen Überlebensfähigkeit des Menschen auf dem Planeten weniger entgegenstünden, nur eine Frage des politischen Willens. Wo ein Wille, da ein Weg aus der Klimakrise.

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Ganz so ist es nicht, das haben unsere intensiven Recherchen zur Frage, wie es denn um die seit langem propagierte „Energiewende“ steht, ergeben. Selbst bei vorhandenem politischem Willen wird sich das Steuer nicht so rasch herumreißen lassen. Der Übergang von einem Energiesystem zum anderen ist ein langfristiger Prozess, selbst dann, wenn bereits einige neue Technologien bereitstehen. So dauerten sowohl der Umstieg von Holz auf Kohle Ende des 19. Jahrhunderts sowie der Übergang von Kohle auf Öl in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts jeweils mehrere Jahrzehnte. Ähnlich lang werde die Umstellung auf erneuerbare Energieträger dauern, schätzt der Energiewissenschaftler Vaclav Smil. Kohle, Öl und Erdgas würden den Energiemarkt noch jahrelang beherrschen, der endgültige Durchbruch der Erneuerbaren auf sich warten lassen.

Ebenfalls etwas naiv ist die Vorstellung, dass man mit dem massiven Ausbau der Solarenergie in Einzelhaushalten – eine Million Solarpaneele auf den österreichischen Dächern als ehrgeiziges Ziel – nennenswerte Schritte setzen könnte. Nicht einmal die vollständige Umstellung der Stromerzeugung auf erneuerbare Energieträger würde die „Energiewende“ bedeuten. Es sorgt oft für Verwunderung, aber es ist eine Tatsache: Nur etwa 20 Prozent der Energie in Österreich wird als Strom verbraucht, der Großteil gelangt in Form von Öl, Kohle und Gas in die Motoren von Autos, in die Hochöfen der Industrie und die Heizungen von Gebäuden.

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Auch wenn also der Anteil von elektrischer Energie am gesamten Energieverbrauch heute nur einen geringen Anteil ausmacht, kann naturgemäß die gesamte Energiewende nicht ohne die Stromwende gedacht werden. Egal, ob aus Wind-, Sonnen-, oder Wasserkraft – erneuerbare Energie ist elektrisch. Der Strombedarf, etwa für die Elektromobilität, wird in Zukunft deutlich zunehmen.

Dennoch: Fossile Energieträger (vor allem Öl und Gas) spielen immer noch die entscheidende Rolle in unserem Energiemix. Erst vor einer Woche präsentierte die Statistik Austria die aktuelle Energiebilanz – mit einem ernüchternden Ergebnis: Zum zweiten Mal in Folge sank der Anteil der Erneuerbaren am österreichischen Energieverbrauch auf aktuell 29,3 Prozent. Das im Energie- und Klimaplan festgeschriebene Ziel, ein Erneuerbaren-Anteil von 46 bis 50 Prozent bis 2030, rückt damit in immer weitere Ferne.

Unser Rechercheteam hat sich zum Ziel gesetzt, jenseits aller politischen Wünschbarkeiten und sozioökonomischen Bedenken ein realistisches Bild davon zu gewinnen, wie es um die vielbeschworene Energiewende, deren Sinnhaftigkeit angesichts der Endlichkeit und der ökologischen Konsequenzen von fossilen Energieträgern breiter Konsens zu sein scheint, steht. Spoiler: Nicht besonders toll. Aber lesen Sie selbst. 

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Das Addendum-Team, September 2020