loading...
Bild: Valentin Weinhäupl | Addendum
Arznei von Gesetzes wegen
7. März 2018 Homöopathie Lesezeit 4 min
Die Gerichte beurteilen Homöopathie unterschiedlich, aber meist entlang finanzieller Interessen des Staates. Der Gesetzgeber hingegen privilegiert Homöopathika, sei es über die Umsatzsteuer oder durch die Tatsache, dass ihre Wirkung nicht bewiesen werden muss.

Wie viele Homöopathika in Österreich verkauft werden, ist nicht öffentlich bekannt. Jeder Zweite, so zeigt eine von der Industrie beauftragte Umfrage, hat schon einmal homöopathische Arzneimittel konsumiert.

Dass man überhaupt von Arzneimitteln spricht, verdanken die Hersteller dem Gesetzgeber. Würde man die allgemeinen Regeln anwenden, könnte kein einziges Homöopathikum zugelassen werden.

Keine Zahlen

In Deutschland gingen die Absätze für homöopathische Arzneimittel zuletzt zurück. Zwar übermitteln auch hierzulande Ärzte, Spitäler und Apotheken ihre Verkaufs- und Abgabezahlen an das international tätige Datenunternehmen IQVIA, dieses kann aber nach eigenen Angaben keine genauen Informationen für Österreich zur Verfügung stellen. Klar ist, dass einige Gebietskrankenkassen die Kosten für Homöopathika erstatten, während in Großbritannien nach einer parlamentarischen Untersuchung wieder davon Abstand genommen wurde.

Für die anhaltende breite Akzeptanz der Behandlungsmethode ist wohl auch ihre rechtliche Stellung mitverantwortlich. Obwohl es keine Beweise für ihre Wirksamkeit gibt, wird sie behandelt, als wäre es so. Die Europäische Arzneimittelrichtlinie erkennt Homöopathika ebenso als Medikamente an wie das österreichische Arzneimittelgesetz. Die Produkte profitieren zudem vom reduzierten Umsatzsteuersatz.

0
Kommentare
Kommentieren

Der Arzt als Unwissenschaftler

Anders als in Deutschland, wo auch Heilpraktiker als Homöopathen ordinieren, ist die Homöopathie in Österreich den Ärzten vorbehalten. Der im Nachbarland anerkannte Beruf des Heilpraktikers darf in Österreich überhaupt nicht ausgeübt werden. Wer es dennoch tut, macht sich der Kurpfuscherei strafbar.

Zwischen Arztberuf und Homöopathie schwebt allerdings ein Widerspruch: Laut Gesetz üben Ärzte eine „auf medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen begründete Tätigkeit“ aus – ein Kriterium, das auf die Homöopathie nach wissenschaftlicher Erkenntnis nicht zutrifft. Sie dürfte also gar keine ärztliche Tätigkeit sein. Dennoch verweigert die Ärztekammer ausschließlich homöopathisch ordinierenden Medizinern die Streichung aus der Ärzteliste. Sie behauptet trotz allem, die Homöopathie sei „eine medizinisch-wissenschaftlich anerkannte Methode der Heilbehandlung“.

0
Kommentare
Kommentieren

Höchstgerichtlich anerkannt

Für die Haltung der Kammer gibt es durchaus finanzielle Gründe: Mehr Mitglieder bedeuten für sie auch mehr Einnahmen. So scheiterte ein Homöopath mit dem Versuch, durch die Streichung aus der Ärzteliste den Zahlungen an den Wohlfahrtsfonds und der Kammerumlage zu entkommen, letztlich vor dem Verwaltungsgerichtshof. Dieser schloss sich der Rechtsansicht der Ärztekammer an.

In einem anderen Fall, in dem eine Patientin auf Kostenersatz der homöopathischen Behandlung ihres Gebärmuttermyoms durch die Krankenkasse klagte, entschied der Oberste Gerichtshof zwar ebenfalls zum finanziellen Vorteil der öffentlichen Hand, bezeichnete die Homöopathie aber als „Außenseitermethode“.

0
Kommentare
Kommentieren

Arznei von Gesetzes wegen

Vom Gesetzgeber wiederum wird die Homöopathie privilegiert behandelt. Jedes zugelassene Arzneimittel muss von Rechts wegen Krankheiten heilen, lindern oder verhüten – mit einer Ausnahme: der Homöopathie. Sie hat damit jedem Antibiotikum, jedem Krebsheilmittel und jedem Anästhetikum etwas voraus: Sie wird nicht durch ihre bewiesene Wirkung, sondern ex lege zum Arzneimittel.

Homöopathie ist nicht Teil des Arzneimittelgesetzes, weil sie wirkt, sondern weil das Gesetz es besagt. Daher müssen auch, anders als bei allen anderen Arzneimitteln, keine wissenschaftlichen Tests über ihre Wirksamkeit durchgeführt werden.

Wird ein homöopathisches Mittel zugelassen, müssen weder klinische noch nichtklinische Daten vorgelegt werden, auch die sonst notwendige Angabe zur Zweckmäßigkeit des Arzneimittels entfällt. Hinzu kommen jedoch Angaben über die „spezifische homöopathische oder zutreffendenfalls über die spezifische anthroposophische Wirksamkeit“. Diese werden allerdings weder wissenschaftlich belegt noch im Zulassungsverfahren überprüft.

0
Kommentare
Kommentieren

Registrierung ohne Tests

Homöopathika sind Heilmitteln gegenüber in einem weiteren Punkt bessergestellt: Sie müssen nicht zwangsläufig zugelassen werden, es genügt eine Registrierung, um sie in den Verkauf bringen zu können. Dafür muss nicht einmal die toxikologische Unbedenklichkeit der Produkte vorab erwiesen werden.

Bei registrierten Produkten muss die Ursubstanz „so weit verdünnt werden, dass die Unbedenklichkeit der Arzneispezialität gewährleistet ist“, das ist grundsätzlich bei allen Homöopathika der Fall.

Dennoch bemühen sich viele Hersteller um die Zulassung ihrer Produkte, denn nur so dürfen sie eine Indikation, ein Behandlungsgebiet angeben – das nicht wissenschaftlich belegt sein muss. Auf diese Weise können homöopathische Mittel aus Käfern (Cantharis vesicatoria) spezifisch bei Verbrennungen oder solche aus Spinnen (Lycosa tarentula) bei Eierstockentzündungen verkauft werden.

0
Kommentare
Kommentieren

Keine Gefahr bei Überdosis

Wird ein Mittel hingegen nur registriert, muss sich am Beipackzettel der Hinweis „Homöopathische Arzneispezialität ohne genehmigte therapeutische Anwendungsgebiete“ finden. Die Verpackungen aller Homöopathika haben hingegen den „Hinweis zu enthalten, dass die Anwendung dieser Arzneispezialität in den genannten Anwendungsgebieten ausschließlich auf homöopathischer bzw. anthroposophischer Erfahrung beruht“.

Allerdings muss kein homöopathisches Produkt – wiederum im Gegensatz zu allen anderen Arzneimitteln – Angaben enthalten, was der Patient im Fall einer Überdosierung zu tun hat. 

0
Kommentare
Kommentieren
loading...