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Das Todeslager für die polnische Intelligenz
5. Mai 2020 KZ Gusen Lesezeit 5 min
Mehr als 13.000 Polen haben im KZ Gusen ihr Leben gelassen. Damit sind sie die mit Abstand größte Opfergruppe. Die schleppende Aufarbeitung durch das offizielle Österreich bewertet die polnische Botschafterin als „Schwäche der österreichischen Gedenkpolitik“.
Dieser Artikel gehört zum Projekt KZ Gusen und ist Teil 4 einer 9-teiligen Recherche.
Bild: Montage | Addendum

Als der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki im Dezember 2019 davon sprach, die „Überreste“ des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen aufkaufen zu wollen, sorgte das international für Aufsehen. Auch in Österreich. Er hätte wohl keinen symbolischeren Ort für seine Aussage wählen können als das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau – heute unumstrittenes Symbol für die systematische Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten.

Das „Polenlager“

Blickt man auf die Opferkarte von Gusen, lässt sich das polnische Interesse nachvollziehen. Ein Gutteil der mehr als 35.000 hier verstorbenen Menschen sind Polen. Das KZ – wegen seiner vielen polnischen Gefangenen auch „Polenlager“ genannt – war neben dem Stammlager Mauthausen das einzige Lager im großdeutschen Reich der „Lagerstufe III“. Für die insgesamt über 71.000 registrierten Häftlinge bedeutete das: „Vernichtung durch Arbeit“ in den umliegenden Steinbrüchen und unterirdischen Stollenanlagen.

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Deutliche Diskrepanz bei Forschung

Häftlinge mindestens 27 unterschiedlicher Nationalitäten wurden nach Gusen deportiert. Den größten Anteil hatten über all die Jahre Häftlinge aus Polen, von denen schon bald nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht im September 1939 Tausende nach Gusen deportiert wurden. Immer wieder gab es große Häftlingstransporte von Auschwitz direkt nach Gusen, etwa nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1944.

Heinrich Himmler soll hier die Vernichtung der „polnischen Intelligenz“ beauftragt haben. Diese Anordnung wurde gründlich durchgeführt, mehr als 13.000 Polen haben das Lager laut österreichischer Forschung nicht überlebt.

Eine vollständige Auflistung der Opferzahlen bezüglich ihrer Herkunftsländer gibt es laut Auskunft der KZ Gedenkstätte Mauthausen, die mit der Beforschung des KZ-Systems beauftragt ist, bisher nicht. Nach polnischer Forschung ist die Opferzahl von Gusen jedenfalls deutlich höher: mindestens 44.000 Menschen sollen in den Gusener Lagern gestorben sein, davon 27.821 Polen – so steht es auch auf einer Gedenktafel in der Gedenkstätte. (Die deutliche Diskrepanz der Opferzahlen ergibt sich aus unterschiedlichen definitorischen Grundlagen.)

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Jolanta Róża Kozłowska
Polnische Botschafterin in Wien

Gusen als „zweites Katyn“

Während hierzulande das Verdrängen der Geschichte von Gusen schon bald zu dessen Vergessen führte , fand das Lager im kollektiven Gedächtnis der Polen einen festen Ort. Dort gilt es als Symbol des polnischen Widerstands gegen das NS-Regime. Es sei bis heute ein wichtiger Ort im historischen Bewusstsein der Polen, erklärt die polnische Botschafterin in Wien, Jolanta Róża Kozłowska: „Zigtausende Polen wurden hier vor über 75 Jahren ermordet“, weshalb es für die Republik Polen so wichtig sei, dass hier ein würdiger Erinnerungsort geschaffen werde.

„Dieser Ort ist für uns ein zweites Katyn“, macht die Botschafterin die Bedeutung von Gusen deutlich. Damit spricht sie jenes Massaker an, das heute tief verankert ist in der polnischen Identität. Im Frühjahr 1940 erschoss der sowjetische Geheimdienst NKWD in einem Wald bei Katyn tausende gefangene Polen, großteils Offiziere. Die Sowjetunion unter Stalin leugnete ihre Verantwortung und lastete die Massenerschießungen dem NS-Regime an. Bis 1990 hielt sie dieser Geschichtsfälschung fest. „In Katyn wurde die militärische Intelligenz ermordet, in Gusen die zivile Intelligenz – Wissenschaftler, Lehrer, Priester und Beamte“, erzählt Kozłowska. Versteht man die Bedeutung dieses Ortes für die Polen, lässt sich auch das Interesse der polnischen Regierung am Ankauf der noch erhaltenen Liegenschaften nachvollziehen.

