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„In mir ist das Böse“:
Der Fall Eduard Lopatka – Teil 1
28. Juli 2020 Der Fall Eduard Lopatka Lesezeit 16 min
Knapp ein Jahr nach seiner Verurteilung wegen Quälens seiner Kinder kommen neue Details zum Fall Eduard Lopatka ans Tageslicht: ein Einkommen von 38.000 Euro netto pro Monat und schwere Vorwürfe zu seinem Gebaren als Arzt – während er bald wieder als solcher ordinieren könnte.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Der Fall Eduard Lopatka und ist Teil 1 einer 3-teiligen Recherche.
Bild: Collage | Addendum

Auf der Hilm kommt es zu merkwürdigen Ereignissen. Es wimmelt nur so von magischen Wesen in dem Waldgebiet nahe des Ortes Dechantskirchen in der Steiermark. Wichtel, Elfen und Druiden habe er dort gesehen, aus Zweigen baute er den Wichteln kleine Hütten. Als er mit seiner Freundin dort spazierte, wies er sie an aufzupassen, damit sie die kleinen Wesen nicht von den Blüten schüttle.

Einmal, erzählte er, sei ein grüner Teufel auf seinem Bauch gesessen, der sei so schwer gewesen, dass er ihn weder wegschieben noch herunterheben habe können. Und die Druiden, die hätten ihm prophezeit, dass er, Eduard Lopatka, einen großen Auftrag zu erfüllen habe. Dass die Leute noch schauen würden, wozu er imstande sei.

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Hinweis

 Mit diesem Auge haben wir Textpassagen markiert, bei denen es notwendig gewesen wäre, genauer hinzusehen – was von den Behörden jeweils unterlassen wurde.

I. „Ich bin der Hass“

Der Landarzt Eduard Lopatka wird österreichweit bekannt, weil er seine Kinder, wie das Straflandesgericht Graz nicht rechtskräftig erkannt hat, über Jahre gequält haben soll. Aber die Vorwürfe gegen den Arzt gehen noch viel weiter, bloß haben sich Justiz und Ärztekammer bislang nicht dafür interessiert.

II. Hinter der Fassade des freundlichen Landarztes

Im Jahr 2010 ruft die Familie von Eduard Lopatka die Polizei, weil er sich erschießen will. In den kommenden Jahren bröckelt die Fassade des idyllischen Familienlebens.

III. Sexspiele und Blutbäder: Die Ordination als „Schlachtfeld“

Frisch geschieden, hat Lopatka zahlreiche Affären; die Ordination nutzt er für Sexspiele, die seine Partnerin zunehmend abstoßen, während seine Ordinationshilfe Blutbäder nach Selbstverletzungen vorfindet.

I. „Ich bin der Hass“

Der steirische Landarzt Eduard Lopatka ist mittlerweile österreichweit bekannt, weil er 2019 dafür verurteilt wurde, seine Kinder über Jahre hinweg gequält zu haben. Die Leute haben tatsächlich geschaut, wozu dieser Eduard Lopatka imstande ist. Viele haben aber auch weggeschaut, vielleicht, weil sie es lieber nicht sehen wollten. Denn der Fall Eduard Lopatka ist immens vielschichtiger, weitreichender und grausamer als bislang bekannt. Rund ein Dutzend Zeugen zeichnet in polizeilichen Vernehmungen unter Eid das Bild eines schwer gestörten, manipulativen Menschen, der längst nicht nur seine eigene Familie terrorisierte. Polizei, Justiz, Politik und Ärztekammer scheint das nur wenig gekümmert zu haben.

Diese Versäumnisse könnten weitreichende Konsequenzen haben: Sobald das Urteil von vier Monaten bedingt rechtskräftig ist, könnte es Eduard Lopatka erlaubt werden, wieder als Arzt zu ordinieren, denn das ausgesprochene Berufsverbot gilt nur bis zum Abschluss des Verfahrens.

