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Heizen mit Holz: „Da kommt kein Klimaschutz heraus“

Der deutsche Umweltexperte Axel Friedrich warnt im Interview vor ultrafeinen Staub- und Rußpartikeln, die durch den Verbrennungsprozess bei Holzöfen emittiert werden. Diese würden bei den derzeit gängigen Testverfahren gar nicht gemessen, obwohl sie nachweislich gesundheitsschädlich sind.

28.03.2019

Axel Friedrich hat sich dem Kampf für saubere Luft verschrieben. Der ehemalige Abteilungsleiter für „Umwelt und Verkehr“ beim deutschen Umweltbundesamt wurde mit seinen Enthüllungen rund um den VW-Abgasskandal 2015 zum Schreck der deutschen Autoindustrie. Nach den alten Dieselmotoren nimmt sich der pensionierte Umweltbeamte nun Holzöfen vor, die beim Verbrennungsprozess Unmengen an gesundheitsschädlichem Feinstaub produzieren05. Die tatsächliche Gefahr, die von ihnen ausgehe, sei lange Zeit nicht erkannt bzw. schlichtweg ignoriert worden. Genau das will Friedrich jetzt ändern und hat dem Holzofen den Kampf angesagt.

Warum der Feinstaub-Ausstoß bei Holzöfen mindestens genauso gefährlich ist wie jener von alten Diesel-Pkw, was bei den Messverfahren schief läuft und warum man – seiner Meinung nach – alle Holzöfen verbieten sollte – besprachen wir mit ihm in einem Interview.

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Axel Friedrich

Umweltexperte

Der gelernte Chemiker war Abteilungsleiter für die Bereiche Umwelt und Verkehr im deutschen Umweltbundesamt. Der international anerkannte Umweltexperte spielte 2015  eine wesentliche Rolle bei der Aufdeckung des Diesel-Abgasskandals und wurde so einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In seinem Kampf für saubere Luft widmet er sich nun technisch veralteten Holzöfen.

Herr Friedrich, was ist schlimmer: Wenn ich zu Hause einen Holzofen betreibe, oder wenn ich einen zehn Jahre alten Diesel-Pkw fahre?

Axel Friedrich: Also, was ist Ihnen lieber? Beelzebub oder Teufel? Beides ist natürlich schlecht, beide emittieren hohe Mengen an ultrafeinen Partikeln.

Aber wer emittiert mehr? Wie gefährlich ist so ein Holzofen, wie viel Feinstaub wird da tatsächlich herausgeblasen?

Nach Berechnung der IASA (International Association for Sustainable Aviation) gibt es in der EU inzwischen mehr Rußemissionen aus Holzöfen als vom gesamten Straßenverkehr. Das zeigt, dass die Maßnahmen, die für den Straßenverkehr getroffen wurden, Wirkung zeigen. Beim Holzofen hingegen wurde noch gar nichts gemacht. Und da es immer mehr Holzöfen gibt, ist irgendwann der Punkt gekommen, wo die Holzöfen dominieren.

Was könnte man tun, um diese privaten Holzöfen emissionsärmer zu machen?

Die einfachste Version wäre, sie einfach zu verbieten. Denn an vielen Stellen werden sie eingesetzt, wo es nicht sinnvoll ist.

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Wir sollten Holzöfen also gänzlich verbieten?

Natürlich klappt das politisch nicht. Wir bräuchten auch Grenzwerte für die Partikelanzahl, wie wir es für Autos und Lkws haben. Die Belastung durch diese Öfen ist aus gesundheits- und Klimaschutzgründen einfach zu hoch. Wenn wir es hier nicht schaffen, diese Emission drastisch zu verbessern, gibt es aus Sicht der Umweltverbände keine andere Möglichkeit, als den Holzofen zu verbieten. Es kann nicht sein, dass die Menschen vergiftet und die Umwelt massiv belastet wird. Entweder sie werden besser, oder sie gehören verboten.

