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„Die Grenzwerte sind politisch motiviert“

Der Grazer Lungenfacharzt Horst Olschewski rechnet im Interview vor, dass im Wohnzimmer höhere Feinstaub-Konzentrationen erreicht werden als an stark befahrenen Straßen. Moderne Dieselmotoren sieht er als Teil der Lösung, nicht als Problem.

30.01.2019

Update 20.02.2019

Die Aufregung war groß, als deutsche Medien berichteten, dass über hundert Pneumologen, Physiker und Techniker rund um den Lungenfacharzt Dr. Dieter Köhler „keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx“ sehen. Die Aufregung war noch größer, als sich herausstellte, dass sich im Bericht von Dr. Dieter Köhler Rechenfehler eingeschlichen haben.

Doch ändern diese Fehler etwas an der Grundaussage? Nämlich, dass die Grenzwerte eine politische Entscheidung sind?

Wir haben bei unserem Interviewpartner Dr. Horst Olschewski nachgefragt:

„Die Rechnungen von Kollegen Köhler sind für meine Meinung unerheblich, dass die Grenzwerte für Feinstaub, vor allem aber für das NO2, rein politische Entscheidungen waren. Man braucht nur die Protokolle zu den Entscheidungsverfahren in der EU nachzulesen, um das ganz sicher zu wissen. Zum NO2 verweise ich auf die Begründung im WHO Europe Bericht. Dem kann man sicher keinen Autolobbyismus vorwerfen.  

Kollege Köhler hatte die Plausibilität der publizierten Daten zu den hunderttausenden Toten durch Feinstaub dadurch in Frage gestellt, dass er auf der Basis öffentlich zugänglicher Daten ausgerechnet hat, dass die gleiche Menge Feinstaub, die jemand in 80 Lebensjahren aufgrund einer Feinstaubbelastung von 35µg/m3 einatmet, von einem Raucher, der täglich eine Schachtel Zigaretten raucht, in knapp zwei Monaten eingeatmet wird.

Dr. Köhler hat dabei nicht bedacht, dass vor einigen Jahren die Zigaretten per Gesetz ‚sauberer‘ geworden sind und die Menge Kondensat einen bestimmten Grenzwert nicht mehr überschreiten darf. Wenn man mit den aktuellen Zigaretten kalkuliert, so dauert es 2,1 Monate, bis die gleiche Feinstaubmenge eingeatmet wird. Das war der ‚Rechenfehler‘. Für mich macht das absolut keinen Unterschied für die Hauptaussage. Die berechnete Menge von hunderttausenden Feinstaubtoten (unter den Nichtrauchern),  für die hierzulande üblichen Feinstaubkonzentrationen in der frischen Luft, ist nicht plausibel.“

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Horst Olschewski, Universitätsprofessor und Leiter der Abteilung für Pneumologie an der Uniklinik Graz, sagt, dass die gültigen Feinstaub-Grenzwerte politisch motiviert sind und keine wissenschaftliche Basis haben. Dennoch seien sie sinnvoll. Der Experte für Lungenheilkunde und Innere Medizin hat deshalb mit ähnlichen Anfeindungen zu rechnen wie sein Landsmann Dieter Köhler in Deutschland. Der Lungenfacharzt hat dort eine heftige Debatte über die Sinnhaftigkeit von Grenzwerten und Gesundheitsgefahren von Feinstaub ausgelöst.

Wir lernten Olschewski als besonnenen Wissenschaftler in Wien kennen, wo er am vergangenen Wochenende mit seiner Frau den Ärzteball besuchte. Bevor er sich in Schale warf, unterhielt er sich mit uns über moderne Dieselmotoren, Disco-Besuche im Feinstaub-Dunst und Fahrverbote.

Herr Olschewski, ist Feinstaub schädlich?

Horst Olschewski: Wir haben gute Daten über die vergangenen vierzig Jahre. Es gibt keine hundertprozentige Garantie für eine kausale Wirkung, aber der Zusammenhang ist dermaßen stark, dass ich keine Zweifel habe, dass Feinstaub gesundheitsschädlich ist.

Fürchten Sie sich vor dem Verkehrsfeinstaub?

