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Spielsucht macht nicht nur Gambler zu Verlierern

Glücksspiel kann ein Spaß sein. Für Spielsüchtige und ihre Angehörigen hört sich der Spaß aber schnell auf. Wie die Bilanz für Staat und Gesellschaft aussieht, ist auf den ersten Blick nicht leicht zu sagen. Darum haben wir einen zweiten Blick riskiert.

10.10.2017

Er spiele, mit einigen Unterbrechungen, seit etwa sechs Jahren. Anfangs habe er 20, 30 Euro verloren, mittlerweile seien es 500 bis 3.000 Euro pro Nacht. Zuletzt habe er binnen drei Monaten 40.000 Euro Schulden angehäuft. „Es tut mir einfach weh. Jeden Tag, wenn ich aufstehe und zu Bett gehe, frage ich mich, warum ich das getan habe.“

Mit dieser Schilderung wandte sich ein 24-jähriger Mann an die Wiener Spielsuchthilfe, die größte ambulante Behandlungseinrichtung für Spielsüchtige in Ostösterreich. Der junge Arbeiter ist ein Prototyp. Verschuldet zu sein, ist die häufigste Folge von krankhaftem Spielverhalten. Zwischen 80 und 90 Prozent der Klienten, die die Wiener Spielsuchthilfe betreut, sind verschuldet (2016: 84 Prozent). An zweiter Stelle stehen Beziehungsprobleme bzw. Trennungen (58 Prozent). 27 Prozent der Personen, die sich im Vorjahr an die Spielsuchthilfe gewandt haben, sind straffällig geworden, jeder Vierte hat seinen Job verloren.

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Eine vergleichbare österreichweite Studie über die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Spielsucht gebe es nicht, sagt Izabela Horodecki, die Leiterin der Wiener Spielsuchthilfe. „Wer ist an Untersuchungen über die Folgen der Spielsucht für die Betroffenen interessiert?“, fragt die Klinische Psychologin und Psychotherapeutin – und meint damit, dass die Politik ja nichts unternehmen müsse, wenn ein Problem nicht er- bzw. bekannt sei. „Wenn ich es nicht erfahre, muss ich nichts entscheiden.“

Zumindest über die Zahl der Spielsüchtigen und ihre bevorzugten Spiele gab es 2011 erstmals eine Status-quo-Erhebung. Die „Österreichische Studie zur Prävention der Glücksspielsucht“ wurde vom Hamburger Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung im Auftrag der ARGE Suchtvorbeugung (finanziert durch die Österreichischen Lotterien) erarbeitet.

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2015 wurde die Studie wiederholt – und kam in beiden Fällen zu dem Schluss, dass in Österreich rund 1,1 Prozent der Bevölkerung (64.000 Personen) glücksspielsüchtig sind. Andere Experten, wie der Suchtforscher Reinhard Haller07, gehen davon aus, dass die Zahl wesentlich größer ist und der Anteil der Spielsüchtigen an der Gesamtbevölkerung bei etwa drei Prozent liegt.

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Wie viel die Spielsüchtigen beitragen

Des einen Leid, des anderen Freud – die Glücksspielkonzerne profitieren naturgemäß von den Verlusten der Spieler, vor allem der Spielsüchtigen. „Aus Studien geht hervor, dass der Umsatzanteil durch Spielsüchtige über alle Spielformen gerechnet (Lotto, Wetten, Poker, Automaten etc.) 30 bis 40 Prozent beträgt. Bei einzelnen Spielformen, wie etwa dem Automatenspiel, ist der Anteil aber noch wesentlich höher. Da beträgt er im Schnitt 60 bis 80 Prozent“, erklärt der deutsche Glücksspielforscher.

Sind diese Zahlen auch auf Österreich übertragbar? Fiedler: „Ich gehe ganz stark davon aus, bislang fehlen mir aber die Daten, um das nachzuweisen.“

Wie hoch der Umsatz-Anteil genau sei, den Spielsüchtige den Glücksspielunternehmen bringen, hängt im Wesentlichen von den gesetzlichen Vorgaben für das Automatenglücksspiel ab. In Frankreich sei etwa das Automatenspiel nur in Casinos erlaubt. Dort habe eine Studie (aus dem Jahr 2015) gezeigt, dass krankhafte Spieler 41 Prozent des Umsatzes beisteuern. In der kanadischen Provinz Québec (Studie aus dem Jahr 2011), wo auch außerhalb von Casinos an Automaten gezockt werden darf, würden Spielsüchtige 76,3 Prozent des Umsatzes liefern.

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„Verfügbarkeit einschränken“

Die Schlussfolgerung des deutschen Wissenschaftlers: „Glücksspielautomaten wurden über Jahrzehnte entwickelt, um das Ertragspotenzial und damit auch das Suchtpotenzial zu maximieren. Außerhalb von Casinos, etwa in Spielhallen oder Gaststätten, haben diese Maschinen daher nichts verloren. Die Verfügbarkeit der Automaten sollte stark eingeschränkt werden.“ Als Vorbildländer nennt er die Schweiz und Norwegen.