Danach könnte er die Wiederaufnahme in die Ärzteliste beantragen, worüber von der Ärztekammer entschieden würde. Der Oberste Gerichtshof hat in einem Urteil bereits bestätigt, dass in diesem Fall eine identifizierende Berichterstattung zulässig ist und die Patienten des Arztes das Recht auf eine Gesamtschau seines Wirkens als Arzt haben. Und die Vorwürfe gegen sein Gebaren als Arzt sind massiv.

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Mit seinen beiden Praxen und seiner Hausapotheke hat er ungewöhnlich hohe Summen umgesetzt; er soll mit Verschreibungen von – unter anderem morphinhaltigen – Medikamenten sehr locker umgegangen sein und seinen Patienten Marihuana angeboten haben. Er verletzte sich regelmäßig selbst, spritzte sich mit Beruhigungsmitteln bis in die Bewusstlosigkeit und soll unter Drogeneinfluss ordiniert haben. Seine Ordinationshilfe kündigte, weil sie sein Verhalten gegenüber Patienten nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Sie berichtet, dass er von Selbstverletzungen Blutbäder in seiner Ordination hinterließ.

Eduard Lopatka prahlte gegenüber mehreren von der Polizei befragten Zeugen nicht nur mit seinen – nicht belegten – Kontakten zur irischen Untergrundbewegung IRA, sondern auch damit, das ÖSV-Team gedopt zu haben, dessen Arzt er zur selben Zeit war, in der sein Bruder, der ÖVP-Politiker Reinhold Lopatka, als Sportstaatssekretär diente. Und: Durch eine Waffe, die Eduard Lopatka gehörte, kam ein Mann zu Tode.

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Adelheid Kastner
Gutachterin

All das wurde von den ermittelnden Behörden bislang weitgehend ignoriert. Mehr noch: Als Milderungsgrund für Eduard Lopatka wurde bei seiner Verurteilung 2019 angeführt, dass sein Verhalten gegenüber seinen Kindern „in auffallendem Widerspruch“ zu seinem sonstigen Gebaren stehe. Die prominente Gutachterin Adelheid Kastner, die unter anderem Josef F. und die „Eis-Lady“ Estibaliz C. begutachtet hatte, attestierte ihm einen reduzierten Menschenbezug, eine „Tendenz zur Dehumanisierung“ und „eine erhöhte Aggressionsspannung“. Er sei jemand, der seinen Kindern „sicher nicht die für eine gesunde Entwicklung erforderliche Wärme und Geborgenheit vermitteln konnte“. Allerdings, so schreibt sie in ihrem Gutachten, „finden sich aber keine Hinweise auf eine Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit oder des (…) Umgangs mit Patienten, sodass nicht von einer durchgängigen, in sämtlichen Lebensbereichen manifesten Störung ausgegangen werden kann“.

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Das Bild, das Eduard Lopatka von sich selbst zeichnet, ist ein anderes, dunkles: „Schwerstkrank …, Schwerstkrank …“, so bezeichnet er sich 2012 in einem Gespräch mit seiner damaligen Frau Christa – sie hatte begonnen, Gespräche mit ihrem Gatten, mit dem sie in Scheidung war, aufzuzeichnen. In sein Tagebuch schrieb er schon im Jahr 1985: „Ich habe keine Liebe in mir. Alle, die fröhlichen Herzens sind, tun mir weh. Ich beneide sie, aber ich verachte sie – sie, die lieben können. In mir ist das Böse. Ich bin böse. Ich bin der Haß.“ Sein ganzer Körper sei vernarbt, schildern Zeugen in polizeilichen Vernehmungen. Auch der Polizei beschreibt er seine Selbstverletzungen: „Wissen Sie, was ich noch gemacht habe?“, sagt er bei einer Vernehmung: „Ich habe mir zwei Nägel durch den Penis gerammt. Ich habe Fotos davon gemacht. Mein Pimmel war schwarz und blau.“

Wer in die Welt des Eduard Lopatka eintaucht, den zieht ein Strudel immer tiefer und tiefer in verschlungene und bisweilen bizarre Geschehnisse im steirischen Wechselgebirge. Man endet in einer Seifenoper, die ein Sadist geschrieben haben muss.

