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Wie Katzen weltweit zum Problem wurden

Die australische Regierung schätzt die Überpopulation an Katzen als schlimmere Bedrohung als die Klimakrise ein. In den USA wurden bereits „Cat Wars“ ausgerufen. Auch in unseren Breiten bedrohen die gnadenlos-herzigen Raubtiere die Tierwelt – sofern ihre Besitzer sie nach draußen lassen.

27.05.2018
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Wäre Felis silvestris catus vom Aussterben bedroht, das herzige Tier wäre das ideale Maskottchen für die Artenschutz-Banner der Umweltbewegten: große Augen, Stupsnase und Kindchenschema selbst im fortgeschrittenen Alter; anschmiegsam, mit eigenem Willen, und dann auch noch unglaublich nützlich, weil Vorräte schützend und die eine oder andere Maus oder Ratte vertilgend. Da bleibt selbst der plumpe Panda vergleichsweise seltsam unnahbar.

Doch die Hauskatze ist zwar ein Sympathieträger ohnegleichen, aber alles andere als in ihrer Existenz gefährdet. Eher wird das perfekte Raubtier selbst zum Problem. Denn neben seiner nützlichen Eigenschaft als Schädlingsbekämpfer weist es auch eine andere, mancherorts für die Tierwelt fatale Eigenschaft auf: Die Katze macht vor nichts halt und greift sich als Beute, was auch immer kleiner ist als sie selbst. Ihr gnadenloser Jagdtrieb lässt sie auch dann töten, wenn sie als Haustier gut im Futter steht und der Hunger eigentlich gestillt ist. Nicht nur Singvögel oder das auf dem Boden brütende Rebhuhn sind gefährdet. Ob Frosch oder junger Feldhase, Libelle, Siebenschläfer oder Haselmaus – nichts ist vor ihren scharfen Krallen und ihrem Miniatur-Tigergebiss sicher.

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Katzen auf Inseln

Dabei begann der weltweite Siegeszug der Katze recht spät, erst in der Neuzeit. Nachdem man die Katze im Mittelalter noch als heidnisches Fruchtbarkeitssymbol bekämpft, gefürchtet und teils grausam verbrannt hatte, ging es dann recht schnell: Wie die Ratte drang die Hauskatze im Fahrwasser der menschlichen Besiedelung bis in die entlegensten Winkel und Inselwelten vor. Die europäischen Kolonialisten hatten sie auf ihren Schiffen dabei, um die Fracht vor den schädlichen Nagern zu schützen. Oft konnte eine Schiffsladung überhaupt nur dann versichert werden, wenn nachweislich mindestens eine Katze an Bord war.

Vor allem auf Inseln hatte das Auftauchen der Katze verheerende Auswirkungen: Einerseits reichen theoretisch schon eine einzige Katze und ein einziger Kater, um binnen vier Jahren mit ihren Kindern und Kindeskindern bis zu 20.000 Nachkommen zu zeugen. Andererseits gelten isolierte Inseln – spätestens seit Darwin auf Galapagos seine Finken beobachtet hat – gewissermaßen als Brutstätten der Evolution und Artenvielfalt.

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In Abwesenheit von Raubtieren konnte sich – etwa in Neuseeland und auf seinen vorgelagerten Inseln – eine einzigartige Vogelwelt entwickeln. Perfekt auf ein Leben am Boden oder in den Büschen angepasst, brüten die Vögel oft auch im ebenen Dickicht. Fallen ihre Eier dort nicht bereits Ratten oder den ebenfalls eingeschleppten Frettchen zum Opfer, dann werden auch ausgewachsene Tiere leicht zum Katzenfutter. Nicht zuletzt, weil viele Vögel ohne die entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit zu fliehen ganz flugunfähig geworden (oder geblieben) sind. Berühmtestes Beispiel: der Kiwi, das nachtaktive Wappentier Neuseelands. Es ist in allen seinen Unterarten gefährdet.

Addendum Cats
Katzen
Inspiriert durch „Cats with no owners“ von Universcience / Grafibus

Die Katze, die eine Art ausrottete

In die Lehrbücher hat es Tibbles, die Katze eines Leuchtturmwärters, geschafft, die 1894 zum Zeitvertreib auf die sonst unbewohnte Stephens Island (vor Neuseeland) mitgenommen wurde. Der Überlieferung folgend hat Tibbles allein binnen eines einzigen Jahres sämtliche Stephenschlüpfer getötet und damit eine ganze Art ausgerottet. Auch wenn mittlerweile umstritten ist, ob nicht auch verwilderte Katzen auf den Stephens Island waren und die Raubtiere der Art gemeinsam den Garaus gemacht haben: Dass es Hauskatzen waren, die den flugunfähigen Vogel auf dem Gewissen haben, gilt als gesichert. Was wir heute wissen: Vor den Europäern hatten bereits die Maori – mit der Pazifischen Ratte im Gepäck – dafür gesorgt, dass der Stephenschlüpfer von den beiden Hauptinseln Neuseelands verschwand.

