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Der Streit um den Staub

Berichte über Millionen Tote und umstrittene Grenzwerte dominieren die Debatte zum Thema Feinstaub. Wie kann eine Studie zu neun Millionen Toten durch Umweltverschmutzung zu Berichten über neun Millionen Tote durch verpestete Luft führen?

30.01.2019

Wenn Journalisten über Wissenschaft berichten, passieren Fehler, weil Journalisten in der Regel keine Wissenschaftler sind. Sie suchen Narrative und sind geneigt, solche von anderen zu übernehmen. Recherchen, die eine differenzierte oder unsichere Faktenlage offenbaren, enden oft nicht in Geschichten. Vielfach genügt der oberflächliche Aufreger – etwa die Behauptung, eine Substanz gefährde Menschenleben oder führe zu Millionen Toten.

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Das Problem mit der Studie

Feinstaub sei gefährlicher als bisher angenommen, berichtete etwa die APA im September 2018. Dieser allein sei laut einer Studie des Max-Planck-Instituts „weltweit für fast neun Millionen Todesfälle verantwortlich“. Die Zeit wiederum behauptete mit Berufung auf eine andere Studie aus demselben Jahr, neun Millionen Tote seien der Luftverschmutzung allgemein zuzuschreiben.

Die Meldungen klingen erstaunlich, beängstigend und sind nicht nur widersprüchlich, sondern im zweiten Fall auch falsch. Die Studie der Lancet Commission on pollution and health, auf die sich die Zeit bezieht, rechnet die neun Millionen Toten nämlich allen Umweltverschmutzungen zu – von unreinem Wasser über kontaminierten Boden bis hin zu unreiner Luft.

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Zählt China richtig?

Durch Luftverschmutzung sterben demnach geschätzt 5,7 bis 7,3 Millionen Menschen jährlich einen vorzeitigen Tod – 2,2 bis 3,6 Millionen davon durch Emissionen, die vorwiegend durch offene Öl-, Holz- oder Kohleöfen und -herde im eigenen Haus entstehen (household air). Die jährlichen Todeszahlen aufgrund von Feinstaub in der Umwelt (ambient particulate) werden hingegen auf 3,7 bis 4,8 Millionen geschätzt.

Woher aber weiß man, dass jemand am Feinstaub gestorben ist? Dafür haben sowohl die Max-Planck-, als auch die Lancet-Studie andere Studien ausgewertet. So kam etwa eine Untersuchung an 21.232 chinesischen Bauern zwischen 1976 und 1992 zum Schluss, dass verbesserte Öfen das Lungenkrebsrisiko um mehr als 30 Prozent reduzierten. Wenn um Peking die Industrieproduktion gedrosselt wird, sinken außerdem gleichzeitig die Sterbezahlen. Aber wie verlässlich sind chinesische Sterbestatistiken, wenn die einzig zuverlässige Luftgütemessung in Peking auf dem Dach der US-Botschaft stattfindet?

Um Aussagen für die Gegenwart zu treffen, werden auch Erfolge aus der Vergangenheit aufgegriffen. Die Abschaffung des Bleizusatzes im Benzin habe die Durchschnittsintelligenz der US-amerikanischen Kinder, die nach 1980 geboren wurden, um zwei bis fünf IQ-Punkte erhöht, so Lancet.

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Ist Korrelation gleich Kausalität?

Dass Bleivergiftungen tödlich sein und die Intelligenz von Kindern mindern können, ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass es ungesund ist, die Abgase eines Ölofens auf Dauer einzuatmen. Aber sind die Auswirkungen tatsächlich kausal für die dargelegten Ergebnisse, die große Bevölkerungsschichten betreffen?

Die Lancet Commission rechnet die ihr zur Verfügung stehenden Kohortenstudien auf Menscheitsniveau hoch und trifft sogar Schätzungen zu Umweltverschmutzung und Todeszahlen für Länder wie Nordkorea oder den Südsudan, die entweder keine zuverlässige Statistik kennen oder keine solchen veröffentlichen.

Während die Metastudie von Lancet aber auf 5,7 bis 7,3 Millionen Feinstaubtote kommt, sind es bei der Metastudie des Max-Planck-Instituts neun Millionen.

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Millionen Tote und schnelle Schlagzeilen

Fragen nach der Verlässlichkeit dieser Schätzungen finden sich in der Berichterstattung allerdings kaum. Die nackten Zahlen der beiden Studien und einer ähnlichen Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fanden in den Medien hingegen ein sehr unterschiedliches Echo:

  • Laut Forbes trug die Luftverschmutzung 2016 weltweit zum Tod von mehr als sechs Millionen Menschen bei.
  • Laut Huffington Post brachte schmutzige Luft 2018 6,1 Millionen Menschen um.
  • Der Standard kam für dasselbe Jahr auf sieben Millionen.
  • CBS berichtete wiederum für 2018 von acht Millionen Toten durch Luftverschmutzung.