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zum Inhaltsverzeichnis

II. Hinter der Fassade des freundlichen Landarztes

Rückblende in das Jahr 2010: Am Abend des 29. September weckt Miriam-Sophie Lopatka ihre Schwester Madlen auf: „Bitte reg dich net auf, aber der Papa will sich wieder umbringen!“ Der Papa, der stets Madlens Ein und Alles war. „Ich habe ihn tief geliebt, ich hatte das Gefühl, ich kann ohne ihn nicht leben“, wird sie später erzählen. Diesmal habe er seiner Frau Christa im Schlafzimmer angedroht, dass er sich jetzt erschießen gehe; sie solle ihn bei seinen Kindern verabschieden. Diesmal, weil Suiziddrohungen da schon fast an der Tagesordnung waren. Er stand auf, sie hörte ihn die Treppen hinuntergehen und die Garagentür öffnen. Sie hatte längst keine Kraft mehr. Keine Kraft, um aufzustehen, keine Kraft, ihm nachzulaufen. „Da bin ich zum ersten Mal auf die Idee gekommen, die Polizei zu rufen“, erzählt sie heute, zehn Jahre später. „Ich hatte damals keine Zweifel, dass er schwer suizidal ist.“

Noch bevor die Polizei ankommt, geht Madlen in die Garage, wo ihr Vater im Auto sitzt. „Bevor ich das Garagentor öffnete, hatte ich das erste Mal in meinem Leben nicht nur Angst, dass er sich erschießen könnte, sondern auch die Angst, dass er mich erschießen könnte. Trotzdem habe ich mich entschlossen, die Tür in die Garage zu öffnen. Jemand musste ihn doch von einem Selbstmord abhalten.“ Eineinhalb Stunden habe das anschließende Interventionsgespräch mit der Polizei gedauert, immer wieder habe Miriam-Sophie im Zuge des Gesprächs gefragt: „Warum weisen Sie ihn nicht ein? Warum weisen Sie ihn nicht ein?“ Der Vorfall ist der erste Hinweis, dass etwas nicht stimmt im Leben des beliebten steirischen Landarztes. Es wird noch Jahre dauern, bis nach außen dringt, was hinter den Mauern des Einfamilienhauses im steirischen Eichberg wirklich vor sich geht.

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Innerhalb der Familie gibt es längst tiefe Risse. „Es war kein Glück, dass er sich nicht erschossen hat“, wird Stephanie Lopatka Jahre später vor Gericht aussagen. Vier Kinder haben der Allgemeinmediziner Eduard und die Ärztin Christa: Stephanie (heute 32 Jahre), Madlen (heute 30 Jahre), Miriam-Sophie (heute 25 Jahre) und Josef (heute 22 Jahre). Während die anderen Kinder seit jeher Probleme mit ihrem Vater hatten, liebte Madlen ihn abgöttisch.

„Ich habe ihm alles geglaubt, er hat mir schon als Kind Heldengeschichten erzählt, dass er in der Wüste gekämpft hat. […] Er hat sich mir als Held präsentiert.“ Erst über die kommenden Jahre wendet sie sich langsam von ihm ab. Zunehmend hat sie das Gefühl, dass er sie vom Rest der Familie absondert. Was immer er ihr erzählte, und sei es noch so banal gewesen, sei immer ein Geheimnis gewesen. „Er hat mir immer wieder eingetrichtert, dass, wenn ich der Mama etwas sage, sie die Scheidung einreichen würde und ich wäre schuld daran.“

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Ein Bild aus besseren Tagen der Familie Lopatka.

