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Auch Sportwetten können süchtig machen
14. Oktober 2017 Glücksspiel Lesezeit 4 min

Früher habe ich meinen ganzen Lohn in die Automaten geworfen und so mein Leben zerstört“, erzählt Gökhan Aydemir. Jetzt setzt der gelernte Friseur hauptsächlich auf Fußball-Wetten. Fünf- bis sechsmal im Monat zieht es ihn in ein Wettcafé im 20. Wiener Gemeindebezirk. „Es macht aber keinen Spaß, ich denk immer nur, ich muss mein Geld zurückgewinnen, es muss doch endlich einmal das richtige Ergebnis kommen.“ Rund 40.000 Euro Schulden hat Aydemir inzwischen angehäuft.

Spielen in jungen Jahren

An Wett-Terminals kann man auch an einem Abend den gesamten Monatslohn verzocken, obwohl sie weniger schnell süchtig machen als einarmige Banditen. Vor allem Live-Tipps gelten als gefährlich. Deswegen wurden sie in neueren Wetten-Gesetzen zumindest eingeschränkt. Wetten fallen in Österreich nicht unter das Glücksspielgesetz, sondern gelten als „Geschicklichkeitsspiele“. Jedes Bundesland regelt Zugang und Lizenzvergabe in eigenen Gesetzen.

In Wien ist es seit Mai 2016 verboten, auf einzelne Spieldetails wie rote Karten oder Eckbälle zu setzen. Der Gedanke dahinter: Je schneller der Spieler gewinnt oder verliert, desto höher der Kick und daher der Anreiz zu spielen. Trotzdem kann man weiter live auf Zwischen- und Endergebnisse setzen. Besonders beliebt sind sogenannte „Über/Unter-Wetten“. Das heißt, man tippt während eines Matches darauf, ob mehr oder weniger als z.B. zwei Tore fallen. Gökhan Aydemir hat auf diese Weise schon viel Geld verloren: „Ich habe an einem Abend erst 400 Euro gesetzt. Als die weg waren, noch einmal 400. Ich verstehe nicht, warum nicht alle Live-Wetten verboten sind.“

Schon als 14-Jähriger hat Aydemir begonnen, an Automaten zu spielen. In Wien gab es kaum Zugangskontrollen, dementsprechend lasch wurde der Jugendschutz gehandhabt. Seit er am Beginn seiner Spielerkarriere mit 50 Cent Einsatz zehn Euro an einem Spielautomaten gewonnen habe, sei er süchtig, schildert Aydemir.

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Lokalaugenschein im Wiener Prater-Casino

Wettanbieter müssen laut Gesetz dafür sorgen, dass ausschließlich volljährige Personen Räumlichkeiten mit Wett-Terminals betreten und an Wetten teilnehmen können. Die Art der Kontrolle ist allerdings nicht genau definiert. Nur im Verdachtsfall muss nach einem Ausweis gefragt werden.

An Terminals wie etwa im Admiral-Casino im Wiener Prater können ausnahmslos nur Spieler wetten, die sich zuvor ausgewiesen haben. Kein Automat kann ohne vorherige Anmeldung per Fingerabdruck gestartet werden. Bei einem Lokalaugenschein im Wiener Prater-Casino stellen wir allerdings fest, dass es am Eingang keinerlei Kontrollen gibt, auch im Lokal sieht man keine Mitarbeiter. Erst wenn man einen Rufknopf betätigt, erscheint ein Angestellter. Jugendliche könnten so zumindest leicht in die Wetthalle gelangen.

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Bei Admiral Sportwetten GmbH zeigt man sich auf Nachfrage überzeugt, dass der Jugendschutz lückenlos gewährleistet sei und die technischen und personellen Maßnahmen ausreichen würden. Warum weder an der Tür noch in den Räumlichkeiten Mitarbeiter anzutreffen waren, erklärt das nicht.

David Ellensohn, Klubobmann der Wiener Grünen, setzt sich seit vielen Jahren für strenge Wetten- und Spielgesetze ein. In nächster Zeit will er gemeinsam mit Mitarbeitern überprüfen, ob Wettcafé-Betreiber tatsächlich konsequent darauf achten, dass sich keine Personen unter 18 Jahren in den Lokalen aufhalten: „Wettanbieter haben die festgelegten Jugendschutz-Bestimmungen zu 100 Prozent einzuhalten. Sollte das aus Absicht, Schlamperei oder anderen Gründen nicht passieren, ist das zu ahnden.“

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Wetten, dass nur wenige gewinnen: Sportwetten und Sportförderung

Obwohl schon der römische Kaiser Justinian Wetten auf sportliche Wettkämpfe zugelassen haben soll, gilt England als Mutterland der Sportwette. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden dort die ersten Geldwetten auf Pferderennen abgeschlossen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hielten sie auch in Österreich Einzug.

Die populärste aller Sportwetten ist die Fußballwette. Sie verbreitete sich in Österreich vor allem in den Wiener Kaffeehäusern, denn illegales Glücksspiel hat dort Tradition. Seit etwa 1880 konnte man in vielen Ringstraßencafés auf Pferderennen setzen, weshalb diese auch als „Sportcafés“ bekannt waren. So lange, bis in den 1920er Jahren „König Fußball“ die bestimmende Rolle übernahm und vermehrt von „Fußballcafés“ die Rede und das Vorbild des heutigen „Wettcafés“ geboren war.

1949 erhielten die illegalen Wettcafés Konkurrenz: Der Nationalrat genehmigte die Einführung des Fußball-Totos, weil verhindert werden sollte, dass Österreicher das bereits legalisierte Angebot in den Nachbarländern nutzen. Die zusätzlichen Einnahmen wurden größtenteils der Förderung des Breitensports gewidmet, der sich wachsender Beliebtheit erfreute. Der Name Toto leitet sich von Totalisator ab, der Bezeichnung für die Wettannahmestellen auf Pferderennbahnen. Die ersten Toto-Annahmestellen wurden in Kaffeehäusern eingerichtet. Am häufigsten waren sie später jedoch in Trafiken zu finden.

Ein Teil der Bevölkerung spielte Toto als reines Glücksspiel, ohne sich dabei mit den Spielpaarungen zu beschäftigen. Folglich war es wenig überraschend, dass mit der Einführung des Lotto „6 aus 45“ ein Einbruch der Toto-Umsätze verbunden war. Die „besondere Sportförderung“ genannte Förderungsmaßnahme aus dem Toto musste man daher neu regeln. 1986 wurde dazu ein indexgesicherter Betrag von 311 Millionen Schilling (22,6 Millionen Euro) aus Toto und Lotto für die besondere Sportförderung festgelegt. Dieser Betrag wurde schrittweise auf mittlerweile 80 Millionen Euro erhöht.

Die „besondere Sportförderung“ (mittlerweile „Verbandsförderung“ genannt) steht immer wieder in der Kritik von Rechnungshof und Opposition. Beispielsweise wird die Sonderstellung des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) angeprangert, der von allen Fachverbänden die meisten Förderungen bezieht (von 1949 bis 2000 etwa ein Drittel der rund 625 Millionen Euro an ausgezahlten Fördermitteln). Kritiker bemängeln zudem, dass Kontrollrechte durch die Zwischenschaltung der parteinahen Sportdachverbände bei der Mittelverteilung eingeschränkt sind.

Per 1. Jänner 2018 wird die Sportförderung reformiert, wodurch die Vergabe in der Bundes-Sport GmbH gebündelt und die Abrechnung der Förderungen vereinfacht werden soll. Auch diese Reform wurde von heftiger Kritik der Opposition und des Rechnungshofs begleitet.

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