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Botschafterin sieht „Schwäche der österreichischen Gedenkpolitik“

Die Aussage des Ministerpräsidenten, die Überreste des Lagers aufzukaufen, sei in erster Linie als Signal an das offizielle Österreich zu verstehen, erklärt die polnische Botschafterin: „Es ist höchste Zeit, dass Gusen endlich in einen Ort verwandelt wird, der dem Gedenken an das frühere Vernichtungslager würdig wird.“

In der polnischen Literatur wird Gusen seit vielen Jahren als Zwillingslager von Mauthausen beschrieben – „nicht als bloßes Nebenlager“, erzählt die Botschafterin. „Man fragt sich, warum es in Österreich noch immer nur Lagersystem Mauthausen heißt. Gusen gehört da einfach dazu.“ Tatsächlich sprechen auch hierzulande inzwischen die meisten Historiker von einem Doppellager-System Mauthausen-Gusen.

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„Beschämender“ Umgang mit KZ Gusen

Auch andere Länder und Opferverbände kritisieren den Umgang Österreichs mit dem ehemaligen KZ Gusen als zu nachlässig. Aus Kreisen des internationalen Mauthausen-Beirats ist von einem „beschämenden“ Umgang Österreichs mit den Überresten von Gusen zu hören. Daran zeige sich die Schwäche der österreichischen Gedenkpolitik , wird Botschafterin Kozłowska deutlich.

„Österreich war eben nicht nur Opfer des Nationalsozialismus, sondern trägt eine Mitverantwortung für seine Geschichte. Wir erwarten uns, und das sage ich auch im Namen anderer Opfernationen, dass die Republik Österreich ihrer Verantwortung in dieser Sache endlich nachkommt. Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung erwarten wir uns ein Zeichen.“

Ein deutliches politisches Zeichen setzte die türkis-grüne Regierung bereits zu Jahresbeginn, indem sie den Ankauf der besagten Überreste des Lagers und die Entwicklung einer neuen Gedenkstätte im Regierungsprogramm festhielt. Grundlage dafür soll eine bereits 2018 in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie sein. Dass diese Gründe heute überhaupt zum Verkauf stehen, geht wiederum auf eine polnische Initiative zurück, die bei einem der Grundbesitzer vor wenigen Jahren eine Verkaufsbereitschaft erwirken konnte.

Bei einem Gedenkakt anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau äußerte Bundespräsident Alexander Van der Bellen gegenüber seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda Verständnis für das polnische Interesse an Gusen. Dabei deutete er an, dass „die österreichische Seite ein bisschen Tempo“ machen werde in dieser Angelegenheit. Duda habe sich daraufhin bedankt, dass sich Österreich der Neugestaltung der Gedenkstätte annehmen werde, so Van der Bellen.

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Nationalistische polnische Geschichtsschreibung

Geschichtspolitik zu betreiben, sei eine der wichtigsten Tätigkeiten eines Präsidenten, verkündete der damals frisch gewählte polnische Präsident 2015 und verdeutlichte damit, welch hohe Priorität der „richtige“ Umgang mit der Vergangenheit für sein Land habe. Drei Jahre später trat in Polen ein international viel kritisiertes neues „Holocaust-Gesetz“ in Kraft, wodurch jede Beteiligung Polens an der Ermordung von Juden kategorisch abgestritten wurde.

Das prägende Narrativ für die Geschichtsschreibung unter der rechtskonservativen PiS ist die Erzählung vom heldenhaft leidenden polnischen Volk, das im Laufe der Geschichte immer wieder in seiner Existenz bedroht gewesen sei. Dieses Narrativ zeige sich auch am Beispiel von Gusen, sagen Kritiker und warnen vor einer möglichen Instrumentalisierung. Die polnische Regierung verfolge eine Strategie, „die ausschließlich einer polnisch-nationalistischen Geschichtsschreibung dienen soll“, sagte Barbara Glück, Leiterin der KZ Gedenkstätte Mauthausen, 2017 gegenüber dem Standard. Heute relativiert sie ihre Kritik von damals – man habe eine gute Gesprächsbasis zueinander und arbeite gemeinsam an einer guten Lösung für eine neue Gedenkstätte in Gusen.

Ob und inwiefern das offizielle Österreich seiner historisch gewachsenen Verantwortung nachkommt, wird sich am weiteren Umgang mit dem ehemaligen KZ Gusen zeigen. Die polnische Botschafterin jedenfalls betont, dass Polen die Entwicklungen dort auch weiterhin sehr genau beobachten werde. 

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