Christa Lopatka reicht schließlich tatsächlich die Scheidung ein, aber nicht wegen Madlen. „Das erste Mal wollte ich mich 1991 scheiden lassen“, erzählt sie. „Eigentlich war die ganze Ehe eine Scheidungsgeschichte.“ Damals habe er zum ersten und einzigen Mal im Laufe der Ehe gedroht, sie und die Kinder umzubringen. Danach hatte er nur noch mit Selbstmord gedroht. Sie erzählt von Affären, von Drohanrufen, von einem jahrzehntelangen Martyrium. 1996 sei sie wochenlang im Bett gelegen, abgemagert und unfähig aufzustehen.

„Eine Scheidung ist durch nichts verhinderbar“, schreibt sie damals in ihr Tagebuch; und etwa ein Jahr später: „Ich bin im siebten Monat schwanger, ich bin so geschwächt und kraftlos, eine Scheidung wird es in den nächsten zehn Jahren nicht geben.“ Bis zuletzt hadert sie mit sich: „Für mich war er extrem arm, ich wusste, er hatte eine grausame Kindheit.“ Sie fragt sich: „Hängt es mit mir zusammen, dass ich den armen Menschen nicht aushalte?“ Aber irgendwann geht es einfach nicht mehr. „Ich hatte das Gefühl, ich muss sterben. Ich habe keine depressive Ader in mir, aber ich konnte nicht mehr.“

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Eduard Lopatka betrieb zwei Praxen, weniger als drei Kilometer voneinander entfernt: eine mit Hausapotheke in Limbach und eine in Dechantskirchen.

Am 4. September 2012 wird die Scheidung vollzogen. Noch vor dem Scheidungsrichter will er die Unterschrift verweigern, seine Frau sagt ihm: „Wenn du mich jemals geliebt hast, dann bitte unterschreib.“ Er tut es, und sie „wollte die ganze Welt umarmen. Ich habe mich so glücklich gefühlt.“ Im Sommer nach der Scheidung beginnen die Kinder ihr zu erzählen, wie sehr sie wirklich unter ihrem Vater gelitten haben. Ihre älteste Tochter Stephanie sagt ihr, ihre größte Angst sei gewesen, dass ihre Mutter sterben könnte, bevor sie erkennt, wer ihr Mann wirklich ist. Als Madlen ihren Vater im Sommer 2013 in der Ordination besucht und er ihr aus dem Nichts heraus sagt, dass sie verschwinden solle, weil er sonst die Gendarmarie rufe, bricht etwas in ihr. „Da habe ich gemerkt, kein Vater der Welt würde so etwas zu seinem Kind, das er liebt, sagen.“ Sie wird nie wieder in die Ordination zurückkehren, den Kontakt zum Vater abbrechen.

Nach außen hin ist Eduard Lopatka aber weiterhin der erfolgreiche, hart arbeitende Landarzt, bestens vernetzt und überall gerne gesehen. Zwei Praxen betreibt er, eine mit Hausapotheke in Limbach und eine in Dechantskirchen. Während er seiner Familie stets erzählt, dass sie verarmt, ist Eduard Lopatka ein wohlhabender Mann. Wertpapiere, Liegenschaften, eine Mineraliensammlung.

Besonders bemerkenswert:

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Im Jahr 2016 erwirtschaftet er allein aus seiner Tätigkeit als Arzt ein Nettoeinkommen von 38.000 Euro pro Monat, also eine knappe halbe Million im Jahr. Ein solches Einkommen zu erreichen, sei „utopisch“ und „überhaupt nicht nachvollziehbar“, sagt ein anderer steirischer Landarzt: „Da müssten alle Alarmglocken schrillen. Stichwort: Überarztung.“

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Er spricht damit den Verdacht auf die gehäufte Erbringung oder Veranlassung unnötiger medizinischer Maßnahmen aufgrund des zu hohen Nettoeinkommens an. Wie Lopatka tatsächlich zu einem solchen Verdienst kam, ist eine jener Fragen, für die sich weder die steirische Ärztekammer noch die Justiz bis heute jemals interessiert haben.