Nein. Unser Verkehrsfeinstaub ist zwar signifikant, aber ich finde ihn nicht extrem. Es ist schon was anderes, wenn man in Hongkong oder in Peking auf der Straße ist. Im Vergleich dazu haben wir bei uns keine hohen Konzentrationen.
Außerdem ist die Feinstaubkonzentration in aller Regel in Innenräumen höher als draußen. In einem Haus, wo geraucht wird, haben wir typischerweise 500 Mikrogramm und mehr Feinstaub pro Kubikmeter Luft. Auf der Straße gilt ein Grenzwert von 50 schon als besorgniserregend. In einer verrauchten Diskothek werden Werte über 10.000 gemessen. Da fallen die Leute ja auch nicht sofort tot um.

Wie viel Feinstaub produziert ein modernes Dieselauto?

Die modernen Diesel nach den Abgasnormen Euro 6b, c oder d, die sind darauf getrimmt, dass sie keinen Feinstaub produzieren. Der ausgewiesene Messwert lautet auf 0,00 Milligramm pro Kilometer. Rechnet man nach, dann bemerkt man, dass doch eine kleine Menge Feinstaub produziert wird. Aber wenn man berücksichtigt, wie viel Feinstaub eine Zigarette produziert, dann müsste so ein Auto 10.000 Kilometer fahren, um die gleiche Menge an Partikel auszustoßen.

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In Deutschland gibt bereits Fahrverbote für Diesel-Pkw, in Österreich wurde darüber gesprochen. Sind Fahrverbote sinnvoll?

Das ist letztlich eine politische Frage. Ich bin kein Politiker.

Industrie und Heizungen von Haushalten produzieren mehr Feinstaub als der Verkehr. Müsste man nicht eher da ansetzen?

Ich würde da keine Wertung hineinbringen. Ich würde sagen, wir haben diese drei Komponenten, die Sie genannt haben: den Hausbrand, die Industrie und den Verkehr. Alle drei Komponenten tragen ungefähr im gleichen Ausmaß bei. Wovon man mehr betroffen ist, hängt sehr davon ab, wo man wohnt. Ich glaube, es hat keinen Sinn zu sagen, da ist einer schuld und der andere ist unschuldig. Wir sollten uns bemühen, dass alle drei Komponenten dazu beitragen, dass wir sauberere Luft erhalten.

Sind Feinstaubgrenzwerte Ergebnisse objektiver Studien, oder sind sie politisch motiviert?

Feinstaubgrenzwerte sind politisch motiviert, daran gibt’s überhaupt keinen Zweifel. Man hat gesagt: Wir wünschen uns, dass es etwas sauberer wird, also setzen wir Grenzwerte fest, die etwas niedriger liegen, damit ein Druck auf den Verbraucher entsteht, auf die Industrie, auf die ganze Gesellschaft, um zu erzielen, dass die Luft sauberer wird. Im Prinzip, finde ich, ist das in Ordnung.

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Wie aussagekräftig ist die gemessene Feinstaubkonzentration im Stadtgebiet?

Man kann, wenn man die großen Datensätze anschaut, in den Städten überall einen Zusammenhang finden zwischen Feinstaubkonzentration und Sterblichkeit. Aber: Der absolute Feinstaubwert spielt gar keine so große Rolle. Es kommt mehr darauf an, ob man im guten oder im schlechten Teil der Stadt wohnt. Man muss für viele Faktoren korrigieren, das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Ich denke, das ist so gut gemacht worden, wie man es nur machen kann. Trotzdem bleibt eine Unsicherheit. Wenn ich gefragt werde, wovor ich mehr Angst habe, nämlich vor dem Feinstaub oder vor jemandem, der mit einer Zigarette an mir vorbeiläuft, dann sage ich: Vor dem mit der Zigarette.

Aber wir müssen uns jetzt nicht vor jedem Raucher verstecken, oder?

Nein, man fällt ja nicht gleich tot um. Ein Mensch hält schon eine ganze Menge aus. Das Problem mit dem Feinstaub ist, dass man sich nicht davor schützen kann.
Der ist in der gesamten Umgebung und Tag und Nacht da. Man findet keine Möglichkeit zu entkommen.

Es gibt viele natürliche Quellen von Feinstaub. Darüber wird wenig gesprochen.

