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Der lange Weg vom Opfer­mythos zur Verant­wortung
7. Mai 2020 KZ Gusen Lesezeit 2 min
Es sollte über 40 Jahre dauern, bis Österreich mit der Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit beginnt. Erst Mitte der 1980er Jahre setzt die Erosion des Opfermythos ein, der These von Österreich als Opfer des Hitler-Regimes. Erst nach einigen Skandalen, Protesten und Staatsaffären bekannte sich Österreich schließlich zu seinen Taten und Verbrechen.
Dieser Artikel gehört zum Projekt KZ Gusen und ist Teil 8 einer 9-teiligen Recherche.
Bild: Montage | Addendum

Es war ein langer Weg bis sich Österreich zu den von Österreichern begangenen Taten im Nationalsozialismus bekannte. Die Auseinandersetzung mit der eigenen dunklen Geschichte begann erst rund 40 Jahre nach Kriegsende. Während der Erste Weltkrieg nach seinem Ende von der Bevölkerung und in Medien ausführlich diskutiert und besprochen wurde, war das 1945 nicht der Fall. 1,2 Millionen Männer dienten im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht und fast 700.000 Österreicher waren Mitglieder der NSDAP. Anhänger wie Gegner der Nationalsozialisten waren nicht selten miteinander verwandt, bekannt oder beruflich verbandelt. Fragen nach der moralischen Verantwortung wandten sich somit an so gut wie jeden.

So bot die Moskauer Deklaration eine willkommene Auflage für Österreichs Identität der nächsten Jahrzehnte. Darin kamen die alliierten Außenminister 1943 überein, „dass Österreich das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist, von der deutschen Herrschaft befreit werden muss.“ Und auch in die Unabhängigkeitserklärung der provisorischen Staatsregierung wurde 1945 geschrieben, dass Hitlers Reichsregierung das österreichische Volk in einen Krieg geführt hat, „den kein Österreicher jemals gewollt hat“. Aufbauend darauf, bildete sich ein Opfermythos, der die Identität des Staates und der Bevölkerung bis in die 1980er mitprägte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es zu Entnazifizierungsmaßnahmen, doch schon 1946 setzte eine lange Phase der Reintegration von Nationalsozialisten und eine Dominanz der Kriegsgeneration ein. Ende der 1940er setzte ein Buhlen aller Parteien um die ehemaligen Nationalsozialisten ein, Maßnahmen zur Strafverfolgung waren dadurch politisch nicht mehr opportun. Bis in die 1970er Jahre war Österreichs Mittäterschaft im Zweiten Weltkrieg weitgehend tabuisiert.

Ab Mitte der 1980er Jahren kam es, auf internationalen Druck hin und im Zuge der Waldheim-Affäre, zu zunehmend kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die passierte ausführlich in den 1990ern. Neue Rückgabegesetze und Reparationszahlungen wurden beschlossen und alle Opfer des Nationalsozialismus schließlich anerkannt. 

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