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III. Sexspiele und Blutbäder: Eine Ordination als Schlachtfeld

Seinen Geliebten erzählt er davon, wie sehr er unter der Scheidung leide, dass seine Ex-Frau nur sein Geld wolle und wie sehr sie ihn quäle. Auch die damals 24-jährige Monja H. lernt ihren Hausarzt, der sie schon als kleines Mädchen behandelte, 2013 als feinfühligen Menschen neu und näher kennen. Sie sieht, dass er für sie da ist. Es ist keine gute Zeit für sie; um die Ehe mit ihrem Mann ist es nicht gut bestellt, zudem leidet sie unter dem Tod ihrer Schwiegermutter, die sie nach einem Sturz über die Treppe tot aufgefunden hat: „Er war sehr einfühlsam und hat mich einfach verstanden, so hatte ich zumindest das Gefühl.“ Mitte August 2013 beginnt die Affäre mit dem damals 52-jährigen, sie behandelnden Arzt. „Es hat damit angefangen, dass er mich während eines Gesprächs gefragt hat, ob er ein bisschen näher rücken kann, ich dachte zuerst, er hört einfach schlecht“, erzählt sie heute, sieben Jahre später. Immer noch leidet sie unter den Spätfolgen dessen, was er ihr angetan hat. „Ich habe Panikattacken, ich kämpfe jeden Tag“, sagt sie. Zunächst, erzählt Monja H., sei sie in ihn verliebt gewesen und auch er habe immer wieder davon geredet, dass er mit ihr eine Familie gründen, dass er neu anfangen wolle. Dass er daneben eine andere, dauerhafte Freundin hat, Hilde T., weiß sie zunächst nicht. „Zu Beginn dachte ich, das ist der ehrlichste Mensch“, erzählt sie.

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Name von der Redaktion geändert.

Monja H.

Er habe seinen Status genutzt, um sie zu beeindrucken; in seiner Funktion als ÖSV-Teamarzt habe er sie mit zu Skirennen mitgenommen, auf der Autofahrt dorthin habe sie eine Schachtel voll mit Joints und Viagra gehalten – nach Angaben des Arztes für das ÖSV-Team. Erst nach Monaten sei ihr klar geworden, dass sich hinter der Fassade ein anderer Mensch verbirgt. Er sei „wahnsinnig manipulativ. Er schwört dir die ewige Liebe und Familie und er schwört auf alles, das ihm heilig ist, und am Ende lügt er dir das Blaue vom Himmel.“ Die besondere Fähigkeit, die ihr ehemaliger Hausarzt habe, sei zu sehen, was dem Gegenüber wichtig ist: „Er wusste, bei mir geht es ums Vertrauen.“ Eduard Lopatka sei mit der Zeit immer extremer geworden, er begann sich zu ritzen, er zwang sie, mit ihm Marihuana zu rauchen. Fragte sie, ob sie ihm helfe, das Haus seiner Ex-Frau Christa zu sprengen. Vor allem aber eskalierte die Affäre in sexueller Hinsicht. Die Grenzen zwischen Arzt und Privatbürger verschwimmen bis ins Unkenntliche, es kam zu Sexspielen in seiner Ordination unter Mithilfe medizinischer Geräte. Heute sagt Monja H., dass nicht alles davon mit ihrem Einverständnis passiert sei.

Auch eine Angestellte Lopatkas erzählt von einem sexuellen Übergriff im Jahr 2009: „Er trat von hinten an mich heran und ergriff mit beiden Händen meine beiden Brüste. Ich sagte ihm, dass ich das nicht wolle und ich es seiner Frau Christa sagen würde, würde er mich noch einmal in dieser Weise angreifen.“ Nachdem das danach nie wieder vorgekommen sei, sei die Sache für sie erledigt gewesen; sie erteilte der Polizei keine Ermächtigung zur Strafverfolgung in dieser Angelegenheit.

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 Monja H. gibt auch erste Hinweise darauf, wie Eduard Lopatka zu einem derart hohen Einkommen kommen konnte: Sie sagt aus, dass er jedes Mal ihre E-Card gesteckt habe, wenn sie ihn in der Ordination besucht habe. Selbst dann, wenn sie ihm nur eine Käsesemmel vorbeigebracht habe.

