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100 Prozent Ökostrom:
So wird das nichts!

Bis 2030 soll der gesamte Strom aus erneuerbaren Energien kommen. Doch dieses Ziel scheitert nicht nur am Ausbau der grünen Energien, sondern auch an unserem veralteten Stromnetz.

02.12.2019
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Um die österreichischen Klimaziele bis 2030 zu erreichen, soll der Stromverbrauch (bilanziell) zu 100 Prozent durch erneuerbare Energiequellen gedeckt werden. „Wir reden hier von der größten energiewirtschaftlichen Veränderung dieses Jahrhunderts“, sagt Gerhard Christiner, Technischer Vorstand der Austrian Power Grid (APG), die für das österreichische Stromnetz verantwortlich ist. Die heutige Netz-Infrastruktur sieht er – trotz vielfacher politischer Bekundungen zur Energiewende – darauf nicht vorbereitet.

Dass der Strombedarf 2030 tatsächlich zu jedem Zeitpunkt – egal ob Winter oder Sommer, Tag oder Nacht – durch erneuerbare Produktion gedeckt werden kann, ist heute auch in den optimistischsten Szenarien kaum vorstellbar. Darum findet man vor den 100 Prozent immer das kleine Wörtchen „bilanziell“. Das bedeutet, dass nach wie vor Gaskraftwerke bestehen bleiben, die im Bedarfsfall die Schwankungen der Erneuerbaren ausgleichen, oder dass zu solchen Zeiten ausländischer Strom importiert wird. Ansonsten sei 2030 ein Anteil von etwa 88 Prozent realistisch, erklärt Andreas Eigenbauer, Vorstand der E-Control, die als Regulierungsbehörde die Spielregeln für den österreichischen Energiemarkt vorgibt.

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Wir reden hier von der größten energiewirtschaftlichen Veränderung dieses Jahrhunderts.
Gerhard Christiner, Technischer Vorstand APG

Damit die „Mission 2030“, das Klima-Strategiepapier der ehemaligen türkis-blauen Bundesregierung, nicht zur Mission Impossible wird, braucht es bis 2030 einen fundamentalen Umbau des österreichischen Strom- und Versorgungsnetzes. Um die geforderten 100 Prozent Ökostrom zu erreichen, müsste sich der jährliche Ökostrom-Ausbau von aktuell einer Terawattstunde (TWh) pro Jahr auf mindestens drei TWh verdreifachen. „Technisch und wirtschaftlich wäre das möglich“, sagt E-Control-Vorstand Eigenbauer, „mit der aktuellen Ausbaugeschwindigkeit werden wir das aber nicht schaffen.“ Vor allem auch, weil der Strombedarf der Österreicher jährlich um durchschnittlich 1,5 Prozent ansteigt.

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Je mehr Erneuerbare, desto mehr Schwankungen

Der Anteil von Ökostrom (inländische Erzeugung) am Stromverbrauch sank im vergangenen Jahr von 74 Prozent auf 73 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das immer noch ein hoher Wert, den Österreich vor allem der Wasserkraft, den großen Laufkraftwerken (an der Donau) und den Speicherkraftwerken im Westen, verdankt. Der restliche Strombedarf soll bis 2030 vor allem durch Wind- und Solarenergie gedeckt werden. Je größer der Anteil der Erneuerbaren am österreichischen Strom-Mix ist, desto größer die Schwankungen des Stroms, der in das System eingespeist wird.

Werden wir von Stromimporten abhängig?

Da sich Sonne und Wind aber nicht um die Bedürfnisse der Menschen kümmern, wird es auch in Zukunft konventionelle Kraftwerke brauchen, um die Versorgungssicherheit sicherzustellen. Vor allem zu sogenannten Dunkelflauten, also wenn längere Zeit keine Sonne scheint, springen thermische – meist mit Gas betriebene – Anlagen ein, um die fehlende Energie bereitzustellen. Etwa zwei Drittel des thermischen Kraftwerkparks sind heute älter als 15 Jahre. Deren Instandhaltung wird für die Betreiber zunehmend unrentabel, weswegen immer mehr dieser Backup-Anlagen eingestellt werden.

