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Impfdaten im Föderalismusdschungel
13. November 2018 Impfen Lesezeit 6 min
In Österreich wird nicht systematisch erfasst, wer wogegen geimpft ist. Die Daten, die es gibt, liegen in neun unterschiedlichen Datenbanken.

Wie viele Menschen in Österreich wogegen geimpft sind, weiß man nicht genau. Es werden zwar vom Gesundheitsministerium Durchimpfungsraten veröffentlicht, allerdings werden dafür Hochrechnungen herangezogen. Ein lückenloses, nationales Impfregister ist bis dato nicht vorhanden.

Seit 2015 berechnet das Dexhelpp-Institut der Technischen Universität Wien die Durchimpfungsrate bei Masern. Die Hochrechnung zwischen 1998 bis 2017 basiert auf zwei Faktoren: Erstens auf statistischen Annahmen zur Demografie der Bevölkerung und zweitens auf der seitens der Hersteller gemeldeten Menge von Impfstoffen. Teilweise werden auch dokumentierte Impfungen in die Berechnungen inkludiert. Diese Daten werden von den Ländern erhoben, die für die Dokumentation von Impfungen zuständig sind. Hier gibt es allerdings Datenlücken.

Für Masern wurde so eine Durchimpfungsrate von 84 Prozent für gesamt Österreich errechnet.

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Neun Impfdatenbanken

Im Masern-Aktionsplan des Ministeriums von 2013 heißt es dazu: „Impfungen, die außerhalb des gratis Kinderimpfkonzepts durchgeführt werden, werden in der Regel nicht statistisch erfasst. Auf Ebene der nationalen Impfstatistik stehen nur aggregierte Daten zur Verfügung, eine präzise Angabe der Durchimpfungsraten für MMR1 und MMR2 ist auf Bundesebene daher nur bedingt möglich.“

Bis 2012 gab es laut Aktionsplan nur in sechs Bundesländern Datenbanken, obwohl es das Gratis-Kinderimpfkonzept schon seit zwanzig Jahren gibt. Es bietet nach dem Impfplan empfohlene Impfungen gratis für Kinder von 0 bis 15 Jahren an. Das Impfkonzept wird auf nationaler Ebene vom Gesundheitsministerium aus gesteuert. Darin enthalten sind die 6-fach-Impfung (gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae B und Hepatitis B) und Rotavirus, Masern-Mumps-Röteln, Meningokokken, Pneumokokken und Humane Papillomaviren. Das Ministerium besorgt die Impfstoffe und verteilt sie an die Länder. Wie die Impfungen dokumentiert werden, obliegt danach den Ländern.

Mittlerweile verfügen alle Bundesländer über eine eigene Impfdatenbank. Dem Ministerium liegen also Daten aus allen Bundesländern aus dem Gratis-Kinderimpfkonzept vor (Bundesland, Alter, Geschlecht). Nicht enthalten darin sind Meningokokken B, Meningokokken C, FSME, Varizellen, Hepatitis A, Influenza und Herpes zoster sowie alle Impfungen die an über Fünzehnjährige gehen.

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Datenlücken

Auch bei den Maserndokumentationen gibt es laut Auskunft immer noch Datenlücken – vor allem bei den Erwachsenen, die geimpft wurden, bevor es zur Einführung der Datenbank gekommen ist. Dass das Ministerium weiterhin auf die Hochrechnung zurückgreift, dürfte genau an dieser Dokumentationslücke liegen, respektive an der sehr späten Einführung einer Dokumentation.

Dazu kommt, dass sich die unterschiedliche Impfdatenbanken aus ingesamt vier unterschiedlichen Datenquellen speisen, da Impfungen in verschiedenen Gesundheitseinrichtungen angeboten werden. Auch hier kann es zu Fehlerquellen kommen.

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Masern wird gemeinsam mit Mumps und Röteln in zwei Teilimpfungen gegeben.

Bezirksgesundheitsämter, Magistratsabteilungen, Schulen, der niedergelassene Bereich in Kombination mit dem Mutter-Kind-Pass

Könnte ein Impfregister die Präzision von Impfaktionen erhöhen?

Seit Jahren gibt es zwar kontinuierlich steigende, aber immer noch zu niedrige Durchimpfungsraten bei den Masern in Österreich. Es gibt den Mutter-Kind-Pass inklusive mehrerer Untersuchungen und Arzt-Eltern-Interaktion (seit 1974) und Gratis-Kinderimpfungen (wie bereits erwähnt seit zwanzig Jahren), und trotzdem ist gerade in diesen Altersgruppen die Durchimpfungsrate (laut Berechnung) zu niedrig.

Bei den Zwei- bis Fünfjährigen liegt sie bei etwa 81 Prozent der zweiten Dosis von MMR (Masern-Mumps-Röteln) bei den Sechs- bis Neunjährigen bei 89 Prozent. (Beide Altersgruppen erreichen aber 95 Prozent bei der ersten Dosis MMR.) Das heißt: Die erste Impfung bekommen noch 95 Prozent der Kinder. Für den Herdenschutz, also die Immunisierung der Gesamtbevölkerung, wäre es aber notwendig, dass 95 Prozent beide Dosen der Impfung bekommen. Was hier Abhilfe schaffen könnte, wären gezielte Aufklärung und gesteuerte Impfaktionen, deren Effektivität mittels Dokumentation evaluiert werden kann.