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Mindestens zehnmal sei es vorgekommen, dass er der Krankenkassa eine Leistung verrechnet habe, ohne sie behandelt zu haben. Einmal, erzählt sie, habe er ihr im Zuge eines Sexspiels eine – medizinisch nicht indizierte – Infusion verabreicht – und diese der Krankenkassa verrechnet. Sie wisse, dass er Behandlungen verrechnet habe, selbst wenn er mit Patienten nur Kaffee getrunken hatte. Einmal sei sie dabei gewesen, als er eine 80 Jahre alte Patientin bei einem Besuch gefragt habe, ob sie ihm nicht ihr Haus überschreiben wolle – und auch dieses Gespräch habe er der Krankenkassa verrechnet.

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 Lopatka selbst sagt bei einer Einvernahme aus, er habe „mindestens 100 bis 300 Patienten“ pro Tag. Selbst bei einem Zwölf-Stunden-Tag – von einem solchen spricht er in seiner Einvernahme ebenfalls – würde das bei einem Mittelwert von 200 Patienten bedeuten, dass jeder Patient nur durchschnittlich 3,5 Minuten in Anspruch genommen habe.

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Sie habe den Eindruck gehabt, „dass die Patienten in Massen abgefertigt würden“, sagt seine ehemalige Ordinationshilfe Renate B. aus. Aber das sei nicht der einzige Grund gewesen, weshalb sie 2015 nach knapp vier Jahren kündigte: „Dr. Lopatka entwickelte sich im Laufe der Zeit nicht zum Positiven.“ Nicht zuletzt, weil er „sich selbst immer wieder Medikamente verabreichte, wie Dormicum, Gewacalm oder Fentanyl. Es handelt sich dabei um starke Sedativa, die er sich zwischendurch spritzte. Ich habe genau gemerkt, wenn er etwas genommen hatte, da er unter dem Einfluss der Medikamente unberechenbar wurde“, sagt sie aus.

Eduard Lopatka selbst sagt in einer Aufnahme aus dem Jahr 2012 zu seiner Frau: „Mein Gehirn ist hin. Mein Gehirn ist hin. Mein Gehirn ist hin. Die Angestellten kommen rein, sagen was, und nach zehn Minuten sage ich: ‚Ihr warts ja gar nicht da.‘ Dann drehen sie sich um und beuteln den Schädel und gehen.“

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Bild: Faksimile Gerichtsakte
Bild: Faksimile Gerichtsakte
Bild: Faksimile Gerichtsakte
Bild: Faksimile Gerichtsakte

 Weil die Medikamente, die er sich spritzte, dann in der Hausapotheke fehlten, habe er seine Ordinationshilfe angewiesen, sie solle „einfach ins Suchtbuch etwas hineinschreiben. Ich habe mich geweigert, dieses Buch zu fälschen.“

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Letztendlich konnte sie es nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren, dass er – schwer beeinträchtigt – Patienten behandelte: „Ich habe dann beim Kassieren nach Möglichkeit darüber geschaut und zum Beispiel einmal gesehen, dass er einem Patienten mit Penizillinallergie ein solches Medikament aus der Hausapotheke gegeben hatte, obwohl die Allergie in der Kartei stand.“ Zweimal habe sie gesehen, dass „alles voll Blut war“, als sie am Morgen das Labor betreten hatte. „Einmal war sogar eine Plastikwanne mit Blut dort, es schaute aus wie auf einem Schlachtfeld.“ Sie habe Eduard Lopatka gefragt, was passiert sei, er habe geantwortet, er habe bei seinem Fuß etwas herausgeschnitten. „Ich habe mich gewundert, da es wirklich so viel Blut war, dass es eine große Wunde gewesen sein muss.“

Auch Eduard Lopatkas Kinder werden von ihm behandelt. Später beschuldigen sie ihn grober Fehlbehandlungen. Als seine Tochter Miriam-Sophie zwölf Jahre alt war, habe er ihr zum ersten Mal – und später immer wieder – wegen Regelschmerzen das Medikament Hydal gegeben, berichtet sie. Hydal ist nicht einfach nur ein Schmerzmittel: Die Weltgesundheitsorganisation WHO klassifiziert den Wirkstoff Hydromorphon als „starkes Opioid“ für starke bis stärkste Schmerzen; es unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.