Nicht nur die Studienlage führt zu teils erheblich unterschiedlichen Zahlen, oft werden verschiedene Umwelteinflüsse schlicht verwechselt. Starben 2015 nun 3 Millionen Menschen an Feinstaub oder 3,3 Millionen an Luftverschmutzung?

Das Thema ist beispielhaft für das mediale Versagen bei der Aufbereitung von Fachinhalten. Zahlen werden vertauscht oder fehlinterpretiert, aus Einflüssen werden alleinige Ursachen.

So führte ein und dieselbe Studie zu Medienberichten wie „9 Millionen Tote durch Umweltverschmutzung“ und „Alleine 2015 starben neun Millionen Menschen durch verpestete Luft“.

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Was bringt den Tod?

Erst nachdem über 100 deutsche Lungenfachärzte die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide kritisierten, begann das kritische Nachfragen: In den entsprechenden Studien würden Raucher aus guten Gegenden mit Rauchern aus Regionen mit stark befahrenen Straßen verglichen, so der Pneumologe Bernd Lamprecht gegenüber dem Standard. So rechne man die Auswirkungen des Feinstaub aus dem Straßenverkehr heraus.

Aber wie trennt man den Feinstaub aus dem Straßenverkehr von jenem aus Heizungsanlagen oder aus der Landwirtschaft, der teilweise über tausende Kilometer verteilt wird? Wie viel Schuld trifft Feinstaub aus einem Dieselauto am Tod eines lungenkranken Kindes, wie viel am Ableben eines alten Kettenrauchers? Und sind die Messungen überhaupt zuverlässig, wenn – wie der ÖAMTC behauptet – die „,schmutzigste‘ Messstation Österreichs in Vomp direkt neben dem Beschleunigungsstreifen des Lkw-Rastplatzes“ steht?

Kann man alleine mit einem Dieselfahrverbot die Feinstaubbelastung ausreichend reduzieren, wenn nur 15,5 Prozent des Feinstaubs in Österreich vom Verkehr verursacht werden? Die Diskussion um Dieselpartikel sei „unverhältnismäßig“, so Lamprecht.

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Wie viele Mikrogramm sind gefährlich?

Die Kritik der genannten deutschen Ärzte richtete sich sowohl gegen die Grenzwerte für Feinstaub als auch gegen jene für Stickoxide. Sie führte wiederum zu Gegenkritik. Es gebe 70.000 Studien zur Auswirkung der Luftverschmutzung auf die Gesundheit, so Nino Künzli, Vizedirektor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Der Grenzwert für Feinstaub liegt in Österreich bei 40 Mikrogramm (µg) pro Kubikmeter im Jahresmittel. International sind die Grenzwerte jedoch höchst unterschiedlich.

Ziel der Grenzwerte ist die Eindämmung potenziell gesundheitsgefährdender Emissionen. Auf exakte Werte haben sich Forschung und Politik aber bisher nicht verständigt.

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Welcher Grenzwert ist der richtige?

Laut NZZ liegen die Grenzwerte für Stickoxid bei 30 µg/m3in der Schweiz, 40 µg/m3in Deutschland und 103 µg/min den USA.

Beim Feinstaub gelten in der Schweiz 20 µg/m3, in Deutschland 40 µg/m3 und in den USA 15 µg/m3 – allerdings nur für Feinstaub unter 2,5 µg (PM2,5).

Der Regierung verpflichtet?

Die Debatte hat sich durch die Uneinigkeit und fehlerhafte Wiedergabe von Zahlen weitgehend politisiert. Es geschieht, was bei öffentlichem Interesse an akademischen Fragestellungen passiert: Entlang der wissenschaftlichen Bruchlinien entsteht ein ideologischer Grabenkampf, der sich oft weit vom eigentlichen Streitpunkt entfernt. So verglich ein deutscher Grünen-Politiker das Pamphlet der deutschen Lungenärzte mit der Leugnung des Holocaust.

Die deutsche Plattform Correctiv publizierte einen differenzierten Bericht zur Grenzwertproblematik bei Stickoxiden. In ihrem Newsletter berichtete sie jedoch davon, die Autoindustrie hätte „100 Lungenärzte, die sich vor ihren Karren spannen lassen und die wissenschaftliche Grundlage von Abgaswerten kritisieren“ gefunden. Man habe den Eindruck „einige Redaktionen dürsten geradezu nach Nachrichten, die die Interessen von Regierung und Auto-Lobby widerspiegeln“.

Die 100 Pneumologen wiederum kritisieren in ihrem Statement ebenfalls die „Informationsflut über die Gefährlichkeit von Feinstaub und NOx, in den Publikationsorganen, den Medien und in staatlichen Verlautbarungen“, die „im Wesentlichen aus der gleichen Quelle“ stammten.

Einig ist man sich nur darin, dass sich die jeweilige Gegenseite vom Staat oder der Regierung für die jeweils andere Sache einspannen lasse. 

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Das Rechercheteam

Benedikt Morak

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

Moritz Moser
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