Holz wächst doch wieder nach, ist also ein nachhaltiger Rohstoff. Mit Holz zu heizen, ist CO2-neutral und gilt hierzulande als umweltfreundlich, man tut dem Klima damit sozusagen etwas Gutes. Ist das nicht so?

CO2-neutral ist fast richtig. Natürlich spielen da noch der Transport und andere Dinge eine große Rolle, aber generell ist die Bilanz positiv. Die Emissionen von Holzöfen sind jedoch nicht so, wie die meisten Leute sich das denken. Die Ruß- und Methanemissionen aus Holzöfen sind so hoch, dass sie den Vorteil des CO2-gebundenen Holzes wieder kompensieren. Hier kommt also kein Klimaschutz heraus.

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Oft wird eben kein Holz verbrannt, sondern irgendwelche Müllsachen, Papier oder Ähnliches.

Wenn diese Rußemissionen so problematisch sind, warum heizen wieder so viele mit Holz?

Das ist ein ganz schwieriges Thema. Gerade in kleineren Orten am Land heizen die Menschen mit Holz, weil es eben relativ kostengünstig ist. In den Städten haben wir vermehrt die sogenannten Komfortöfen. Leute, die früher nie einen Ofen hatten, kaufen Öfen, weil es schön aussieht, weil es dieses Urgefühl, die Flamme zu sehen, erfüllt.

Kann man beim Einheizen eines Holzofens etwas falsch machen?

Auch das ist ein Problem. Vor allem, weil da eben Dinge verbrannt werden, die gar nicht reingehören. Oft wird eben kein Holz verbrannt, sondern irgendwelche Müllsachen, Papier oder Ähnliches.

Macht es einen Unterschied, ob Holz ein bisschen feuchter oder trockener ist?

Jeder, der einen Holzofen hat, soll auch ein Holzfeuchtemessgerät haben, um zu überprüfen, ob das Holz auch geeignet ist, um im Ofen verbrannt zu werden. Zu feuchtes Holz ist sehr schlimm wegen der Rußemission, weil die Verbrennung nicht funktioniert. Bei zu trockenem Holz wird die Wirkung der Wärme nicht erreicht. Im Idealfall liegt der Feuchtegrad zwischen zwölf und 20 Prozent. Das kann man relativ einfach überprüfen.

Ofenhersteller und -Verkäufer betonen, dass moderne Holzöfen absolut schadstoffarm und klimafreundlich betrieben werden. Betreffen die Emissionsprobleme tatsächlich nur sehr alte Öfen, die man nach und nach austauschen könnte?

Ich habe alte Kachelöfen gemessen, die besser waren als die heute verkauften Öfen. Es hängt immer davon ab, wie der Ofen gebaut ist. Dummerweise sind die modernen Öfen heute mit großen Glasscheiben versehen. Das bedeutet, die Flamme wird kühler, da die Glasscheibe deutlich mehr Wärme abgibt als der umgebende Stahl. Je größer die Glasscheibe ist, desto höher sind die Emissionen.

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Die Emissionen im Feld stimmen nicht mit den Emissionen der Testverfahren überein, das ist natürlich ein Skandal.

In den letzten Jahren konnten die Feinstaubemissionen teils deutlich reduziert werden. Ist das nicht ein Grund zum Optimismus?

Wir können an vielen Orten eine Besserung der Emissionssituation feststellen. Gerade in den Städten sind die Emissionen durch verkehrspolitische Maßnahmen deutlich gesunken. Aber selbst in kleinen Orten, speziell in den Alpentälern, wo es in Österreich ja eine ganze Menge an solchen Tälern gibt, messen wir im Winter extrem hohe Belastungen durch Holzöfen. Das kann jeder selbst beobachten, wenn er vom Berg runter ins Tal schaut. Dann sieht man über den Orten eine blaugraue Schicht hängen, das bedeutet eine hohe Belastung im Ort. Ich habe in solchen Orten Messwerte aufgezeichnet, die waren dreimal so hoch wie in Peking.

Wie kann es sein, dass trotz strenger Auflagen viele Schadstoffe aus diesen Öfen kommen?