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Die Steiermark weiß Bescheid

Für die Bundesländer ist es insbesondere aufgrund ihrer Zuständigkeit wichtig zu wissen, welche Regionen welche Durchimpfungsraten aufweisen. Sie können mit Aktionen reagieren und diese bewerten, wenn sie ein Register haben. In der Steiermark lässt sich über die Impfdatenbank heute exakt auf Bezirksebene messen, wie viele Menschen geimpft sind. Auf die niedrige Durchimpfung der zweiten Dosis Masern hat die Steiermark im April 2017 mit einer groß angelegten MMR-Gratisimpfaktion reagiert und konnte unter allen zusätzlichen Impfungen im Vergleich zu 2016 den größten Zuwachs verzeichnen. (Dennoch liegt die Steiermark bei im Durchschnitt 80-prozentiger Rate bei MMR Dosis 2.)

Eine weitere vermutlich hilfreiche Maßnahme, um die Durchimpfungsraten zu erhöhen, könnte der elektronische Impfpass sein.

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Der elektronische Impfpass

Vor zehn Jahren kündigte der Hauptverband der Sozialversicherungsträger an, über die Infrastruktur der E-Card einen elektronischen Impfpass einführen zu wollen. Diese Ankündigung war von Ergebnissen einer Befragung von 4.000 Österreichern (GfK Austria) begleitet. Die meisten, nämlich fast 60 Prozent der Befragten, gaben an, manchmal oder oft gar nicht an die Impf-Auffrischungen zu denken. Zwei Drittel wünschten sich damals eine Verbindung von E-Card und elektronischem Impfpass, um eben an Auffrischungen erinnert zu werden.

46 Prozent hatten laut Befragung darauf vergessen, den Impfpass zum Arzt mitzunehmen, 14 Prozent haben ihn sogar verloren. Verliert oder vergisst ein Patient einen Impfpass, sind auch die Informationen zu seinem Impfstatus verloren. Mit einem digitalen Impfpass wäre das anders.

Erinnerungssystem

Zudem könnte ein Erinnerungssystem daran gekoppelt werden – wie das für eine große nachzuimpfende Gruppe, die Zwei- bis Fünfjährigen, schon beim Mutter-Kind-Pass der Fall ist. Für eine weitere große Gruppe, nämlich die 15- bis 30-Jährigen (hier sind nur 70 Prozent durch MMR 2 geschützt) wäre wohl eine elektronische Lösung samt Erinnerung eine gute Möglichkeit.

Am 29. Juni 2018 hat die aktuelle Regierung schließlich die ELGA GmbH mit der Entwicklung eines elektronischen Impfpasses beauftragt. Die Pressestelle bestätigt auf Nachfrage, dass die Projektarbeiten dazu begonnen haben und der E-Impfpass gemeinsam mit Landessanitätsdirektionen, niedergelassenen Ärzten und Allgemeinmedizinern erprobt werden soll.

Derzeit wird ein Pilotprojekt entwickelt, das bis 2020 evaluiert werden soll. Wie flächendeckend Impfungen erfasst werden sollen, welche Parameter 2020 zur Evaluierung herangezogen werden, ob auch dokumentiert werden soll, wer seine Kinder nicht impfen lässt, alle diese Fragen konnte die ELGA GmbH derzeit nicht beantworten.

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Die Crux mit den Impfdaten

Der Impfpass würde die Handhabe der Impfung für Arzt und Patient erleichtern – resümierte damals der Hauptverband, weil die Daten digital beim Arzt gespeichert sind. Bevor der elektronische Impfpass auch bei der nationalen Dokumentation von Impfungen Abhilfe schaffen kann, müssen aber noch ein paar Hürden überwunden werden. „Momentan ist die epidemiologische Auswertung von ELGA-Daten noch nicht möglich, weil die Daten bei den Ärzten liegen. Es wird an einer Schnittstelle gearbeitet, über die Daten anonymisierbar abrufbar sind. Mit Start des Pilotprojekts im kommenden Sommer wird in einem ersten Schritt mit den Impfdaten der Null- bis Sechsjährigen begonnen. Die Entwicklungen laufen schon, es wird aber noch ein wenig dauern“, sagt Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferats der österreichischen Ärztekammer, dazu.

Neben der Datenschnittstellen, die erst eingerichtet werden müssen, steht auch noch die Opting-out-Option, also die Möglichkeit sich von ELGA abzumelden, im Weg. Bis Oktober 2018 haben 285.266 Menschen davon Gebrauch gemacht. „Fraglich ist, ob die Opt-out-Möglichkeit Sinn macht. Denn nur wenn alle Impfungen erfasst sind, können wir verlässliche Durchimpfungsraten für ein nationales Impfregister generieren“, so Schmitzberger weiter. Sie müsste also abgeschafft werden. Inwiefern bereits vorhandene Daten verwendet werden können, ist ebenfalls nicht klar. „Wir werden sehen, wie wir unseren Datenbestand mit dem elektronischen Impfpass bestmöglich verknüpfen können. Das ist derzeit noch offen“, so Michael Adomeit, Obmann der Wissenschaftlichen Akademie für Vorsorgemedizin, die die Impfdatenbank in der Steiermark betreibt. Sie ist Teil des Pilotversuchs. Einschätzungen dazu, wie lange es dauern wird, bis ein nationales Impfregister etabliert ist, gibt es nicht. Bis 2020 jedenfalls soll das Pilotprojekt abgeschlossen werden.

Ein E-Impfpass mit einem Erinnerungssystem ist trotzdem ein Ansatzpunkt für die Steigerung der Durchimpfungsrate. Ist es etabliert, kann dadurch ans Auffrischen erinnert und so vermutlich ein Teil der Impflücken geschlossen werden. Man könnte so die Durchimpfungsraten erhöhen, ohne gleich in das individuelle Entscheidungsrecht einzugreifen, wo es nicht sein muss. 

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