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Die Mythen der Impfgegner

Viele Menschen haben Befürchtungen, was das Impfen angeht. Eine Ärztin klärt über Irrtümer auf.

13.11.2018
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Auch wenn ein Arzt gerne als rettender Helfer in der Not zur Verfügung steht – das eigentliche Ziel von Medizin ist es, den Menschen gesund zu erhalten. Unter den vielen Aspekten der vorbeugenden Medizin, die versucht, uns vor späteren Schäden zu bewahren, ist Impfen die erfolgreichste und überzeugendste Strategie. So selbstverständlich wie Zähneputzen, damit diese später nicht reihenweise ausfallen.

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1. Ungeimpfte Kinder sind gesünder und haben ein stärkeres Immunsystem

Diese Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage und entspringt teilweise wohl der oft geäußerten Befürchtung, Impfungen würden das Immunsystem schwächen. Nun ist unser Immunsystem ja genau für diese Funktion zuständig, nämlich als fremd Erkanntes abzuwehren. Ständig kommen Bakterien und Viren – harmlose, aber auch potenzielle Krankheitserreger – in unseren Körper und werden vom Immunsystem unschädlich gemacht. Handelt es sich um einen potenten Krankheitserreger, dann ist diese Abwehr von schweren Symptomen begleitet. Eine Impfung hat den Sinn, unser Immunsystem ohne schwere Begleitsymptome der Erkrankung auf den Kontakt mit diesem Erreger vorzubereiten, sodass im „Ernstfall“ die Abwehr schnell und sicher funktioniert.

Neben den offensichtlichen Nachteilen einer Infektionserkrankung – wir haben hohes Fieber, fühlen uns elend, haben Glieder- und Kopfschmerzen und vieles mehr – ist für viele Erreger inzwischen auch bekannt, dass sie zu einer Unterdrückung des Immunsystems führen und uns auf diese Art für Folgeerkrankungen anfälliger machen. Beim Masernvirus weiß man, dass diese negativen Auswirkungen aufs Immunsystem über viele Wochen nach überstandener Infektion hinaus andauern. Wir verlieren durch die Maserninfektion auch Abwehrzellen, die wir im Lauf des Lebens gegen andere Erkrankungen erworben hatten.

Als vor einem Jahr eine Gruppe von Autoren eine Arbeit publizierte, die behauptete, diese überlegene Gesundheit nichtgeimpfter Kinder bewiesen zu haben, wurde das wie der heilige Gral in entsprechenden Foren empfangen. Tatsächlich kann die Arbeit aber nur als Lehrbeispiel für schlampige, unwissenschaftliche Forschung verwendet werden. Dass die Autoren sowie die Finanzierung aus einschlägigen Impfgegnerkreisen stammen, müsste noch nicht zwangsläufig zu falschen Ergebnissen führen, aber Konstruktion der Fragestellung, Methodik und Auswertung strotzen vor haarsträubenden Abweichungen von der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht.

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2. Viele Erkrankungen sind so selten, dass es nicht nötig ist, dagegen zu impfen

Das Argument wird in wechselnder Reihenfolge für alle möglichen Erkrankungen vorgebracht.

Masern

Die Viruserkrankung ist so hochinfektiös, dass in einer ungeimpften Bevölkerung JEDER erkrankt. Durch die Masern-Mumps-Röteln-Impfungen des Kinderimpfplans ist die Krankheit bei uns tatsächlich eher selten geworden – manche junge Ärztekollegen erkennen das Krankheitsbild oft gar nicht, weil sie es zum ersten Mal sehen. Da wir aber aus vielfältigen Gründen noch große Impflücken in der Bevölkerung haben, kann aus jedem aus dem Ausland eingeschleppten Masernfall eine Epidemie werden. Die Erkrankungszahlen der letzten Jahre sprechen Bände, wie wenig diese „Kinderkrankheit“ in einer globalisierten Welt im Griff ist. Und wer die Kinderkrankheit immer noch Kinderkram nennt, ignoriert (wohl bewusst) die tausenden schweren Fälle über ganz Europa und die Tatsache, dass selbst im Setting bestausgerüsteter Medizin regelmäßig Todesfälle zu beklagen sind.

Poliomyelitis (Kinderlähmung)

Die Erkrankung steht auf der Agenda der WHO, die seit Jahren eine Ausrottungskampagne leitet06. Ursprünglich waren die Fortschritte beeindruckend, doch derzeit stagniert die weltweite Situation mit verbliebenen drei Ländern, die weiterhin Polio-endemisch sind. Nun kann man natürlich sagen, Amerika, Europa, Australien und große Teile des asiatischen Kontinents sind Polio-frei, wozu also bei uns impfen? Das Virus ist aber ein Enterovirus, wird von der infizierten Person im Stuhl ausgeschieden und ist damit sehr leicht zu verbreiten. Zudem sind viele infizierte Personen nicht klinisch krank, sodass sie ungehindert reisen können. Wenn Impfprogramme beendet werden, bevor die Erkrankung tatsächlich ausgerottet ist, haben wir in wenigen Jahren einen ungeschützten Teil der Bevölkerung, der bei einer Einschleppung des Krankheitserregers für eine rasche Verbreitung sorgen würde.