Vor allem im Winter, wenn der Stromverbrauch ohnehin höher ist, werden thermische Anlagen zur Netzstabilität aber auch in Zukunft kaum ersetzbar sein. Österreich importiert dann traditionell einen wesentlichen Anteil des Strombedarfs aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland. Diese Importe werden sich mit dem Ausbau der Erneuerbaren deutlich erhöhen und könnten über den Winter zu Importabhängigkeiten führen04.

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Engpässe und Überschüsse

Dass sich Österreich in Zukunft nicht mehr auf deutsche Strom-Importe verlassen sollte, zeigt eine 2017 von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie. Im Fall einer kalten Dunkelflaute im Winter 2030 müsste Deutschland, das 2022 endgültig aus der Atomenergie aussteigen wird, auf österreichische Stromimporte zurückgreifen; zu einer Zeit, in der auch der österreichische Strommarkt zu hoher Wahrscheinlichkeit auf Importe angewiesen ist. Eine Kettenreaktion und Stromengpässe könnten die Folgen sein.

Die derzeit gültige Strategie der österreichischen Bundesregierung setzt neben Importen im Winter auf massiven Export von Solarstrom in den Sommermonaten. Da Österreich nicht das einzige Land ist, das im Zuge der Energiewende auf Photovoltaik setzt, könnte es in Zukunft schwieriger werden, Abnehmer für überschüssigen Solarstrom zu finden. Konsequenzen sind nicht ausgelastete Kapazitäten bis hin zu einem negativen Strompreis.

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Hunderte Notmaßnahmen

Mit einer Verfügbarkeit von 99,99 Prozent ist das österreichische Stromnetz eins der verlässlichsten der Welt. Die APG als überregionaler Stromnetzbetreiber koordiniert alle Stromflüsse in Österreich sowie den Austausch mit den Nachbarländern und sorgt für die Versorgungssicherheit Österreichs. Sie sorgt zudem für die Balance in der Netzfrequenz. Diese muss konstant bei 50 Hertz liegen. Das heißt, es muss jederzeit gleich viel Strom in das Netz eingespeist werden, wie verbraucht wird. 2018 musste die APG mehr als dreihundertmal kurzfristige Notmaßnahmen – also unvorhersehbare Eingriffe ins Tagesgeschäft – ergreifen, um die Netzstabilität zu gewährleisten. Diese Eingriffe nehmen Jahr für Jahr zu, weil der Anteil der Erneuerbaren steigt.

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Das Österreichische Stromnetz

Man kann sich das Stromnetz ähnlich vorstellen wie das Straßennetz. Die Hochspannungsleitungen (220 bis 380 Kilovolt) sind die Autobahnen. Sie bilden ein grobmaschiges Netz, das sich über ganz Österreich bzw. über Europa erstreckt. So sind die Windkraftwerke im Osten Österreichs verbunden mit den heimischen Verbrauchern und mit den Pumpspeicherkraftwerken im Westen des Landes. Über das Stromleitungsnetz wird Strom auch ins und aus dem benachbarten Ausland transportiert. Und dann gibt es noch die Bundes-, Landes- und Gemeindestraßen – die Leitungen mit den niedrigeren Spannungsebenen. Insgesamt sollen für den Netzausbau in der Periode 2020 bis 2030 laut APG rund 2,9 Milliarden Euro investiert werden.

Größere Schwankungen erfordern stärkere Netze

Die Volatilität von Sonnen- und Windenergie erfordert in Zukunft auch eine Transformation des Versorgungssystems – mit einem dezentralen Fokus des Stromnetzes. Bei einem Überschuss der Produktion von Erneuerbaren, etwa wenn die Windräder im Burgenland auf Hochtouren laufen, kann der dadurch produzierte Strom im aktuellen Stromnetz schon heute nicht vollwertig in das Stromnetz eingespeist werden. In diesem Jahr musste die Leistung der Windparks deswegen schon zwei mal gedrosselt werden. Mit einer Ausbauoffensive der Erneuerbaren dürften diese Schwankungen und damit die Belastungen für die Leitungen künftig noch deutlich stärker werden. In puncto Stromversorgung fahren wir also auf Landstraßen, wo wir eigentlich längst auf Autobahnen fahren sollten.

