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Zocken im Hinterzimmer

Glücksspiel ist in Österreich dem Staat sowie Konzessionären vorbehalten, die über eine Lizenz in den Bundesländern verfügen. Knapp 7.000 Automaten dürfen derzeit legal betrieben werden. Tatsächlich ist das Angebot wesentlich größer, weil kriminelle Organisationen daraus hohe Einnahmen lukrieren. Finanzpolizei und Bundeskriminalamt versuchen, das illegale Treiben einzudämmen.

11.10.2017

Seit 1. Jänner 2015 sollte es in Wien keine einarmigen Banditen außerhalb des Casinos geben. Die Automaten-Walzen sollten sich also nur noch in der Kärntner Straße 41 in der Wiener Innenstadt drehen. So will es zumindest das Gesetz. Es halten sich aber bei Weitem nicht alle ans Gesetz, weil das Geschäft mit den blinkenden und klingelnden Geräten so lukrativ ist. „Das ist wie eine Gelddruckmaschine. Sie können in dem Bereich kaum etwas falsch machen“, stellt auch Wilfried Lehner, der Leiter der Finanzpolizei, nüchtern fest. Er ist Chef jener Beamten, die das illegale Glücksspiel bekämpfen.

Scheinfirmen im Ausland als Betreiber

Mehr als 1.900 Glücksspielapparate haben die Finanzpolizisten heuer bei ihren 748 Kontrolleinsätzen (Jänner bis Mitte August) schon konfisziert und 31 Millionen Euro an Geldstrafen beantragt. Das bedeutet aber längst nicht, dass diese Summe auch eingetrieben werden kann. Die Aufsteller und Betreiber der Maschinen machen der Finanz die Arbeit schwer: Der Sitz ihrer Scheinfirmen befindet sich meist im Ausland, zum Beispiel in der Slowakei.

Andreas Holzer, der Leiter des Büros für Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt, erklärt, man wisse aus Analysen von nationalen und internationalen Ermittlungen, dass „die Hinterleute, die die Errichtung und den Betrieb von illegalen Glücksspiellokalen organisieren, eindeutig der organisierten Kriminalität zuzurechnen sind. Es werden verschiedenste Firmenkonstrukte zur Verschleierung der tatsächlichen Eigentümer betrieben und Strohleute vorgeschoben. Der tatsächliche Gewinn fließt eindeutig der organisierten Kriminalität zu.“

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Andreas Holzer vom Bundeskriminalamt untersucht die organisierte Kriminalität im Glücksspiel.

Die Tätergruppen würden nicht nur dem illegalen Automatenspiel, sondern auch anderen widerrechtlichen Geschäften nachgehen, beispielsweise im Rotlichtmilieu. Im Drogen- und im Menschenhandel seien sie ebenfalls tätig. „Zum Schutz der illegalen Spiellokale sind Ressourcen notwendig, die solche Gruppen bieten können. Da hier sehr hohe Gewinne zu erzielen sind, wird versucht, Neueinsteiger zu vertreiben, was zum Teil zu Gebietskämpfen führt. Auch hier ist es für die Betreiber wichtig, entsprechenden Schutz der Lokale gewährleisten zu können. Es sind österreichische Täter, türkische und für den Bereich von Schutzgeldern auch tschetschenische Gruppen aktiv“, erläutert Holzer.

Die Finanzbeamten rücken zu ihren Kontrollen meist mit Polizei und Atemschutzgeräten aus, was für Beobachter martialisch anmutet. „Das Vorgehen ist gerechtfertigt und im Glücksspielgesetz auch vorgesehen“, sagt Holzer. Schließlich sei man häufig mit heftiger Gegenwehr konfrontiert: „Reizgaseinleitung über Nebelmaschinen, Stromabschaltungen bis zur Löschung von Software auf den Automaten bei einem Zugriff sind ein eindeutiger Hinweis auf Aktivitäten der organisierten Kriminalität. Hier müssen die Behörden entsprechend professionell agieren können.“

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Razzia in Wien-Favoriten am 24. September 2017

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Illegale Gambling-Angebote in Hinterzimmern gibt es aber nicht nur in Wien. „In Westösterreich ist Vorarlberg sehr stark betroffen, hier finden aber auch die stärksten polizeilichen Anstrengungen statt, die bereits Erfolge zeigen. Illegales Glücksspiel wird jedoch in ganz Österreich betrieben“, berichtet Holzer. Im Fokus stehen freilich die Städte, sagt Finanzpolizist Lehner im Addendum-Interview09. 

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11.10.2017

Das Rechercheteam

Rainer Fleckl
Projektleitung

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Christine Grabner
Team Investigative Recherche

Christine Grabner war die letzten 12 Jahre als Redakteurin für das ORF Reportage-Format „Am Schauplatz“ tätig. Ihr Schwerpunkt sind gesellschaftspolitische und investigative Themen. Davor war sie viele Jahre freiberuflich unter anderem für den ORF „Report“, ATV, Spiegel-TV oder die Berliner Zeitung tätig. Die gebürtige Kärntnerin hat an der Berliner „Freien Universität“ ein Magister-Studium der Publizistik/ Philosophie und Neueren Geschichte abgeschlossen.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

Christoph Hanslik
Team Investigative Recherche

Christoph Hanslik war in den vergangenen 17 Jahren als Unternehmer am internationalen Finanzmarkt tätig. Seine Erfahrungen stellte er drei Jahre im Parlament als Fachreferent für die Bereiche Budgetausschuss, Finanzausschuss, ESM-Ausschuss sowie als Teamleiter des HYPO-Untersuchungsausschuss zur Verfügung.

Johannes Kaiser
Team Experten

Johannes Kaiser studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Neben dem Studium war er in einer Wiener Bankenrechtskanzlei tätig, bevor er ins Parlament wechselte. Dort arbeitete er als Analyst im HYPO-Untersuchungsausschuss und später im Finanz- und Budgetbereich. Addendum ist seine erste Station in der Medienbranche.

Maria Kern
Team Investigative Recherche

Maria Kern war in den vergangenen zehn Jahren Innenpolitik-Redakteurin des „Kurier“. Zuvor war sie im EU-Ressort und in der Chronik-Redaktion der Tageszeitung tätig. Die Publizistik- und Politikwissenschaftsabsolventin der Uni Wien sieht es als ihre Aufgabe an, Bürgern komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären und auch aufzuzeigen, was im Land schiefläuft.

Dennis Meyer
Team TV

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Hubertus J. Schwarz
Team Digital

Hubertus Schwarz ist seit 2007 in der Medienbranche tätig. Seine journalistische Laufbahn startete er beim ZDF-Auslandsstudio Südosteuropa. Über mehrere Stationen als Autor, unter anderem für den „Spiegel“ und „Die Zeit“ ging es 2015 zurück zum Fernsehen. Zuletzt war er bei ServusTV Redakteur für den „Talk im Hangar-7“.

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