Heute gehen die neuseeländischen Behörden gewissermaßen den umgekehrten Weg. In ihrem Kampf gegen eingeschleppte Räuber wollen sie die Inselnation bis 2050 weitestgehend frei von Raubtieren bekommen. Nach dem Erfolg des „Million Dollar Mouse Project“, für das genügend Geld gesammelt werden konnte, um die subantarktische Inselgruppe der Antipodes Islands gänzlich von Mäusen zu befreien, soll sich nun die ganze Bevölkerung an der Kampagne #PredatorFreeNZ beteiligen. Bereits bevor die Raubtiere im ganzen Land beseitigt werden, hat man einzelne Inseln von ihnen befreit – als Reservate für besonders bedrohte Tiere.

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Mehr Katzen als Menschen

Katzen sind in Neuseeland nach wie vor ein großes Problem. Das Dilemma: Gemessen an der Gesamtbevölkerung gibt es nirgendwo auf der Welt so viele Katzen und Katzenhalter wie in Neuseeland – womit das Thema besonders brisant und heikel ist. Spezielle Strategie im Umgang mit Katzen gibt es noch keine, gesteht Jessi Morgan, Sprecherin des Predator Free NZ Trust. Nachsatz: „Obwohl es sich bei Katzen in Neuseeland um die Spitze der Nahrungskette handelt, die wir wohl kontrollieren müssen, damit all unsere Anstrengungen und Bemühungen auch wirklich von Nutzen sind.“ Früher oder später werde es wohl einen nationalen Katzen-Management-Plan geben, vielleicht Zonen, in denen gar keine Katzen gehalten werden dürfen. Vorerst gilt die gemeinsame Anstrengung des Predator Free NZ dem Kampf gegen Ratte, Maus, Wiesel und Frettchen. Dafür dass Hauskatzen, die regelmäßig Auslauf haben – sogenannte Freigängerkatzen – allerdings ein Problem darstellen, möchte man aber das Bewusstsein erhöhen.

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Kritik tabu

Was auf Inselwelten immer schon ein Problem war, wird es mittlerweile auch in anderen Weltgegenden, auf ganzen Kontinenten. Nicht zuletzt weil die Weltbevölkerung zunimmt und immer mehr Fläche landwirtschaftlich genutzt wird, oft in Form von weitläufigen Monokulturen. So werden auch die artenreichen Landstriche, die sich ganzjährig durch biologische Vielfalt auszeichnen, immer weniger – und zusehends selbst zu isolierten „Inseln“. Mit geschätzt 600 Millionen Hauskatzen tritt Felis silvestris catus gleichzeitig mittlerweile fast überall auf der Welt in einer für das verbliebene natürliche Gleichgewicht ungesunden Überpopulation auf.

Weil die Katze aber ein öffentlichkeitswirksamer Sympathieträger ist, bleibt die Gefahr, die von den Katzen ausgeht, bislang weitgehend tabuisiert. Auch in Österreich ist die Katze das beliebteste Haustier. Und mit den Besitzern von geschätzt 1,6 Millionen Hauskatzen möchte sich niemand anlegen. (Genaue Zahlen gibt es nicht, weil lediglich Zuchtkatzen behördlich gemeldet werden müssen.) Zumal Haustiere oft als Familienersatz gehalten werden und ihre Halter Kritik als persönlichen Angriff auffassen. Die amerikanische Wildlife-Journalistin Abigail Tucker – selbst eine „crazy cat lady“, aber als Journalistin zu professioneller Distanz fähig – schildert in ihrem Buch „The Lion in the Living Room“ (in deutscher Übersetzung: „Der Tiger in der guten Stube“, 2017) eindrucksvoll, wie die Katzenlobby in den USA Druck auf Lokalpolitiker ausübt und beispielsweise verhindert, dass Kolonien von verwilderten Hauskatzen wirkungsvoll verkleinert werden.

Auch Peter P. Marra, Leiter des Smithsonian Migratory Bird Center hat diese „Cat Wars“ jüngst in einem viel beachteten Buch beschrieben. Als Zugvogelforscher fühlt er selbst sich in dieser Konfrontation tendenziell der Vogelwelt verpflichtet. Zumal jede Katze nicht nur täglich 60 Gramm Fleisch brauche, sondern die durchschnittliche amerikanische Freigängerkatze jede Woche zwei Tiere töte. Die herrenlosen Streunerkatzen würden – laut einem Artikel im renommierten wissenschaftlichen Journal Nature – sogar dreimal so viele Tiere töten.