Hepatitis B

Bei dieser Erkrankung wird oft argumentiert, dass in Österreich eine Impfung im Kleinkindalter nicht nötig ist, da die Erkrankung ja so selten und die Übertragung primär über den Geschlechtsverkehr oder über mit Blut verunreinigte Nadeln oder Spritzen erfolgt. In vielen Weltgegenden ist das jedoch nicht so, bei einer größeren Häufigkeit der Erkrankung können auch kleine Kinder mit dem Virus in Kontakt kommen. Je früher man sich mit Hepatitis B infiziert, desto größer ist das Risiko, einen chronischen Verlauf der Erkrankung zu erleiden, mit allen gefürchteten Konsequenzen der Leberzirrhose.

Ignoriert man die (geringe) Möglichkeit, sich bei Raufereien im Kindergarten anzustecken, ist es auf jeden Fall essenziell, vor dem Eintritt ins sexuell aktive Leben immunisiert zu sein. Es ist jedoch eine Tatsache, dass Schulimpfungen deutlich schlechter angenommen werden als die Impfungen in den ersten zwei Lebensjahren beim Kinderarzt. Teils bieten Schulen Impfungen nicht an, teils werden diese von den Schülern nicht akzeptiert, und nicht selten werden Teilimpfungen vergessen, da man am Impftag gerade krank war. Für das Ziel einer möglichst hohen Durchimpfungsrate gegen Hepatitis B war die Integration in die Kinderimpfungen sehr sinnvoll (durch den 6-fach-Impfstoff ist ja keine zusätzliche Impfung und kein zusätzlicher Kinderarztbesuch erforderlich).

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3. Das in Impfstoffen enthaltene Formaldehyd ist krebserregend

Bei Formaldehyd handelt es sich um ein normales Stoffwechselprodukt, das von unserem Körper laufend produziert wird. Wir haben eine Blutkonzentration von 2–3 mg/Liter Blut. Im Körper hat Formaldehyd eine extrem kurze Halbwertszeit und wird – vor allem von Erythrozyten (den roten Blutkörperchen) sofort nach seiner Produktion wieder abgebaut. Pro Tag produziert und metabolisiert unser Körper etwa 50.000 µg Formaldehyd. Da auch bei vielen Prozessen in der Umwelt Formaldehyd entsteht, enthält auch reine Luft bereits 1–2 µg /m3. Die Raumluft von bewohnten Zimmern enthält 60–70 µg/m3, und raucht dann auch noch jemand eine Zigarette, so steigt diese Konzentration aufs Doppelte an.

Eine Impfstoffdosis enthält etwa 5 µg dieser rasch flüchtigen Substanz, sodass es wirklich schwerfällt, diese „Argumente“ ernst zu nehmen.

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4. Aluminium in Impfstoffen führt zu Autismus

Aluminium haben viele Impfgegner zum Lieblingsfeind erkoren, nachdem die früher massiv bekämpfte Substanz Thiomersal in heutigen Impfstoffen nicht mehr enthalten ist (auf Thiomersal konnte verzichtet werden, da es im modernen Produktionsprozess nicht mehr erforderlich ist). Aluminium wird in vielen Impfstoffen als Adjuvans verwendet. Adjuvantien sind Bestandteile, die die Impfantwort verstärken. Sie sind nötig, weil viele Antigene, gegen die wir eine Immunantwort (= schützende Antikörper) erzielen wollen, für sich allein genommen das Immunsystem nicht ausreichend stimulieren. Es würden daher zu wenig oder zu kurzlebige Abwehrstoffe gebildet. Mit dem Adjuvans gemeinsam erzielt man eine robuste, langanhaltende Immunität.

Dass Aluminium toxisch sein kann, steht außer Frage. Praktisch jede Substanz, die uns umgibt, wird in Abhängigkeit der Dosis zum Gift, selbst der lebensnotwendige Sauerstoff oder Wasser können hochdosiert tödlich sein. Aluminium ist das dritthäufigste Element der Erdkruste (nach Sauerstoff und Silizium). Dadurch ist es natürlicherweise in unserer Nahrungskette enthalten. Wir nehmen also ständig Aluminium zu uns, als Erwachsene durchschnittlich 7–9 mg pro Tag. Selbst ein ausschließlich gestilltes Kleinkind nimmt innerhalb der ersten sechs Lebensmonate über die Muttermilch 7 mg Aluminium zu sich. Wird Babynahrung zugefüttert, so erhöht sich das auf 38 mg. Zählt man den Aluminiumgehalt der Impfungen desselben Zeitraums zusammen, kommt man auf 4,4 mg.

Den Vorwürfen von Impfgegnern zufolge verursache Aluminium in Impfstoffen Alzheimer, undefinierte Autoimmunerkrankungen und Autismus. Dass die Pathologie der Gehirnschäden einer Aluminiumvergiftung, wie man sie früher im Aluminiumbergbau leider immer wieder sah, völlig anders aussieht als die Veränderungen bei Morbus Alzheimer, wird dabei elegant ignoriert. Und dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung, die am häufigsten als Verursacher von Autismus genannt wird, kein Aluminium enthält (da es sich um eine Lebendimpfung handelt, die keine Verstärkung benötigt), scheint auch nicht zu beeindrucken. 

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13.11.2018

Das Rechercheteam

Ursula Hollenstein
Gastautorin

Ursula Hollenstein ist Fachärztin für Innere Medizin, Zusatzfach für Infektiologie und Tropenmedizin, ehemalige Oberärztin an der Universitätsklinik für Innere Medizin I / Abt. für Infektiologie (AKH Wien). Die Medizinerin gilt als Impfexpertin und hat sich ausführlich mit den Behauptungen von Impfgegnern auseinandergesetzt.

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