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Als sie fünfzehn Jahre alt war, habe der Vater ihr zum ersten Mal Schlaftabletten verabreicht, die bei ihr Halluzinationen verursachten: „So kann ich mich erinnern, dass ich das Gefühl hatte, dass ein Feuerwerk passiert, dass Fäden herunterkommen, ich nach diesen Fäden greife und das Gefühl hatte, dass ich in Spinnweben hineingreife. Einmal hatte ich die Halluzination, dass ein Mann neben mir liegen und mich ständig ansehen würde.“ Später habe er ihr auch Mundiol gegeben, ein Medikament, das sich ebenfalls in der stärksten Kategorie der Opiate wiederfindet. (Es liegt eine Krankenkassenabrechnung vor, die zumindest die Mundiol-Verschreibung belegt; aber nicht immer habe er ihre Medikamente verrechnet, sagt Miriam-Sophie Lopatka aus.)

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Madlen Lopatka sagt, ihr Vater habe ihr Somnubene, ein Benzodiazepin, gegen ihre Schlafstörungen gegeben, da sei sie etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alt gewesen. In der Folge entwickelte sie eine Medikamentenabhängigkeit. Nach zwei oder drei Monaten regelmäßiger Einnahme von Somnubene begann sie, sich Morphium zu spritzen, das sie aus dem Medikamentenkoffer ihres Vaters, der immer im Auto lag, genommen hatte. „Eduard hat relativ schnell mitbekommen, dass ich diese Medikamente aus seinem Koffer nehme.“ Er habe sie zunächst nicht davon abgehalten, sondern nur darum gebeten, ihm Bescheid zu geben, wenn sie etwas nehme – damit diese fehlenden Medikamente anderen Patienten zuordnen kann. „Ein paar Monate vor der Matura hat er dann begonnen, den Autoschlüssel zu verstecken.“ Zunächst habe er ihr dennoch weiterhin immer wieder Medikamente gegeben, dann aber angedroht, sie einweisen zu lassen, wenn sie keinen Entzug mache, woraufhin sie sich eine Woche zum kalten Entzug in ihr Zimmer eingesperrt habe. „Ich habe damals nicht gewusst, dass ein Entzug medikamentös unterstützt gehört, ich wusste das nicht. Eduard sagte mir das auch nicht, er hat mich auch nicht behandelt, er wusste, dass ich den Entzug mache und hat auch nicht nach mir gesehen, er hat sich nicht gekümmert.“ Kurz nach ihrem kalten Entzug erleidet sie drei epileptische Anfälle.

Aber nicht nur seine Kinder, auch ein weiterer Zeuge erzählt der Polizei von einem problematischen Umgang mit Medikamenten: „Meine Ex-Freundin wurde damals von ihm wegen ihrer Panikattacken behandelt. Sie bekam Medikamente, sodass sie in der Schwangerschaft unter Entzugserscheinungen litt. Ich bin wegen dieser Entzugserscheinungen in die Ordination nach Limbach gefahren“, aber die Lösung lautete nur: mehr Tabletten. „Mir wurde von einer Angestellten ein Sackerl mit verschiedenen Medikamenten für M. in die Hand gedrückt (…).“ 

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Erratum: In der ursprünglichen Version des Textes stand, dass die Waffe auf den Namen Eduard Lopatka registriert war. Tatsächlich befand sich diese nur in seinem Besitz, er hat sie nie auf seinen Namen registrieren lassen.

Der Artikel wurde am 29. Juli um 13.45 Uhr aktualisiert.

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