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Katzen erobern Australien

Das aktuell größte Problem stellen verwilderte Hauskatzen in Australien dar. Die ursprünglich auf 20 Millionen Tiere geschätzte Katzenpopulation umfasst dort zwar wahrscheinlich doch nur zwischen 2,1 und 6,3 Millionen Katzen, doch diese haben mittlerweile 99,8 Prozent der Landesfläche erobert und bedrohen akut an die hundert ausschließlich auf dem Kontinent vorkommende Arten. 2015 wurde der damalige Umweltminister Greg Hunt für seinen Vorstoß, zwei Millionen dieser „feral cats“ zum Wohle der Biodiversität zu töten, zwar massiv kritisiert (u.a. von Tierrechtsaktivistin Brigitte Bardot und dem Sänger und Vegan-Propagandisten Morrissey). Doch eine Langzeitstudie der University of Sidney zeigt, dass Hunts Vorhaben durchaus gerechtfertigt war: Sie stuft verwilderte Katzen (gemeinsam mit den ebenfalls eingeschleppten Füchsen) als für die lokale Fauna – und damit auch Flora – bedrohlicher ein als die weltweite Klimakrise. Wie sich allerdings die Katzen, die einst im 18. Jahrhundert angesiedelt wurden, auch um die bereits zur Plage gewordenen Kaninchen zu reduzieren, im australischen Hinterland nachhaltig bekämpfen lassen, darüber herrscht Uneinigkeit. Dutzende GPS-besenderte Katzen sollen erst einmal zeigen, wie sich das Leben der einst zahmen Raubtiere im Busch gestaltet.

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Folgen für die Biodiversität

Auch wenn sich die eigentümliche Tierwelt Australiens und Ozeaniens schwer mit jener Europas vergleichen lässt: Ohne Folgen bleibt die „Massentigerhaltung“ auch in der Alten Welt nicht. Denn wo die intensive Landwirtschaft ganze Landstriche zur artenarmen Wüste verdorren lässt, kommt den verbliebenen „Inseln der Biodiversität“ besondere Bedeutung zu. Ein anschaulicher Beleg für die Katzenüberpopulation ist ein hypothetisches Gedankenexperiment von Christian Uebl, dem Direktor des Nationalparks Thayatal, in dessen Waldgebieten die wilde Verwandte unserer Hauskatze, die Wildkatze (Felis silvestris silvestris) anzutreffen ist: Wäre das heutige Gebiet der Stadt Wien wie ehedem bewaldet und menschenleer, dann würden sich in den von Lichtungen unterbrochenen Beständen aus Eichen und Hainbuchen die Reviere von 138 weiblichen Wildkatzen mit jenen von 42 männlichen Kudern überlappen. Das heißt: Ganz Wien böte als natürlicher Lebensraum genügend Platz für 180 Wildkatzen. Tatsächlich rechnet der Streunerkatzenbeauftragte der Stadt Wien mit 250.000 Hauskatzen – plus ein paar tausend verwildert lebende Tiere. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Tiere am Stadtrand, in den Vororten oder den eher suburbanen Gegenden als Freigängerkatzen die Wohnung verlassen darf: Dieses Missverhältnis zeigt, wie sehr potenzielle Beutetiere unter Druck stehen.

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Katzen an der Leine

Dabei haben Wildökologen, Vogelforscher und auch die Jägerschaft für unsere Breiten eine relativ einfache Lösung für das ökologische Dilemma Hauskatze parat: Die Katze soll einfach im Haus bleiben. In Kanada propagiert die Initiative „Cats and Birds“, die 2017 vom kanadischen Naturkundemuseum als wegweisend ausgezeichnet, bereits seit Jahren das konsequente Indoor-Katzendasein – zum Schutz bedrohter Vögel, gleichzeitig aber auch zum Wohl der Katzen, die drinnen vor Auto, Fuchs oder Verletzungen durch Artgenossen sicher sind. Vorgeschlagen wird auch, was bei Katzen (noch) als exzentrisch erscheint, bei Hunden mittlerweile aber völlig normal geworden ist: dass es Ausgang nur noch an der Leine gibt sowie in einem eigenen „Catio“-Katzengehege, vergleichbar mit Vogel-Volieren. Oder aber im Garten, der mittels eigenem Katzenzaun rundum ausbruchssicher gestaltet worden ist.

Zumindest eine Vogelart dürfte allerdings sogar von der Massentigerhaltung profitieren: Christina Nagl, Eulenforscherin im Nationalpark Donau-Auen, hat beobachtet, dass sich mancherorts bereits Uhus auf Hauskatzen als Beute spezialisiert haben. Für verantwortungsvolle Katzenhalter kein schlechtes Argument, den Liebling zumindest in der Dämmerung und nachts besser im Haus zu behalten. 

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Das Rechercheteam

Thomas Weber
Gastautor

Thomas Weber ist Gründer und Herausgeber von BIORAMA (Magazin für nachhaltigen Lebensstil), Buchautor (zuletzt: „100 Punkte Tag für Tag. Miethühner, Guerilla Grafting und weitere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt“, 2016) und Herausgeber der Buchreihe „Leben auf Sicht“.

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