Dabei gibt es eine ganze Reihe von Problemen. Erstens haben wir das falsche Messverfahren. Wir messen den Gesamtstaub, aber das interessiert mich überhaupt nicht. Wir müssten die ultrafeinen Partikel und den Ruß messen. Alles das wird aber nicht gemacht. Zweitens haben wir ein Messverfahren, das mit dem realen Leben nichts zu tun hat. Und drittens haben wir Labortests, die beim Nachprüfen nicht stimmen. Die Problematik ist ähnlich wie beim Diesel-Skandal.

Zumindest in Österreich gibt es dazu kaum eine öffentliche Debatte.

Jeder, der sich damit beschäftigt, weiß, dass die Emissionen im Feld nicht mit den Emissionen der Testverfahren übereinstimmen. Die Werte weichen um das Drei- bis Zehnfache voneinander ab. Und das ist natürlich ein Skandal.

Wie könnten Messverfahren aussehen, um realitätsnah zu messen, wie viel die Öfen tatsächlich emittieren?

Wir haben Untersuchungen vorliegen, die zeigen, wie die Menschen heute durchschnittlich heizen. Die Labormessungen müssen also an die realen Bedingungen angepasst werden. Das bedeutet, dass man etwa auch das Anheizen einbeziehen muss. Und dann bräuchten wir Verfahren, die auch die Belastung der Gesundheit und des Klimas messen, also ultrafeine Partikel und Rußemissionen.

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Was ist so speziell an diesen ultrafeinen Partikeln, was macht die so gefährlich?

Das Gefährliche an diesen Partikeln ist, dass sie so klein sind, dass man sie gar nicht mehr sehen kann. Sie können Herzinfarkte verursachen, durchdringen die Lungenwand und tragen schädliche Kohlenwasserstoffe tief in die Lunge. Wir wissen, dass die ganz ganz kleinen Partikel über den Nasennerv ins Gehirn vordringen. Inzwischen haben wir auch Beweise, dass auch Demenz und Parkinson durch diese ultrafeinen Partikel ausgelöst werden. Diese ultrafeinen Partikel fördern aber auch Diabetes Typ 2, Frühgeburten und ähnliche Krankheiten.

Gibt es überhaupt praktikable Lösungen, um diese ultrafeinen Partikel bei Holzöfen zu filtern?

Wir sind erst am Anfang. Beim Auto haben wir heute 99,99 Prozent rausgefiltert. Im Abgas eines modernen Dieselfahrzeugs funktioniert der Filter also, da kommt nichts mehr raus. Der Auspuff ist blank. Bei Holzöfen darf kein Gegendruck aufgebaut werden, d.h. da muss man andere Lösungen suchen. Es sind Lösungen bekannt, die kosten aber mehr Geld, und man muss auch den Ofen verbessern, also eine Regelung einbauen.

Wenn es mittlerweile verbesserte technologische Möglichkeiten gibt, warum ändert sich dann nichts?

Ohne marktwirtschaftliche Vorteile ist es schwierig, jemanden zu bewegen, eine völlig neue Technologie einzuführen. Solche Lösungen müssen für die Ofenbauer einen Vorteil haben, sie wollen ja Geld verdienen. Wenn der Kunde nicht bereit ist, für ein besseres Produkt mehr Geld zu investieren, werden solche Lösungen eben wieder vom Markt genommen. Hier ist es Aufgabe des Gesetzgebers, innovative und fortschrittliche Lösungen zu unterstützen.

Wenn Sie schon den Gesetzgeber ansprechen: In Österreich werden Holzheizungen von Bundes- bis Gemeindeebene großzügig gefördert.

Wichtig ist, dass die Förderungen an Emissionsbelastungen geknüpft werden. Wenn ich also eine Förderung mache, dann müssen Immissionswerte eingehalten und etwa auch ein Feinstaub-Abscheider eingebaut werden. Das heißt, hier werden Gelder vergeben, die wir als Bürger bezahlen, verknüpft mit Umwelt-Anforderungen, die heute nicht existieren. 

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David Freudenthaler
Paul Batruel
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