Es wird wenig darüber gesprochen. Es gibt ja diesen ganz natürlichen Feinstaub. Sogar Saharastaub kommt zu uns, oder Salzkristalle vom Meer. Niemand würde annehmen, dass die gesundheitsschädlich sind. Verkehrsbedingten Feinstaub erkennt man ganz gut am Stickstoff-Dioxid (NO2). NO2 ist etwas, was bei der Verbrennung mit sehr hohen Temperaturen entsteht, und je effektiver ein Diesel arbeitet, desto höher ist seine Verbrennungstemperatur und desto mehr NO2 wird produziert.

Was auch nicht gut ist, oder?

NO2 ist ein Reizgas, das kann nicht gesund sein. Aber die Statistiken darüber, welche gesundheitlichen Auswirkungen NO2 allein hat, nämlich unabhängig vom Feinstaub, sind vergleichsweise dünn gesät. Die wenigen Untersuchungen, die es gibt, haben eine große Schwankungsbreite, sodass man nicht genau sagen kann, wie viele Leute wirklich an NO2-Folgen sterben.

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Das heißt, wir lösen das eine Problem, aber schaffen dadurch ein neues?

Wenn man den Dieselmotor anschaut, dann ging es eine Weile in diese Richtung. Je effektiver die Motoren wurden, desto weniger Feinstaub haben sie produziert, aber desto mehr NO2 entstand. Bei modernen Dieselmotoren ist aber auch das kein Problem mehr. Aber es gibt noch viele alte Dieselfahrzeuge auf den Straßen.

Soll man die Menschen dazu zwingen auf moderne Fahrzuge umzurüsten?

Viele haben mit gutem Gewissen einen Diesel gekauft, weil man diese Fahrzeuge als sparsam und günstig bewarb. Jetzt verteufelt man diese Technologie, die Autos sind nichts mehr wert. Ich habe letztens eine Doku gesehen, die Bilder eines Schrottplatzes zeigt, auf dem tausende fast neuwertige Autos stehen. Ist das sinnvoll? Wenn man sich die Statistiken anschaut, dann sind die Städte ja de facto sauberer geworden in den letzten Jahren.

Ist es logisch, dass der Feinstaub-Grenzwert am Wiener Gürtel niedriger angesetzt ist an meinem Arbeitsplatz?

Es gibt mindestens fünf Faktoren, die für die Sterblichkeit wichtiger sind als der Feinstaub auf der Straße. Dazu zählt zum Beispiel Inaktivität, Leute, die nicht zu Fuß gehen, keinen Sport machen, die einfach nichts tun. Es wäre viel effektiver, wenn man diese Inaktivität wegkriegen könnte, als wenn man den Feinstaub senkt. Nur: Es ist politisch schwer zu beeinflussen, ob jemand Sport betreibt oder nicht.

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Euro-6-Dieselmotoren sind eine gute Lösung.

Ist Dieter Köhler, der Lungenfacharzt aus Deutschland, dem wir die Grenzwert-Debatte verdanken, auf dem richtigen Weg?

Herr Köhler sagt nur, dass die gegenwärtige Grenzwerte, die wir haben, nicht zu hundert Prozent wissenschaftlich begründet sind. Dem stimme ich zu. Sie sind politisch begründet.

Sind Elektroautos Teil der Lösung?

Das Elektroauto ist nicht das Allheilmittel. Deren Batterien verursachen ein ganz anderes Umweltproblem, und wir wissen ja noch gar nicht wie man damit umgehen wird, wenn die Zahl der Elektroautos sich verzehnfacht oder verzwanzigfacht hat. Eine ebenso gute Lösung sind die Euro-6-Motoren, denn die sind tatsächlich auch sauber, das kann man sagen. Da sind diese krebserregenden Rußpartikel praktisch nicht mehr drin, und das ist eine sehr effektive Maßnahme.

Wie empfinden Sie die aktuelle, von Deutschland nach Österreich geschwappte Debatte?

Im Augenblick ist eine Art Hysterie ausgebrochen. Das ist jetzt eine Mode, das wird wieder vorbeigehen. 

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30.01.2019

Das Rechercheteam

Benedikt Morak

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

Moritz Moser
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