Das Automatenglücksspiel komplett zu verbieten, hält Fiedler nicht für sinnvoll, weil das zu mehr illegalen Spiellokalen führen würde, und die Leute auch vermehrt online spielen würden. „Alle würden aber nicht abwandern, und es kämen auch weniger neue Spieler nach, wenn das Automatenglücksspiel nicht überall verfügbar ist. Man erzielt also mit einer strikten Beschränkung der Automaten auf wenige Standorte nicht sofort einen großartigen Effekt, aber auf Dauer würde sich die Situation deutlich bessern.“

In Österreich gibt es laut Finanzministerium derzeit 6.998 legale Spielautomaten – 4.262 davon werden aufgrund einer Landeslizenz („kleines Glücksspiel“) betrieben, der Rest ist aufgrund einer Bundeslizenz aufgestellt und steht in Spielbanken (Casinos: 2.062) bzw. in sogenannten WINWIN-Hallen (674). Einzelaufstellungen (bis zu drei Geräte in Lokalen) gibt es noch in drei Bundesländern (Kärnten, Burgenland, Oberösterreich). In vier Bundesländern ist das „kleine Glücksspiel“ verboten (Wien, Salzburg, Tirol, Vorarlberg). In Niederösterreich und der Steiermark gibt es sogenannte Automatensalons (10 bis 50 Geräte).

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Was Österreich verdient und verliert

Bund und Länder profitieren naturgemäß von den Steuern, die die Glücksspielbetreiber dem Fiskus zukommen lassen müssen. Laut Statistik Austria konnte der Staat 2016 beispielsweise rund 253 Millionen Euro an Konzessionsabgabe und 68 Millionen Euro an Spielbankenabgabe lukrieren. Dazu addiert werden müssen auch etwa noch Erträge aus dem Glücksspielmonopol (248 Millionen Euro), Abgaben aus Landeskonzessionen oder Ertragssteuern von Konzernen. Das größte heimische Glücksspiel-Unternehmen, die Novomatic AG, zahlte unter diesem Titel im Vorjahr 75 Millionen Euro.

Demgegenüber haben die Österreicher 2016 laut Branchenradar (Kreutzer, Fischer & Partner) 1,6 Milliarden Euro verspielt. Ein Großteil davon dürfte – wie geschildert – von Spielsüchtigen stammen, die in der Folge meist Schulden nicht tilgen bzw. Kredite nicht bedienen können, weniger Leistung am Arbeitsplatz erbringen, ihre Jobs verlieren, teils kriminell werden, ärztlich behandelt werden müssen etc. Alles in allem betrachtet, macht Glücksspiel und im Speziellen das Automatenspiel damit nicht nur krankhafte Gambler, sondern auch das Umfeld und die gesamte Gesellschaft zu Verlierern – und nur wenige zu Gewinnern. 

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Das Rechercheteam

Rainer Fleckl
Projektleitung

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Christine Grabner
Team Investigative Recherche

Christine Grabner war die letzten 12 Jahre als Redakteurin für das ORF Reportage-Format „Am Schauplatz“ tätig. Ihr Schwerpunkt sind gesellschaftspolitische und investigative Themen. Davor war sie viele Jahre freiberuflich unter anderem für den ORF „Report“, ATV, Spiegel-TV oder die Berliner Zeitung tätig. Die gebürtige Kärntnerin hat an der Berliner „Freien Universität“ ein Magister-Studium der Publizistik/ Philosophie und Neueren Geschichte abgeschlossen.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Christoph Hanslik
Team Investigative Recherche

Christoph Hanslik war in den vergangenen 17 Jahren als Unternehmer am internationalen Finanzmarkt tätig. Seine Erfahrungen stellte er drei Jahre im Parlament als Fachreferent für die Bereiche Budgetausschuss, Finanzausschuss, ESM-Ausschuss sowie als Teamleiter des HYPO-Untersuchungsausschuss zur Verfügung.

Johannes Kaiser
Team Experten

Johannes Kaiser studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Neben dem Studium war er in einer Wiener Bankenrechtskanzlei tätig, bevor er ins Parlament wechselte. Dort arbeitete er als Analyst im HYPO-Untersuchungsausschuss und später im Finanz- und Budgetbereich. Addendum ist seine erste Station in der Medienbranche.

Maria Kern
Team Investigative Recherche

Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

Dennis Meyer
Team TV

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Hubertus J. Schwarz
Team Digital

Hubertus Schwarz ist seit 2007 in der Medienbranche tätig. Seine journalistische Laufbahn startete er beim ZDF-Auslandsstudio Südosteuropa. Über mehrere Stationen als Autor, unter anderem für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ ging es 2015 zurück zum Fernsehen. Zuletzt war er bei ServusTV Redakteur für den „Talk im Hangar-7“.

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