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Wie weit reicht der Arm des Glücksspiels?

Glücksspiel in Österreich: Wer damit verdient, wer damit verliert, wer es kontrollieren sollte.

Der Mensch, sagen die Philosophen, ist ein Spieler: „homo ludens”. Was die Philosophen eher nicht meinen, ist das, was zehntausende Österreicher an den Rand des Ruins oder darüber hinaus treibt: Spielsucht05. Spielsüchtige zerstören in vielen Fällen nicht nur ihr eigenes berufliches, privates und finanzielles Leben06 und das ihrer Angehörigen, sondern rutschen nicht selten in die Kriminalität ab, wenn die Möglichkeiten der legalen Geldbeschaffung zur Befriedigung der Sucht ausgeschöpft sind.

Mit diesen Menschen macht die Glücksspielindustrie insgesamt 30 bis 40 Prozent, die Automatenbranche sogar 70 Prozent ihrer Umsätze. Der Schutz dieser Menschen steht eigentlich im Zentrum der staatlichen Bemühungen, das Glücksspiel zu regulieren. Eigentlich. Denn bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass es die staatlichen Kontrollinstitutionen so genau gar nicht wissen wollen01.

In einem besonders spektakulären Fall bereiteten zwei niederösterreichische Beamte 2.500 Genehmigungen auf einen Schwung vor.02 Obwohl bis dahin maximal acht (!) Automaten pro Vorgang genehmigt wurden, bezeichneten die beiden das Blitz- Verfahren, das sie in Abwesenheit der zuständigen Landesrätin und der verantwortlichen Abteilungsleiterin durchzogen, als „Routinefall”. Jetzt wurde offenbar, dass sich einer der Beamten zuvor noch schriftlich als erbitterter Glücksspielgegner positioniert hatte.

Sowohl die Genehmigung von Automatenkonzessionen als auch die Überprüfung der von den Automatenbetreibern an das Bundesrechenzentrum übermittelten Daten sind durch ein erstaunliches Maß an Unzuständigkeit und Untätigkeit gekennzeichnet. Wollen die gar nicht so genau wissen, wer was tut?03

Etwas weniger träge agiert der staatliche Kontroll- und Polizeiapparat gegenüber dem illegalen Glücksspiel. Da kommt mitunter auch schweres Gerät zum Einsatz.

Ganz so leicht lässt sich zwischen legalen und illegalen Praktiken nicht immer unterscheiden. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs (OGH), das im August dieses Jahres publik wurde, hält beispielsweise fest, dass der inzwischen zum Weltkonzern angewachsene österreichische Marktführer, Novomatic, über Jahre hinweg die gesetzlichen Regelungen „umschifft”, also de facto illegale Glücksspielautomaten betrieben hat.01

Der Konzern sieht das naturgemäß anders und kann sich, was die Durchsetzung seines Narrativs angeht, auf breite Unterstützung in der Öffentlichkeit verlassen. Denn er pflegt allerbeste Beziehungen zu einflussreichen Politikern unterschiedlicher Couleurs13. Auch das hat Tradition in der Glücksspielindustrie, wie ein historischer Rückblick15 auf die Glücksspielbranche in Österreich zeigt.  

(Aktualisiert am 13. Oktober aufgrund eines Leserhinweises)

Das hat uns gefehlt:

Wir hätten gerne mehr über die Mechanismen des Glücksspiel, speziell der Automaten herausgefunden. Was bereitet den Spielern ``Vergnügen`` am Spiel, auch trotz Verluste? Nach welchen Prinzipien werden diese Automatenspiele entwickelt? Was sind die erfolgreichsten Produkte und warum? Sie wissen mehr dazu? Dann kontaktieren Sie uns. Wir bieten mehrere – auch vertrauliche – Kontaktmöglichkeiten.

Das Rechercheteam

Rainer Fleckl
Projektleitung

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Christine Grabner
Team Investigative Recherche

Christine Grabner war die letzten 12 Jahre als Redakteurin für das ORF Reportage-Format „Am Schauplatz“ tätig. Ihr Schwerpunkt sind gesellschaftspolitische und investigative Themen.  Davor war sie viele Jahre freiberuflich unter anderem für den ORF „Report“, ATV, Spiegel-TV oder die Berliner Zeitung gearbeitet. Die gebürtige Kärntnerin hat an der Berliner „Freien Universität“ ein Magister-Studium der Publizistik/ Philosophie und Neueren Geschichte abgeschlossen.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Christoph Hanslik
Team Investigative Recherche

Christoph Hanslik war in den vergangenen 17 Jahren als Unternehmer am internationalen Finanzmarkt tätig. Seine Erfahrungen stellte er drei Jahre im Parlament als Fachreferent für die Bereiche Budgetausschuss, Finanzausschuss, ESM-Ausschuss sowie als Teamleiter des HYPO-Untersuchungsausschuss zur Verfügung. Jetzt berät er das investigative Rechercheteam von Addendum.

Johannes Kaiser
Team Experten

Johannes Kaiser studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Neben dem Studium war er in einer Wiener Bankenrechtskanzlei tätig, bevor er ins Parlament wechselte. Dort arbeitete er als Analyst im HYPO-Untersuchungsausschuss und später im Finanz- und Budgetbereich. Addendum ist seine erste Station in der Medienbranche.

Maria Kern
Team Investigative Recherche

Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

Dennis Meyer
Team TV

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Hubertus Schwarz
Team Digital

Hubertus Schwarz ist seit 2007 in der Medienbranche tätig. Seine journalistische Laufbahn startete er beim ZDF-Auslandsstudio Südosteuropa. Über mehrere Stationen als Autor, unter anderem für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ ging es 2015 zurück zum Fernsehen. Zuletzt war er bei ServusTV Redakteur für den „Talk im Hangar-7“.

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