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Mit unserem heutigen Stromnetz ist die Energiewende – ohne Einschränkungen – nicht machbar.
Gerhard Christiner, Technischer Vorstand APG

Im Herbst dieses Jahres wurde mit dem Bau der umstrittenen Salzburgleitung begonnen, die die Versorgungssicherheit aufrechterhalten soll. Wenn etwa die burgenländische Windkraft an windstarken Tagen ein Vielfaches seines gesamten Stromverbrauchs produziert, soll der überschüssige Strom dann problemlos in die westlichen Bundesländer geleitet werden. Die neuen Hochspannungsleitungen waren Bürgerinitiativen von Umweltschützern und Anrainern ein Dorn im Auge – symptomatisch für den Ausbau vieler Stromleitungen, die bei der Bevölkerung vielfach immer noch wenig Akzeptanz finden. Letztlich sind die Gegner der 380 kV-Leitung aber beim Verfassungsgerichtshof abgeblitzt.

Bei größeren Projekten sind Verfahrensdauern von zehn und mehr Jahren keine Seltenheit. Um den nötigen Netzausbau zu vereinfachen, sollen zumindest Mittelspannungs-Leitungen bis 45 kV künftig von einer „elektrizitätsrechtlichen Bewilligungsfreistellung“ profitieren, wie das BMNT auf Anfrage mitteilte. Der österreichische Strommarkt wird heute aber immer noch von den Landesenergieversorgern und deren historisch gewachsenen Verbindungen in die Landespolitik maßgeblich beeinflusst. Das erschwert nachhaltige Investitionen und die Nutzung von Ausbaupotenzialen.

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Wer zahlt die Stromwende?

Die Förderung des Ausbaus von Erneuerbaren zahlen hauptsächlich Privathaushalte über die Ökostromabgabe, die 2020 um ein Drittel von bisher 70 auf 93 Euro steigen wird. Ursache für den Preisanstieg sind auch die Sonderförderungen für Photovoltaik, Wasserkraft, Windkraft und Biomasse. Sollte sich deren Ausbau wie geplant in den kommenden Jahren verdreifachen, würde sich die Ökostromabgabe eines durchschnittlichen Haushalts auf über 100 Euro jährlich erhöhen. Im Vergleich dazu liegt die Abgabe in Deutschland, wo in den vergangenen Jahren sehr viel in die Erneuerbaren investiert wurde, bei etwa 225 Euro pro Haushalt.

Das „Erneuerbaren Ausbau Gesetz“ (EAG) soll die Rahmenbedingungen für einen deutlich beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung festlegen. Angesichts der aktuellen politischen Situation wurde das lange erwartete Gesetz jedoch auf ungewisse Zeit verschoben. Bis zum Inkrafttreten des EAG erfolgt die Förderung von Erneuerbaren Energien über die noch knapp vor der Wahl beschlossene Ökostromnovelle. Rund 540 Millionen Euro werden damit im kommenden Jahr in den Erhalt und den Ausbau von Wind-, Wasser- und Photovoltaikanlagen gesteckt. Zudem gibt es Förderungen auf Bundesebene über den Klima- und Energiefonds sowie diverse Landesförderungen.

Will man das vielfach zitierte Ziel von 100 Prozent Ökostrom bis 2030 erreichen, ohne dabei die Versorgungssicherheit aufs Spiel zu setzen, bedarf es jedenfalls auch massiver Investitionen in den Um- und Ausbau des Stromnetzes. Nimmt man die Bedenken der Netzbetreiber nicht ernst, wird die große Stromwende ein Wunschtraum bleiben. 

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02.12.2019

Das Rechercheteam

David Freudenthaler
Dennis Meyer

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Johannes Strobl
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